Der lich­ten­stei­ni­sche Lebens­ver­si­che­rungs-Net­to­po­li­ce – und die Wider­rufs­be­leh­rung

Wie der Bun­des­ge­richts­hof bereits in sei­nen – ver­gleich­ba­re Sach­ver­hal­te betref­fen­den – Urtei­len vom 12.03.2014 ent­schie­den und im Ein­zel­nen begrün­det hat, ver­stößt die Kos­ten­aus­gleichs­ver­ein­ba­rung nicht gegen § 169 Abs. 5 Satz 2, § 171 Satz 1 VVG [1]. Auch eine Unwirk­sam­keit wegen feh­len­der Trans­pa­renz gemäß § 307 Abs. 1 Satz 2 BGB kommt nicht in Betracht. Dem Ver­si­che­rungs­neh­mer wird unmiss­ver­ständ­lich vor Augen geführt, dass er die Kos­ten­aus­gleichs­ver­ein­ba­rung nicht kün­di­gen kann und nur der Wider­ruf sei­ner Ver­trags­er­klä­rung zu deren Been­di­gung führt, nicht dage­gen eine Kün­di­gung des Ver­si­che­rungs­ver­tra­ges oder der Kos­ten­aus­gleichs­ver­ein­ba­rung selbst [2].

Der lich­ten­stei­ni­sche Lebens­ver­si­che­rungs-Net­to­po­li­ce – und die Wider­rufs­be­leh­rung

Dem Beklag­ten stand aller­dings das Recht zu, die Kos­ten­aus­gleichs­ver­ein­ba­rung zu kün­di­gen, da die ver­trag­lich fest­ge­leg­te Unab­hän­gig­keit der Kos­ten­aus­gleichs­ver­ein­ba­rung von einer Auf­lö­sung oder Auf­he­bung des Ver­si­che­rungs­ver­tra­ges sowie der aus­drück­li­che Aus­schluss des Kün­di­gungs­rechts in der vor­ge­druck­ten For­mu­lie­rung im Antrags­for­mu­lar wegen unan­ge­mes­se­ner Benach­tei­li­gung des Ver­si­che­rungs­neh­mers gemäß § 307 Abs. 2 Nr. 2 BGB unwirk­sam ist [3]. Hier­an hält der Bun­des­ge­richts­hof auch in Anbe­tracht des wei­te­ren Vor­brin­gens der Klä­ge­rin fest. Der Bun­des­ge­richts­hof hat die hier­zu von der Klä­ge­rin erho­be­nen Ein­wän­de geprüft, sieht indes­sen kei­ne Ver­an­las­sung zu einer Ände­rung sei­ner Recht­spre­chung.

Hat der Beklag­te die Kos­ten­aus­gleichs­ver­ein­ba­rung wirk­sam gekün­digt hat, kann der Ver­si­che­rer ledig­lich noch Zah­lung der bis zum Kün­di­gungs­zeit­punkt fäl­li­gen Raten für die Kos­ten­aus­gleichs­ver­ein­ba­rung ver­lan­gen.

Vor­lie­gend hat­te der Ver­si­che­rungs­neh­mer aller­dings kei­nen Erfolg, da sein Wider­ruf der auf Abschluss des Ver­si­che­rungs­ver­tra­ges und der Kos­ten­aus­gleichs­ver­ein­ba­rung gerich­te­ten Wil­lens­er­klä­run­gen ver­fris­tet war: Die Wider­rufs­be­leh­run­gen zum Ver­si­che­rungs­ver­trag und zur Kos­ten­aus­gleichs­ver­ein­ba­rung sind weder aus inhalt­li­chen noch aus for­ma­len Grün­den zu bean­stan­den. Die Wider­rufs­be­leh­run­gen im hier zu beur­tei­len­den Fall ent­spre­chen den­je­ni­gen, die der BGH-Ent­schei­dung vom 14.05.2014 [4] zugrun­de lagen. Inso­weit wird zunächst auf die dor­ti­gen Aus­füh­run­gen Rn. 1419 ver­wie­sen.

Ohne Erfolg blieb vor dem Bun­des­ge­richts­hof auch die Rüge, dass die Beleh­rung zum Beginn des Wider­rufs­rechts den Hin­weis ent­hält, die Frist begin­ne "nach Erhalt" der maß­geb­li­chen Unter­la­gen. Es wer­de nicht klar, ob die Wider­rufs­frist bereits im Zeit­punkt des Erhalts der Unter­la­gen oder erst zu einem spä­te­ren Zeit­punkt begin­nen sol­le. Eine der­ar­ti­ge Unklar­heit der Wider­rufs­be­leh­rung besteht indes­sen nicht. Der von der Revi­si­on her­an­ge­zo­ge­ne Ver­gleich mit dem [5] trägt nicht. Dort war eine Beleh­rung des Inhalts erfolgt, dass die Wider­rufs­frist "frü­hes­tens" mit Erhalt der Beleh­rung in Text­form beginnt [6]. Hier­zu hat der XI. Zivil­se­nat aus­ge­führt, die Ver­wen­dung des Wor­tes "frü­hes­tens" sei irre­füh­rend, weil sie es dem Ver­brau­cher nicht ermög­li­che, den Frist­be­ginn ohne wei­te­res zu erken­nen. Er ver­mö­ge ihr ledig­lich zu ent­neh­men, dass die Wider­rufs­frist "jetzt oder spä­ter" begin­ne, der Beginn des Frist­ab­laufs also gege­be­nen­falls noch von wei­te­ren Vor­aus­set­zun­gen abhän­gen sol­le. Der Ver­brau­cher wer­de jedoch dar­über im Unkla­ren gelas­sen, wel­che etwai­gen wei­te­ren Umstän­de dies sei­en.

Die Ver­wen­dung der Begrif­fe "nach" und "frü­hes­tens" unter­schei­det sich jedoch grund­le­gend von­ein­an­der. Wäh­rend für den Ver­si­che­rungs­neh­mer bei der For­mu­lie­rung "frü­hes­tens" unklar bleibt, wann die Frist begin­nen soll, wird er hier dar­auf hin­ge­wie­sen, dass die Wider­rufs­frist nach Erhalt der Ver­si­che­rungs­un­ter­la­gen beginnt. Der Ver­si­che­rungs­neh­mer kann hier­aus ent­neh­men, dass die Frist zu dem Zeit­punkt beginnt, zu dem er die Unter­la­gen erhal­ten hat. Unschäd­lich ist es dem­ge­gen­über, dass kein aus­drück­li­cher Hin­weis auf die Berech­nung der Frist gemäß § 187 Abs. 1 BGB erfolgt ist. Es muss ins­be­son­de­re nicht aus­drück­lich dar­auf hin­ge­wie­sen wer­den, dass die Wider­rufs­frist erst einen Tag nach Erhalt der Unter­la­gen zu lau­fen beginnt. So hat der VII. Zivil­se­nat des Bun­des­ge­richts­hofs die Beleh­rung, der Lauf der Frist begin­ne mit der Aus­hän­di­gung eines Durch­schla­ges des Bestell­scheins mit der schrift­li­chen Wider­rufs­be­leh­rung, für aus­rei­chend erach­tet [7]. Es genü­ge, dass das den Lauf der Frist aus­lö­sen­de Ereig­nis in der Beleh­rung benannt wer­de. Eine zusätz­li­che Beleh­rung auch über den Inhalt der §§ 187 Abs. 1 und 188 Abs. 2 BGB sei nicht not­wen­dig. Nicht zu bean­stan­den ist fer­ner die Wider­rufs­be­leh­rung "Frist­be­ginn nach Aus­hän­di­gung die­ser Urkun­de" [8]. Auch der Gesetz­ge­ber ver­wen­det ent­spre­chen­de Begrif­fe. Im Mus­ter für die Wider­rufs­be­leh­rung zu § 8 Abs. 5 Satz 1 VVG ist gere­gelt, dass die Frist beginnt, nach­dem der Ver­si­che­rungs­neh­mer den Ver­si­che­rungs­schein etc. erhal­ten hat.

Auch ver­wirft der Bun­des­ge­richs­hof die Rüge, die Wider­rufs­be­leh­rung betref­fend die Kos­ten­aus­gleichs­ver­ein­ba­rung sei unzu­rei­chend und irre­füh­rend, weil nicht klar sei, was mit der dor­ti­gen Bezug­nah­me auf den "Ver­si­che­rungs­ver­trag" gemeint sei. Neben dem Ver­trag über die fonds­ge­bun­de­ne Ren­ten­ver­si­che­rung erge­be sich aus dem Antrags­for­mu­lar, dass die Klä­ge­rin auch ein Pro­dukt mit der Bezeich­nung "Kos­ten­aus­gleich Pro­tect" ver­trei­be. Hier­bei han­de­le es sich um eine Zah­lungs­aus­fall­ver­si­che­rung. Es sei damit unklar, ob in der Wider­rufs­be­leh­rung zur Kos­ten­aus­gleichs­ver­ein­ba­rung der Ren­ten­ver­si­che­rungs­ver­trag oder die Zah­lungs­aus­fall­ver­si­che­rung gemeint sei. Von einer der­ar­ti­gen Unklar­heit kann hier indes­sen kei­ne Rede sein. Ein durch­schnitt­li­cher Ver­si­che­rungs­neh­mer wird unter dem Begriff des Ver­si­che­rungs­ver­tra­ges den­je­ni­gen der fonds­ge­bun­de­nen Ren­ten­ver­si­che­rung ver­ste­hen. Auf die­sen und auf die Kos­ten­aus­gleichs­ver­ein­ba­rung bezie­hen sich die vier Unter­schrif­ten, die der Ver­si­che­rungs­neh­mer zur Antrag­stel­lung und zur Wider­rufs­be­leh­rung zu leis­ten hat. Im Antrags­for­mu­lar selbst fin­den sich unter B die Anga­ben zur Ren­ten­ver­si­che­rung sowie unter C zur Kos­ten­aus­gleichs­ver­ein­ba­rung. Ein durch­schnitt­li­cher Ver­si­che­rungs­neh­mer wird des­halb nicht davon aus­ge­hen, dass mit "Ver­si­che­rungs­ver­trag" die an einer eher ver­steck­ten Stel­le im Rah­men der Rubrik über die Kos­ten­aus­gleichs­ver­ein­ba­rung genann­te Zah­lungs­aus­fall­ver­si­che­rung gemeint ist.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 11. Febru­ar 2015 – IV ZR 310/​13

  1. BGH, Urteil vom 12.03.12014 – IV ZR 295/​13, VersR 2014, 567 Rn. 1422; – IV ZR 255/​13 1220[]
  2. BGH, Urteil vom 12.03.2014 – IV ZR 295/​13 aaO Rn. 2325[]
  3. BGH, Urtei­le vom 12.03.2014 – IV ZR 295/​13, VersR 2014, 567 Rn. 2635; – IV ZR 255/​14 2130[]
  4. BGH, Beschluss vom 14.05.2014 – IV ZA 5/​14, VersR 2014, 824[]
  5. BGH, Urteil vom 28.06.2011 – XI ZR 349/​10, VersR 2012, 1405[]
  6. BGH, aaO Rn. 4[]
  7. BGH, Urteil vom 23.09.2010 – VII ZR 6/​10, BGHZ 187, 97 Rn. 26[]
  8. BGH, Urteil vom 27.04.1994, – VIII ZR 223/​93, BGHZ 126, 56, 62[]