Der Ver­si­che­rungs­ver­trag – und die nach­träg­lich kor­ri­gier­te Wider­rufs­be­leh­rung

Die Beleh­rung gemäß § 8 Abs. 2 Satz 1 Nr. 2 VVG muss sich nicht auch auf die Fol­gen einer unrich­ti­gen Beleh­rung gemäß § 9 Abs. 1 Satz 2 sowie § 152 Abs. 2 Satz 2 VVG erstre­cken.

Der Ver­si­che­rungs­ver­trag – und die nach­träg­lich kor­ri­gier­te Wider­rufs­be­leh­rung

Gemäß § 8 Abs. 2 Satz 1 VVG beginnt die Wider­rufs­frist zu dem Zeit­punkt, zu dem dem Ver­si­che­rungs­neh­mer der Ver­si­che­rungs­schein und die Ver­trags­be­stim­mun­gen ein­schließ­lich der All­ge­mei­nen Ver­si­che­rungs­be­din­gun­gen sowie die wei­te­ren Infor­ma­tio­nen nach § 7 Abs. 1 und 2 VVG (Nr. 1) und eine deut­lich gestal­te­te Beleh­rung über das Wider­rufs­recht und über die Rechts­fol­gen des Wider­rufs (Nr. 2) zuge­gan­gen sind.

Für die Wirk­sam­keit der Eini­gung über den Abschluss eines Ver­si­che­rungs­ver­tra­ges ist es uner­heb­lich, ob der Ver­si­che­rer die in § 7 Abs. 1 Satz 1 VVG bestimm­ten Pflich­ten erfüllt hat 1.

Wie der Bun­des­ge­richts­hof fer­ner ent­schie­den und im Ein­zel­nen begrün­det hat, beginnt die Wider­rufs­frist gemäß § 8 Abs. 2 Satz 1 VVG auch dann mit dem Zugang der Wider­rufs­be­leh­rung und der wei­te­ren dort genann­ten Unter­la­gen, wenn der Ver­si­che­rer wie hier ent­ge­gen § 7 Abs. 1 Satz 1 VVG dem Ver­si­che­rungs­neh­mer nicht vor Abga­be von des­sen Ver­trags­er­klä­rung sei­ne Ver­trags­be­stim­mun­gen und die wei­te­ren Infor­ma­tio­nen mit­ge­teilt hat 2.

Ist nach einer zunächst unzu­rei­chen­den Beleh­rung die dem Ver­si­che­rungs­neh­mer mit dem spä­te­ren Schrei­ben der Ver­si­che­rungs­ge­sell­schaft erteil­te Wider­rufs­be­leh­rung for­mal ord­nungs­ge­mäß und auch inhalt­lich nicht zu bean­stan­den, beginnt damit der Lauf der Wider­rufs­frist.

In der Wider­rufs­be­leh­rung muss der Ver­si­che­rungs­neh­mer bezüg­lich der Wider­rufs­fol­gen zutref­fend gemäß § 9 Abs. 1 Satz 1, § 152 Abs. 2 Satz 1 VVG belehrt wer­den. Ob die Beleh­rung auch den hier feh­len­den Hin­weis auf die Rechts­fol­gen im Fal­le unrich­ti­ger Beleh­rung nach § 9 Abs. 1 Satz 2, § 152 Abs. 2 Satz 2 VVG ent­hal­ten muss, wird im Schrift­tum unter­schied­lich beur­teilt. Teil­wei­se wird eine der­ar­ti­ge all­ge­mei­ne Hin­weis­pflicht auf sämt­li­che Fol­gen des Wider­rufs sowohl für den Fall ord­nungs­ge­mä­ßer als auch feh­ler­haf­ter Beleh­rung gemäß §§ 9, 152 VVG ange­nom­men 3. Die über­wie­gen­de Auf­fas­sung hält eine geson­der­te Hin­weis­pflicht auf die Fol­gen feh­ler­haf­ter Beleh­rung dem­ge­gen­über nicht für erfor­der­lich 4.

Die letzt­ge­nann­te Ansicht trifft zu. Der Wort­laut des § 8 Abs. 2 Satz 1 Nr. 2 VVG spricht nur all­ge­mein davon, dass für den Beginn der Wider­rufs­frist unter ande­rem eine Beleh­rung über die Rechts­fol­gen des Wider­rufs erfor­der­lich ist. Dies lässt zwar eine Aus­le­gung sowohl des Inhalts zu, dass nur über die Fol­gen einer ord­nungs­ge­mä­ßen Beleh­rung gemäß § 9 Abs. 1 Satz 1, § 152 Abs. 2 Satz 1 VVG zu beleh­ren ist, als auch eine sol­che, nach der auch über die Rechts­fol­gen einer feh­ler­haf­ten Beleh­rung gemäß § 9 Abs. 1 Satz 2, § 152 Abs. 2 Satz 2 VVG zu beleh­ren ist. Gegen eine Beleh­rung auch über die Rechts­fol­gen einer feh­ler­haf­ten Beleh­rung spricht aber der Sinn und Zweck der Wider­rufs­be­leh­rung. Sie soll dem Ver­si­che­rungs­neh­mer ver­deut­li­chen, unter wel­chen Vor­aus­set­zun­gen er sei­ne Ver­trags­er­klä­rung wider­ru­fen kann und wel­che Rechts­fol­gen die­ser Wider­ruf hat. Um dem Ver­si­che­rungs­neh­mer eine sach­ge­rech­te Ent­schei­dung über den Wider­ruf zu ermög­li­chen, ist es erfor­der­lich, dass der Ver­si­che­rer ihn ord­nungs­ge­mäß über Vor­aus­set­zun­gen und Rechts­fol­gen des Wider­rufs belehrt. Der Ver­si­che­rer muss dabei nicht selbst in Rech­nung stel­len, dass sei­ne eige­ne Beleh­rung feh­ler­haft sein könn­te und er, um sich pflicht­ge­mäß ver­hal­ten zu kön­nen, auch über die sich mög­li­cher­wei­se aus einer unzu­tref­fen­den Beleh­rung erge­ben­den Rechts­fol­gen beleh­ren müss­te 5. Eine der­ar­ti­ge Beleh­rung über die Rechts­fol­gen einer feh­ler­haf­ten Beleh­rung ist mit dem beschrie­be­nen Norm­zweck der §§ 9, 152 VVG nicht zu ver­ein­ba­ren. Viel­mehr bestün­de bei einer Beleh­rung sowohl über die Rechts­fol­gen einer ord­nungs­ge­mä­ßen Beleh­rung als auch gleich­zei­tig über die Rechts­fol­gen einer feh­ler­haf­ten Beleh­rung die Gefahr einer inhalt­li­chen Über­frach­tung und Unüber­sicht­lich­keit der Beleh­rung 6.

Auch der Wil­le des Gesetz­ge­bers spricht dage­gen, dass die Beleh­rung einen Hin­weis über die Rechts­fol­gen einer feh­ler­haf­ten Beleh­rung ent­hal­ten muss. So heißt es in der amt­li­chen Begrün­dung zu § 152 VVG nur all­ge­mein, in der Beleh­rung nach § 8 Abs. 2 Satz 1 Nr. 2 VVG sei bei den Rechts­fol­gen des Wider­rufs für die Lebens­ver­si­che­rung auf die Beson­der­hei­ten nach § 152 Abs. 2 VVG hin­zu­wei­sen 7. Ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Revi­si­on ist nicht ersicht­lich, dass sich die­ser Hin­weis nach dem Wil­len des Gesetz­ge­bers auch auf die Rechts­fol­gen feh­ler­haf­ter Beleh­run­gen zu erstre­cken hät­te. Aus der Benut­zung des Plu­rals in den Gesetz­ge­bungs­ma­te­ria­li­en kann wor­auf die Revi­si­ons­er­wi­de­rung zu Recht hin­weist schon des­halb nichts her­ge­lei­tet wer­den, weil § 152 Abs. 2 VVG nur eine Beson­der­heit ent­hält, näm­lich den in bei­den Vari­an­ten des § 9 VVG hin­zu­tre­ten­den Anspruch auf die Zah­lung des Rück­kaufs­werts ein­schließ­lich der Über­schuss­an­tei­le.

Ent­schei­dend kommt hin­zu, dass der Gesetz­ge­ber in der mit Wir­kung zum 11.06.2010 ein­ge­führ­ten Mus­ter­wi­der­rufs­be­leh­rung gemäß § 8 Abs. 5 Satz 1 VVG bei den Wider­rufs­fol­gen auf eine Beleh­rung bezüg­lich der Fol­gen einer feh­ler­haf­ten Beleh­rung ver­zich­tet hat. Der Ver­si­che­rer, der das Mus­ter ver­wen­det, erteilt die erfor­der­li­chen Hin­wei­se und belehrt daher vor­schrifts­ge­mäß. Auf Fol­gen feh­ler­haf­ten Ver­hal­tens muss sich die Beleh­rung nach dem aus­drück­li­chen Wil­len des Gesetz­ge­bers nicht erstre­cken 8. Es gibt kei­ne Anhalts­punk­te dafür, dass der Gesetz­ge­ber mit die­ser Neu­re­ge­lung von der bis­he­ri­gen Rechts­la­ge abwei­chen woll­te und etwa davon aus­ging, dass im Zeit­raum zwi­schen dem Inkraft­tre­ten des neu­en Ver­si­che­rungs­ver­trags­ge­set­zes am 1.01.2008 sowie der Ein­füh­rung der Mus­ter­be­leh­rung am 11.06.2010 eine Ver­pflich­tung des Ver­si­che­rers bestan­den hät­te, den Ver­si­che­rungs­neh­mer auch über die Fol­gen feh­ler­haf­ter Beleh­run­gen zu beleh­ren. Viel­mehr kann das Mus­ter über die Wider­rufs­be­leh­rung auch schon für die Zeit vor dem 11.06.2010 als recht­lic h unbe­denk­li­che Emp­feh­lung des Gesetz­ge­bers Ver­wen­dung fin­den 9.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 27. März 2019 – IV ZR 132/​18

  1. BGH, Urteil vom 28.06.2017 – IV ZR 440/​14, BGHZ 215, 126 Rn. 1621[]
  2. BGH, Urteil vom 28.06.2017 aaO Rn. 3032; fer­ner BGH, Urteil vom 13.12 2017 – IV ZR 353/​15, VersR 2018, 211 Rn. 10[]
  3. Bruck/​Möller/​Knops, VVG 9. Aufl. § 9 Rn. 12; PKVersR/​Ortmann/​Rubin, 3. Aufl. § 152 Rn. 8 f.; Schnepp/​Gebert in Veith/​Gräfe/​Gebert, Der Ver­si­che­rungs­pro­zess 3. Aufl. § 10 Rn. 255[]
  4. vgl. Arm­brüs­ter in Prölss/​Martin, VVG 30. Aufl. § 9 Rn. 11; Schnei­der aaO § 152 Rn. 15; Rix­e­cker in Langheid/​Rixecker, VVG 6. Aufl. § 9 Rn. 13; Münch­Komm-VVG/E­ber­hardt, 2. Aufl. § 8 Rn. 62, § 9 Rn. 15; Pat­zer in Looschelders/​Pohlmann, VVG 3. Aufl. § 152 Rn. 7; Schnei­der, VW 2008, 1168, 1171; D. Wendt, Zum Wider­ruf im Ver­si­che­rungs­ver­trags­recht, 2013, S. 148 f.[]
  5. vgl. Münch­Komm-VVG/E­ber­hardt, 2. Aufl. § 9 Rn. 15[]
  6. vgl. Rix­e­cker in Langheid/​Rixecker, VVG 6. Aufl. § 9 Rn. 13[]
  7. BT-Drs. 16/​3945 S. 95[]
  8. BT-Drs. 16/​11643 S. 150[]
  9. vgl. Münch­Komm-VVG/E­ber­hardt, 2. Aufl. § 8 Rn. 47; HKVVG/​Schimikowski, 3. Aufl. § 8 Rn. 31[]
  10. BGH, Beschluss vom 20.09.2018 – I ZB 120/​17, WM 2019, 33 Gebühr für Dritt­aus­kunft[]