Die Bewer­tungs­re­ser­ve in der Lebens­ver­si­che­rung – und ihre Ermitt­lung

Die gesetz­li­che Neu­re­ge­lung zur Betei­li­gung des Ver­si­che­rungs­neh­mers an Bewer­tungs­re­ser­ven (sog. stil­le Reser­ven) in der Lebens­ver­si­che­rung gemäß § 153 Absatz 3 Satz 3 VVG durch das Lebens­ver­si­che­rungs­re­form­ge­setz vom 1. August 2014, in Kraft getre­ten am 7. August 2014, ist nach Ansicht des Bun­des­ge­richts­hofs nicht ver­fas­sungs­wid­rig.

Die Bewer­tungs­re­ser­ve in der Lebens­ver­si­che­rung – und ihre Ermitt­lung

Dies ent­schied jetzt der Bun­des­ge­richts­hof auf die Kla­ge eines Ver­brau­cher­schutz­ver­eins, der vom beklag­ten Lebens­ver­si­che­rer die Aus­zah­lung von Bewer­tungs­re­ser­ven aus abge­tre­te­nem Recht des Ver­si­che­rungs­neh­mers nach Ablauf einer kapi­tal­bil­den­den Lebens­ver­si­che­rung begehr­te. Die­ser unter­hielt bei der Beklag­ten seit dem 1. Sep­tem­ber 1999 eine zum 1. Sep­tem­ber 2014 plan­mä­ßig been­de­te kapi­tal­bil­den­de Lebens­ver­si­che­rung. Mit Schrei­ben vom 1. Juli 2014 kün­dig­te die Lebens­ver­si­che­rung dem Ver­si­che­rungs­neh­mer zum Ver­trags­ab­lauf eine Ver­si­che­rungs­leis­tung in Höhe von 50.274,17 € an, wovon auf die Betei­li­gung an den Bewer­tungs­re­ser­ven 2.821,35 € ent­fie­len. Hin­sicht­lich der Betei­li­gung an den Bewer­tungs­re­ser­ven wies die Lebens­ver­si­che­rung dar­auf hin, dass die­se end­gül­tig erst zum Fäl­lig­keits­ter­min fest­stün­den und gege­be­nen­falls auch nied­ri­ger aus­fal­len könn­ten. Am 22. August 2014 teil­te die Beklag­te dem Ver­si­che­rungs­neh­mer die end­gül­ti­ge Ver­si­che­rungs­leis­tung in Höhe von 47.601,77 € mit und erläu­ter­te dies spä­ter unter Beru­fung auf ihren Siche­rungs­be­darf gem. § 153 Absatz 3 Satz 3 VVG dahin, dass auf die Bewer­tungs­re­ser­ve ein Betrag von 148,95 € ent­fal­le.

Der Ver­si­che­rungs­neh­mer trat in der Fol­ge sei­ne sämt­li­chen gegen die Ver­si­che­rungs­ge­sell­schaft aus dem streit­be­fan­ge­nen Lebens­ver­si­che­rungs­ver­trag in Betracht kom­men­den Rech­te und Ansprü­che an den Ver­brau­cher­schutz­ver­ein ab. Mit sei­nem Haupt­an­trag begehr­te die­ser Zah­lung von 2.672,40 €, näm­lich den Dif­fe­renz­be­trag zwi­schen der im Schrei­ben der Lebens­ver­si­che­rung vom 1. Juli 2014 ange­ge­be­nen sowie der tat­säch­lich zur Aus­zah­lung gelang­ten Bewer­tungs­re­ser­ve. Hilfs­wei­se begehrt er Aus­kunft über die mathe­ma­ti­sche Berech­nung des Anteils der auf den Ver­si­che­rungs­neh­mer ent­fal­len­den Betei­li­gun­gen an dem Über­schuss und an den Bewer­tungs­re­ser­ven ein­schließ­lich ihrer Berech­nungs­grund­la­gen sowie anschlie­ßend Aus­zah­lung der ihm zuste­hen­den Über­schuss­be­tei­li­gung.

Die Kla­ge ist in den Vor­in­stan­zen vor dem Amts­ge­richt und dem Land­ge­richt Düs­sel­dorf erfolg­los geblie­ben 1. Der Bun­des­ge­richts­hof hat das Beru­fungs­ur­teil auf­ge­ho­ben und die Sache zu neu­er Ver­hand­lung und Ent­schei­dung an das Land­ge­richt Düs­sel­dorf zurück­ver­wie­sen:

Nach Auf­fas­sung des Bun­des­ge­richts­hofs ist die Neu­re­ge­lung des § 153 Abs. 3 Satz 3 VVG aller­dings nicht ver­fas­sungs­wid­rig. Sie führt im Ergeb­nis dazu, dass ein Ver­si­che­rer Bewer­tungs­re­ser­ven aus direkt oder indi­rekt vom Ver­si­che­rungs­un­ter­neh­men gehal­te­nen fest­ver­zins­li­chen Anla­gen und Zins­ab­si­che­rungs­ge­schäf­ten bei der Betei­li­gung der Ver­si­che­rungs­neh­mer an Bewer­tungs­re­ser­ven nur inso­weit berück­sich­ti­gen darf, als sie einen etwai­gen Siche­rungs­be­darf aus den Ver­trä­gen mit Zins­ga­ran­tie über­schrei­ten. Grund für die­se Neu­re­ge­lung war, dass nach Auf­fas­sung des Gesetz­ge­bers ein lang anhal­ten­des Nied­rig­zins­um­feld mit­tel- bis lang­fris­tig die Fähig­keit der pri­va­ten Lebens­ver­si­che­rungs­un­ter­neh­men bedro­hen wür­de, die den Ver­si­cher­ten zuge­sag­ten Zins­ga­ran­ti­en zu erbrin­gen (BT-Drucks. 18/​1772 S. 1). Die gesetz­li­che Neu­re­ge­lung des § 153 Abs. 3 Satz 3 VVG ent­hält zunächst eine unter dem Gesichts­punkt der Nor­men­be­stimmt­heit und ‑klar­heit prä­zi­se­re Rege­lung gegen­über der Vor­gän­ger­vor­schrift des § 153 Abs. 3 Satz 3 VVG a.F., die ledig­lich bestimm­te, dass auf­sichts­recht­li­che Rege­lun­gen zur Kapi­tal­aus­stat­tung unbe­rührt blei­ben. Sie stellt auch kei­ne unzu­läs­si­ge Rück­wir­kung auf bereits abge­schlos­se­ne Lebens­sach­ver­hal­te dar. Inhalt­lich hat der Gesetz­ge­ber fer­ner ver­schie­de­ne Maß­nah­men getrof­fen, die sowohl die Inter­es­sen der aus­schei­den­den Ver­si­che­rungs­neh­mer als auch der­je­ni­gen, die ihre Ver­trä­ge noch in der Zukunft fort­füh­ren, sowie die­je­ni­gen der Anteils­eig­ner berück­sich­ti­gen. Unter ande­rem hat er Ände­run­gen der Min­dest­zu­füh­rungs­ver­ord­nung vor­ge­nom­men, die zu einer höhe­ren Betei­li­gung der Ver­si­che­rungs­neh­mer an den Risi­ko­über­schüs­sen füh­ren. Fer­ner hat er den Höchst­satz für die bilan­zi­el­le Anrech­nung von Abschluss­kos­ten her­ab­ge­setzt, um Ver­triebs­kos­ten zu sen­ken. Schließ­lich darf ein Bilanz­ge­winn an Anteil­eig­ner nur aus­ge­schüt­tet wer­den, wenn er einen etwai­gen Siche­rungs­be­darf über­steigt. Ver­fas­sungs­recht­li­che Beden­ken an der Wirk­sam­keit der gesetz­li­chen Neu­re­ge­lung bestehen nach alle­dem auch unter Berück­sich­ti­gung des Ein­schät­zungs- und Gestal­tungs­spiel­raums des Gesetz­ge­bers nicht. Im Ein­zel­fall auf­tre­ten­de Här­ten füh­ren nicht zur Ver­fas­sungs­wid­rig­keit der Rege­lung ins­ge­samt.

Gleich­wohl hat der Bun­des­ge­richts­hof das Beru­fungs­ur­teil auf­ge­ho­ben und die Sache an das Land­ge­richt Düs­sel­dorf zurück­ver­wie­sen. Die­ses hat näm­lich kei­ne Fest­stel­lun­gen zu der zwi­schen den Par­tei­en strei­ti­gen Fra­ge getrof­fen, ob die ein­fach-recht­li­chen Vor­aus­set­zun­gen für eine Her­ab­set­zung der Bewer­tungs­re­ser­ve wegen eines Siche­rungs­be­darfs der Ver­si­che­rungs­ge­sell­schaft bestan­den.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 27. Juni 2018 – – IV ZR 201/​17

  1. LG Düs­sel­dorf, Urteil vom 13.07.2017 – 9 S 46/​16; AG Düs­sel­dorf, Urteil vom 11.08.2016 – 50 C 35/​16[]