Ein vor­sätz­li­ches gro­bes Foul

Ein Fuß­ball­spie­ler, der vor­sätz­lich ein gro­bes Foul begeht durch das ein ande­rer Spie­ler ver­letzt wird, hat kei­nen Anspruch auf Ver­si­che­rungs­leis­tung sei­ner Pri­vat­haft­pflicht­ver­si­che­rung.

Ein vor­sätz­li­ches gro­bes Foul

So das Ober­lan­des­ge­richt Karls­ru­he in dem hier vor­lie­gen­den Fall eines Ama­teur­fuß­ball­spie­lers, der von sei­nem Pri­vat­haft­pflicht­ver­si­che­rer Frei­stel­lung von Schmer­zens­geld- und Scha­dens­er­satz­an­sprü­chen eines bei einem Foul ver­letz­ten Gegen­spie­lers ver­langt. Beim Lan­des­li­ga­spiel ver­letz­te der Klä­ger den Gegen­spie­ler schwer am rech­ten Bein, er erlitt einen Waden­bein­bruch, ein aus­ge­ku­gel­tes Sprung­ge­lenk und meh­re­re Bän­der­ris­se. Der Klä­ger war aus etwa 20 bis 30 Meter Ent­fer­nung mit lan­gem Anlauf und hohem Tem­po auf den Gegen­spie­ler zuge­lau­fen und mit zumin­dest einem gestreck­ten Bein vor­aus seit­lich von hin­ten in ihn hin­ein­ge­sprun­gen, der Gegen­spie­ler hat­te den Ball kurz vor dem Auf­prall schon wei­ter­ge­spielt. Der Schieds­rich­ter erkann­te auf gro­bes Foul im Sin­ne der Regel Num­mer 12 (Ver­bo­te­nes Spiel und unsport­li­ches Betra­gen) und zeig­te ihm die rote Kar­te. Kurz vor dem Angriff hat­te der Klä­ger dem Gegen­spie­ler gedroht, ihm bei der nächs­ten Akti­on die Bei­ne zu bre­chen. Die pri­va­te Haft­pflicht­ver­si­che­rung hat sich gewei­gert, für den Scha­den ein­zu­tre­ten. Bereits das Land­ge­richt hat die Kla­ge auf Deckungs­an­spruch abge­wie­sen, so dass der Klä­ger mit der Beru­fung sein Ziel wei­ter­ver­folgt.

Nach Auf­fas­sung des Ober­lan­des­ge­richts Karls­ru­he habe der Klä­ger kei­nen Deckungs­an­spruch, weil er die Ver­let­zung des Gegen­spie­lers vor­sätz­lich und wider­recht­lich her­bei­ge­führt habe und des­halb der gesetz­li­che Risi­ko­aus­schluss nach § 103 VVG ein­grei­fe. Nach § 103 VVG ist der Ver­si­che­rer nicht zur Leis­tung ver­pflich­tet, wenn der Ver­si­che­rungs­neh­mer vor­sätz­lich und wider­recht­lich den bei dem Drit­ten ein­ge­tre­te­nen Scha­den her­bei­ge­führt hat. Nach der Aus­le­gung der Spiel­re­geln und Richt­li­ni­en der FIFA für Schieds­rich­ter ver­steht man unter einem gro­ben Foul Fol­gen­des:

Ein Spie­ler begeht ein gro­bes Foul, wenn er bei lau­fen­dem Spiel im Kampf um den Ball über­mä­ßig hart oder bru­tal in einen Zwei­kampf ein­steigt.…
Ein Spie­ler, der im Kampf um den Ball von vor­ne, von der Sei­te oder von hin­ten mit einem oder bei­den Bei­nen in einen Gegen­spie­ler hin­ein­springt und durch über­trie­be­ne Här­te die Gesund­heit des Geg­ners gefähr­det, begeht ein gro­bes Foul.

Der Klä­ger habe ein gro­bes Foul­spiel im Sin­ne der Spiel­re­geln des DFB began­gen, sein Ver­hal­ten lie­ge nicht mehr im Grenz­be­reich zwi­schen der im Fuß­ball noch gerecht­fer­tig­ten Här­te und der auch bei sport­li­chen Kampf­spie­len unzu­läs­si­gen Unfair­ness. Sein sorg­falts­wid­ri­ges Ver­hal­ten und die Ver­let­zun­gen sei­en des­halb weder durch Ein­wil­li­gung des Gegen­spie­lers noch unter dem Gesichts­punkt des Han­delns auf eige­ne Gefahr gerecht­fer­tigt.

Den Vor­satz des Klä­gers habe das Land­ge­richt zutref­fend auf­grund meh­re­rer Indi­zi­en und für das Ober­lan­des­ge­richt Karls­ru­he bin­dend fest­ge­stellt. Der Klä­ger habe die Ver­let­zung des Gegen­spie­lers und deren Umfang zumin­dest als mög­lich vor­aus­ge­se­hen und bil­li­gend in Kauf genom­men. Bei einem der­art gefähr­li­chen Ein­stei­gen rech­ne der ein­grei­fen­de Spie­ler stets mit einer ernst­haf­ten Ver­let­zung des Geg­ners und dür­fe nicht dar­auf ver­trau­en, dass alles gut gehen wer­de. Für sich allein recht­fer­ti­ge der gra­vie­ren­de Regel­ver­stoß jedoch nur den Vor­wurf der ein­fa­chen oder gro­ben Fahr­läs­sig­keit und auch die evi­den­te Gefahr erheb­li­cher Ver­let­zun­gen las­se noch nicht auf den erfor­der­li­chen Ver­let­zungs­vor­satz, allen­falls auf einen recht­lich uner­heb­li­chen Gefähr­dungs­vor­satz schlie­ßen. Es gehe hier nicht um einen geziel­ten Schlag oder eine ähn­li­che Tät­lich­keit, die sich schon nach ihrem äuße­ren Bild auf eine Kör­per­ver­let­zung rich­te, son­dern um eine „Grät­sche“, die im Fuß­ball üblich und durch­aus erlaubt sei, solan­ge sie dem Ball und nicht dem Geg­ner gel­te. Auch sei bei der Prü­fung des Vor­sat­zes zu berück­sich­ti­gen, dass Fuß­ball ein eben­so schnel­les wie kampf­be­ton­tes Spiel sei, des­sen Hek­tik und Eigen­art den Spie­ler oft zwin­ge, im Bruch­teil einer Sekun­de Chan­cen abzu­wä­gen und Risi­ken ein­zu­ge­hen. Der äuße­re Her­gang des Foul­spiels habe hier jedoch eine erheb­li­che, wenn auch nicht aus­rei­chen­de Indi­zwir­kung für einen zumin­dest beding­ten Ver­let­zungs­vor­satz. Ent­schei­dend für die Annah­me des Ver­let­zungs­vor­sat­zes sei viel­mehr die wei­te­re Fest­stel­lung des Land­ge­richts, dass der Klä­ger vor dem Foul­spiel gedroht habe, dem Gegen­spie­ler bei der nächs­ten Akti­on die Bei­ne zu bre­chen. Die­se Dro­hung las­se in der Zusam­men­schau mit den beson­de­ren Umstän­den im äuße­ren Her­gang des Foul­spiels auf einen ent­spre­chen­den Vor­satz schlie­ßen.

Ober­lan­des­ge­richt Karls­ru­he, Urteil vom 27. Sep­tem­ber 2012 – 9 U 162/​11