Ent­wer­tungs­gren­ze in der Haus­rat­ver­si­che­rung

Eine Klau­sel in der Neu­wert­ver­si­che­rung, wonach Ver­si­che­rungs­wert der Zeit­wert der ver­si­cher­ten Sache ist, wenn die­ser weni­ger als 40% des Neu­werts beträgt (sog. Ent­wer­tungs­gren­ze), ist wirk­sam.

Ent­wer­tungs­gren­ze in der Haus­rat­ver­si­che­rung

Dies ent­schied jetzt der Bun­des­ge­richts­hof in dem Fall zwei­er Brü­der, die für ihren land­wirt­schaft­li­chen Betrieb eine Gebäu­de­in­hal­te­ver­si­che­rung zum Neu­wert abge­schlos­sen hat­ten. Die Ver­si­che­rungs­be­din­gun­gen sehen aller­dings eine so genann­te Ent­wer­tungs­gren­ze vor, und zwar dann, wenn der Zeit­wert weni­ger als 40% des Neu­werts beträgt. In die­sem Fal­le ist Ver­si­che­rungs­wert aus­schließ­lich der Zeit­wert.

Aus­gangs­punkt der Ent­schei­dung des BGH war zunächst, dass grund­sätz­lich auch der Neu­wert als Ver­si­che­rungs­wert ver­ein­bart wer­den kann [1]. Ein Ver­stoß gegen das Berei­che­rungs­ver­bot im Sin­ne eines all­ge­mei­nen und zwin­gen­den, die Neu­wert­ver­si­che­rung ein­schrän­ken­den Rechts­sat­zes ist dar­in nicht zu sehen. Fes­te Ent­wer­tungs­gren­zen oder Ent­wer­tungs­gren­zen über­haupt las­sen sich nicht auf­stel­len; die­se sind ins­be­son­de­re § 55 VVG a.F. nicht zu ent­neh­men [2]. Maß­geb­lich ist viel­mehr allein das kon­kre­te Leis­tungs­ver­spre­chen des Ver­si­che­rers, das hier auf eine Ver­si­che­rung zum Neu­wert gerich­tet ist und an dem er sich fest­hal­ten las­sen muss. Das bedeu­tet indes nicht, dass der Ver­si­che­rer bei einer sol­chen Ver­si­che­rung sei­ne Inter­es­sen, die vor allem in der Begren­zung des sub­jek­ti­ven Risi­kos lie­gen, nicht den­noch durch die Ver­ein­ba­rung von All­ge­mei­nen Ver­si­che­rungs­be­din­gun­gen mit bestimm­ten Ent­wer­tungs­gren­zen und/​oder Wie­der­her­stel­lungs­klau­seln wah­ren kann [3].

Die mit dem Klä­ger und sei­nem Bru­der ver­ein­bar­te Ent­wer­tungs­gren­ze stellt dabei ent­ge­gen der Ansicht des Beru­fungs­ge­richts kei­ne über­ra­schen­de Klau­sel dar und ist wirk­sam Ver­trags­be­stand­teil gewor­den. Eine über­ra­schen­de Klau­sel i.S. des § 305c BGB ist allein dann anzu­neh­men, wenn ihr ein Über­rum­pe­lungs­ef­fekt inne­wohnt. Sie muss eine Rege­lung ent­hal­ten, die von den Erwar­tun­gen des Ver­si­che­rungs­neh­mers in einer Art und Wei­se deut­lich abweicht, mit der er nach den Umstän­den ver­nünf­ti­ger­wei­se nicht zu rech­nen braucht [4].

Die Ent­wer­tungs­gren­ze ist schließ­lich nicht als intrans­pa­rent i.S. des § 307 Abs. 1 Satz 2 BGB ein­zu­ord­nen. Die Ver­si­che­rung hat nach Ansicht des Bun­des­ge­richts­hofs nicht gegen ihre Ver­pflich­tung ver­sto­ßen, den Klau­sel­in­halt klar und deut­lich zu for­mu­lie­ren.

Dazu gehört es, dass die Klau­sel in ihrer Aus­ge­stal­tung für den Ver­si­che­rungs­neh­mer ver­ständ­lich ist; sie muss dar­über hin­aus die wirt­schaft­li­chen Nach­tei­le und Belas­tun­gen so weit erken­nen las­sen, wie dies nach den Umstän­den gefor­dert wer­den kann [5]. Dabei kommt es auf den Hori­zont eines durch­schnitt­li­chen Ver­si­che­rungs­neh­mers an [6].

Die­sen Anfor­de­run­gen hat die Ver­si­che­rung in dem vom BGH zu ent­schei­den­den Fall genügt.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 30. Sep­tem­ber 2009 – IV ZR 47/​09

  1. vgl. schon BGHZ 103, 228, 232 ff.[]
  2. grund­le­gend BGHZ 137, 318, 323 ff.; 147, 212, 216; BGH, Urteil vom 24.04.1996 – IV ZR 71/​95VersR 1996, 845 unter II 2 b[]
  3. BGHZ 137 aaO, 327 f.[]
  4. vgl. BGH, Urtei­le vom 06.12.1995 – IV ZR 363/​94, VersR 1996, 322; vom 17.03.1999 – IV ZR 137/​98, VersR 1999, 745; vom 19.05.2004 – IV ZR 176/​03; vom 27.10.2004 – IV ZR 141/​03, VersR 2005, 64; vom 18.02.2009 – IV ZR 11/​07, VersR 2009, 623[]
  5. BGHZ 141, 137, 143; 147 aaO 361 f.; BGH, Urtei­le vom 18.01.2006 – IV ZR 244/​04, VersR 2006, 497; vom 30.04.2008 – IV ZR 241/​04, VersR 2008, 816[]
  6. vgl. BGHZ 123, 83, 85; 154, 154, 167 f.[]