Fonds­ge­bun­de­ne Lebens­ver­si­che­run­gen – und die Mög­lich­keit zum Wider­spruch in Alt­fäl­len

Lebens­ver­si­che­run­gen sind nicht nach dem Antrags­mo­dell, son­dern im Poli­cen­mo­dell geschlos­sen wor­den, wenn die Ver­si­che­rungs­ge­sell­schaft bei Antrag­stel­lung die nach § 10a Abs. 1 Satz 1 VAG a.F. erfor­der­li­che Ver­brau­cher­infor­ma­ti­on nicht voll­stän­dig erteilt hat.

Fonds­ge­bun­de­ne Lebens­ver­si­che­run­gen – und die Mög­lich­keit zum Wider­spruch in Alt­fäl­len

Wie der Bun­des­ge­richts­hof bereits ent­schie­den und im Ein­zel­nen begrün­det hat, kommt es grund­sätz­lich auch dann zur Anwen­dung des Poli­cen­mo­dells, wenn nur ein­zel­ne Infor­ma­tio­nen bei Antrag­stel­lung dem Ver­si­che­rungs­neh­mer nicht erteilt wor­den sind. Denn sonst hät­te es der Ver­si­che­rer in der Hand, bestimm­te Infor­ma­tio­nen zunächst nicht zu über­ge­ben, mit der Beleh­rung über das Rück­tritts­recht die Rück­tritts­frist aus­zu­lö­sen und nach deren Ablauf eine Bin­dung an den Ver­trag zu schaf­fen 1.

Etwas ande­res gilt nur dann, wenn eine nach Abschnitt I der Anla­ge Teil D zu § 10a Abs. 1 VAG a.F. vor­ge­schrie­be­ne Ein­zel­in­for­ma­ti­on im kon­kre­ten Fall nicht einem berech­tig­ten Infor­ma­ti­ons­be­dürf­nis des Ver­si­che­rungs­neh­mers dien­te.

Ein sol­cher Aus­nah­me­fall la im hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fal nicht vor. So war die streit­ge­gen­ständ­li­che Ver­brau­cher­infor­ma­ti­on unvoll­stän­dig, weil sie kei­ne Anga­ben über die Frist, wäh­rend der der Antrag­stel­ler an den Antrag gebun­den sein soll­te, gemäß Abschnitt I Nr. 1 Buch­sta­be f der Anla­ge Teil D zu § 10a Abs. 1 VAG a.F. ent­hielt. Bei einem Ver­trags­schluss im Antrags­mo­dell hat­te der Ver­si­che­rer, wie die Revi­si­on zu Recht gel­tend macht, den Antrag­stel­ler auch auf die gesetz­li­che Annah­me­frist des § 147 Abs. 2 BGB hin­zu­wei­sen. An die­ser Infor­ma­ti­on hat­te der Antrag­stel­ler ein berech­tig­tes Inter­es­se.

Aus dem Wort­laut der Bestim­mung in Abschnitt I Nr. 1 Buch­sta­be f der Anla­ge Teil D zu § 10a Abs. 1 VAG a.F. lässt sich nicht ent­neh­men, ob die­se Infor­ma­ti­on ent­behr­lich war, wenn – wie hier – weder eine spe­zi­al­ge­setz­li­che noch eine ver­trag­li­che Bin­dungs­frist bestand, son­dern § 147 Abs. 2 BGB ein­schlä­gig war. Danach kann der einem Abwe­sen­den gemach­te Antrag nur bis zu dem Zeit­punkt ange­nom­men wer­den, in wel­chem der Antra­gen­de den Ein­gang der Ant­wort unter regel­mä­ßi­gen Umstän­den erwar­ten darf. Wird der Antrag nach die­ser Rege­lung nicht recht­zei­tig ange­nom­men, so erlischt er (§ 146 BGB). Bis zu die­sem Zeit­punkt ist der Antrag­stel­ler grund­sätz­lich an sei­nen Antrag gebun­den, sofern er die Gebun­den­heit nicht aus­ge­schlos­sen hat (§ 145 BGB). Zu die­ser all­ge­mei­nen gesetz­li­chen Rege­lung ver­hielt sich Abschnitt I Nr. 1 Buch­sta­be f der Anla­ge Teil D zu § 10a Abs. 1 VAG a.F. nach dem Wort­laut nicht, ent­hielt aber auch kei­ne Beschrän­kung auf ande­re gesetz­lich oder ver­trag­lich vor­ge­se­he­ne Antrags­bin­dungs­fris­ten. Die Anla­ge Teil D wur­de dem VAG ange­fügt durch Art. 1 Nr. 81 Buch­sta­be c des Drit­ten Geset­zes zur Durch­füh­rung ver­si­che­rungs­recht­li­cher Richt­li­ni­en des Rates der Euro­päi­schen Gemein­schaf­ten (Drit­tes Durchführungsgesetz/​EWG zum VAG) vom 21.07.1994, das in Art. 1 Nr. 8 auch die Vor­schrift des § 10a VAG ein­füg­te.

Aus der Begrün­dung des Geset­zes­ent­wurfs ergibt sich, dass der Gesetz­ge­ber die Auf­nah­me der bis­her in geschäfts­plan­mä­ßi­gen Erklä­run­gen vor­ge­se­he­nen Antrags­bin­dungs­fris­ten in das Gesetz nun­mehr für gebo­ten hielt, "zumal die Vor­schrift des § 10a nach § 110a auch für Unter­neh­men aus ande­ren Mit­glied­staa­ten und Ver­trags­staa­ten gel­ten soll, bei denen die Mög­lich­keit ent­fällt, im Erlaub­nis­ver­fah­ren eine geschäfts­plan­mä­ßi­ge Erklä­rung zu ver­lan­gen" 2. Die­se Erwä­gung lässt nicht erken­nen, dass die all­ge­mei­ne Annah­me­frist des § 147 Abs. 2 BGB und die damit kor­re­spon­die­ren­de Antrags­bin­dung nicht von der Infor­ma­ti­ons­pflicht umfasst sein soll­ten. Eine ent­spre­chen­de Infor­ma­ti­on war bei einem Ver­trags­schluss nach dem Antrags­mo­dell sinn­voll; sie ver­deut­lich­te dem Ver­si­che­rungs­neh­mer den zeit­li­chen Rah­men, in dem der Ver­trag durch Annah­me sei­nes Antrags sei­tens des Ver­si­che­rers zustan­de kom­men konn­te. Der Antrag­stel­ler konn­te dann abschät­zen, ab wann er nicht mehr mit einer Annah­me rech­nen durf­te und gege­be­nen­falls auf Pro­duk­te ande­rer Anbie­ter aus­wei­chen muss­te. Daher muss­te ihm auch die gesetz­li­che Frist des § 147 Abs. 2 BGB, inner­halb derer er den Ein­gang der Ant­wort des Ver­si­che­rers unter regel­mä­ßi­gen Umstän­den erwar­ten durf­te, vor Augen geführt wer­den. Dar­über hat die Ver­si­che­rungs­ge­sell­schaft die Ver­si­che­rungs­neh­me­rin bei Antrag­stel­lung unstrei­tig nicht infor­miert.

Da die bei Antrag­stel­lung der Ver­si­che­rungs­neh­me­rin erteil­te Ver­brau­cher­infor­ma­ti­on schon wegen feh­len­der Infor­ma­ti­on über die Antrags­bin­dungs­frist unvoll­stän­dig war, kann dahin­ste­hen, ob sie eine aus­rei­chen­de Infor­ma­ti­on über die den Ver­si­che­run­gen zugrun­de lie­gen­den Fonds und die Art der dar­in ent­hal­te­nen Ver­mö­gens­wer­te gemäß Abschnitt I Nr. 2 Buch­sta­be e der Anla­ge Teil D zu § 10a Abs. 1 VAG a.F. erhal­ten hat. Eben­so kann offen blei­ben, ob die Ver­si­che­rungs­ge­sell­schaft die Ver­si­che­rungs­neh­me­rin nach Abschnitt I Nr. 1 Buch­sta­be i der Anla­ge Teil D zu § 10a Abs. 1 VAG a.F. auch dar­über hät­te infor­mie­ren müs­sen, dass sie einem Siche­rungs­fonds nicht ange­hör­te.

Da der Ver­si­che­rungs­ver­trag man­gels voll­stän­di­ger Ver­brau­cher­infor­ma­ti­on im Poli­cen­mo­dell abge­schlos­sen wur­de, hät­te die Ver­si­che­rungs­ge­sell­schaft die Ver­si­che­rungs­neh­me­rin über das ihr gemäß § 5a Abs. 1 Satz 1 VVG a.F. zuste­hen­de Wider­spruchs­recht beleh­ren müs­sen (§ 5a Abs. 2 Satz 1 VVG a.F.). Eine sol­che Wider­spruchs­be­leh­rung hat die Ver­si­che­rungs­neh­me­rin unstrei­tig nicht erhal­ten. Das Wider­spruchs­recht bestand nach Ablauf der Jah­res­frist des § 5a Abs. 2 Satz 4 VVG a.F. und noch im Zeit­punkt der Wider­spruchs­er­klä­rung, die in dem "Wider­ruf" der Ver­trags­er­klä­run­gen zu sehen ist, fort. Das ergibt die richt­li­ni­en­kon­for­me Aus­le­gung des § 5a Abs. 2 Satz 4 VVG a.F. 3.

Der Höhe nach umfasst der Rück­ge­währ­an­spruch nach § 812 Abs. 1 Satz 1 Alt. 1 BGB nicht unein­ge­schränkt alle gezahl­ten Prä­mi­en. Viel­mehr muss sich der Ver­si­che­rungs­neh­mer bei der berei­che­rungs­recht­li­chen Rück­ab­wick­lung den jeden­falls bis zur Kün­di­gung des Ver­tra­ges genos­se­nen Ver­si­che­rungs­schutz anrech­nen las­sen. Der Wert des Ver­si­che­rungs­schut­zes kann unter Berück­sich­ti­gung der Prä­mi­en­kal­ku­la­ti­on bemes­sen wer­den; bei Lebens­ver­si­che­run­gen kann etwa dem Risi­ko­an­teil Bedeu­tung zukom­men 4.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 18. Juli 2018 – IV ZR 68/​17

  1. BGH, Urteil vom 23.09.2015 – IV ZR 179/​14, r+s 2015, 539 Rn. 11[]
  2. BT-Drs. 12/​6959 S. 99 re. Sp.[]
  3. vgl. dazu im Ein­zel­nen: BGH, Urteil vom 07.05.2014 – IV ZR 76/​11, BGHZ 201, 101 Rn. 17 ff.[]
  4. BGH, Urteil vom 07.05.2014 aaO Rn. 45[]