Haft­pflicht­ver­si­che­rung – und die gefähr­li­che dienst­li­che Tätig­keit

Neh­men Beson­de­re Bedin­gun­gen und Risi­ko­be­schrei­bun­gen (BBR) zur Pri­va­ten Haft­pflicht­ver­si­che­rung die Gefah­ren eines „unge­wöhn­li­chen und gefähr­li­chen Tuns“ neben den Gefah­ren eines Diens­tes, Amtes (auch Ehren­am­tes) und einer ver­ant­wort­li­chen Betä­ti­gung in Ver­ei­ni­gun­gen aller Art vom Ver­si­che­rungs­schutz aus, so setzt dies ein Ver­hal­ten vor­aus, das auf län­ge­re Dau­er ange­legt ist und so einen von den nor­ma­len Gefah­ren des täg­li­chen Lebens abgrenz­ba­ren Bereich beson­de­rer Gefah­ren­la­gen bil­det, die mit einer gewis­sen Regel­mä­ßig­keit wie­der­holt ein­tre­ten. Der Ver­si­che­rer ist nicht schon dann leis­tungs­frei, wenn ledig­lich die scha­den­stif­ten­de Hand­lung unge­wöhn­lich und gefähr­lich ist [1].

Haft­pflicht­ver­si­che­rung – und die gefähr­li­che dienst­li­che Tätig­keit

In Nr. 1.1 AHB ver­spricht die Ver­si­che­rungs­ge­sell­schaft Deckungs­schutz im Rah­men des ver­si­cher­ten Risi­kos unter ande­rem für den Fall, dass (wie hier der Schä­di­ger) der Ver­si­che­rungs­neh­mer wegen eines in ver­si­cher­ter Zeit ein­ge­tre­te­nen Scha­de­n­er­eig­nis­ses, das einen Per­so­nen­scha­den zur Fol­ge hat­te, von einem Drit­ten auf Scha­dens­er­satz in Anspruch genom­men wird.

Das ver­si­cher­te Risi­ko wird dabei in Nr. 1 BBR PHV näher beschrie­ben. Danach ist die gesetz­li­che Haft­pflicht des Ver­si­che­rungs­neh­mers aus den Gefah­ren des täg­li­chen Lebens als Pri­vat­per­son und nicht aus den Gefah­ren eines Betrie­bes oder Beru­fes ver­si­chert. Nr. 1.1 BBR PHV nimmt zudem die gesetz­li­che Haft­pflicht des Ver­si­che­rungs­neh­mers aus den Gefah­ren eines Diens­tes, Amtes (auch Ehren­am­tes), einer ver­ant­wort­li­chen Betä­ti­gung in Ver­ei­ni­gun­gen aller Art (Nr. 1.01.1 BBR PHV) oder eines unge­wöhn­li­chen und gefähr­li­chen Tuns (Nr. 1.01.2 BBR PHV) vom Ver­si­che­rungs­schutz aus.

Die­se Risi­ko­ein­schrän­kun­gen füh­ren nicht dazu, dass der Ver­si­che­rungs­neh­mer, hät­te er die Schä­di­gung began­gen, kei­nen Ver­si­che­rungs­schutz bean­spru­chen könn­te.

Der Bun­des­ge­richts­hof geht in stän­di­ger Recht­spre­chung davon aus, dass der Schutz­be­reich der pri­va­ten Haft­pflicht­ver­si­che­rung durch die in den Beson­de­ren Bedin­gun­gen und Risi­ko­be­schrei­bun­gen regel­mä­ßig gebrauch­te For­mu­lie­rung „als Pri­vat­per­son aus den Gefah­ren des täg­li­chen Lebens“ für sich genom­men kei­ne Ein­schrän­kung ent­hält, son­dern weit abge­steckt ist und erst durch die beglei­ten­den nega­ti­ven Risi­ko­be­schrei­bun­gen ein­ge­schränkt wird [2]. Dar­an hält der Bun­des­ge­richts­hof fest, denn der durch­schnitt­li­che Ver­si­che­rungs­neh­mer, auf des­sen Ver­ständ­nis der Klau­sel es ankommt, hat abge­se­hen von den aus den nega­ti­ven Risi­ko­be­schrei­bun­gen ersicht­li­chen Begren­zun­gen des Ver­si­che­rungs­schut­zes kei­ne Anhalts­punk­te dafür, dass bereits der Begriff der Gefah­ren des täg­li­chen Lebens eine Begren­zung des Ver­si­che­rungs­schut­zes ent­hal­ten soll, zumal ihm kei­ne Maß­stä­be dafür an die Hand gege­ben wer­den, Gefah­ren des täg­li­chen Lebens von ande­ren, nicht all­täg­li­chen Gefah­ren zu unter­schei­den. Er wird das Leis­tungs­ver­spre­chen mit­hin als All­ge­fah­ren­ver­si­che­rung ver­ste­hen, von der nur die in den Beson­de­ren Bedin­gun­gen und Risi­ko­be­schrei­bun­gen eigens genann­ten Gefahr­be­rei­che aus­ge­nom­men sein sol­len.

Der Ver­si­che­rungs­schutz ent­fällt vor­lie­gend auch nicht des­halb, weil die Ver­si­che­rungs­ge­sell­schaft, hät­te der Ver­si­che­rungs­neh­mer den scha­den­stif­ten­den Angriff ver­übt, infol­ge der Nicht­ver­si­che­rung der Gefah­ren eines unge­wöhn­li­chen und gefähr­li­chen Tuns (Nr. 1.01.2 BBR PHV) leis­tungs­frei wäre.

Das ergibt die Aus­le­gung von Nr. 1.01.2 BBR PHV.

Der Bun­des­ge­richts­hof hat mit Urteil vom 09.11.2011 [3] zu der Klau­sel eines ande­ren Haft­pflicht­ver­si­che­rungs­ver­tra­ges

„Ver­si­chert ist … die gesetz­li­che Haft­pflicht des Ver­si­che­rungs­neh­mers (VN) als Pri­vat­per­son aus den Gefah­ren des täg­li­chen Lebens – mit Aus­nah­me der Gefah­ren eines Betrie­bes, Beru­fes, Diens­tes, Amtes (auch Ehren­am­tes), einer ver­ant­wort­li­chen Betä­ti­gung in Ver­ei­ni­gun­gen aller Art oder einer unge­wöhn­li­chen und gefähr­li­chen Beschäf­ti­gung, …“ (A. I. BBR 08/​01).

ent­schie­den und näher begrün­det, ihre Vor­aus­set­zun­gen für eine Leis­tungs­frei­heit des Ver­si­che­rers sei­en nicht bereits dann erfüllt, wenn sich die schä­di­gen­de Hand­lung selbst als unge­wöhn­lich und gefähr­lich dar­stel­le. Erfor­der­lich sei, dass die­se Hand­lung im Rah­men einer all­ge­mei­nen Betä­ti­gung des Ver­si­cher­ten gesche­he, die ihrer­seits „unge­wöhn­lich und gefähr­lich“ sei. Aus dem Ver­gleich des Begriffs der „unge­wöhn­li­chen und gefähr­li­chen Beschäf­ti­gung“ mit den übri­gen im sel­ben Satz­ein­schub (in A. I. BBR) ent­hal­te­nen Aus­nah­men fol­ge, dass mit der „Beschäf­ti­gung“ nicht ledig­lich eine ein­zel­ne Hand­lung, son­dern ein Gefah­ren­be­reich gemeint sei, mit­hin eine all­ge­mei­ne, in gewis­sen Zeit­ab­stän­den wie­der­hol­te oder wie­der­keh­ren­de Betä­ti­gung als Rah­men für die kon­kre­te scha­den­stif­ten­de Hand­lung vor­aus­ge­setzt wer­de. Mit einer unge­wöhn­li­chen und gefähr­li­chen „Beschäf­ti­gung“ sei ein Ver­hal­ten ange­spro­chen, das – ähn­lich wie die Aus­übung eines Beru­fes oder Amtes über eine nicht nur kur­ze Zeit fort­daue­re, son­dern auf eine län­ge­re Dau­er ange­legt sei und so einen von den nor­ma­len Gefah­ren des täg­li­chen Lebens abgrenz­ba­ren Bereich beson­de­rer Gefah­ren­la­gen bil­de. „Beschäf­ti­gung“ zie­le im Übri­gen auch dem Wort­sin­ne nach auf etwas, wofür der Ver­si­che­rungs­neh­mer nicht nur punk­tu­ell, son­dern wie­der­holt Arbeits- oder Frei­zeit auf­wen­de.

Das lässt sich im Ergeb­nis auf die hier in Rede ste­hen­de For­mu­lie­rung eines unge­wöhn­li­chen und gefähr­li­chen „Tuns“ über­tra­gen mit der Fol­ge, dass auch der in Nr. 1.01.2 BBR PHV gere­gel­te Aus­schluss nicht schon dann ein­greift, wenn sich ledig­lich die scha­den­stif­ten­de Hand­lung als unge­wöhn­lich und gefähr­lich erweist.

Der Gegen­an­sicht Revi­si­on ist aller­dings zuzu­ge­ben, dass die im vor­ge­nann­ten Urteil des Bun­des­ge­richts­hofs vom 09.11.2011 auf den Klau­sel­wort­laut („Beschäf­ti­gung“) gestütz­te, ergän­zen­de Erwä­gung bei der hier ver­wen­de­ten For­mu­lie­rung („Tun“) nicht greift, denn der neu­tra­le Begriff des „Tuns“ bringt das Erfor­der­nis der Dau­er­haf­tig­keit für sich genom­men nicht aus­rei­chend zum Aus­druck, son­dern lie­ße sich auch auf eine ein­ma­li­ge Hand­lung bezie­hen. Ent­schei­dend bleibt aber der dem Ver­si­che­rungs­neh­mer erkenn­ba­re sys­te­ma­ti­sche Zusam­men­hang, in den der Risi­ko­aus­schluss in Nr. 1 BBR PHV gestellt ist. Aus der Gegen­über­stel­lung des zunächst weit gefass­ten Risi­kos der Gefah­ren des täg­li­chen Lebens mit den ein­schrän­ken­den nega­ti­ven Risi­ko­be­schrei­bun­gen, mag sie hier auch nicht in einem Satz­ein­schub, son­dern in Unter­glie­de­rungs­punk­ten der Nr. 1 BBR PHV erfol­gen, erkennt der durch­schnitt­li­che Ver­si­che­rungs­neh­mer doch, dass mit dem unge­wöhn­li­chen und gefähr­li­chen Tun im Sin­ne von Nr. 1.01.2 BBR PHV nicht eine ein­zel­ne Hand­lung, son­dern eben­so wie bei den übri­gen nega­ti­ven Risi­ko­be­schrei­bun­gen der vor­an­ste­hen­den Nr. 1.01.1 BBR PHV – ein auf län­ge­re Dau­er ange­leg­ter, von den nor­ma­len Gefah­ren des täg­li­chen Lebens abgrenz­ba­rer Bereich beson­de­rer Gefah­ren­la­gen ange­spro­chen ist.

Bei einem ande­ren Klau­sel­ver­ständ­nis wäre der ver­spro­che­ne Ver­si­che­rungs­schutz weit­ge­hend ent­wer­tet; käme es ledig­lich dar­auf an, ob die scha­den­stif­ten­de Hand­lung selbst als unge­wöhn­lich und gefähr­lich ein­zu­stu­fen wäre, so lie­ße sich ihre Gefähr­lich­keit im Ver­si­che­rungs­fall regel­mä­ßig dadurch bele­gen, dass sie zu einem Scha­den geführt hat. Der Ver­si­che­rungs­schutz ent­fie­le mit­hin schon dann, wenn die schä­di­gen­de Hand­lung als unge­wöhn­lich ein­zu­stu­fen wäre. Der juris­tisch nicht vor­ge­bil­de­te durch­schnitt­li­che Ver­si­che­rungs­neh­mer, dem die Bedin­gun­gen kei­ne Anhalts­punk­te dafür geben, was ein unge­wöhn­li­ches Tun aus­macht, müss­te befürch­ten, den Ver­si­che­rungs­schutz in einer Viel­zahl von Fäl­len zu ver­lie­ren. Er wird ange­sichts der im Grund­satz ver­spro­che­nen All­ge­fah­ren­de­ckung nicht anneh­men, dass er eine so weit­ge­hen­de Ein­schrän­kung des Leis­tungs­ver­spre­chens erfährt.

Der für die Haft­pflicht­ver­si­che­rung in Nr. 7.01.1 AHB gere­gel­te Deckungs­aus­schluss für vor­sätz­li­che Her­bei­füh­rung des Scha­dens fin­det in der For­de­rungs­aus­fall­ver­si­che­rung kei­ne Anwen­dung, wie sich aus Teil I Nr. 1 Abs. 2 Buchst. a BBR Aus­fV (ent­spricht Nr. 10.01.1 Abs. 4 Buchst. a BBR PHV) ergibt.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 28. Okto­ber 2015 – IV ZR 269/​14

  1. Fort­füh­rung des BGH, Urteils vom 09.11.2011 – IV ZR 115/​10, r+s 2012, 21 Rn. 12 ff.[]
  2. BGH, Urtei­le vom 25.06.1997 – IV ZR 269/​96, BGHZ 136, 142 unter – I 2 b; vom 10.03.2004 – IV ZR 169/​03, r+s 2004, 188 unter – II 1; vom 09.11.2011 – IV ZR 115/​10, r+s 2012, 21 Rn. 13[]
  3. BGH, Urteil vom 09.11.2011 – IV ZR 115/​10, r+s 2012, 21 Rn. 12 ff.[]