Hin­weis­pflicht des Ver­si­che­rers in der Unfall­ver­si­che­rung – und die ver­si­cher­te Per­son

Die Hin­weis­pflicht des Ver­si­che­rers in der Unfall­ver­si­che­rung gemäß § 186 VVG auf eine bestehen­de Frist besteht nur gegen­über dem Ver­si­che­rungs­neh­mer und nicht auch gegen­über der ver­si­cher­ten Per­son. Bei einem recht­zei­tig dem Ver­si­che­rungs­neh­mer erteil­ten Hin­weis kann sich der Ver­si­che­rer auch gegen­über Ansprü­chen der ver­si­cher­ten Per­son auf die in den Ver­si­che­rungs­be­din­gun­gen sta­tu­ier­ten Aus­schluss­fris­ten (hier: zur ärzt­li­chen Inva­li­di­täts­fest­stel­lung) beru­fen.

Hin­weis­pflicht des Ver­si­che­rers in der Unfall­ver­si­che­rung – und die ver­si­cher­te Per­son

Von einem Teil der Lite­ra­tur wird aller­dings die Auf­fas­sung ver­tre­ten, dass der Ver­si­che­rer bei einer Ver­si­che­rung für frem­de Rech­nung auch die ver­si­cher­te Per­son im Sin­ne des § 186 VVG auf­zu­klä­ren habe, weil deren Infor­ma­ti­ons­in­ter­es­se noch grö­ßer sei als das des Ver­si­che­rungs­neh­mers 1. Teil­wei­se wird eine Hin­weis­pflicht gegen­über der ver­si­cher­ten Per­son nur dann ange­nom­men, wenn die­se selbst den Ver­si­che­rungs­fall ange­zeigt hat 2; auch danach hät­te ein Hin­weis hier gegen­über der ver­si­cher­ten Per­son erfol­gen müs­sen, da sie selbst nach ihrer unwi­der­spro­chen geblie­be­nen Behaup­tung in der Kla­ge­schrift den Scha­den gemel­det hat.

Die­ser Auf­fas­sung schließt sich das Ober­lan­des­ge­richt Karls­ru­he nicht an. Ein Hin­weis an den Ver­si­che­rungs­neh­mer ist auch bei einer Ver­si­che­rung für frem­de Rech­nung und bei einer Anzei­ge durch den Ver­si­cher­ten grund­sätz­lich aus­rei­chend 3. Einer exten­si­ven Aus­le­gung steht der kla­re Wort­laut des § 186 VVG ent­ge­gen, der einen Hin­weis nur gegen­über dem Ver­si­che­rungs­neh­mer ver­langt. Eine ana­lo­ge Anwen­dung kommt bereits man­gels einer plan­wid­ri­gen Rege­lungs­lü­cke nicht in Betracht. Der Gesetz­ge­ber hat an ande­rer Stel­le – u.a. in § 179 Abs. 1 VVG – die Ver­si­che­rung für frem­de Rech­nung gere­gelt, von einer Erwei­te­rung der Hin­weis­pflicht in § 186 VVG aber abge­se­hen. Die Annah­me eines redak­tio­nel­len Ver­se­hens ist auch mit der Geset­zes­be­grün­dung zu § 186 4 nicht in Ein­klang zu brin­gen 5. Hier­in wird zwi­schen ver­si­cher­ter Per­son und Ver­si­che­rungs­neh­mer dif­fe­ren­ziert, die Infor­ma­ti­ons­ob­lie­gen­heit aber aus­schließ­lich auf das Ver­hält­nis des Ver­si­che­rers zum Ver­si­che­rungs­neh­mer bezo­gen: "Auch zie­hen sich ärzt­li­che Unter­su­chun­gen und Behand­lun­gen nach einem Unfall­ereig­nis häu­fig län­ge­re Zeit hin, ohne dass der ver­si­cher­ten Per­son die ärzt­li­che Pro­gno­se zu einem bestim­men Zeit­punkt erkenn­bar sein muss. Um die­sem ver­meid­ba­ren Pro­blem zu begeg­nen, soll den Ver­si­che­rer bei Anzei­ge eines Ver­si­che­rungs­falls eine Infor­ma­ti­ons­ob­lie­gen­heit tref­fen, den Ver­si­che­rungs­neh­mer auf sol­che spe­zi­el­len Anspruchs- und Fäl­lig­keits­vor­aus­set­zun­gen hin­zu­wei­sen."

Aus § 191 VVG, wonach u.a. von § 178 Abs. 2 Satz 2 und § 186 VVG nicht zum Nach­teil des Ver­si­che­rungs­neh­mers oder des Ver­si­cher­ten abge­wi­chen wer­den darf, lässt sich kein Argu­ment für eine ana­lo­ge Anwen­dung des § 186 VVG auf den Ver­si­cher­ten ablei­ten 6. Die Erwäh­nung des Ver­si­cher­ten in § 191 VVG ist kon­se­quent, weil sich § 178 Abs. 2 Satz 2 VVG auf die ver­si­cher­te Per­son bezieht und bei einer Ver­si­che­rung für frem­de Rech­nung die Nach­tei­le in der Per­son des Ver­si­cher­ten ein­tre­ten 7.

Auch der Schutz­zweck des § 186 VVG erfor­dert eine ana­lo­ge Anwen­dung nicht. Bei einer Ver­si­che­rung für frem­de Rech­nung ist davon aus­zu­ge­hen, dass der Ver­si­che­rungs­neh­mer, dem nach § 44 VVG grund­sätz­lich die allei­ni­ge Ver­fü­gungs­be­fug­nis zuge­wie­sen ist, auch für die Ein­hal­tung der Anspruchs- und Fäl­lig­keits­vor­aus­set­zun­gen sowie Fris­ten zuguns­ten der ver­si­cher­ten Per­son Sor­ge tra­gen wird.

Eine gene­rel­le Hin­weis­pflicht auch gegen­über dem mit dem Ver­si­che­rungs­neh­mer nicht iden­ti­schen Ver­si­cher­ten wür­de im Übri­gen dem Norm­zweck des § 44 VVG wider­spre­chen. Die grund­sätz­li­che Zuwei­sung der Ver­fü­gungs­be­fug­nis an den Ver­si­che­rungs­neh­mer soll gewähr­leis­ten, dass sich der Ver­si­che­rer im Inter­es­se der Rechts­si­cher­heit und der zweck­mä­ßi­gen Abwick­lung des Ver­tra­ges im Regel­fall nur an den Ver­si­che­rungs­neh­mer hal­ten muss 8.

Die Fra­ge, ob der Ver­si­cher­te bei offen­kun­di­ger Auf­ga­be der Ver­fü­gungs­be­fug­nis durch den Ver­si­che­rungs­neh­mer zuguns­ten des Ver­si­cher­ten 9 gemäß § 186 VVG hin­zu­wei­sen ist, bedarf hier kei­ner Ent­schei­dung. Zu einer für den Ver­si­che­rer erkenn­ba­ren Auf­ga­be der Ver­fü­gungs­be­fug­nis zuguns­ten der ver­si­cher­ten Per­son war es nicht gekom­men. Viel­mehr ist nach Ziff. 12.1 AUB 2000 die Befug­nis, Rech­te aus dem Ver­trag gegen­über dem Ver­si­che­rer gel­tend zu machen, aus­schließ­lich dem Ver­si­che­rungs­neh­mer zuge­wie­sen 10.

Dass die Ver­si­che­rungs­ge­sell­schaft bereits mit Schrei­ben vom 24.03.2013 Leis­tun­gen mit der Begrün­dung, es han­de­le sich um einen Sui­zid­ver­such, abge­lehnt hat, ist uner­heb­lich. Eine Leis­tungs­ab­leh­nung des Ver­si­che­rers ändert nichts dar­an, dass der Anspruch des Ver­si­che­rungs­neh­mers nicht ent­steht, wenn die Inva­li­di­tät nicht (frist­ge­recht) ärzt­lich fest­ge­stellt wor­den ist 11.

Ober­lan­des­ge­richt Karls­ru­he, Urteil vom 23. Febru­ar 2018 – 12 U 111/​17

  1. Bröm­mel­mey­er in Schwintowski/​Brömmelmeyer, VVG, 3. Aufl. § 186 Rn. 6; Götz in Looschelders/​Pohlmann, VVG, 3. Aufl. § 186 Rn. 5; Grimm, Unfall­ver­si­che­rung, 5. Aufl. AUB 2010 Nr. 2, Rn. 16; Kloth, RuS 2007, 397, 398[]
  2. Knapp­mann in Prölss/​Martin, VVG, 30. Aufl. § 186 Rn. 9; Jakob, Unfall­ver­si­che­rung, 2. Aufl. AUB 2014 Nr. 2.1 Rn. 110a; HK-VVG/­Rüf­fer, 3. Aufl. § 186 Rn. 3[]
  3. so auch OLG Saar­brü­cken, Urteil vom 13.01.2016 – 5 U 13/​15 73 ff.; OLG Olden­burg, Beschluss vom 09.01.2017 – 5 U 126/​16 17 für den Fall, dass die Ver­fü­gungs­be­fug­nis – wie hier (Ziff. 12.1 AUB 2000) – nach den AUB dem Ver­si­che­rungs­neh­mer zuge­wie­sen ist; Leve­renz in Bruck/​Möller, 9. Aufl. § 186 Rn.20; Rix­e­cker in Langheid/​Rixecker, VVG, 5. Aufl. § 186 Rn. 4; Kloth/​Piontek, RuS 2017, 561, 562[]
  4. BT-Drs. 16/​3945 S. 109[]
  5. OLG Saar­brü­cken aaO Rn. 78[]
  6. so aber Grimm aaO; Götz aaO; Kloth aaO[]
  7. OLG Saar­brü­cken aaO Rn. 80[]
  8. vgl. Klim­ke in Prölss/​Martin, VVG, 30. Aufl. § 44 Rn. 1[]
  9. vgl. Leve­renz aaO[]
  10. vgl. OLG Olden­burg aaO[]
  11. BGH, Urteil vom 07.03.2007 – IV ZR 137/​06 10 m.w.N.[]