Inan­spruch­nah­me der Haft­pflicht­ver­si­che­rung – in der Insol­venz des Schädigers

Mit der Inan­spruch­nah­me des Haft­pflicht­ver­si­che­rers eines insol­ven­ten Schä­di­gers durch den Geschä­dig­ten nach Fest­stel­lung des Haft­pflicht­an­spruchs zur Insol­venz­ta­bel­le hat­te sich aktu­ell der Bun­des­ge­richts­hof zu befassen:

Inan­spruch­nah­me der Haft­pflicht­ver­si­che­rung – in der Insol­venz des Schädigers

§ 110 VVG räumt dem Geschä­dig­ten bei Insol­venz des Ver­si­che­rungs­neh­mers ein Recht auf abge­son­der­te Befrie­di­gung an des­sen Frei­stel­lungs­an­spruch gegen den Haft­pflicht­ver­si­che­rer ein, so dass der Geschä­dig­te den Haft­pflicht­ver­si­che­rer des Schä­di­gers ohne Pfän­dung und Über­wei­sung des Deckungs­an­spruchs unmit­tel­bar auf Zah­lung in Anspruch neh­men kann1. Vor­aus­set­zung für einen unmit­tel­ba­ren Zah­lungs­an­spruch gegen den Ver­si­che­rer ist aber – wie beim Zah­lungs­an­spruch des Ver­si­che­rungs­neh­mers – wei­ter, dass der Haft­pflicht­an­spruch des Geschä­dig­ten gemäß § 106 Satz 1 VVG fest­ge­stellt wor­den ist, weil die­ser durch § 110 VVG kei­ne wei­ter­ge­hen­de Rechts­stel­lung als der Ver­si­che­rungs­neh­mer erlangt2. Eine sol­che Fest­stel­lung kann nach dem Gesetz auch durch ein Aner­kennt­nis des Haft­pflicht­an­spruchs erfol­gen, sei es durch den (nicht insol­ven­ten) Ver­si­che­rungs­neh­mer, sei es durch den Insol­venz­ver­wal­ter3.

Der Bun­des­ge­richts­hof ist zum Ver­si­che­rungs­ver­trags­ge­setz a.F. davon aus­ge­gan­gen, dass in der wider­spruchs­lo­sen Fest­stel­lung des Haft­pflicht­an­spruchs des Geschä­dig­ten zur Tabel­le ein Aner­kennt­nis im Sin­ne von § 154 Abs. 1 Satz 1 VVG a.F. liegt4. Hier­an hält der Bun­des­ge­richts­hof für das neue Recht (§ 106 Satz 1 VVG) fest5. Grün­de für eine abwei­chen­de Beur­tei­lung sind vor­lie­gend für den Bun­des­ge­richts­hof nicht ersichtlich.

Davon zu unter­schei­den ist die Fra­ge, ob der Ver­si­che­rer im Deckungs­ver­hält­nis gebun­den ist. Nach dem Ver­si­che­rungs­ver­trags­ge­setz in der seit 2008 gel­ten­den Fas­sung unter­liegt das vom Ver­si­che­rungs­neh­mer gegen­über dem Geschä­dig­ten erklär­te Aner­kennt­nis zwar gemäß § 105 VVG kei­nen bedin­gungs­ge­mä­ßen Ein­schrän­kun­gen mehr, es bleibt aber grund­sätz­lich ohne Ein­fluss auf das Deckungs­ver­hält­nis. Ver­spricht der Ver­si­che­rungs­neh­mer dem Geschä­dig­ten mehr, als die­sem zusteht, geht der Mehr­be­trag zu Las­ten des Ver­si­che­rungs­neh­mers6. Nach dem Rege­lungs­plan des neu­en Rechts muss der Ver­si­che­rer die Mög­lich­keit haben, die Berech­ti­gung des vom Geschä­dig­ten gel­tend gemach­ten Anspruchs zu prü­fen7. Wird das Aner­kennt­nis ohne Zustim­mung des Ver­si­che­rers abge­ge­ben, kommt ihm bin­den­de Wir­kung im Sin­ne von § 106 Satz 1 VVG des­halb regel­mä­ßig nur in dem Umfang zu, in wel­chem eine Haft­pflicht­schuld des Ver­si­che­rungs­neh­mers nach mate­ri­el­ler Rechts­la­ge tat­säch­lich besteht; Letz­te­res ist gege­be­nen­falls inzi­dent im Deckungs­pro­zess gegen den Ver­si­che­rer zu klä­ren8.

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Vor­ste­hen­des gilt auch dann, wenn das Aner­kennt­nis durch wider­spruchs­lo­se Fest­stel­lung des Haft­pflicht­an­spruchs zur Tabel­le erfolgt ist9. Der Geschä­dig­te wird nicht im Insol­venz­fall benach­tei­ligt, wenn man die auch sonst für die Bin­dungs­wir­kung von Aner­kennt­nis­sen nach § 106 Satz 1 VVG gel­ten­den Grund­sät­ze her­an­zieht. Viel­mehr käme es einer nicht gerecht­fer­tig­ten Pri­vi­le­gie­rung des Geschä­dig­ten im Insol­venz­fall gleich, woll­te man dem Insol­venz­ver­wal­ter die Befug­nis ein­räu­men, den Ver­si­che­rer zu Guns­ten des Geschä­dig­ten zu belas­ten10.

Aus der Rechts­kraft­wir­kung der Ein­tra­gung in die Tabel­le ergibt sich nichts Anderes.

Die Ein­tra­gung in die Tabel­le wirkt für die fest­ge­stell­ten For­de­run­gen ihrem Betrag und ihrem Rang nach wie ein rechts­kräf­ti­ges Urteil gegen­über dem Insol­venz­ver­wal­ter und allen Insol­venz­gläu­bi­gern (§ 178 Abs. 3 InsO). Nach der Auf­he­bung des Insol­venz­ver­fah­rens kön­nen die Insol­venz­gläu­bi­ger, deren For­de­run­gen fest­ge­stellt und nicht vom Schuld­ner im Prü­fungs­ter­min bestrit­ten wor­den sind, aus der Ein­tra­gung in die Tabel­le wie aus einem voll­streck­ba­ren Urteil die Zwangs­voll­stre­ckung gegen den Schuld­ner betrei­ben (§ 201 Abs. 2 Satz 1 InsO). Die­se Vor­schrif­ten sehen kei­ne Erstre­ckung der Rechts­kraft­wir­kung auf Drit­te vor11. Sie bewir­ken des­halb kei­ne Bin­dung im Sin­ne von § 106 Satz 1 VVG zulas­ten des Haft­pflicht­ver­si­che­rers des Schuldners.

Eine Bin­dung des Haft­pflicht­ver­si­che­rers in ana­lo­ger Anwen­dung von § 178 Abs. 3, § 201 Abs. 2 Satz 1 InsO kommt nicht in Betracht, weil es jeden­falls an einer ver­gleich­ba­ren Inter­es­sen­la­ge fehlt12. Die aus dem Tren­nungs­prin­zip der Haft­pflicht­ver­si­che­rung fol­gen­de, in § 106 Satz 1 VVG vor­aus­ge­setz­te Bin­dung des Ver­si­che­rers folgt nicht aus einer Rechts­kraft­wir­kung, wie sie § 178 Abs. 3, § 201 Abs. 2 Satz 1 InsO vor­se­hen. Die Bin­dungs­wir­kung ist viel­mehr dem Leis­tungs­ver­spre­chen zu ent­neh­men, das der Haft­pflicht­ver­si­che­rer dem Ver­si­che­rungs­neh­mer im Ver­si­che­rungs­ver­trag gege­ben hat13. Danach über­nimmt der Ver­si­che­rer in Fäl­len der vor­lie­gen­den Art kei­ne Deckungs­pflicht, ohne dass er die Mög­lich­keit hat, die Berech­ti­gung des von dem Geschä­dig­ten gegen den Ver­sich erungs­neh­mer gel­tend gemach­ten Anspruchs zu prü­fen. Fehlt es an einer sol­chen Prü­fungs­mög­lich­keit, schei­det dann – auch mit Blick auf Art. 103 Abs. 1 GG – eine Bin­dung des Ver­si­che­rers ohne sei­ne Zustim­mung aus14.

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Etwas Ande­res gilt auch dann nicht, wenn der Haft­pflicht­ver­si­che­rer im Ein­zel­fall sei­ner­seits eine Prä­mi­en­for­de­rung gegen den Schuld­ner zur Tabel­le ange­mel­det hat. Damit ist der Ver­si­che­rer zwar Insol­venz­gläu­bi­ger im Sin­ne von § 178 Abs. 3 InsO. Das ändert aber nichts an dem für sei­ne Bin­dung maß­geb­li­chen Leis­tungs­ver­spre­chen. Danach setzt die Deckungs­pflicht des Haft­pflicht­ver­si­che­rers regel­mä­ßig vor­aus, dass er dem Aner­kennt­nis der Haft­pflicht­for­de­rung zuge­stimmt hat oder dass die ohne sei­ne Zustim­mung aner­kann­te Haft­pflicht­for­de­rung nach mate­ri­el­ler Rechts­la­ge tat­säch­lich besteht. Mit dem Rege­lungs­kon­zept der §§ 110, 106 VVG wäre es dage­gen unver­ein­bar, eine Deckungs­pflicht für eine tat­säch­lich unbe­grün­de­te Haft­pflicht­for­de­rung auf­grund der blo­ßen Betei­li­gung des Ver­si­che­rers am Insol­venz­ver­fah­ren wegen einer Prä­mi­en­for­de­rung zu beja­hen, den Ver­si­che­rer also allein auf­grund einer in einem ande­ren Zusam­men­hang ste­hen­den pro­ze­du­ra­len Situa­ti­on zulas­ten der Ver­si­cher­ten­ge­mein­schaft f ür eine nicht bestehen­de For­de­rung ein­ste­hen zu las­sen15.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 10. März 2021 – IV ZR 309/​19

  1. vgl. zu § 157 VVG in der bis 2007 gel­ten­den Fas­sung [VVG a.F.] BGH, Urtei­le vom 20.04.2016 – IV ZR 531/​14, VersR 2016, 783 Rn. 16; vom 17.03.2004 – IV ZR 268/​03, VersR 2004, 634 unter – II 2 11], jeweils m.w.N.[]
  2. vgl. zu § 154 VVG a.F. BGH, Urtei­le vom 20.04.2016 – IV ZR 531/​14; vom 17.03.2004 – IV ZR 268/​03, jeweils aaO m.w.N.[]
  3. vgl. zu § 154 VVG a.F. BGH, Urteil vom 17.03.2004 – IV ZR 268/​03 aaO[]
  4. BGH, Urtei­le vom 17.03.2004 – IV ZR 268/​03, VersR 2004, 634 unter – II 2, – III 11, 13]; vom 09.01.1991 – IV ZR 264/​89, VersR 1991, 414 16]; eben­so OLG Hamm r+s 2013, 68 unter B – I 2 43]; OLG Köln VersR 2006, 1207 unter 1 19]; OLG Dres­den BauR 2006, 1328 unter – II 1.03.1 17]; OLG Cel­le VersR 2002, 602 unter – I 1 a aa 18]; vgl. auch RGZ 55, 157, 160[]
  5. eben­so Arm­brüs­ter, r+s 2010, 441, 453; Hein­richs in Staudinger/​Halm/​Wendt, VVG 2. Aufl. § 105 Rn. 6; Bruck/​Möller/​Koch, VVG 9. Aufl. § 106 Rn. 24; Münch­Komm-VVG/­Litt­bar­ski, 2. Aufl. § 110 Rn. 24; Prölss/​Martin/​Lücke, VVG 31. Aufl. § 105 Rn. 12, § 110 Rn. 5; Mokh­tari, VersR 2014, 665, 667 ff.; Schwintowski/​Brömmelmeyer/​Retter, PK-VVG 3. Aufl. § 106 Rn. 10, § 110 Rn. 13; Schnei­der in Beckmann/​MatuscheBeckmann, Ver­si­che­rungs­rechts-Hand­buch 3. Aufl. § 24 Rn. 158[]
  6. BT-Drs. 16/​3945 S. 86 li. Sp.[]
  7. vgl. BT-Drs. 16/​3945 S. 86 re. Sp.[]
  8. so auch Arm­brüs­ter, r+s 2010, 441, 447; Hein­richs in Staudinger/​Halm/​Wendt, VVG 2. Aufl. § 106 Rn. 13; Hof­mann, Der Schutz von Drit­ten in der Insol­venz des Ver­si­che­rungs­neh­mers , 2018, S. 249 f.; Klim­ke, r+s 2014, 105, 107; Bruck/​Möller/​Koch, VVG 9. Aufl. § 106 Rn. 30; Lan­ge, r+s 2019, 613, 615 ff.; 2007, 401, 404; Münch­Komm-VVG/­Litt­bar­ski, 2. Aufl. § 106 Rn. 47 f.; Prölss/​Martin/​Lücke, VVG 31. Aufl. § 106 Rn. 10; Schwintowski/​Brömmelmeyer/​Retter, PKVVG 3. Aufl. § 106 Rn. 21; Beck­OK VVG/​Ruks, § 105 Rn. 2, § 106 Rn. 9 [Stand: 1.02.2021]; Schi­mi­kow­ski in Rüffer/​Halbach/​Schimikowski, VVG 4. Aufl. § 105 Rn. 4 f.; Schle­gel­milch, VersR 2009, 1467; Looschelders/​Pohlmann/​Schulze Schwi­en­horst, VVG 3. Aufl. § 106 Rn. 2 f.; Thu­me, VersR 2010, 849, 852[]
  9. Hof­mann, Der Schutz von Drit­ten in der Insol­venz des Ver­si­che­rungs­neh­mers, 2018, S. 249 f.; Bruck/​Möller/​Koch, VVG 9. Aufl. § 110 Rn. 11; Lan­ge, r+s 2019, 613, 616 ff.; Langheid/​Rixecker/​Langheid, VVG 6. Aufl. § 110 Rn. 4; Mokh­tari, VersR 2014, 665, 667 f.; Beck­OK VVG/​Ruks, § 106 Rn. 8 [Stand: 1.02.2021]; a.A. – ohne Aus­ein­an­der­set­zung mit der Rechts­la­ge nach der VVG-Reform – OLG Nürn­berg VersR 2013, 711 unter 1 12]; wohl auch LG Koblenz r+s 2012, 447 unter – II 1 19]; Beck­OK VVG/​Car, § 110 Rn. 3 [Stand: 1.02.2021]; Späte/​Schimikowski/​v. Rin­te­len, Haft­pflicht­ver­si­che­rung 2. Aufl. AHB Zif­fer 1 Rn. 382; unklar Prölss/​Martin/​Lücke, VVG 31. Aufl. § 110 Rn. 5[]
  10. vgl. BT-Drs. 16/​3945 S. 86 li. Sp.[]
  11. vgl. BGH, Urteil vom 26.01.2016 – II ZR 394/​13, WM 2016, 974 Rn.19; Bruck/​Möller/​Koch, VVG 9. Aufl. § 106 Rn. 33; Lan­ge, r+s 2019, 613, 617; Mokh­tari, VersR 2014, 665, 668; Münch­Komm-InsO/­Schu­ma­cher, 4. Aufl. § 178 Rn. 72[]
  12. a.A. Mokh­tari, VersR 2014, 665, 668[]
  13. vgl. BGH, Urtei­le vom 28.09.2005 – IV ZR 255/​04, VersR 2006, 106 Rn.20; vom 20.06.2001 – IV ZR 101/​00, VersR 2001, 1103 unter – II 2 b 17]; vom 30.09.1992 – IV ZR 314/​91, BGHZ 119, 276 unter 2 b aa, c 16, 21]; vom 18.03.1992 – IV ZR 51/​91, BGHZ 117, 345 unter 3 c 15][]
  14. vgl. zur Bin­dungs­wir­kung gegen­über Gesell­schaf­tern BGH, Urtei­le vom 20.02.2018 – II ZR 272/​16, BGHZ 217, 327 Rn. 30; vom 14.11.2005 – II ZR 178/​03, BGHZ 165, 85 unter – IV 1 23][]
  15. vgl. Hof­mann, Der Schutz von Drit­ten in der Insol­venz des Ver­si­che­rungs­neh­mers, 2018, S. 250[]

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