Kapi­tal­bil­den­de Lebens­ver­si­che­rung – und die Über­schuss­be­tei­li­gung

Für das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt sind nun kei­ne Grün­de ersicht­lich, dass die in Umset­zung des Urteils des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts vom 26.07.2005 1 getrof­fe­ne gesetz­li­che Neu­re­ge­lung u.a. der §§ 153 VVG, 81c VAG dem Schutz­auf­trag aus Art. 2 Abs. 1 und Art. 14 Abs. 1 GG gegen­über den Ver­si­cher­ten einer kapi­tal­bil­den­den Lebens­ver­si­che­rung nicht gerecht wür­den.

Kapi­tal­bil­den­de Lebens­ver­si­che­rung – und die Über­schuss­be­tei­li­gung

Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat durch sein Urteil vom 26.07.2005 1 geklärt, dass die in Art. 2 Abs. 1 und Art. 14 Abs. 1 GG ent­hal­te­nen objek­tiv­recht­li­chen Schutz­auf­trä­ge den Gesetz­ge­ber ver­pflich­ten, Vor­keh­run­gen dafür zu tref­fen, dass die Ver­si­cher­ten einer kapi­tal­bil­den­den Lebens­ver­si­che­rung mit Über­schuss­be­tei­li­gung an den durch die Prä­mi­en­zah­lung geschaf­fe­nen Ver­mö­gens­wer­ten bei der Ermitt­lung des Schluss­über­schus­ses ange­mes­sen betei­ligt wer­den.

Der Gesetz­ge­ber ist danach ver­pflich­tet vor­zu­sor­gen, dass die durch die Prä­mi­en­zah­lun­gen im Rah­men der unter­neh­me­ri­schen Ent­schei­dun­gen des Ver­si­che­rers geschaf­fe­nen Ver­mö­gens­wer­te als Grund­la­ge einer Schluss­über­schuss­be­tei­li­gung ein­setz­bar sind, soweit sie nicht durch ver­trags­ge­mä­ße Dis­po­si­tio­nen, etwa für die Ver­rech­nung mit Abschluss- und lau­fen­den Ver­wal­tungs­kos­ten und die Erbrin­gung der ver­ein­bar­ten Ver­si­che­rungs­leis­tun­gen, ver­braucht wor­den sind 2.

Der objek­tiv­recht­li­che Schutz aus Art. 14 Abs. 1 GG erstreckt sich auf die Siche­rung des zunächst nur dem Grun­de nach bestehen­den, wäh­rend der Lauf­zeit des Ver­trags zu kon­kre­ti­sie­ren­den und zu rea­li­sie­ren­den Anspruchs auf Über­schuss­be­tei­li­gung. Dazu gehö­ren die Berück­sich­ti­gung der beim Ver­si­che­rer geschaf­fe­nen Ver­mö­gens­wer­te als Quel­len für die Erwirt­schaf­tung und dar­auf auf­bau­end die Berech­nung von Über­schüs­sen. Die Schutz­pflicht folgt ergän­zend aus Art. 2 Abs. 1 GG, soweit die Ver­si­che­rungs­neh­mer nicht über effek­ti­ve Mög­lich­kei­ten zur Durch­set­zung ihrer recht­lich geschütz­ten Inter­es­sen im Rah­men pri­vat­au­to­no­mer Ent­schei­dun­gen ver­fü­gen. Die Effek­ti­vi­tät des Grund­rechts­schut­zes for­dert Maß­stä­be und Mög­lich­kei­ten einer recht­li­chen Über­prü­fung dar­auf­hin, ob die maß­ge­ben­den Ver­mö­gens­wer­te bei der Berech­nung des Schluss­über­schus­ses ange­mes­sen berück­sich­tigt wor­den sind. Die Anfor­de­run­gen an die Bestimmt­heit und Klar­heit der Nor­men ver­lan­gen auch Vor­ga­ben dafür, ob und wie weit stil­le Reser­ven bei der Berech­nung des Roh­über­schus­ses zu berück­sich­ti­gen sind und Quer­ver­rech­nun­gen den Schluss­über­schuss ver­rin­gern dür­fen 3.

Für die dama­li­ge Rechts­la­ge hat das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt in dem Urteil vom 26.07.2005 1 ent­schie­den, dass die Ver­si­cher­ten nach dem maß­ge­ben­den Recht kei­ne hin­rei­chen­de Mög­lich­keit hat­ten, ihre ent­spre­chen­den Belan­ge durch eige­nes Han­deln und dar­auf bezo­ge­nen gericht­li­chen Rechts­schutz effek­tiv zu ver­fol­gen. Die zum Aus­gleich geschaf­fe­nen Vor­keh­run­gen des Ver­si­che­rungs­auf­sichts­rechts reich­ten zur Erfül­lung des gesetz­li­chen Schutz­auf­trags nicht aus. Es fehl­ten ins­be­son­de­re Vor­keh­run­gen dafür, dass stil­le Reser­ven bei Ver­mö­gens­wer­ten, die mit Hil­fe der Prä­mi­en­zah­lun­gen der Ver­si­che­rungs­neh­mer gebil­det wor­den sind, bei der Berech­nung des Roh­über­schus­ses berück­sich­tigt und dass Quer­ver­rech­nun­gen von Kos­ten, soweit sie den Schluss­über­schuss ver­rin­gern, begrenzt wur­den 4. Durch zivil­recht­li­chen Rechts­schutz im Rah­men des Ver­si­che­rungs­ver­trags­rechts waren die Inter­es­sen der ein­zel­nen Ver­si­cher­ten nicht wir­kungs­voll gewahrt 5. Auch das Ver­si­che­rungs­auf­sichts­recht, auf des­sen Kon­troll­mög­lich­kei­ten die Zivil­ge­rich­te damals ver­wie­sen hat­ten, wur­de dem objek­tiv­recht­li­chen Schutz­auf­trag aus Art. 2 Abs. 1 und Art. 14 Abs. 1 GG nicht gerecht 6.

Grund­sätz­lich kommt dem Gesetz­ge­ber bei der Erfül­lung von Schutz­pflich­ten aller­dings ein wei­ter Ein­schät­zungs, Wer­tungs- und Gestal­tungs­spiel­raum zu, der auch Raum lässt, etwa kon­kur­rie­ren­de öffent­li­che und pri­va­te Inter­es­sen zu berück­sich­ti­gen. Die Ent­schei­dung, wel­che Maß­nah­men gebo­ten sind, kann vom Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt des­halb nur begrenzt nach­ge­prüft wer­den. Es kann erst dann ein­grei­fen, wenn der Gesetz­ge­ber die Schutz­pflicht evi­dent ver­letzt hat. Die Ver­fas­sung gibt den Schutz als Ziel vor, nicht jedoch sei­ne Aus­ge­stal­tung im Ein­zel­nen 7. Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt kann die Ver­let­zung einer Schutz­pflicht nur fest­stel­len, wenn Schutz­vor­keh­run­gen über­haupt nicht getrof­fen sind, wenn die getrof­fe­nen Rege­lun­gen und Maß­nah­men offen­sicht­lich unge­eig­net oder völ­lig unzu­läng­lich sind, das gebo­te­ne Schutz­ziel zu errei­chen, oder wenn sie erheb­lich hin­ter dem Schutz­ziel zurück­blei­ben 8.

Nach dem Urteil des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts vom 26.07.2005 1 führ­te der Gesetz­ge­ber im Jahr 2008 neue Vor­schrif­ten über die Über­schuss­be­tei­li­gung in der Lebens­ver­si­che­rung ein. Damit soll­te der ver­fas­sungs­recht­li­chen Schutz­pflicht des Gesetz­ge­bers Rech­nung getra­gen wer­den, die bei der kapi­tal­bil­den­den Lebens­ver­si­che­rung zuguns­ten der Ver­si­che­rungs­neh­mer besteht. Mit dem am 1.01.2008 in Kraft getre­te­nen § 153 wur­de die Über­schuss­be­tei­li­gung erst­mals im Gesetz über den Ver­si­che­rungs­ver­trag (Ver­si­che­rungs­ver­trags­ge­setz – VVG) 9 gere­gelt.

Für das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt sind nun kei­ne Grün­de ersicht­lich, dass die in Umset­zung des Urteils des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts vom 26.07.2005 1 getrof­fe­nen gesetz­li­chen Rege­lun­gen dem Schutz­auf­trag aus Art. 2 Abs. 1 und Art. 14 Abs. 1 GG gegen­über den Ver­si­cher­ten einer kapi­tal­bil­den­den Lebens­ver­si­che­rung nicht gerecht wür­den.

Die Ver­tei­lung der lau­fen­den Über­schüs­se ist für die Jah­re 2008 bis 2015 durch § 81c des Geset­zes über die Beauf­sich­ti­gung der Ver­si­che­rungs­un­ter­neh­men (im Fol­gen­den: VAG, vgl. heu­te: §§ 140, 145 VAG) und durch die Ver­ord­nung über die Min­dest­bei­trags­rück­erstat­tung in der Lebens­ver­si­che­rung (Min­dest­zu­füh­rungs­ver­ord­nung, im Fol­gen­den: Mind­ZV) vom 04.04.2008 10 gere­gelt 11. In die­sen Vor­schrif­ten ist fest­ge­legt, dass die Lebens­ver­si­che­rungs­un­ter­neh­men die über­schuss­be­rech­tig­ten Ver­si­che­rungs­ver­trä­ge ange­mes­sen am Kapi­tal­an­la­ge­er­geb­nis, am Risi­ko­er­geb­nis und am übri­gen Ergeb­nis zu betei­li­gen haben (vgl. § 81c Abs. 1 VAG a.F., § 4 Abs. 1 Satz 1 Mind­ZV). In der Min­dest­zu­füh­rungs­ver­ord­nung ist für die Ergeb­nis­quel­len jeweils eine Min­dest­be­tei­li­gung vor­ge­schrie­ben (vgl. § 4 Abs. 3, 4 und 5 Mind­ZV a.F.) 12; außer­dem ist auf­grund der Vor­ga­ben des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts die Mög­lich­keit einer Ver­rech­nung zwi­schen den Ergeb­nis­quel­len begrenzt (§ 4 Abs. 1 Satz 2 Mind­ZV a.F.; sie­he auch § 81c Abs. 3 Satz 2 VAG a.F.) 13.

Die durch die Nied­rig­zins­pha­se an den Finanz­märk­ten beding­ten Ände­run­gen durch das Gesetz zur Absi­che­rung sta­bi­ler und fai­rer Leis­tun­gen für Lebens­ver­si­cher­te (Lebens­ver­si­che­rungs­re­form­ge­setz) vom 01.08.2014 14 sind für den vor­lie­gen­den Fall ohne Bedeu­tung 15.

Für die Durch­füh­rung der Über­schuss­be­tei­li­gung hat § 56a Abs. 2 VAG in der vom 01.01.2008 bis zum 6.08.2014 gel­ten­den Fas­sung (heu­te: § 139 Abs. 1 VAG) – wie schon das frü­he­re Recht – zwei Wege vor­ge­se­hen: Die unmit­tel­ba­re Zutei­lung zulas­ten des Ergeb­nis­ses des Geschäfts­jah­res (auch als Direkt­gut­schrift bezeich­net) oder die Ein­stel­lung der für die Über­schuss­be­tei­li­gung bestimm­ten Beträ­ge in eine Rück­stel­lung für Bei­trags­rück­erstat­tung 16. In § 153 Abs. 2 VVG ist dar­über hin­aus gere­gelt, dass der Ver­si­che­rer die Betei­li­gung an dem Über­schuss grund­sätz­lich nach einem ver­ur­sa­chungs­ori­en­tier­ten Ver­fah­ren durch­zu­füh­ren hat 17. § 153 Abs. 3 VVG nor­miert als Spe­zi­al­re­ge­lung gegen­über § 153 Abs. 2 VVG die Ver­tei­lung der Bewer­tungs­re­ser­ven 18. Mit der Ein­be­zie­hung der Bewer­tungs­re­ser­ven in die Über­schuss­be­tei­li­gung gemäß § 153 VVG woll­te der Gesetz­ge­ber die Vor­ga­ben des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts bezüg­lich der Berück­sich­ti­gung stil­ler Reser­ven erfül­len 19. Inwie­fern die­ses Rege­lungs­sys­tem die Min­dest­an­for­de­run­gen an die gesetz­ge­be­ri­sche Schutz­pflicht ver­feh­len soll­te, erhellt der Vor­trag der Ver­fas­sungs­be­schwer­de nicht. Die­ser geht im Ergeb­nis nur dar­auf aus, die Rege­lung für ver­bes­se­rungs­be­dürf­tig zu erach­ten. Das genügt in der hier gege­be­nen Kon­stel­la­ti­on nicht den Begrün­dungs­an­for­de­run­gen.

Auch die Rüge, Ver­fas­sungs­be­schwer­de, eine Ver­let­zung des Schutz­auf­trags aus Art. 2 Abs. 1 und Art. 14 Abs. 1 GG lie­ge dar­in, dass es an einer kon­kre­ten Fest­le­gung feh­le, wie eine ange­mes­se­ne Über­schuss­be­tei­li­gung zu gewähr­leis­ten sei, ver­wirft das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt:

Wie die Aus­zah­lung des Anteils eines aus­schei­den­den Ver­si­che­rungs­neh­mers an den Bewer­tungs­re­ser­ven zu finan­zie­ren ist, ergibt sich aus den gesetz­li­chen Vor­schrif­ten über die Rück­stel­lung für Bei­trags­rück­erstat­tung. Wie der Bun­des­ge­richts­hof in der ange­grif­fe­nen Ent­schei­dung her­vor­hebt 20, ist im Ver­si­che­rungs­auf­sichts­recht aus­drück­lich vor­ge­se­hen, dass die­se Rück­stel­lung (nur) für die Über­schuss­be­tei­li­gung der Ver­si­cher­ten ein­schließ­lich der Betei­li­gung an den Bewer­tungs­re­ser­ven ver­wen­det wer­den darf (vgl. § 56a Abs. 3 Satz 1 VAG in der vom 01.01.2008 bis zum 8.04.2013 gül­ti­gen Fas­sung, heu­te: § 140 Abs. 1 Satz 1 VAG; sie­he zu den Abläu­fen auch Wandt, VersR, 6. Aufl.2016, Rn. 1253). Der Aus­zah­lungs­be­trag für die Betei­li­gung an den Bewer­tungs­re­ser­ven (§ 153 Abs. 3 Satz 2 VVG) wird ent­we­der als sons­ti­ger ver­si­che­rungs­tech­ni­scher Auf­wand in einer Form ana­log der Direkt­gut­schrift ver­bucht und min­dert inso­fern die gesetz­lich bestimm­te Min­dest­zu­füh­rung zur Rück­stel­lung für Bei­trags­rück­erstat­tung, oder er wird direkt der Rück­stel­lung für Bei­trags­rück­erstat­tung ent­nom­men 21.

Die in die­sem Zusam­men­hang erho­be­ne Rüge, die vom Bun­des­ge­richts­hof gebil­lig­te Pra­xis der Ver­si­che­rer füh­re zu dem ver­fas­sungs­wid­ri­gen Ergeb­nis, dass die Bewer­tungs­re­ser­ven den Ver­si­cher­ten nicht zusätz­lich zugu­te­kä­men, lässt eine Aus­ein­an­der­set­zung mit den Grün­den der ange­grif­fe­nen Ent­schei­dung des Bun­des­ge­richts­hofs ver­mis­sen.

Der Ver­si­che­rungs­neh­mer bean­stan­det, der Bun­des­ge­richts­hof habe mit dem ange­grif­fe­nen Urteil die Pra­xis der Ver­si­che­rungs­wirt­schaft gebil­ligt, Über­schüs­se der Ver­si­che­rungs­neh­mer in Antei­le an Bewer­tungs­re­ser­ven umzu­de­kla­rie­ren mit der Fol­ge, dass ein höhe­rer Anteil an den Bewer­tungs­re­ser­ven bei der Rück­stel­lung für Bei­trags­rück­erstat­tung zugleich ein Absin­ken des Schluss­über­schus­ses zur Fol­ge habe. Die­se Rüge geht an den Grün­den der ange­grif­fe­nen Ent­schei­dung des Bun­des­ge­richts­hofs vor­bei. Wie sich die Aus­zah­lung der Bewer­tungs­re­ser­ven im Ein­zel­nen auf die Höhe des ver­blei­ben­den Über­schuss­an­teils des Ver­si­che­rungs­neh­mers aus­ge­wirkt hat, hat der Bun­des­ge­richts­hof nicht aus­ge­führt und wur­de im Aus­gangs­ver­fah­ren auch nicht näher fest­ge­stellt. Ins­be­son­de­re wur­de nicht fest­ge­stellt, dass der Beklag­te die Über­schuss­be­tei­li­gung gera­de um den Anteil des Ver­si­che­rungs­neh­mers an den Bewer­tungs­re­ser­ven abge­senkt hat. Der Bun­des­ge­richts­hof erwähnt im letz­ten Satz der ange­grif­fe­nen Ent­schei­dung zwar, dass der Ver­si­che­rungs­neh­mer zu Unrecht die "Ver­rech­nung" der ermit­tel­ten Bewer­tungs­re­ser­ve mit dem Schluss­über­schuss­an­teil angrei­fe. Dies bedeu­tet aber nicht, dass der Bun­des­ge­richts­hof von die­ser vom Ver­si­che­rungs­neh­mer behaup­te­ten und bean­stan­de­ten "Umde­kla­rie­rung" aus­ge­gan­gen wäre.

Der Bun­des­ge­richts­hof hat ledig­lich dar­auf abge­stellt, dass die Betei­li­gung an dem Über­schuss und an den Bewer­tungs­re­ser­ven Bestand­teil des umfas­sen­den Begriffs der Über­schuss­be­tei­li­gung im Sin­ne von § 153 VVG sei­en und daher in glei­cher Wei­se finan­ziert wür­den. Da es sich um eine Finan­zie­rung der gesam­ten Über­schuss­be­tei­li­gung han­de­le, habe ein höhe­rer Anteil der Bewer­tungs­re­ser­ven bei der Rück­stel­lung für Bei­trags­rück­erstat­tung zugleich ein Absin­ken des Schluss­über­schus­ses zur Fol­ge 22. Der Ver­si­che­rungs­neh­mer legt nicht dar, war­um dies zu bean­stan­den sein soll. Wie bereits aus­ge­führt, min­dert der Aus­zah­lungs­be­trag für die Betei­li­gung an den Bewer­tungs­re­ser­ven (§ 153 Abs. 3 Satz 2 VVG) ent­we­der die gesetz­lich bestimm­te Min­dest­zu­füh­rung zur Rück­stel­lung für Bei­trags­rück­erstat­tung oder er wird direkt der Rück­stel­lung ent­nom­men 23. Damit führt die Betei­li­gung an den Bewer­tungs­re­ser­ven im Ergeb­nis zu einer Ver­rin­ge­rung der Rück­stel­lung für Bei­trags­rück­erstat­tung, nach der sich die Schluss­über­schuss­an­tei­le des Ver­si­che­rungs­neh­mers bemes­sen 24.

Die Mög­lich­keit einer Grund­rechts­ver­let­zung ist fer­ner auch mit der Rüge nicht zurei­chend sub­stan­ti­iert auf­ge­zeigt, mit der sich der Ver­si­che­rungs­neh­mer gegen die recht­li­che Wür­di­gung des Bun­des­ge­richts­hofs wen­det, § 315 BGB fin­de im Rah­men der Rege­lung der Über­schuss­be­tei­li­gung gemäß § 153 VVG kei­ne Anwen­dung.

Die Ver­fas­sungs­be­schwer­de macht gel­tend, nur über eine Anwen­dung des § 315 BGB wer­de der vom Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt gefor­der­ten Über­prü­fungs­mög­lich­keit im Sin­ne eines effek­ti­ven Rechts­schut­zes ent­spro­chen. Sie legt aber nicht dar, war­um die abwei­chen­de Auf­fas­sung des Bun­des­ge­richts­hofs, die die­ser in der ange­grif­fe­nen Ent­schei­dung ein­ge­hend begrün­det hat 25, nicht zumin­dest ver­tret­bar sein soll 26. Sie führt auch nicht aus, war­um die ver­fas­sungs­recht­lich gebo­te­nen Maß­stä­be und Mög­lich­kei­ten einer gericht­li­chen Über­prü­fung der Über­schuss­be­tei­li­gung zwin­gend eine Anwen­dung des § 315 BGB erfor­dern soll­ten. Eine gericht­li­che Nach­prü­fung der Über­schuss­be­tei­li­gung ist auch im Rah­men des § 153 VVG denk­bar 27. So hat der Bun­des­ge­richts­hof in dem ange­grif­fe­nen Urteil einen Aus­kunfts­an­spruch des Ver­si­che­rungs­neh­mers in Erwä­gung gezo­gen, auch wenn er ihn letzt­lich auf­grund der Umstän­de des vor­lie­gen­den Ein­zel­falls ver­neint hat 28.

Schließ­lich ist auch die Rüge nicht sub­stan­ti­iert aus­ge­führt, mit wel­cher der Ver­si­che­rungs­neh­mer die Ver­nei­nung eines Aus­kunfts­an­spruchs bezüg­lich der mathe­ma­ti­schen Berech­nung sei­ner Betei­li­gung am Über­schuss und an den Bewer­tungs­re­ser­ven ein­schließ­lich ihrer Berech­nungs­grund­la­gen angreift. Die Ver­fas­sungs­be­schwer­de setzt sich auch inso­weit nicht hin­rei­chend mit den Grün­den der ange­grif­fe­nen Ent­schei­dung des Bun­des­ge­richts­hofs aus­ein­an­der. Der Bun­des­ge­richts­hof hat den Aus­kunfts­an­spruch mit der Begrün­dung abge­lehnt, dass aus­rei­chen­de Anhalts­punk­te für Nach­zah­lungs­an­sprü­che des Ver­si­che­rungs­neh­mers fehl­ten, weil die­ser die Berech­nung der Höhe der Bewer­tungs­re­ser­ve durch den Beklag­ten nicht angrei­fe und sich aus­schließ­lich gegen die angeb­lich unzu­läs­si­ge Ver­rech­nung der Bewer­tungs­re­ser­ve mit dem Schluss­über­schuss­an­teil wen­de 29. Dem tritt die Ver­fas­sungs­be­schwer­de nicht mit sub­stan­ti­ier­ten Erwä­gun­gen ent­ge­gen. Viel­mehr geht sie selbst davon aus, dass der Beklag­te den Anteil des Ver­si­che­rungs­neh­mers an den Bewer­tungs­re­ser­ven "mög­li­cher­wei­se" rich­tig ermit­telt hat.

Aller­dings wer­den die Zivil­ge­rich­te bei der zukünf­ti­gen Bestim­mung des Umfangs und des Inhalts von Aus­kunfts­an­sprü­chen im Zusam­men­hang mit der Über­schuss­be­tei­li­gung gemäß § 153 VVG zu berück­sich­ti­gen haben, dass die Effek­ti­vi­tät des Grund­rechts­schut­zes nach dem Urteil des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts vom 26.07.2005 30 Maß­stä­be und Mög­lich­kei­ten einer recht­li­chen Über­prü­fung dar­auf­hin for­dert, ob die maß­ge­ben­den Ver­mö­gens­wer­te bei der Berech­nung des Schluss­über­schus­ses ange­mes­sen berück­sich­tigt wor­den sind. Denn im Ver­si­che­rungs­auf­sichts­recht besteht nach wie vor eine blo­ße Miss­stands­auf­sicht, die nur die "aus­rei­chen­de Wah­rung der Belan­ge der Ver­si­cher­ten" gewähr­leis­tet, und kei­ne Recht­mä­ßig­keits­auf­sicht, die unter Berück­sich­ti­gung der indi­vi­du­el­len Belan­ge der Ver­si­cher­ten erfolgt (vgl. § 294 Abs. 2 Satz 2 VAG bzw. § 81 Abs. 1 Satz 2 VAG in der bis zum 31.12 2015 gel­ten­den Fas­sung); die Auf­sichts­be­hör­de nimmt ihre Auf­ga­ben gemäß § 294 Abs. 8 VAG (§ 81 Abs. 1 Satz 3 VAG a.F.) nur im öffent­li­chen Inter­es­se wahr 31. Ob die vom Bun­des­ge­richts­hof auf­ge­stell­ten Grund­sät­ze aus­rei­chen, um einen effek­ti­ven Grund­rechts­schutz zu gewähr­leis­ten, wird die wei­te­re Ent­wick­lung der Recht­spre­chung zei­gen 32.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 17. Febru­ar 2017 – 1 BvR 781/​15

  1. BVerfGE 114, 73[][][][][]
  2. vgl. BVerfGE 114, 73, 89 ff.; sie­he zu den Schutz­pflich­ten auch das wei­te­re Urteil vom 26.07.2005, BVerfGE 114, 1, 33 ff.[]
  3. vgl. BVerfGE 114, 73, 91 f.; sie­he auch BVerfGK 7, 283, 296[]
  4. vgl. BVerfGE 114, 73, 92 ff., 97[]
  5. vgl. BVerfGE 114, 73, 97 ff.[]
  6. vgl. BVerfGE 114, 73, 99 ff.; sie­he auch BVerfGK 7, 283, 299 f.[]
  7. vgl. BVerfG, Beschluss vom 04.05.2011 – 1 BvR 1502/​08, NVwZ 2011, S. 991, 994 f. Rn. 38 m.w.N.; sie­he auch BVerfGE 133, 59, 75 f. Rn. 45 m.w.N.[]
  8. vgl. BVerfGE 125, 39, 78 f. m.w.N.[]
  9. Fas­sung vom 23.11.2007, BGBl I S. 2631[]
  10. BGBl I S. 690[]
  11. vgl. Win­ter, in: Bruck/​Möller, VVG, 9. Aufl.2013, § 153 Rn. 175 ff., auch zu dem bis Ende 2007 gel­ten­den Recht[]
  12. sie­he auch Heiss, in: Mün­che­ner Kom­men­tar zum VVG, 2. Aufl.2017, § 153 Rn. 39[]
  13. BT-Drs. 16/​6518, S. 18 f.; zu den ver­fas­sungs­recht­li­chen Vor­ga­ben vgl. BVerfGE 114, 73, 88 f., 92[]
  14. BGBl I S. 1330, 1332 ff.[]
  15. vgl. die zum 7.08.2014 neu ein­ge­führ­ten Rege­lun­gen des § 56a Abs. 3 und 4 VAG a.F., heu­te: § 139 Abs. 3 und 4 VAG, dazu BT-Drs. 18/​1772, S. 22; zu den dama­li­gen Ände­run­gen der Mind­ZV vgl. BT-Drs. 18/​1772, S. 27 ff. sowie Ortmann/​Rubin, in: Schwintowski/​Brömmelmeyer, VVG, 3. Aufl.2017, § 153 Rn. 18 f., 47 f., die auch die Fas­sung der Mind­ZV vom 18.04.2016 behan­deln[]
  16. vgl. Ortmann/​Rubin, in: Schwintowski/​Brömmelmeyer, Pra­xis­kom­men­tar zum VVG, 3. Aufl.2017, § 153 Rn. 22; Wandt, VersR, 6. Aufl.2016, Rn. 1238 ff.; Win­ter, in: Bruck/​Möller, VVG, 9. Aufl.2013, § 153 Rn. 109 ff., 131 ff.[]
  17. sie­he dazu näher BT-Drs. 16/​3945, S. 96[]
  18. vgl. BT-Drs. 16/​3945, S. 96 f.[]
  19. vgl. BT-Drs. 16/​3945, S. 96; sie­he auch BVerfGE 114, 73, 88 f., 92[]
  20. vgl. BGHZ 204, 172, 178 f. Rn. 16[]
  21. vgl. Enge­län­der, VersR 2007, 155, 158 f.; Win­ter, in: Bruck/​Möller, VVG, 9. Aufl.2013, § 153 Rn. 17, 210; sie­he auch BT-Drs. 17/​9327, S. 2[]
  22. vgl. BGHZ 204, 172, 178 f. Rn. 16; sie­he dazu auch Wandt, VersR, 6. Aufl.2016, Rn. 1251[]
  23. vgl. Enge­län­der, VersR 2007, 155, 158 f.; Win­ter, in: Bruck/​Möller, VVG, 9. Aufl.2013, § 153 Rn. 210, der die Belas­tung des ver­blei­ben­den Ver­si­cher­ten­kol­lek­tivs her­vor­hebt[]
  24. vgl. Win­ter, in: Bruck/​Möller, VVG, 9. Aufl.2013, § 153 Rn. 120[]
  25. vgl. BGHZ 204, 172, 180 ff. Rn. 18 ff.[]
  26. gegen eine Anwen­dung des § 315 BGB auch Krau­se, in: Looschelders/​Pohlmann, VVG, 2. Aufl.2011, § 153 Rn. 32; Lang­heid in: Langheid/​Rixecker, VVG, 5. Aufl.2016, § 153 Rn. 58[]
  27. vgl. Heiss, in: Mün­che­ner Kom­men­tar zum VVG, 2. Aufl.2017, § 153 Rn. 47, ergän­zend Rn. 45 ff.[]
  28. vgl. BGHZ 204, 172, 182 f. Rn. 23 ff.; sie­he zu Aus­kunfts­an­sprü­chen auch BGH, Urteil vom 02.12 2015 – IV ZR 28/​15, VersR 2016, S. 173, 175 Rn. 13 ff.; Beschluss vom 01.06.2016 – IV ZR 507/​15, VersR 2016, S. 1236, 1237 f. Rn. 7, 9 f.; OLG Nürn­berg, Urteil vom 24.03.2016 – 8 U 1092/​15 22 ff.; LG Dort­mund, Urteil vom 27.10.2011 – 2 O 479/​09 29 ff.; LG Ham­burg, Urteil vom 15.01.2016 – 332 O 254/​15 18 ff.; Wandt, VersR, 6. Aufl.2016, Rn. 1252[]
  29. vgl. BGHZ 204, 172, 182 f. Rn. 26[]
  30. BVerfGE 114, 73, 91 f.[]
  31. vgl. LG Dort­mund, Urteil vom 27.10.2011 – 2 O 479/​09 30; Bröm­mel­mey­er, in: Beck­man­n/­Ma­tu­sche-Beck­mann, Ver­si­che­rungs­rechts-Hand­buch, 3. Aufl.2015, § 42 Rn. 296; Heiss, in: Mün­che­ner Kom­men­tar zum VVG, 2. Aufl.2017, § 153 Rn. 35; sie­he auch Laars, VAG, 3. Aufl.2015, § 81 Rn. 5 f.; Wandt, VersR, 6. Aufl.2016, Rn. 65 ff., 72, 107; Win­ter, in: Bruck/​Möller, VVG, 9. Aufl.2013, § 153 Rn.205, 208; zu den ver­fas­sungs­recht­li­chen Fol­gen BVerfGE 114, 73, 99 ff.[]
  32. sie­he neben der ange­grif­fe­nen Ent­schei­dung: BGHZ 204, 172, 182 ff. Rn. 23 ff., auch BGH, Urteil vom 02.12 2015 – IV ZR 28/​15, VersR 2016, S. 173, 175 f. Rn. 13 ff.; Beschluss vom 01.06.2016 – IV ZR 507/​15, VersR 2016, S. 1236, 1237 f. Rn. 7, 9 f.[]
  33. BVerfGE 114, 73[]