Lebens­ver­si­che­run­gen, uni­ons­rechts­wid­ri­ge Wider­rufs­be­leh­run­gen – und das "ewi­ge Wider­spruchs­recht"

Die par­ti­el­le Nicht­an­wen­dung von § 5a Abs. 2 Satz 4 VVG a. F. im Bereich der Lebens­ver­si­che­run­gen ist ver­fas­sungs­recht­lich nicht zu bean­stan­den.

Lebens­ver­si­che­run­gen, uni­ons­rechts­wid­ri­ge Wider­rufs­be­leh­run­gen – und das "ewi­ge Wider­spruchs­recht"

So hat das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt jetzt zwei Ver­fas­sungs­be­schwer­den gegen Urtei­le des Bun­des­ge­richts­hofs 1 zum Wider­spruch gegen Ver­si­che­rungs­ver­trä­ge auf Grund­la­ge der zwi­schen­zeit­lich außer Kraft getre­te­nen Rege­lung des § 5a Abs. 2 Satz 4 VVG a. F., die vom 29.07.1994 bis zum 31.12 2007 gegol­ten hat, nicht zur Ent­schei­dung ange­nom­men. Die vom Bun­des­ge­richts­hof im Wege der richt­li­ni­en­kon­for­men Aus­le­gung vor­ge­nom­me­ne Ein­schrän­kung des Anwen­dungs­be­reichs der Norm und die damit ein­her­ge­hen­de Ein­räu­mung eines "ewi­gen" Wider­spruchs­rechts im Bereich der Lebens­ver­si­che­run­gen, wenn der Ver­si­che­rungs­neh­mer nicht ord­nungs­ge­mäß über sein Wider­spruchs­recht belehrt wor­den war oder die Ver­brau­cher­infor­ma­ti­on oder die Ver­si­che­rungs­be­din­gun­gen nicht erhal­ten hat, ist ver­fas­sungs­recht­lich nicht zu bean­stan­den.

Die Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs zum "ewi­gen" Wider­spruchs­recht[↑]

Die Klä­ger der bei­den Aus­gangs­ver­fah­ren schlos­sen in den Jah­ren 1999 und 2003 im Wege des in § 5a VVG a. F. gere­gel­ten "Poli­cen­mo­dells" fonds­ge­bun­de­ne Lebens­ver­si­che­run­gen sowie eine fonds­ge­bun­de­ne Ren­ten­ver­si­che­rung bei der beklag­ten Ver­si­che­rungs­ge­sell­schaft ab. Die Klä­ger wider­spra­chen dem Ver­trags­schluss in den Jah­ren 2010 bezie­hungs­wei­se 2013. Die von den Klä­gern gegen die Ver­si­che­rungs­ge­sell­schaft erho­be­nen Kla­gen, die unter ande­rem jeweils auf Rück­zah­lung der den Rück­kaufs­wert über­stei­gen­den, von ihnen gezahl­ten Ver­si­che­rungs­prä­mi­en gerich­tet waren, hat­ten vor dem Bun­des­ge­richts­hof teil­wei­se Erfolg 2.

Zur Begrün­dung des Anspruchs der Klä­ger führ­te der Bun­des­ge­richts­hof aus, dass die Klä­ger nicht ord­nungs­ge­mäß über ihr Wider­spruchs­recht belehrt wor­den sei­en. Für einen sol­chen Fall habe § 5a Abs. 2 Satz 4 VVG a. F. zwar bestimmt, dass das Wider­spruchs­recht ein Jahr nach Zah­lung der ers­ten Prä­mie erlö­sche. Die erst in den Jah­ren 2010 und 2013 erklär­ten Wider­sprü­che sei­en jedoch unge­ach­tet die­ser Jah­res­frist recht­zei­tig erfolgt. Denn die Wider­spruchs­frist sei in Erman­ge­lung einer ord­nungs­ge­mä­ßen Wider­spruchs­be­leh­rung nicht in Lauf gesetzt wor­den. Das erge­be eine richt­li­ni­en­kon­for­me, an der Zwei­ten und der Drit­ten Richt­li­nie Lebens­ver­si­che­rung ori­en­tier­te Aus­le­gung des § 5a Abs. 2 Satz 4 VVG a. F. auf der Grund­la­ge der Vor­ab­ent­schei­dung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on vom 19.12 2013 3. Dies hat zur Fol­ge, dass die Jah­res­frist für das Erlö­schen des Wider­spruchs­rechts nur noch im Bereich der Ver­si­che­run­gen ande­rer Art, nament­lich der Sach­scha­den­ver­si­che­run­gen anwend­bar ist.

Den Klä­gern ste­he jeweils ein Berei­che­rungs­an­spruch in der aus­ge­ur­teil­ten Höhe zu. Sie sei­en nicht ord­nungs­ge­mäß über ihr Wider­spruchs­recht belehrt wor­den. Es feh­le der Hin­weis auf das Schrift­form­erfor­der­nis des Wider­spruchs und die Beleh­rung, dass der Beginn der Wider­spruchs­frist nicht nur den Erhalt des Ver­si­che­rungs­scheins, son­dern auch der Ver­si­che­rungs­be­din­gun­gen und der Ver­brau­cher­infor­ma­ti­on vor­aus­set­ze. Für einen sol­chen Fall habe § 5a Abs. 2 Satz 4 VVG a.F. zwar bestimmt, dass das Wider­spruchs­recht ein Jahr nach Zah­lung der ers­ten Prä­mie erlö­sche. Die erst in den Jah­ren 2010 und 2013 erklär­ten Wider­sprü­che sei­en jedoch unge­ach­tet die­ser Jah­res­frist recht­zei­tig erfolgt. Das erge­be eine richt­li­ni­en­kon­for­me Aus­le­gung des § 5a Abs. 2 Satz 4 VVG a.F. auf der Grund­la­ge der Vor­ab­ent­schei­dung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on vom 19.12.2013 4, wie der Bun­des­ge­richts­hof bereits mit Urteil vom 07.05.2014 5 ent­schie­den habe.

In sei­nem in Bezug genom­me­nen Urteil vom 07.05.2014 5 hat der Bun­des­ge­richts­hof dazu im Ein­zel­nen aus­ge­führt: An das in der Vor­ab­ent­schei­dung des Euro­päi­schen Gerichts­hofs gefun­de­ne Aus­le­gungs­er­geb­nis, dass Art. 15 Abs. 1 der Zwei­ten Richt­li­nie Lebens­ver­si­che­rung 6 unter Berück­sich­ti­gung des Art. 31 der Drit­ten Richt­li­nie Lebens­ver­si­che­rung 7 einer natio­na­len Rege­lung wie § 5a Abs. 2 Satz 4 VVG a.F. ent­ge­gen­ste­he, sei­en die natio­na­len Gerich­te gebun­den.

Zwar sei die Bestim­mung über das Erlö­schen des Wider­spruchs­rechts ein Jahr nach Zah­lung der ers­ten Prä­mie in § 5a Abs. 2 Satz 4 VVG a.F. einer Aus­le­gung im enge­ren Sin­ne nicht zugäng­lich, da dem der ein­deu­ti­ge Wort­laut der Vor­schrift ent­ge­gen­ste­he. Die Rege­lung sei aber richt­li­ni­en­kon­form teleo­lo­gisch der­ge­stalt zu redu­zie­ren, dass sie im Anwen­dungs­be­reich der Zwei­ten und der Drit­ten Richt­li­nie Lebens­ver­si­che­rung kei­ne Anwen­dung fin­de und für davon erfass­te Lebens- und Ren­ten­ver­si­che­run­gen sowie Zusatz­ver­si­che­run­gen zur Lebens­ver­si­che­rung (Art. 1 Zif­fer 1 A bis C der Ers­ten Richt­li­nie 79/​267/​EWG des Rates vom 05.03.1979 zur Koor­di­nie­rung der Rechts- und Ver­wal­tungs­vor­schrif­ten über die Auf­nah­me und Aus­übung der Direkt­ver­si­che­rung, Lebens­ver­si­che­rung i.V.m. Art. 2 Abs. 1 der Richt­li­nie 92/​96/​EWG des Rates vom 10.11.1992) grund­sätz­lich ein Wider­spruchs­recht fort­be­stehe, wenn der Ver­si­che­rungs­neh­mer nicht ord­nungs­ge­mäß über sein Recht zum Wider­spruch belehrt wor­den sei oder die Ver­brau­cher­infor­ma­ti­on oder die Ver­si­che­rungs­be­din­gun­gen nicht erhal­ten habe. Hin­ge­gen sei § 5a Abs. 2 Satz 4 VVG a.F. – inner­halb sei­ner zeit­li­chen Gel­tungs­dau­er – für alle Ver­si­che­rungs­ar­ten außer­halb des Bereichs der Richt­li­ni­en unver­än­dert anwend­bar.

Die Vor­schrift wei­se die für eine teleo­lo­gi­sche Reduk­ti­on erfor­der­li­che ver­deck­te Rege­lungs­lü­cke im Sin­ne einer plan­wid­ri­gen Unvoll­stän­dig­keit des Geset­zes auf. Eine sol­che lie­ge vor, wenn das aus­drück­lich ange­streb­te Ziel einer richt­li­ni­en­kon­for­men Umset­zung durch die Rege­lung nicht erreicht wor­den sei und aus­ge­schlos­sen wer­den kön­ne, dass der Gesetz­ge­ber die Rege­lung in glei­cher Wei­se erlas­sen hät­te, wenn ihm bekannt gewe­sen wäre, dass sie nicht richt­li­ni­en­kon­form sei. Der Norm­zweck sei – außer im Fal­le einer aus­drück­li­chen Umset­zungs­ver­wei­ge­rung – unter Berück­sich­ti­gung des gesetz­ge­be­ri­schen Wil­lens zu bestim­men, eine Richt­li­nie kor­rekt umzu­set­zen. Dem Gesetz­ge­ber kön­ne nicht unter­stellt wer­den, dass er sehen­den Auges einen Richt­li­ni­en­ver­stoß in Kauf neh­men wol­le.

§ 5a Abs. 2 Satz 4 VVG a.F. ste­he in Wider­spruch zu dem mit dem Gesetz ver­folg­ten Grund­an­lie­gen, die Drit­te Richt­li­nie Lebens­ver­si­che­rung ord­nungs­ge­mäß umzu­set­zen. § 10a VAG und § 5a VVG a.F. stell­ten einen ein­heit­lich zu betrach­ten­den Kom­plex dar. § 5a VVG a.F. erwei­se sich als Ein­schrän­kung des § 10a VAG. Er beru­he aus­weis­lich der Begrün­dung dar­auf, dass die im Regie­rungs­ent­wurf des § 10a VAG geplan­ten, vor Abschluss des Ver­tra­ges zu erfül­len­den Infor­ma­ti­ons­ver­pflich­tun­gen in der Pra­xis auf zum Teil unüber­wind­ba­re Schwie­rig­kei­ten sto­ßen wür­den 8. Die zu der Aus­nah­me­re­ge­lung des § 5a Abs. 2 Satz 4 VVG a.F. gege­be­ne Begrün­dung, die Aus­schluss­frist (von einem Jahr für den Wider­spruch) sei im Inter­es­se des Rechts­frie­dens erfor­der­lich, ände­re jedoch nichts am Zweck des gesam­ten Rege­lungs­kom­ple­xes, die Richt­li­nie umzu­set­zen.

Die Rege­lungs­lü­cke des § 5a Abs. 2 Satz 4 VVG a.F. sei richt­li­ni­en­kon­form der­ge­stalt zu schlie­ßen, dass die Vor­schrift im Bereich der Lebens- und Ren­ten­ver­si­che­rung und der Zusatz­ver­si­che­run­gen zur Lebens­ver­si­che­rung nicht anwend­bar sei, aber auf die von der Drit­ten Richt­li­nie Lebens­ver­si­che­rung nicht erfass­ten Ver­si­che­rungs­ar­ten unein­ge­schränkt Anwen­dung fin­de. Durch die gespal­te­ne Aus­le­gung wer­de zum einen dem Wil­len des Gesetz­ge­bers zur Umset­zung der Richt­li­nie Rech­nung getra­gen und zum ande­ren für die übri­gen, nicht davon erfass­ten Ver­si­che­rungs­ar­ten die Aus­schluss­frist von einem Jahr im Inter­es­se der ange­streb­ten Rechts­si­cher­heit bei­be­hal­ten. Der Gesetz­ge­ber habe zwei Ent­schei­dun­gen getrof­fen: eine Struk­tur­ent­schei­dung, das Wider­spruchs­recht und sein Erlö­schen ein­heit­lich für alle Ver­si­che­run­gen zu regeln, und eine Sach­ent­schei­dung mit dem Inhalt des § 5a Abs. 2 Satz 4 VVG a.F. Die Richt­li­ni­en­wid­rig­keit der Sach­ent­schei­dung im Bereich der von der Richt­li­nie erfass­ten Ver­si­che­rungs­ar­ten sei ihm nicht bekannt gewe­sen. Dass er an der Struk­tur­ent­schei­dung fest­ge­hal­ten hät­te, wenn er eine abwei­chen­de Sach­ent­schei­dung für Lebens- und Ren­ten­ver­si­che­run­gen hät­te tref­fen müs­sen, sei nicht anzu­neh­men. In einem Groß­teil der Anwen­dungs­fäl­le der Norm kön­ne der gesetz­ge­be­ri­sche Wil­le indes­sen Gel­tung erlan­gen, ohne den Anwen­dungs­be­reich der Richt­li­nie zu berüh­ren. Im über­schie­ßend gere­gel­ten Bereich der Nicht-Lebens­ver­si­che­rung sei­en abwei­chen­de Aus­le­gungs­ge­sichts­punk­te zu beach­ten. Inso­weit bestün­den kei­ne ent­spre­chen­den Richt­li­ni­en­vor­ga­ben.

Zwar for­de­re die mit dem Drit­ten Durchführungsgesetz/​EWG zum Ver­si­che­rungs­auf­sichts­ge­setz eben­falls umge­setz­te Drit­te Richt­li­nie Scha­den­ver­si­che­rung 9 auch Ver­brau­cher­infor­ma­tio­nen, sehe jedoch – anders als die Drit­te Richt­li­nie Lebens­ver­si­che­rung – nicht vor, dem Ver­si­che­rungs­neh­mer vor Abschluss des Ver­tra­ges "min­des­tens" die "Moda­li­tä­ten der Aus­übung des Wider­rufs- und Rück­tritts­rechts" mit­zu­tei­len. Zudem hal­te das natio­na­le Recht den Ver­si­che­rungs­neh­mer außer­halb der Lebens­ver­si­che­rung im Hin­blick auf die zu ertei­len­den Infor­ma­tio­nen für weni­ger schüt­zens­wert. Den Pro­duk­ten der Lebens­ver­si­che­rung wer­de gro­ße Kom­ple­xi­tät bei­gemes­sen, was die Bedeu­tung des Ver­brau­cher­schut­zes erhö­he. Hin­zu kom­me, dass sich der Ver­si­che­rungs­neh­mer einer Lebens- oder Ren­ten­ver­si­che­rung, anders als bei Ver­si­che­run­gen mit jähr­li­cher Wech­sel­mög­lich­keit, regel­mä­ßig über einen lan­gen Zeit­raum an das Pro­dukt und den Ver­si­che­rer bin­de. Die Ent­schei­dung für einen Ver­trag habe hier wei­ter rei­chen­de Fol­gen und grö­ße­re wirt­schaft­li­che Bedeu­tung als bei den meis­ten ande­ren Ver­si­che­rungs­ar­ten. Mit Blick auf die beson­de­re Bedeu­tung der Lebens- und Ren­ten­ver­si­che­run­gen gebie­te Art. 3 Abs. 1 GG kei­ne Gleich­be­hand­lung von Lebens- und Ren­ten­ver­si­che­run­gen mit ande­ren Ver­si­che­run­gen.

Die­se gespal­te­ne Aus­le­gung ver­sto­ße auch nicht gegen das in Art.20 Abs. 3 GG ver­an­ker­te Prin­zip der Rechts­si­cher­heit, das Ver­trau­ens­schutz für den Bür­ger gewähr­leis­te. Habe die betrof­fe­ne Par­tei mit der Fort­gel­tung der bis­he­ri­gen Rechts­la­ge rech­nen dür­fen und ver­die­ne die­ses Inter­es­se bei einer Abwä­gung mit den Belan­gen des Ver­trags­part­ners und den Anlie­gen der All­ge­mein­heit den Vor­zug, lie­ge ein Ein­griff in recht­lich geschütz­te Posi­tio­nen vor. Die unein­ge­schränk­te Anwen­dung des § 5a Abs. 2 Satz 4 VVG a.F. habe indes nicht als gesi­chert ange­se­hen wer­den kön­nen, weil ihre Richt­li­ni­en­kon­for­mi­tät im Schrift­tum von Anfang an bezwei­felt wor­den sei. Die richt­li­ni­en­kon­for­me Reduk­ti­on des § 5a Abs. 2 Satz 4 VVG a.F. bedeu­te auch kei­ne geset­zes­wid­ri­ge Rechts­schöp­fung. § 5a Abs. 2 Satz 4 VVG a.F. kön­ne zwar nicht im enge­ren Sin­ne aus­ge­legt, jedoch im Wege der nach natio­na­lem Recht zuläs­si­gen und erfor­der­li­chen teleo­lo­gi­schen Reduk­ti­on richt­li­ni­en­kon­form fort­ge­bil­det wer­den, sodass ein aus­rei­chen­der Anwen­dungs­be­reich für die gesetz­ge­be­ri­sche Sach­ent­schei­dung ver­blei­be.

Was die Anspruchs­hö­he ange­he, kön­ne sich die Ver­si­che­rungs­ge­sell­schaft hin­sicht­lich der von ihr gel­tend gemach­ten Abschluss- und Ver­wal­tungs­kos­ten nicht auf den Weg­fall der Berei­che­rung beru­fen (§ 818 Abs. 3 BGB).

Ver­mö­gens­nach­tei­le des Berei­che­rungs­schuld­ners sei­en nur berück­sich­ti­gungs­fä­hig, wenn sie bei wirt­schaft­li­cher Betrach­tungs­wei­se adäquat-kau­sal auf der Berei­che­rung beruh­ten. Nach die­ser Maß­ga­be sei­en die Ver­wal­tungs­kos­ten bereits des­halb nicht berei­che­rungs­min­dernd zu berück­sich­ti­gen, weil sie nicht adäquat-kau­sal durch die Prä­mi­en­zah­lun­gen der Klä­ger ent­stan­den, son­dern unab­hän­gig von den streit­ge­gen­ständ­li­chen Ver­si­che­rungs­ver­trä­gen ange­fal­len und begli­chen wor­den sei­en.

Auch in Bezug auf die Abschluss­kos­ten kön­ne die Ver­si­che­rungs­ge­sell­schaft nicht mit Erfolg den Ent­rei­che­rungs­ein­wand erhe­ben. Denn inso­weit sei das Ent­rei­che­rungs­ri­si­ko nach den maß­geb­li­chen Wer­tungs­ge­sichts­punk­ten der Ver­si­che­rungs­ge­sell­schaft zuge­wie­sen. Der mit der richt­li­ni­en­kon­for­men Aus­le­gung bezweck­te Schutz des Ver­si­che­rungs­neh­mers gebie­te, dass der Ver­si­che­rer in Fäl­len des wirk­sa­men Wider­spruchs das Ent­rei­che­rungs­ri­si­ko hin­sicht­lich der Abschluss­kos­ten tra­ge. Dem hier zu beach­ten­den euro­pa­recht­li­chen Effek­ti­vi­täts­ge­bot wider­spre­che es, wenn der Ver­si­che­rungs­neh­mer zwar auch nach Ablauf der Jah­res­frist des § 5a Abs. 2 Satz 4 VVG a.F. dem Zustan­de­kom­men des Ver­tra­ges wider­spre­chen kön­ne, aber die Abschluss­kos­ten tra­gen müs­se. Ins­be­son­de­re im Fal­le des Wider­spruchs nach kur­zer Prä­mi­en­zah­lungs­dau­er wür­de das Wider­spruchs­recht weit­ge­hend ent­wer­tet, weil die bezahl­ten Bei­trä­ge zu einem erheb­li­chen Teil durch die Abschluss­kos­ten auf­ge­zehrt wür­den.

Die Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts[↑]

Mit ihren Ver­fas­sungs­be­schwer­den wen­det sich die von den bei­den Urtei­len des Bun­des­ge­richts­hof betrof­fe­ne Ver­si­che­rungs­ge­sell­schaft gegen die Urtei­le des Bun­des­ge­richts­hofs und rügt unter ande­rem die Ver­let­zung der Gren­zen rich­ter­li­cher Rechts­fort­bil­dung und Geset­zes­bin­dung aus Art. 2 Abs. 1 GG in Ver­bin­dung mit Art.20 Abs. 2 Satz 2, Abs. 3 GG.

Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat die Ver­fas­sungs­be­schwer­de man­gels Erfolgs­aus­sich­ten nicht zur Ent­schei­dung ange­nom­men:

Unter­las­se­ne Vor­la­ge an den EuGH[↑]

Soweit die Ver­fas­sungs­be­schwer­den eine Ver­let­zung ihres grund­rechts­glei­chen Rechts auf den gesetz­li­chen Rich­ter (Art. 101 Abs. 1 Satz 2 GG) unter dem Gesichts­punkt einer unter­blie­be­nen Vor­la­ge an den Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on rügen, genü­gen die­se Bean­stan­dun­gen schon nicht den Anfor­de­run­gen an die nach § 23 Abs. 1 Satz 2, § 92 BVerfGG erfor­der­li­che Begrün­dung.

Eine Begrün­dung im Sin­ne von § 23 Abs. 1 Satz 2, § 92 BVerfGG erfor­dert, dass die Ver­si­che­rungs­ge­sell­schaft die Mög­lich­keit einer Ver­let­zung ihrer Grund­rech­te oder grund­rechts­glei­chen Rech­te hin­rei­chend deut­lich auf­zeigt 10. Dabei hat die Ver­si­che­rungs­ge­sell­schaft auch dar­zu­le­gen, inwie­weit das bezeich­ne­te Grund­recht durch die ange­grif­fe­ne Maß­nah­me ver­letzt sein soll 11 und mit wel­chen ver­fas­sungs­recht­li­chen Anfor­de­run­gen die Maß­nah­me kol­li­diert 12. Soweit das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt für bestimm­te Fra­gen bereits ver­fas­sungs­recht­li­che Maß­stä­be ent­wi­ckelt hat, muss anhand die­ser Maß­stä­be auf­ge­zeigt wer­den, inwie­weit Grund­rech­te durch die ange­grif­fe­ne Maß­nah­me ver­letzt wer­den 13. Bei Urteils­ver­fas­sungs­be­schwer­den ist zudem in der Regel eine ins Ein­zel­ne gehen­de argu­men­ta­ti­ve Aus­ein­an­der­set­zung mit den Grün­den der ange­foch­te­nen Ent­schei­dung erfor­der­lich 14. Es bedarf dem­nach einer umfas­sen­den ein­fach­recht­li­chen und ver­fas­sungs­recht­li­chen Auf­ar­bei­tung der Rechts­la­ge 15.

Dem wer­den die Begrün­dun­gen der Ver­fas­sungs­be­schwer­den nicht in jeder Hin­sicht gerecht.

Der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on ist gesetz­li­cher Rich­ter im Sin­ne des Art. 101 Abs. 1 Satz 2 GG 16. Unter den Vor­aus­set­zun­gen des Art. 267 Abs. 3 AEUV sind die natio­na­len Gerich­te von Amts wegen gehal­ten, den Gerichts­hof anzu­ru­fen 17. Kommt ein deut­sches Gericht sei­ner Pflicht zur Anru­fung des Gerichts­hofs im Wege des Vor­ab­ent­schei­dungs­ver­fah­rens daher nicht nach, kann dem Rechts­schutz­su­chen­den des Aus­gangs­rechts­streits der gesetz­li­che Rich­ter ent­zo­gen sein 18.

Durch die grund­rechts­ähn­li­che Gewähr­leis­tung des Art. 101 Abs. 1 Satz 2 GG wird das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt aller­dings nicht zu einem Kon­troll­organ, das jeden die gericht­li­che Zustän­dig­keits­ord­nung berüh­ren­den Ver­fah­rens­feh­ler kor­ri­gie­ren müss­te. Es muss viel­mehr dem Umstand Rech­nung tra­gen, dass die Kon­trol­le der gericht­li­chen Zustän­dig­keits­ver­tei­lung in ers­ter Linie in den Hän­den der Fach­ge­rich­te liegt 19. Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt bean­stan­det die Aus­le­gung und Anwen­dung von Nor­men, die die gericht­li­che Zustän­dig­keits­ver­tei­lung regeln, daher nur, wenn sie bei ver­stän­di­ger Wür­di­gung der das Grund­ge­setz bestim­men­den Gedan­ken nicht mehr ver­ständ­lich erschei­nen und offen­sicht­lich unhalt­bar sind 20.

Die­se Grund­sät­ze gel­ten auch für die uni­ons­recht­li­che Zustän­dig­keits­vor­schrift des Art. 267 Abs. 3 AEUV. Daher stellt nicht jede Ver­let­zung der uni­ons­recht­li­chen Vor­la­ge­pflicht zugleich einen Ver­stoß gegen Art. 101 Abs. 1 Satz 2 GG dar 21.

Die Vor­la­ge­pflicht wird jedoch ins­be­son­de­re in den Fäl­len offen­sicht­lich unhalt­bar gehand­habt, in denen ein letzt­in­stanz­li­ches Haupt­sa­che­ge­richt eine Vor­la­ge trotz der – sei­ner Auf­fas­sung nach bestehen­den – Ent­schei­dungs­er­heb­lich­keit der uni­ons­recht­li­chen Fra­ge über­haupt nicht in Erwä­gung zieht, obwohl es selbst Zwei­fel hin­sicht­lich der rich­ti­gen Beant­wor­tung der Fra­ge hegt (grund­sätz­li­che Ver­ken­nung der Vor­la­ge­pflicht), oder in denen das letzt­in­stanz­li­che Haupt­sa­che­ge­richt in sei­ner Ent­schei­dung bewusst von der Recht­spre­chung des Euro­päi­schen Gerichts­hofs zu ent­schei­dungs­er­heb­li­chen Fra­gen abweicht und gleich­wohl nicht oder nicht neu­er­lich vor­legt (bewuss­tes Abwei­chen ohne Vor­la­ge­be­reit­schaft). Liegt zu einer ent­schei­dungs­er­heb­li­chen Fra­ge des Uni­ons­rechts ein­schlä­gi­ge Recht­spre­chung des Gerichts­hofs noch nicht vor oder hat eine vor­lie­gen­de Recht­spre­chung die ent­schei­dungs­er­heb­li­che Fra­ge mög­li­cher­wei­se noch nicht erschöp­fend beant­wor­tet oder erscheint eine Fort­ent­wick­lung der Recht­spre­chung des Gerichts­hofs nicht nur als ent­fern­te Mög­lich­keit, so wird Art. 101 Abs. 1 Satz 2 GG nur dann ver­letzt, wenn das letzt­in­stanz­li­che Haupt­sa­che­ge­richt den ihm in sol­chen Fäl­len not­wen­dig zukom­men­den Beur­tei­lungs­rah­men in unver­tret­ba­rer Wei­se über­schrit­ten hat (Unvoll­stän­dig­keit der Recht­spre­chung 22).

Gemes­sen dar­an man­gelt es hin­sicht­lich der von den Ver­fas­sungs­be­schwer­den gerüg­ten Nicht­be­rück­sich­ti­gung der Ver­wal­tungs­kos­ten beim Berei­che­rungs­aus­gleich schon an einer uni­ons­recht­li­chen Argu­men­ta­ti­on des Bun­des­ge­richts­hofs, die geeig­net sein könn­te, die Vor­la­ge­pflicht (Art. 267 Abs. 3 AEUV) unter dem Gesichts­punkt der grund­sätz­li­chen Ver­ken­nung der­sel­ben zu berüh­ren. Denn der Bun­des­ge­richts­hof hält die der Ver­si­che­rungs­ge­sell­schaft ent­stan­de­nen Ver­wal­tungs­kos­ten allein des­halb für nicht berück­sich­ti­gungs­fä­hig, weil sie bei wirt­schaft­li­cher Betrach­tungs­wei­se nicht adäquat-kau­sal auf der Berei­che­rung beruh­ten. Ein uni­ons­recht­li­cher Bezug wird inso­weit nicht her­ge­stellt.

Was die Abschluss­kos­ten anbe­langt, zei­gen die Ver­fas­sungs­be­schwer­den nicht auf, inwie­fern die Wür­di­gung des Bun­des­ge­richts­hofs, das Ent­rei­che­rungs­ri­si­ko sei inso­weit wegen des mit der richt­li­ni­en­kon­for­men Aus­le­gung von § 5a Abs. 2 Satz 4 VVG a.F. bezweck­ten Schut­zes des Ver­si­che­rungs­neh­mers der Ver­si­che­rungs­ge­sell­schaft zuge­wie­sen, nicht mehr ver­ständ­lich und offen­sicht­lich unhalt­bar sein könn­te. Die Auf­fas­sung des Bun­des­ge­richts­hofs, es wider­spre­che dem euro­pa­recht­li­chen Effek­ti­vi­täts­ge­bot, wenn der Ver­si­che­rungs­neh­mer zwar auch nach Ablauf der Jah­res­frist des § 5a Abs. 2 Satz 4 VVG a.F. dem Zustan­de­kom­men des Ver­tra­ges wider­spre­chen kön­ne, aber den­noch die Abschluss­kos­ten tra­gen müs­se, weil ins­be­son­de­re im Fal­le des Wider­spruchs nach kur­zer Prä­mi­en­zah­lungs­dau­er das Wider­spruchs­recht sonst weit­ge­hend ent­wer­tet wer­de, ist nicht unver­tret­bar.

Glei­ches gilt hin­sicht­lich der vom Bun­des­ge­richts­hof bereits in sei­nem jeweils in Bezug genom­me­nen Urteil vom 07.05.2014 23 ver­tre­te­nen Rechts­auf­fas­sung, wonach § 5a Abs. 2 Satz 4 VVG a.F. auf die von der Drit­ten Richt­li­nie Lebens­ver­si­che­rung nicht erfass­ten Ver­si­che­rungs­ar­ten unein­ge­schränkt Anwen­dung fin­det. Die Ver­fas­sungs­be­schwer­den legen auch inso­weit nicht dar, war­um der Bun­des­ge­richts­hof den ihm zukom­men­den Beur­tei­lungs­rah­men in unver­tret­ba­rer Wei­se über­schrit­ten haben soll­te, indem er sei­nen Stand­punkt unter ande­rem mit dem Hin­weis auf die bei den Lebens- und Ren­ten­ver­si­che­run­gen wei­ter rei­chen­den Fol­gen und die grö­ße­re wirt­schaft­li­che Bedeu­tung der ver­trag­li­chen Bin­dung als bei den unter die Drit­te Richt­li­nie Scha­den­ver­si­che­rung 9 fal­len­den Ver­si­che­rungs­ar­ten begrün­det hat.

Rechts­fort­bil­dung ‑und die Aus­le­gung ein­fa­chen Rechts[↑]

Im Übri­gen erwei­sen sich die Ver­fas­sungs­be­schwer­den auf der Grund­la­ge der bereits ergan­ge­nen Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts als unbe­grün­det. Die ange­grif­fe­nen Ent­schei­dun­gen wah­ren die ver­fas­sungs­recht­li­chen Gren­zen der rich­ter­li­chen Rechts­fin­dung und Geset­zes­bin­dung und ent­täu­schen die Ver­si­che­rungs­ge­sell­schaft nicht in ver­fas­sungs­recht­lich schutz­wür­di­gem Ver­trau­en. Sie ver­let­zen die Ver­si­che­rungs­ge­sell­schaft daher nicht in ihrem Recht aus Art. 2 Abs. 1 in Ver­bin­dung mit Art.20 Abs. 2 Satz 2 und Abs. 3 GG.

Die Aus­le­gung des ein­fa­chen Rechts ein­schließ­lich der Wahl der hier­bei anzu­wen­den­den Aus­le­gungs­me­tho­de ist Sache der Fach­ge­rich­te; und vom Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt nicht umfas­send auf ihre Rich­tig­keit zu unter­su­chen 24. Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt beschränkt sei­ne Über­prü­fung gericht­li­cher Ent­schei­dun­gen auf die Ver­let­zung spe­zi­fi­schen Ver­fas­sungs­rechts 25. Soweit es um die Wah­rung der rich­ter­li­chen Kom­pe­tenz­gren­zen aus Art.20 Abs. 2 Satz 2 und Abs. 3 GG geht, kon­trol­liert das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, ob das Fach­ge­richt bei der Rechts­fin­dung die gesetz­ge­be­ri­sche Grund­ent­schei­dung respek­tiert und von den aner­kann­ten Metho­den der Geset­zes­aus­le­gung in ver­tret­ba­rer Wei­se Gebrauch gemacht hat 26.

Abs. 2 GG ver­leiht dem Grund­satz der Gewal­ten­tei­lung Aus­druck. Auch wenn die­ses Prin­zip im Grund­ge­setz nicht im Sin­ne einer strik­ten Tren­nung der Funk­tio­nen und einer Mono­po­li­sie­rung jeder ein­zel­nen bei einem bestimm­ten Organ aus­ge­stal­tet wor­den ist 27, schließt es doch aus, dass die Gerich­te Befug­nis­se bean­spru­chen, die die Ver­fas­sung dem Gesetz­ge­ber über­tra­gen hat, indem sie sich aus der Rol­le des Norman­wen­ders in die einer norm­set­zen­den Instanz bege­ben und damit der Bin­dung an Recht und Gesetz ent­zie­hen 28.

Die­se Ver­fas­sungs­grund­sät­ze ver­bie­ten es dem Rich­ter nicht, das Recht fort­zu­ent­wi­ckeln 29. Anlass zu rich­ter­li­cher Rechts­fort­bil­dung besteht ins­be­son­de­re dort, wo Pro­gram­me aus­ge­füllt, Lücken geschlos­sen, Wer­tungs­wi­der­sprü­che auf­ge­löst wer­den oder beson­de­ren Umstän­den des Ein­zel­falls Rech­nung getra­gen wird 30. Der Auf­ga­be und Befug­nis zur "schöp­fe­ri­schen Rechts­fin­dung und Rechts­fort­bil­dung" sind aller­dings mit Rück­sicht auf den aus Grün­den der Rechts­staat­lich­keit unver­zicht­ba­ren Grund­satz der Bin­dung der Recht­spre­chung an Gesetz und Recht Gren­zen gesetzt 31.

Rechts­fort­bil­dung stellt kei­ne unzu­läs­si­ge rich­ter­li­che Eigen­macht dar, sofern durch sie der erkenn­ba­re Wil­le des Gesetz­ge­bers nicht bei­sei­te­ge­scho­ben und durch eine aut­ark getrof­fe­ne rich­ter­li­che Abwä­gung der Inter­es­sen ersetzt wird 32. Der Gesetz­ge­ber hat dies auch seit lan­gem aner­kannt und dem obers­ten Zivil­ge­richt die Auf­ga­be der Rechts­fort­bil­dung aus­drück­lich über­ant­wor­tet (vgl. § 132 Abs. 4 GVG, § 543 Abs. 2 Satz 1 Nr. 2 ZPO). Dies belässt dem Gesetz­ge­ber die Mög­lich­keit, in uner­wünsch­te Rechts­ent­wick­lun­gen kor­ri­gie­rend ein­zu­grei­fen und so im Wech­sel­spiel von Recht­spre­chung und Recht­set­zung sei­ne demo­kra­ti­sche Ver­ant­wor­tung wahr­zu­neh­men 33.

Rich­ter­li­che Rechts­fort­bil­dung darf hin­ge­gen nicht dazu füh­ren, dass die Gerich­te ihre eige­ne mate­ri­el­le Gerech­tig­keits­vor­stel­lung an die Stel­le der­je­ni­gen des Gesetz­ge­bers set­zen 34. Die Auf­ga­be der Recht­spre­chung beschränkt sich viel­mehr dar­auf, den vom Gesetz­ge­ber fest­ge­leg­ten Sinn und Zweck eines Geset­zes unter gewan­del­ten Bedin­gun­gen mög­lichst zuver­läs­sig zur Gel­tung zu brin­gen oder eine plan­wid­ri­ge Rege­lungs­lü­cke mit den aner­kann­ten Aus­le­gungs­me­tho­den zu fül­len. Eine Inter­pre­ta­ti­on, die als rich­ter­li­che Rechts­fort­bil­dung den Wort­laut des Geset­zes hint­an­stellt und sich über den klar erkenn­ba­ren Wil­len des Gesetz­ge­bers hin­weg­setzt, greift unzu­läs­sig in die Kom­pe­ten­zen des demo­kra­tisch legi­ti­mier­ten Gesetz­ge­bers ein 35.

Auch die Beant­wor­tung der Fra­ge, ob und in wel­chem Umfang Rege­lungs­lü­cken bestehen oder gewan­del­te Ver­hält­nis­se wei­ter­füh­ren­de recht­li­che Ant­wor­ten erfor­dern, obliegt zuvör­derst den Fach­ge­rich­ten. Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt darf deren Wür­di­gung daher grund­sätz­lich nicht durch sei­ne eige­ne erset­zen. Sei­ne Kon­trol­le beschränkt sich dar­auf, ob die rechts­fort­bil­den­de Aus­le­gung durch die Fach­ge­rich­te die gesetz­ge­be­ri­sche Grund­ent­schei­dung und deren Zie­le respek­tiert und ob sie den aner­kann­ten Metho­den der Geset­zes­aus­le­gung folgt 36.

Die Ein­hal­tung die­ser Gren­zen kon­trol­liert das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt glei­cher­ma­ßen bei natio­na­lem Recht, das der Umset­zung einer Richt­li­nie der Euro­päi­schen Uni­on dient 37. Die Pflicht zur Ver­wirk­li­chung des Richt­li­ni­en­ziels im Aus­le­gungs­we­ge fin­det ihre Gren­zen an dem nach inner­staat­li­cher Rechts­tra­di­ti­on metho­disch Erlaub­ten. So ver­langt auch der Euro­päi­sche Gerichts­hof vom natio­na­len Gericht nur, bei der Anwen­dung des inner­staat­li­chen Rechts die­ses soweit wie mög­lich anhand des Wort­lauts und des Zwe­ckes der Richt­li­nie aus­zu­le­gen, um das in ihr fest­ge­leg­te Ergeb­nis zu errei­chen und so Arti­kel 249 Absatz 3 EGV [heu­te Art. 288 Abs. 3 AEUV] nach­zu­kom­men 38. Eben­so hat der Euro­päi­sche Gerichts­hof erkannt, dass die Pflicht zur uni­ons­rechts­kon­for­men Aus­le­gung ins­be­son­de­re im Grund­satz der Rechts­si­cher­heit ihre Schran­ken fin­det und daher nicht als Grund­la­ge für eine Aus­le­gung des natio­na­len Rechts con­tra legem die­nen darf 39. Ob und inwie­weit das inner­staat­li­che Recht eine ent­spre­chen­de richt­li­ni­en­kon­for­me Aus­le­gung zulässt, beur­tei­len die inner­staat­li­chen Gerich­te 40.

Will­kür­ver­bot[↑]

Nach die­sen Maß­stä­ben ver­let­zen die ange­grif­fe­nen Ent­schei­dun­gen Art. 2 Abs. 1 in Ver­bin­dung mit Art.20 Abs. 2 Satz 2, Abs. 3 GG nicht. Der Bun­des­ge­richts­hof hat im Rah­men der Rechts­fin­dung die gesetz­ge­be­ri­sche Grund­ent­schei­dung respek­tiert, den erkenn­ba­ren, ursprüng­li­chen Wil­len des Gesetz­ge­bers nicht bei­sei­te­ge­scho­ben und den von die­sem fest­ge­leg­ten Sinn und Zweck der Rege­lung unter den durch die Recht­spre­chung des Euro­päi­schen Gerichts­hofs gewan­del­ten Bedin­gun­gen mög­lichst weit­ge­hend zur Gel­tung gebracht (aa). Er hat zudem die inner­staat­lich vor­ge­ge­be­nen metho­di­schen Gren­zen nicht über­schrit­ten, son­dern von den aner­kann­ten Metho­den der Geset­zes­aus­le­gung in ver­tret­ba­rer Wei­se Gebrauch gemacht (bb).

Der Bun­des­ge­richts­hof hat im Rah­men der Rechts­fin­dung die gesetz­ge­be­ri­sche Grund­ent­schei­dung respek­tiert.

Die Grund­ent­schei­dung, an die die Gerich­te ver­fas­sungs­recht­lich gebun­den sind, lässt sich unter ande­rem aus den Geset­zes­ma­te­ria­li­en erschlie­ßen. Der Beson­der­heit, dass das natio­na­le Recht unter Umstän­den uni­ons­recht­lich deter­mi­niert ist, etwa weil es sich um ein Umset­zungs­ge­setz zu einem unio­na­len Rechts­akt wie einer Richt­li­nie han­delt, kann inner­staat­lich durch die Annah­me Rech­nung getra­gen wer­den, dass der mit­glied­staat­li­che Gesetz­ge­ber im Zwei­fel nicht gegen sei­ne Pflicht aus Art. 288 Abs. 3 AEUV ver­sto­ßen woll­te, das Ziel der Richt­li­nie umzu­set­zen 41.

Vor die­sem Hin­ter­grund ist es jeden­falls ver­tret­bar und damit ver­fas­sungs­recht­lich nicht zu bean­stan­den, dass der Bun­des­ge­richts­hof in sei­nem in den ange­grif­fe­nen Ent­schei­dun­gen in Bezug genom­me­nen Urteil vom 07.05.2014 42 unter Hin­weis auf die Begrün­dung des Regie­rungs­ent­wurfs 43 und die Beschluss­emp­feh­lung des Finanz­aus­schus­ses zu § 5a VVG a.F. 44 davon aus­ge­gan­gen ist, dass der Gesetz­ge­ber mit dem Drit­ten Gesetz zur Durch­füh­rung ver­si­che­rungs­recht­li­cher Richt­li­ni­en des Rates der Euro­päi­schen Gemein­schaf­ten vom 21.07.1994 (Drit­tes Durchführungsgesetz/​EWG zum VAG) 45 die Drit­te Richt­li­nie Lebens­ver­si­che­rung vom 10.11.1992 46 ord­nungs­ge­mäß habe umset­zen wol­len, dass § 5a Abs. 2 Satz 4 VVG a.F. mit die­sem Ziel jedoch teil­wei­se kon­f­li­gie­re.

Die Ein­wän­de der Ver­fas­sungs­be­schwer­den, der Gesetz­ge­ber habe mit der Ein­füh­rung des § 5a VVG a.F. pri­mär eine Har­mo­ni­sie­rung des Auf­sichts­rechts bezweckt, und die Aus­schluss­frist des § 5a Abs. 2 Satz 4 VVG a.F. sei aus­weis­lich der Beschluss­emp­feh­lung des Finanz­aus­schus­ses 47 allein – und inso­weit richt­li­ni­en­fremd – "im Inter­es­se des Rechts­frie­dens" geschaf­fen wor­den, hat der Bun­des­ge­richts­hof bei der Bestim­mung des Geset­zes­zwecks in zumin­dest ver­tret­ba­rer Wei­se berück­sich­tigt. Durch die Mög­lich­keit einer gespal­te­nen Aus­le­gung der Vor­schrift tritt auch die von den Ver­fas­sungs­be­schwer­den all­ge­mein besorg­te Kon­se­quenz nicht ein, dass der Gesetz­ge­ber sonst – woll­te er die voll­stän­di­ge Bean­stan­dung einer richt­li­ni­en­um­set­zen­den Rege­lung aus uni­ons­recht­li­chen Grün­den in Fäl­len der vor­lie­gen­den Art von vorn­her­ein ver­mei­den – stets gezwun­gen wäre, uni­ons­recht­lich nicht vor­ge­ge­be­ne, aber auf der­sel­ben gesetz­ge­be­ri­schen Struk­tur­ent­schei­dung beru­hen­de Rege­lun­gen geson­dert zu erlas­sen.

Indem der Bun­des­ge­richts­hof die Wir­kung der Norm – die Aus­schluss­frist von einem Jahr für den Wider­spruch – auf "Ver­si­che­run­gen ande­rer Art" beschränkt, ent­spricht er inso­weit dem Wil­len des natio­na­len Gesetz­ge­bers, trägt zugleich aber den gewan­del­ten Bedin­gun­gen Rech­nung, die sich aus den Anfor­de­run­gen des Uni­ons­rechts in der spä­te­ren Aus­le­gung des Euro­päi­schen Gerichts­hofs erge­ben.

Der Bun­des­ge­richts­hof hat von den aner­kann­ten Metho­den der Geset­zes­aus­le­gung auch in ver­tret­ba­rer Wei­se Gebrauch gemacht und die Gren­zen her­kömm­li­cher Geset­zes­in­ter­pre­ta­ti­on und rich­ter­li­cher Rechts­fort­bil­dung nicht über­schrit­ten.

Eine ver­fas­sungs­recht­lich unzu­läs­si­ge rich­ter­li­che Rechts­fort­bil­dung ist dadurch gekenn­zeich­net, dass sie, aus­ge­hend von einer teleo­lo­gi­schen Inter­pre­ta­ti­on, den kla­ren Wort­laut des Geset­zes hint­an­stellt, ihren Wider­hall nicht im Gesetz fin­det; und vom Gesetz­ge­ber nicht aus­drück­lich oder – bei Vor­lie­gen einer erkenn­bar plan­wid­ri­gen Geset­zes­lü­cke – still­schwei­gend gebil­ligt wird 48. Rich­ter­li­che Rechts­fort­bil­dung über­schrei­tet die ver­fas­sungs­recht­li­chen Gren­zen, wenn sie deut­lich erkenn­ba­re, mög­li­cher­wei­se sogar aus­drück­lich im Wort­laut doku­men­tier­te gesetz­li­che Ent­schei­dun­gen abän­dert oder ohne aus­rei­chen­de Rück­bin­dung an gesetz­li­che Aus­sa­gen neue Rege­lun­gen schafft 49.

Dabei umreißt die Auf­fas­sung, ein Rich­ter ver­let­ze sei­ne Geset­zes­bin­dung gemäß Art.20 Abs. 3 GG durch jede Aus­le­gung, die nicht im Wort­laut des Geset­zes vor­ge­ge­ben ist, die Auf­ga­be der Recht­spre­chung zu eng. Art.20 Abs. 3 GG ver­pflich­tet die Gerich­te, "nach Gesetz und Recht" zu ent­schei­den. Eine bestimm­te Aus­le­gungs­me­tho­de oder gar eine rei­ne Wort­in­ter­pre­ta­ti­on schreibt die Ver­fas­sung nicht vor 50. Der Wort­laut des Geset­zes zieht im Regel­fall kei­ne star­re Aus­le­gungs­gren­ze 48. Zu den aner­kann­ten Metho­den der Geset­zes­aus­le­gung gehört auch die teleo­lo­gi­sche Reduk­ti­on 51.

Mit die­sen Maß­stä­ben sind die ange­grif­fe­nen Ent­schei­dun­gen ver­ein­bar.

Wie der Bun­des­ge­richts­hof aus­führt, ließ nach sei­nem Ver­ständ­nis der Wort­laut des § 5a Abs. 2 Satz 4 VVG a.F., der ein Erlö­schen des Wider­spruchs­rechts unab­hän­gig davon bestimm­te, ob der Ver­si­che­rungs­neh­mer über die­ses Recht belehrt war, eine "Aus­le­gung im enge­ren Sin­ne" an sich nicht zu. Das steht aus ver­fas­sungs­recht­li­cher Sicht der rechts­fort­bil­dend vor­ge­nom­me­nen teleo­lo­gi­schen Reduk­ti­on ihres Anwen­dungs­be­reichs indes­sen nicht ent­ge­gen.

Die aus der par­ti­el­len Nicht­an­wen­dung der Norm fol­gen­de Ein­räu­mung eines "ewi­gen" Wider­rufs­rechts im Bereich der Lebens­ver­si­che­run­gen fin­det eine aus­rei­chen­de Rück­bin­dung an gesetz­li­che Aus­sa­gen, die auf eine bis­lang still­schwei­gen­de Bil­li­gung des Gesetz­ge­bers schlie­ßen las­sen. Das durch uni­ons­recht­li­che Richt­li­ni­en man­nig­fal­tig deter­mi­nier­te natio­na­le Ver­brau­cher­recht kann­te bereits der­ar­ti­ge unbe­fris­te­te Ver­trags­auf­lö­sungs­me­cha­nis­men. So wur­de die im Zuge der Schuld­rechts­mo­der­ni­sie­rung ein­ge­führ­te 52 Vor­schrift des (dama­li­gen) § 355 Abs. 3 Satz 1 BGB über das Erlö­schen des Wider­rufs­rechts nach sechs Mona­ten auf Emp­feh­lung des Rechts­aus­schus­ses des Bun­des­ta­ges 53 für den Fall der nicht ord­nungs­ge­mä­ßen Beleh­rung zum 1.08.2002 durch Art. 25 Abs. 1 Nr. 6b des Geset­zes zur Ände­rung des Rechts der Ver­tre­tung durch Rechts­an­wäl­te vor den Ober­lan­des­ge­rich­ten vom 23.07.2002 54 auf­ge­ho­ben. Zum 8.12 2004 wur­de für Fern­ab­satz­ver­trä­ge über Finanz­dienst­leis­tun­gen über­dies bestimmt, dass selbst bei ord­nungs­ge­mä­ßer Wider­rufs­be­leh­rung, aber Nicht­er­fül­lung bestimm­ter Mit­tei­lungs­pflich­ten die Befris­tung des Wider­rufs­rechts ent­fällt (Art. 1 Nr. 4 des Geset­zes zur Ände­rung der Vor­schrif­ten über Fern­ab­satz­ver­trä­ge bei Finanz­dienst­leis­tun­gen vom 02.12 2004, BGBl I S. 3102, 3103; vgl. auch BT-Drs. 15/​2946, S. 6, 23; zur heu­ti­gen Rechts­la­ge vgl. § 356 Abs. 3 Satz 3 BGB). Für den Bereich der Ver­brau­cher-Immo­bi­li­ar­dar­le­hens­ver­trä­ge hat der Gesetz­ge­ber durch Art. 2 Zif­fer 1 des Geset­zes zur Umset­zung der Wohn­im­mo­bi­li­en­kre­dit­richt­li­nie und zur Ände­rung han­dels­recht­li­cher Vor­schrif­ten vom 11.03.2016 55 nicht nur das Ent­ste­hen eines "ewi­gen" Wider­rufs­rechts bei Neu­ver­trä­gen durch die Ein­fü­gung einer abso­lu­ten Erlö­schens­re­ge­lung ver­hin­dert (vgl. § 356b Abs. 2 Satz 4 BGB), son­dern – der Beschluss­emp­feh­lung des Aus­schus­ses für Recht und Ver­brau­cher­schutz 56 fol­gend – von der Mög­lich­keit Gebrauch gemacht, ein bereits ent­stan­de­nes "ewi­ges" Wider­rufs­recht auch bei Alt­ver­trä­gen nach­träg­lich mit Ablauf des 21.06.2016 zu Fall zu brin­gen, um so eine uner­wünsch­te Rechts­ent­wick­lung zu kor­ri­gie­ren (vgl. Art. 229 § 38 Abs. 3 EGBGB). Für die hier in Rede ste­hen­de Fall­ge­stal­tung hat er indes­sen auch nach dem Urteil des Euro­päi­schen Gerichts­hofs vom 19.12.2013 57 aa)) kei­ne Initia­ti­ve ent­fal­tet, die der Aus­le­gung durch den Bun­des­ge­richts­hof ent­ge­gen­ste­hen könn­te.

Schließ­lich lag die vom Bun­des­ge­richts­hof ver­tret­bar bejah­te und für eine teleo­lo­gi­sche Reduk­ti­on erfor­der­li­che plan­wid­ri­ge Rege­lung auch im Zeit­punkt der ange­grif­fe­nen Ent­schei­dung noch vor. Die Annah­me, der Gesetz­ge­ber habe dies durch das Gesetz zur Reform des Ver­si­che­rungs­ver­trags­rechts vom 23.11.2007 58 zum 1.01.2008 nicht auch für die Ver­gan­gen­heit kor­ri­giert, ist ver­fas­sungs­recht­lich nicht zu bean­stan­den. Mit die­sem Reform­ge­setz wur­de im Zuge der Strei­chung des § 5a VVG a.F. auch die in Absatz 2 Satz 4 der Vor­schrift ent­hal­te­ne Jah­res­aus­schluss­frist für einen Wider­spruch zum 1.01.2008 abge­schafft. Dar­aus, dass die Jah­res­frist nach § 5a Abs. 2 Satz 4 VVG a.F. über Art. 1 Abs. 1 EGVVG 59 für Alt­ver­trä­ge nach dem von den Fach­ge­rich­ten zugrun­de geleg­ten Ver­ständ­nis der geset­zes­tech­ni­schen Aus­ge­stal­tung grund­sätz­lich wei­ter­hin Gel­tung bean­sprucht, muss indes nicht, wie die Ver­si­che­rungs­ge­sell­schaft meint, der zwin­gen­de Schluss gezo­gen wer­den, der Gesetz­ge­ber habe für Alt­fäl­le auch und gera­de für den Anwen­dungs­be­reich der Zwei­ten und der Drit­ten Richt­li­nie Lebens­ver­si­che­rung unter allen Umstän­den und auch für den Fall einer spä­te­ren Ver­än­de­rung des recht­li­chen Rah­mens auf­grund einer bestimm­ten Aus­le­gung des Uni­ons­rechts durch den Euro­päi­schen Gerichts­hof an der Aus­schluss­frist fest­hal­ten wol­len. Nur in einem sol­chen Fal­le käme in Betracht, das Rechts­ver­ständ­nis des Bun­des­ge­richts­hofs von Ver­fas­sungs wegen als schlech­ter­dings unhalt­bar zu bewer­ten. Zum Zeit­punkt der Ein­brin­gung des Reform-Gesetz­ent­wurfs im Jahr 2006 war die Ent­schei­dung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on vom 19.12.2013 60 zur Uni­ons­rechts­wid­rig­keit der Aus­schluss­frist in besag­tem Bereich noch nicht ergan­gen und konn­te nicht bekannt sein. Ziel des Geset­zes war eine umfas­sen­de Reform des im Wesent­li­chen aus dem Jahr 1908 stam­men­den und als nicht mehr zeit­ge­mäß emp­fun­de­nen Ver­si­che­rungs­ver­trags­ge­set­zes als Gan­zes 61, ohne dass der Gesetz­ge­ber eine kon­kre­te Aus­sa­ge zu einer etwai­gen Bei­be­hal­tung der in § 5a Abs. 2 Satz 4 VVG a.F. gere­gel­ten Aus­schluss­frist für Alt­fäl­le gemacht hät­te. Im Übri­gen hat auch der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on in der Vor­la­ge­ent­schei­dung vom 19.12 2013 60 die dort vom Ver­si­che­rer erstreb­te "Begren­zung der zeit­li­chen Wir­kung des Urteils" aus­drück­lich abge­lehnt.

Die Aus­le­gung des Bun­des­ge­richts­hofs wider­spricht auch nicht all­ge­mei­nen Gerech­tig­keits­vor­stel­lun­gen; er hat sie in enger Anleh­nung an das gel­ten­de Recht vor­ge­nom­men 62. Durch die gespal­te­ne Aus­le­gung des § 5a Abs. 2 Satz 4 VVG a.F. – der Nicht­an­wen­dung ledig­lich im Bereich der Drit­ten Richt­li­nie Lebens­ver­si­che­rung – gelangt auf der einen Sei­te der gesetz­ge­be­ri­sche Wil­le zur Umset­zung der Richt­li­nie zur Gel­tung und wird auf der ande­ren Sei­te für die übri­gen, nicht davon erfass­ten Ver­si­che­rungs­ar­ten die Aus­schluss­frist im Inter­es­se der eben­falls ange­streb­ten Rechts­si­cher­heit bei­be­hal­ten. Soweit die Ver­si­che­rungs­ge­sell­schaft meint, der Bun­des­ge­richts­hof habe jeden­falls die Rechts­fol­gen eines wei­ter bestehen­den Wider­spruchs­rechts ent­lang der seit dem 1.01.2008 gel­ten­den Vor­schrif­ten der § 9 Abs. 1, § 152 Abs. 2 VVG n.F. aus­rich­ten müs­sen, geht sie dar­an vor­bei, dass sich der Bun­des­ge­richts­hof mit die­sem Ein­wand in sei­nem Urteil vom 07.05.2014 63 befasst und ihn unter Hin­weis auf die Geset­zes­be­grün­dung 64 mit ver­tret­ba­ren und des­halb ver­fas­sungs­recht­lich nicht zu bean­stan­den­den Erwä­gun­gen ver­wor­fen hat.

Ver­trau­ens­schutz für die Ver­si­che­rungs­ge­sell­schaft[↑]

Die Ver­si­che­rungs­ge­sell­schaft ist auch nicht dadurch in Art. 2 Abs. 1 GG in Ver­bin­dung mit dem Rechts­staats­prin­zip ver­letzt, dass die ange­grif­fe­nen Ent­schei­dun­gen kei­nen Ver­trau­ens­schutz gewährt haben.

Zu den wesent­li­chen Ele­men­ten des Rechts­staats­prin­zips zählt die Rechts­si­cher­heit. Der Rechts­un­ter­wor­fe­ne soll nicht durch rück­wir­ken­de Besei­ti­gung erwor­be­ner Rech­te in sei­nem Ver­trau­en auf die Ver­läss­lich­keit der Rechts­ord­nung ent­täuscht wer­den 65. Er soll die ihm gegen­über mög­li­chen staat­li­chen Ein­grif­fe vor­aus­se­hen und sich dem­entspre­chend ein­rich­ten kön­nen 66. Die­ser all­ge­mei­ne, aus dem Rechts­staats­prin­zip fol­gen­de Ver­trau­ens­schutz steht der teleo­lo­gi­schen Reduk­ti­on einer gesetz­li­chen Vor­schrift im Wege der Aus­le­gung durch die Fach­ge­rich­te aller­dings nicht gene­rell ent­ge­gen 67.

Die Ver­si­che­rungs­ge­sell­schaft kann sich nicht mit Erfolg dar­auf beru­fen, sie habe sich auf den ein­deu­ti­gen Wort­laut des § 5a Abs. 2 Satz 4 VVG a.F. ver­las­sen. Denn mit die­ser Argu­men­ta­ti­on stellt sie ledig­lich auf eine bestimm­te, ihr rich­tig erschei­nen­de Aus­le­gung des § 5a Abs. 2 Satz 4 VVG a.F., näm­lich eine strikt und allein am Wort­laut aus­ge­rich­te­te Aus­le­gung ab. Die Ver­si­che­rungs­ge­sell­schaft konn­te jedoch nicht auf die Anwen­dung gera­de die­ser Aus­le­gungs­me­tho­de durch die Gerich­te ver­trau­en. Dem Bun­des­ge­richts­hof, des­sen Ent­schei­dun­gen vor­lie­gend ange­grif­fen wer­den, stand viel­mehr auch die metho­di­sche Mög­lich­keit einer teleo­lo­gi­schen, an der Recht­spre­chung des Euro­päi­schen Gerichts­hofs ori­en­tier­ten Reduk­ti­on zu Gebo­te, von der er – wie oben aus­ge­führt – in ver­fas­sungs­recht­lich nicht zu bean­stan­den­der Wei­se und unter Hin­weis auf ent­spre­chen­de Stim­men im Schrift­tum Gebrauch gemacht hat 68.

Glei­ches gilt, soweit die Ver­si­che­rungs­ge­sell­schaft die vom Bun­des­ge­richts­hof vor­ge­nom­me­ne Dif­fe­ren­zie­rung bei der Fra­ge angreift, ob der Ver­si­cher­te mit der Aus­übung sei­nes Wider­spruchs­rechts gegen Treu und Glau­ben ver­stößt. Es begeg­net kei­nen durch­grei­fen­den ver­fas­sungs­recht­li­chen Beden­ken, dem Ver­si­che­rer den Ver­wir­kungs­ein­wand gegen­über dem berei­che­rungs­recht­li­chen Anspruch des Ver­si­che­rungs­neh­mers in sol­chen Fäl­len abzu­schnei­den, in denen er selbst sei­nen Infor­ma­ti­ons­pflich­ten nicht aus­rei­chend nach­ge­kom­men ist 69 der Grün­de)), die­sen Ein­wand bei ord­nungs­ge­mä­ßer Beleh­rung aber Platz grei­fen zu las­sen 70. Die der ers­ten Kon­stel­la­ti­on zugrun­de lie­gen­de Erwä­gung, andern­falls kom­me es zu einem richt­li­ni­en­wid­ri­gen Ergeb­nis, das durch die Nicht­an­wen­dung der Jah­res­frist des § 5a Abs. 2 Satz 4 VVG a.F. gera­de ver­mie­den wer­den sol­le, ist aus ver­fas­sungs­recht­li­cher Sicht als Anwen­dung ein­fa­chen Rechts hin­zu­neh­men.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 23. Mai 2016 – 1 BvR 2230/​151 BvR 2231/​15

  1. BGH, Urtei­le vom 29.07.2015 – IV ZR 448/​14 und IV ZR 384/​14[]
  2. BGH, Urtei­le vom 29.07.2015 – IV ZR 448/​14, IV ZR 384/​14[]
  3. EuGH, Urteil vom 19.12.2013 – C‑209/​12[]
  4. EuGH, Urteil vom 19.12.2013 – C‑209/​12, VersR 2014, S. 225[]
  5. BGH, Urteil vom 07.05.2014 – IV ZR 76/​11, BGHZ 201, 101, 107 ff. Rn. 17 bis 34[][]
  6. Zwei­te Richt­li­nie 90/​619/​EWG des Rates vom 08.11.1990 zur Koor­di­nie­rung der Rechts- und Ver­wal­tungs­vor­schrif­ten für die Direkt­ver­si­che­rung, Lebens­ver­si­che­rung und zur Erleich­te­rung der tat­säch­li­chen Aus­übung des frei­en Dienst­leis­tungs­ver­kehrs sowie zur Ände­rung der Richt­li­nie 79/​267/​EWG, ABl. L 330 S. 50[]
  7. Richt­li­nie 92/​96/​EWG des Rates vom 10.11.1992 zur Koor­di­nie­rung der Rechts- und Ver­wal­tungs­vor­schrif­ten für die Direkt­ver­si­che­rung, Lebens­ver­si­che­rung sowie zur Ände­rung der Richt­li­ni­en 79/​267/​EWG und 90/​619/​EWG, ABl. L 360 S. 1[]
  8. vgl. BT-Drs. 12/​7595 S. 102[]
  9. Richt­li­nie 92/​49/​EWG des Rates vom 18.06.1992 zur Koor­di­nie­rung der Rechts- und Ver­wal­tungs­vor­schrif­ten für die Direkt­ver­si­che­rung, mit Aus­nah­me der Lebens­ver­si­che­rung sowie zur Ände­rung der Richt­li­ni­en 73/​239/​EWG und 88/​357/​EWG; ABl. L 228 S. 1[][]
  10. vgl. BVerfGE 6, 132, 134; 20, 323, 329 f.; 28, 17, 19; 89, 155, 171; 98, 169, 196[]
  11. vgl. BVerfGE 99, 84, 87[]
  12. vgl. BVerfGE 108, 370, 386 f.; BVerfG, Beschluss vom 08.12 2011 – 1 BvR 1393/​10 3[]
  13. vgl. BVerfGE 99, 84, 87; 101, 331, 346; 102, 147, 164[]
  14. vgl. BVerfG, Beschluss vom 07.11.2011 – 1 BvR 78/​08 22[]
  15. vgl. BVerfGK 20, 327, 329[]
  16. vgl. BVerfGE 73, 339, 366; 82, 159, 192; 126, 286, 315; 128, 157, 186 f.; 129, 78, 105[]
  17. vgl. BVerfGE 82, 159, 192 f.; 128, 157, 187; 129, 78, 105; stRspr[]
  18. vgl. BVerfGE 73, 339, 369; 126, 286, 315[]
  19. vgl. BVerfGE 82, 159, 194[]
  20. vgl. BVerfGE 29, 198, 207; 82, 159, 194; 126, 286, 315 f.; 128, 157, 187; 129, 78, 106[]
  21. vgl. BVerfGE 126, 286, 315; 128, 157, 188; 129, 78, 106 f.; 135, 155, 230 ff. Rn. 177 ff.[]
  22. vgl. BVerfGE 129, 78, 106 f. m.w.N.; 135, 155, 231 f. Rn. 179 ff. m.w.N.; BVerfG, Beschluss vom 08.10.2015 – 1 BvR 1320/​14 15[]
  23. BGHZ 201, 101, 114 f.[]
  24. vgl. BVerfGE 122, 248, 257 f.[]
  25. vgl. BVerfGE 18, 85, 92; 106, 28, 45; stRspr[]
  26. vgl. BVerfGE 82, 6, 13; 96, 375, 394 f.; 122, 248, 257 f.; 132, 99, 127 f. Rn. 73 ff.; stRspr[]
  27. vgl. BVerfGE 9, 268, 279 f.; 96, 375, 394[]
  28. vgl. BVerfGE 96, 375, 394; 109, 190, , 252[]
  29. vgl. BVerfGE 49, 304, 318; 82, 6, 12; 96, 375, 394; 122, 248, 267[]
  30. BVerfGE 126, 286, 306[]
  31. vgl. BVerfGE 34, 269, 288; 49, 304, 318; 57, 220, 248; 74, 129, 152[]
  32. vgl. BVerfGE 82, 6, 11 ff.[]
  33. vgl. BVerfGE 132, 99, 127[]
  34. vgl. BVerfGE 82, 6, 12; 128, 193, 210[]
  35. vgl. BVerfGE 118, 212, 243; 128, 193, 210[]
  36. vgl. BVerfGE 96, 375, 395; zuletzt BVerfGE 128, 193, 210 f. m.w.N.; sie­he auch BVerfGE 132, 99, 127 f. Rn. 74 bis 76[]
  37. vgl. BVerfGK 19, 89, 99 m.w.N.[]
  38. EuGH, Urteil vom 13.11.1990 – C‑106/​89, Slg. 1990, I‑4135 Rn. 8[]
  39. EuGH, Urteil vom 16.07.2009 – C‑12/​08, Slg. 2009, I‑6653 Rn. 61[]
  40. vgl. BVerfGK 19, 89, 100 m.w.N.[]
  41. vgl. BVerfGK 19, 89, 101; vgl. auch EuGH, Urteil vom 05.10.2004 – C‑397/​01 u.a., Slg. 2004, I‑8835 Rn. 112 m.w.N.[]
  42. BGHZ 201, 101[]
  43. BT-Drs. 12/​6959, S. 1, 7 und 55[]
  44. BT-Drs. 12/​7595, S. 1, 111[]
  45. BGBl I 1994 S. 1630[]
  46. ABl. L 360 S. 1[]
  47. BT-Drs. 12/​7595, S. 111[]
  48. vgl. BVerfGE 118, 212, 243[][]
  49. vgl. BVerfGE 126, 286, 306[]
  50. vgl. BVerfGE 88, 145, 166 f.[]
  51. vgl. BVerfGE 35, 263, 279; 88, 145, 166 f.[]
  52. BT-Drs. 14/​6040, S. 17, 167 f., 198[]
  53. BT-Drs. 14/​9266, S.20, 45 f.[]
  54. BGBl I S. 2850, 2857[]
  55. BGBl I S. 396, 403 f.; vgl. die Ent­wurfs­be­grün­dung BT-Drs. 18/​5922, S. 6, 16, 74, 110[]
  56. BT-Drs. 18/​7584, S. 30, 145 f.[]
  57. EuGH, Urteil vom 19.12.2013 – C‑209/​12, VersR 2014, S. 225, vgl. dazu oben I. 2. c[]
  58. BGBl I S. 2631[]
  59. vgl. BT-Drs. 16/​3945, S. 118[]
  60. EuGH, Urteil vom 19.12.2013 – C‑209/​12, VersR 2014, S. 225 Rn. 33 ff.[][]
  61. vgl. BT-Drs. 16/​3945, S. 1 ff.[]
  62. vgl. BVerfGE 37, 67, 81[]
  63. BGHZ 201, 101, 119 f. Rn. 44[]
  64. BT-Drs. 16/​3945, S. 118[]
  65. vgl. BVerfGE 45, 142, 167; 72, 176, 196; 105, 48, 57; 126, 286, 313[]
  66. vgl. BVerfGE 13, 261, 271[]
  67. vgl. BVerfGK 4, 105, 111[]
  68. vgl. dazu EuGH, Urteil vom 19.12 2013 – C‑209/​12, VersR 2014, S. 225, 228 Rn. 38 f.[]
  69. vgl. dazu schon EuGH, Urteil vom 19.12 2013 – C‑209/​12, VersR 2014, S. 225, 228 Rn. 30 und BGH, Urteil vom 14.03.2005 – II ZR 405/​02, BeckRS 2005, 04216 unter I. 1. d[]
  70. vgl. dazu BVerfG, Beschluss vom 02.02.2015 – 2 BvR 2437/​14 42 ff. und Beschluss vom 04.03.2015 – 1 BvR 3280/​14 30 ff.[]