Nicht­zah­lung der Ver­si­che­rungs­prä­mie – und die Leis­tungs­frei­heit des Ver­si­che­rers

Die Leis­tungs­frei­heit des Ver­si­che­rers wegen Nicht­zah­lung der Ver­si­che­rungs­prä­mie setzt den Nach­weis des Zugangs einer ent­spre­chen­den Prä­mi­en­rech­nung vor­aus. Nach Ver­sen­dung mit ein­fa­chem Brief besteht für den Ver­si­che­rer inso­weit kei­ne Beweis­not und des­halb auch kei­ne Beweis­erleich­te­rung.

Nicht­zah­lung der Ver­si­che­rungs­prä­mie – und die Leis­tungs­frei­heit des Ver­si­che­rers

Nach § 37 Abs. 1 VVG ist der Ver­si­che­rer, wird die ers­te Prä­mie nicht recht­zei­tig gezahlt, solan­ge zum Rück­tritt vom Ver­trag berech­tigt, wie die Zah­lung nicht bewirkt ist, es sei denn, der Ver­si­che­rungs­neh­mer hat die Nicht­zah­lung nicht zu ver­tre­ten. Nach § 37 Abs. 2 Satz 1 VVG ist der Ver­si­che­rer, ist die ers­te Prä­mie bei Ein­tritt des Ver­si­che­rungs­falls nicht gezahlt, nicht zur Leis­tung ver­pflich­tet, es sei denn, der Ver­si­che­rungs­neh­mer hat die Nicht­zah­lung nicht zu ver­tre­ten. Vor­aus­set­zung von Rück­tritts­recht und Leis­tungs­frei­heit ist es dem­nach, dass die Erst­prä­mie nicht recht­zei­tig gezahlt wor­den ist, was das Aus­blei­ben der Leis­tungs­hand­lung zum Zeit­punkt der Fäl­lig­keit vor­aus­setzt 1. Für den Streit­fall bedeu­tet dies, dass die Erst­prä­mie, auf deren Nicht­zah­lung sich die Ver­si­che­rungs­ge­sell­schaft zur Begrün­dung ihres auf § 37 Abs. 1 VVG bzw. aus § 37 Abs. 2 VVG gestütz­ten Ein­wands beruft, zum Zeit­punkt des Ver­kehrs­un­falls am 31.01.2014 bzw. zum Zeit­punkt des mit Schrei­ben vom 26.02.2014 erklär­ten Rück­tritts zur Zah­lung fäl­lig gewe­sen sein muss. Fäl­lig­keits­vor­aus­set­zung ist indes der Zugang des Ver­si­che­rungs­scheins 2, für den der Ver­si­che­rer dar­le­gungs- und beweis­be­las­tet ist 3. Einen sol­chen Zugang beweist nicht – auch nicht pri­ma facie – die Absen­dung. Es bestehen kei­ne Erfah­rungs­sät­ze, dass Post­sen­dun­gen den Emp­fän­ger errei­chen, zumal es in der Hand des Ver­si­che­rers liegt, etwai­ge Beweis­schwie­rig­kei­ten zu ver­mei­den 4.

Die Ver­si­che­rungs­ge­sell­schaft hat vor­lie­gend den nach allem ihr oblie­gen­den Beweis, dass der ein­schlä­gi­ge Ver­si­che­rungs­schein der Ver­si­che­rungs­neh­me­rin vor dem Ver­kehrs­un­fall bzw. vor Zugang des Rück­tritts­schrei­bens zuge­gan­gen ist, nicht geführt. Die Ver­si­che­rungs­ge­sell­schaft behaup­tet zumin­dest sinn­ge­mäß, der Ver­si­che­rungs­schein sei der Ver­si­che­rungs­neh­me­rin in dem genann­ten Zeit­raum zuge­gan­gen. Sie führt aus, der Ver­si­che­rungs­schein sei am 26.11.2013 oder kurz danach per ein­fa­chem Schrei­ben an die Ver­si­che­rungs­neh­me­rin über­sandt wor­den, die­ses Schrei­ben sei nicht zurück­ge­kom­men. Die Ver­si­che­rungs­neh­me­rin bestrei­tet einen sol­chen Zugang. Die­ses Bestrei­ten ist aus­rei­chend; der Ver­si­che­rungs­neh­mer kann sich grund­sätz­lich auf ein­fa­ches Bestrei­ten beschrän­ken 5.

Die Ver­si­che­rungs­ge­sell­schaft ist beweis­fäl­lig geblie­ben.

Die Absen­dung und der Umstand, dass die Sen­dung nicht zurück­ge­kom­men ist, bewei­sen – wie erwähnt – auch nicht pri­ma facie den strei­ti­gen Zugang, zumal die Über­sen­dung mit ein­fa­cher Post erfolgt ist 6. Die Ver­si­che­rungs­ge­sell­schaft hat für ihre bestrit­te­ne Behaup­tung auch nach erfolg­tem Hin­weis kei­nen Beweis ange­bo­ten.

Der Umstand, dass die Ver­si­che­rungs­neh­me­rin weder in der Klag­schrift noch in dem außer­ge­richt­li­chen Schrei­ben den Zugang bestrit­ten und sich in ihrem ers­ten Schrift­satz dahin ein­ge­las­sen hat, sie habe ledig­lich einen Ver­si­che­rungs­schein erhal­ten, jedoch kei­ne Zah­lungs­auf­for­de­rung, sowie dass das erst­ma­li­ge Bestrei­ten des Zugangs des Ver­si­che­rungs­scheins auf die gericht­li­che Ver­fü­gung hin erfolgt ist, mag – allen­falls – gewis­se Zwei­fel dar­an begrün­den, dass der Ver­si­che­rungs­neh­me­rin der Ver­si­che­rungs­schein tat­säch­lich nicht zuge­gan­gen ist. Sol­che Zwei­fel recht­fer­ti­gen aber nicht, den der Ver­si­che­rungs­ge­sell­schaft oblie­gen­den Beweis als geführt anzu­se­hen, wie dies die Ver­si­che­rungs­ge­sell­schaft den Erwä­gun­gen des Land­ge­richts ent­neh­men will.

Aus eige­nen Anga­ben der Ver­si­che­rungs­neh­me­rin im Rechts­streit ergibt sich nichts für die Rich­tig­keit der strei­ti­gen Behaup­tung der Ver­si­che­rungs­ge­sell­schaft. Die Ver­si­che­rungs­neh­me­rin hat an dem Ter­min vor dem Land­ge­richt selbst nicht teil­ge­nom­men und sich im Rechts­streit auch sonst nicht selbst geäu­ßert. Ihr Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ter hat in die­sem Ter­min jedoch erklärt, sei­ne Man­dan­tin wis­se nicht mehr genau, wann sie eine Kopie des Ver­si­che­rungs­scheins erhal­ten habe, sie mei­ne aber, dass sie das Ori­gi­nal nicht erhal­ten habe, son­dern eine Kopie erst nach­träg­lich im Zuge der gan­zen Unklar­hei­ten, Genaue­res kön­ne sie hier­zu nicht sagen. Dies deckt sich mit dem gehal­te­nen Pro­zess­vor­trag der Ver­si­che­rungs­neh­me­rin, die sich im Übri­gen grund­sätz­lich auf ein­fa­ches Bestrei­ten auch mit der Begrün­dung hät­te beschrän­ken kön­nen, sie wis­se nicht mehr, wann ihr der Ver­si­che­rungs­schein zuge­gan­gen sei 5.

Vor die­sem Hin­ter­grund ist nicht ersicht­lich, dass die Ver­si­che­rungs­neh­me­rin zu der in Rede ste­hen­den Fra­ge Wei­te­res bei­tra­gen könn­te. Schon des­halb hat das Ober­lan­des­ge­richt davon abge­se­hen, auf den von der Ver­si­che­rungs­ge­sell­schaft gestell­ten Antrag hin das per­sön­li­che Erschei­nen der Ver­si­che­rungs­neh­me­rin zu dem Ter­min vor dem Ober­lan­des­ge­richt anzu­ord­nen und die Ver­si­che­rungs­neh­me­rin in die­sem Ter­min per­sön­lich anzu­hö­ren. Ob eine Par­tei­an­hö­rung nach § 141 ZPO erfolgt oder nicht, liegt grund­sätz­lich im Ermes­sen des zur Ent­schei­dung beru­fe­nen Gerichts 7.

Ein Aus­nah­me­fall 8 liegt hier nicht vor. Die Ver­si­che­rungs­ge­sell­schaft kann sich nicht auf eine Beweis­not 9 und des­halb auch nicht auf eine Beweis­erleich­te­rung beru­fen. Es liegt – wie bereits erwähnt – in der Hand des Ver­si­che­rers, etwai­ge Beweis­schwie­rig­kei­ten zu ver­mei­den; ver­zich­tet er – wie hier – auf die Über­sen­dung des Ver­si­che­rungs­scheins durch Ein­schrei­ben mit Rück­schein, ist dies ein Ergeb­nis sei­ner Kos­ten­kal­ku­la­ti­on, die ihm über­las­sen ist, aller­dings dazu führt, dass dann die Kos­ten zu tra­gen sind, die durch Beweis­fäl­lig­keit ent­ste­hen 10. Im Übri­gen steht hier die Anhö­rung der nicht beweis­be­las­te­ten Gegen­par­tei in Rede, Antrag auf Par­tei­ver­neh­mung (§ 445 Abs. 1 ZPO) ist von der Ver­si­che­rungs­ge­sell­schaft indes nicht gestellt.

Ober­lan­des­ge­richt Stutt­gart, Urteil vom 10. Sep­tem­ber 2015 – 7 U 78/​15

  1. vgl. etwa Rix­e­cker, in: Römer/​Langheid, VVG, 4. Aufl., § 37 Rn. 6[]
  2. s. Knapp­mann, in: Prölss/​Martin, VVG, 29. Aufl., § 33 Rn. 7, § 38 Rn. 10 ff.[]
  3. vgl. etwa OLG Hamm, r+s 1992, 258; LG Han­no­ver, VersR 1990, 1377; Knapp­mann, in: Prölss/​Martin, VVG, 29. Aufl., § 33 Rn. 8, § 38 Rn. 16 ff.; Rix­e­cker, in: Römer/​Langheid, VVG, 4. Aufl., § 38 Rn.20[]
  4. vgl. OLG Hamm, r+s 1992, 258; Knapp­mann, in: Prölss/​Martin, VVG, 29. Aufl., § 38 Rn. 16; Rix­e­cker, in: Römer/​Langheid, VVG, 4. Aufl., § 38 Rn.20[]
  5. vgl. etwa Knapp­mann, in: Prölss/​Martin, VVG, 29. Aufl., § 38 Rn. 18[][]
  6. vgl. auch OLG Hamm, r+s 1992, 258[]
  7. s. nur etwa OLG Saar­brü­cken, NJW-RR 2011, 754 36[]
  8. vgl. etwa BGHZ 186, 152 – Tz. 16; BGH, NJW 2011, 2889 – Tz.19; OLG Saar­brü­cken, NJW-RR 2011, 754 36; OLG Mün­chen, NJW 2011, 3729; von Sel­le, in: Vorwerk/​Wolf, Beck­OK-ZPO, § 141 Rn. 2, 2.1; Gre­ger, MDR 2014, 312 ff.[]
  9. vgl. etwa BGHZ 186, 152 – Tz. 16; Gre­ger, MDR 2014, 312, 316; von Sel­le, in: Vorwerk/​Wolf, Beck­OK-ZPO, § 141 Rn. 2, 2.1[]
  10. vgl. Rix­e­cker, in: Römer/​Langheid, VVG, 4. Aufl., § 38 Rn.20[]