Pflicht­an­ga­ben bei Lebens­ver­si­che­run­gen – und die EU-recht­li­chen Vor­ga­ben

Die EU-Mit­glieds­staa­ten kön­nen kön­nen Lebens­ver­si­che­rungs­un­ter­neh­men dazu ver­pflich­ten, ihren Kun­den ande­re als die in der Richt­li­nie genann­ten Anga­ben mit­zu­tei­len. Die Drit­te Richt­li­nie Lebens­ver­si­che­rung bzw. heu­te die Solva­bi­li­tät II-Richt­li­nie steht sol­chen obli­ga­to­ri­schen Zusatz­an­ga­ben nicht ent­ge­gen. Es muss den Ver­si­che­rungs­un­ter­neh­men jedoch mög­lich sein, mit hin­rei­chen­der Vor­her­seh­bar­keit die zusätz­li­chen Anga­ben zu iden­ti­fi­zie­ren.

Pflicht­an­ga­ben bei Lebens­ver­si­che­run­gen – und die EU-recht­li­chen Vor­ga­ben

Dies ent­schied jetzt der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on auf­grund eines Fal­les aus den Nie­der­lan­den: Im Jahr 1999 schloss Herr Van Lee­u­wen bei der Natio­na­le-Neder­lan­den Levens­ver­ze­ke­ring Mij NV (NN) eine Ver­si­che­rung ab, die Teil eines Anla­ge­plans („Fle­xi­bel ver­si­cher­tes Anle­gen“) war. Es han­del­te sich um eine Lebens­ver­si­che­rung, deren akku­mu­lier­ter Kapi­tal­wert im Zeit­punkt des Ablaufs der Ver­si­che­rung von den Ergeb­nis­sen der Inves­ti­tio­nen abhing. Außer­dem war wäh­rend der Lauf­zeit des Ver­si­che­rungs­ver­trags die Leis­tung eines Fix­be­trags für den Todes­fall des Ver­si­che­rungs­neh­mers vor Ablauf des Ver­trags vor­ge­se­hen. Nach Abschluss des Ver­si­che­rungs­ver­trags ent­stand zwi­schen der NN und Herrn Van Lee­u­wen ein Streit über die Höhe der Kos­ten und der Todes­fall-Risi­ko­prä­mi­en. Ein Teil des Aus­gangs­rechts­streits betrifft die Fra­ge, ob die NN vor Abschluss des Ver­si­che­rungs­ver­trags aus­rei­chend über die­se Kos­ten infor­miert hat. Ins­be­son­de­re geht es dar­um, dass Herr Van Lee­u­wen kei­ne Zusam­men­fas­sung oder Über­sicht über die kon­kre­ten und/​oder abso­lu­ten Kos­ten und über deren Zusam­men­set­zung erhal­ten haben soll.

Mit der Drit­ten Richt­li­nie Lebens­ver­si­che­rung [1] soll­ten u. a. die Min­dest­vor­schrif­ten koor­di­niert wer­den, damit der Ver­brau­cher kla­re und genaue Anga­ben über die wesent­li­chen Merk­ma­le der ihm ange­bo­te­nen Ver­si­che­rungs­pro­duk­te erhält. Die Drit­te Richt­li­nie Lebens­ver­si­che­rung wur­de zwi­schen­zeit­lich durch die Lebens­ver­si­che­rungs-Richt­li­ne 2002/​83/​EWG [2] mit Wir­kung vom 1. Novem­ber 2012 auf­ge­ho­ben und ersetzt wur­de. Auf­grund des Zeit­punkts, zu dem der im Aus­gangs­ver­fah­ren strei­ti­ge Lebens­ver­si­che­rungs­ver­trag geschlos­sen wur­de, sind hier jedoch noch die Bestim­mun­gen der Drit­ten Richt­li­nie Lebens­ver­si­che­rung für die Ent­schei­dung die­ses Rechts­streits maß­ge­bend.

Die mit dem Aus­gangs­ver­fah­ren befass­te Recht­bank Rot­ter­dam (Nie­der­lan­de) ist der Ansicht, dass die­se Anga­ben zwar nicht unter die Aus­künf­te fie­len, die die Ver­si­che­rungs­un­ter­neh­men den Ver­si­che­rungs­neh­mern gemäß der Richt­li­nie mit­zu­tei­len hät­ten, dass NN jedoch dadurch, dass sie die­se Infor­ma­tio­nen nicht erteilt habe, gegen die „offe­nen und/​oder unge­schrie­be­nen Vor­schrif­ten“ des nie­der­län­di­schen Rechts ver­sto­ßen habe, wor­un­ter im vor­lie­gen­den Fall die Für­sor­ge­pflicht des Ver­si­che­rungs­un­ter­neh­mens, Treu und Glau­ben im vor­ver­trag­li­chen Ver­kehr sowie die Ange­mes­sen­heit und Bil­lig­keit zu ver­ste­hen sei­en. Das vor­le­gen­de Gericht hat daher ein Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen an den Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on im Wesent­li­chen zu der Fra­ge gerich­tet, ob die Bestim­mun­gen der Richt­li­nie Lebens­ver­si­che­rung dem ent­ge­gen­ste­hen, dass ein Ver­si­che­rungs­un­ter­neh­men auf­grund all­ge­mei­ner Grund­sät­ze des nie­der­län­di­schen Rechts wie „offe­ner und/​oder unge­schrie­be­ner Vor­schrif­ten“ ver­pflich­tet ist, dem Ver­si­che­rungs­neh­mer gewis­se Anga­ben zusätz­lich zu den in der Richt­li­nie genann­ten Infor­ma­tio­nen mit­zu­tei­len.

Im Wege eines sol­chen Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chens kön­nen die Gerich­te der Mit­glied­staa­ten in einem bei ihnen anhän­gi­gen Rechts­streit dem Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on Fra­gen nach der Aus­le­gung des Uni­ons­rechts oder nach der Gül­tig­keit einer Hand­lung der Uni­on vor­le­gen. Der Uni­ons­ge­richts­hof ent­schei­det dabei nur über die vor­ge­leg­te Rechts­fra­ge, nicht auch über den natio­na­len Rechts­streit. Es ist und bleibt viel­mehr Sache des natio­na­len Gerichts, über die Rechts­sa­che im Ein­klang mit der Ent­schei­dung des Uni­ons­ge­richts­hofs zu ent­schei­den. Die­se Ent­schei­dung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on bin­det in glei­cher Wei­se auch ande­re natio­na­le Gerich­te, die mit einem ähn­li­chen Pro­blem befasst wer­den.

In sei­nem jetzt ver­kün­de­ten Urteil ver­weist der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on zunächst dar­auf, dass dem Wort­laut des ein­schlä­gi­gen Art. 31 der Drit­ten Richt­li­nie Lebens­ver­si­che­rung sowie ihrem Anhang II und einem Erwä­gungs­grund zu ent­neh­men ist, dass die zusätz­li­chen Anga­ben, die die Mit­glied­staa­ten ver­lan­gen kön­nen, klar, genau und für das tat­säch­li­che Ver­ständ­nis der wesent­li­chen Merk­ma­le der dem Ver­si­che­rungs­neh­mer ange­bo­te­nen Ver­si­che­rungs­pro­duk­te not­wen­dig sein müs­sen.

Eine Ver­pflich­tung zur Mit­tei­lung zusätz­li­cher Infor­ma­tio­nen kann also nur vor­ge­se­hen wer­den, wenn sie zur Infor­ma­ti­on des Ver­si­che­rungs­neh­mers not­wen­dig ist und wenn die gefor­der­ten Anga­ben genau und klar genug sind, um die­ses Ziel zu errei­chen und so ins­be­son­de­re den Ver­si­che­rungs­un­ter­neh­men ein aus­rei­chen­des Maß an Rechts­si­cher­heit zu bie­ten.

In die­sem Zusam­men­hang weist der Uni­ons­ge­richts­hof dar­auf hin, dass die Mit­glied­staa­ten nicht ver­pflich­tet sind, Ver­si­che­rungs­un­ter­neh­men vor­zu­schrei­ben, zusätz­li­che Anga­ben mit­zu­tei­len. Es han­delt sich näm­lich um eine Befug­nis, von der die Mit­glied­staa­ten Gebrauch machen kön­nen oder auch nicht. Zwar wer­den die Durch­füh­rungs­vor­schrif­ten für die Ver­pflich­tung zur Mit­tei­lung der vom inner­staat­li­chen Recht vor­ge­se­he­nen zusätz­li­chen Infor­ma­tio­nen von dem Mit­glied­staat erlas­sen; die Richt­li­nie schränkt die Befug­nis jedoch ein, indem sie klar­stellt, dass die­se Anga­ben dem Ver­si­che­rungs­neh­mer ein Ver­ständ­nis der wesent­li­chen Bestand­tei­le der Ver­pflich­tung ermög­li­chen und zur Errei­chung die­ses Ziels not­wen­dig sein müs­sen.

Daher ist es Auf­ga­be des jewei­li­gen Mit­glied­staats, nach den Eigen­hei­ten sei­ner Rechts­ord­nung und den Beson­der­hei­ten der Situa­ti­on, die er regeln möch­te, die Rechts­grund­la­ge für die Ver­pflich­tung zur Ertei­lung zusätz­li­cher Infor­ma­tio­nen fest­zu­le­gen, um sicher­zu­stel­len, dass der Ver­si­che­rungs­neh­mer die wesent­li­chen Merk­ma­le der ihm ange­bo­te­nen Ver­si­che­rungs­pro­duk­te tat­säch­lich ver­steht, und gleich­zei­tig ein aus­rei­chen­des Maß an Rechts­si­cher­heit zu garan­tie­ren.

Die Rechts­grund­la­ge für eine sol­che Ver­pflich­tung zur Mit­tei­lung und ins­be­son­de­re die Fra­ge, ob sich die­se Ver­pflich­tung aus all­ge­mei­nen Grund­sät­zen des natio­na­len Rechts wie den „offe­nen und/​oder unge­schrie­be­nen Vor­schrif­ten“, auf die sich das vor­le­gen­de Gericht bezieht, ergibt, ist grund­sätz­lich uner­heb­lich.

Die­se Rechts­grund­la­ge muss jedoch der­ge­stalt sein, dass sie den Ver­si­che­rungs­un­ter­neh­men im Ein­klang mit dem Grund­satz der Rechts­si­cher­heit ermög­licht, mit hin­rei­chen­der Vor­her­seh­bar­keit die zusätz­li­chen Anga­ben zu iden­ti­fi­zie­ren, die sie dem Ver­si­che­rungs­un­ter­neh­mer zu über­mit­teln haben und mit denen die­ser rech­nen kann. Inso­weit kann das natio­na­le Gericht, wenn es zu beur­tei­len hat, wel­che Anfor­de­run­gen an die Vor­her­seh­bar­keit einer sol­chen Ver­pflich­tung zur Mit­tei­lung zu stel­len sind, berück­sich­ti­gen, dass das Ver­si­che­rungs­un­ter­neh­men die Art und die Eigen­hei­ten der von ihm ange­bo­te­nen Ver­si­che­rungs­pro­duk­te fest­legt und dass es daher grund­sätz­lich in der Lage sein müss­te, die Eigen­hei­ten die­ser Pro­duk­te zu erken­nen, die es not­wen­dig machen, dem Ver­si­che­rungs­neh­mer zusätz­li­che Anga­ben mit­zu­tei­len.

In jedem Fall ist es, wie der Uni­ons­ge­richts­hof betont, Auf­ga­be des natio­na­len Gerichts, zu beur­tei­len, ob die in Rede ste­hen­den „offe­nen und/​oder unge­schrie­be­nen Vor­schrif­ten“ die­sen Anfor­de­run­gen genü­gen.

Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on, Urteil vom 29. April 2015 – C ‑51/​13

  1. Richt­li­nie 92/​96/​EWG des Rates vom 10. Novem­ber 1992 zur Koor­di­nie­rung der Rechts- und Ver­wal­tungs­vor­schrif­ten für die Direkt­ver­si­che­rung (Lebens­ver­si­che­rung) sowie zur Ände­rung der Richt­li­ni­en 79/​267/​EWG und 90/​619/​EWG, ABl. L 360, S. 1[]
  2. Richt­li­nie 2002/​83/​EG des Euro­päi­schen Par­la­ments und des Rates vom 5. Novem­ber 2002 über Lebens­ver­si­che­run­gen (ABl. L 345, S. 1) auf­ge­ho­ben und ersetzt, die wie­der­um durch die Solva­bi­li­tät II-Richt­li­nie 2009/​138/​EG ((Richt­li­ne 2009/​138/​EG des Euro­päi­schen Par­la­ments und des Rates vom 25. Novem­ber 2009 betref­fend die Auf­nah­me und Aus­übung der Ver­si­che­rungs- und der Rück­ver­si­che­rungs­tä­tig­keit (Solva­bi­li­tät II), ABl. L 335, S. 1[]