Prä­mi­en­an­pas­sun­gen in der pri­va­ten Kran­ken­ver­si­che­rung – und die Unab­hän­gig­keit des Treu­hän­ders

Eine vom Ver­si­che­rer mit Zustim­mung eines "unab­hän­gi­gen Treu­hän­ders" gemäß § 203 Abs. 2 VVG vor­ge­nom­me­ne Prä­mi­en­an­pas­sung in der pri­va­ten Kran­ken­ver­si­che­rung ist nicht allein wegen einer ggf. zu ver­nei­nen­den Unab­hän­gig­keit des Treu­hän­ders als unwirk­sam anzu­se­hen.

Prä­mi­en­an­pas­sun­gen in der pri­va­ten Kran­ken­ver­si­che­rung – und die Unab­hän­gig­keit des Treu­hän­ders

Ist der zustim­men­de Treu­hän­der gemäß den Vor­schrif­ten des Ver­si­che­rungs­auf­sichts­ge­set­zes (hier noch § 12b VAG a.F.) ord­nungs­ge­mäß bestellt wor­den, so fin­det eine geson­der­te Über­prü­fung sei­ner Unab­hän­gig­keit durch die Zivil­ge­rich­te im Rechts­streit des ein­zel­nen Ver­si­che­rungs­neh­mers über eine Prä­mi­en­an­pas­sung nicht statt. Die Zivil­ge­rich­te haben aber in einem sol­chen Rechts­streit die mate­ri­el­le Recht­mä­ßig­keit der Prä­mi­en­an­pas­sung zu über­prü­fen.

In dem die­ser Ent­schei­dung des Bun­des­ge­richts­hofs zugrun­de lie­gen­den Rechts­streit wand­te sich der Klä­ger gegen Bei­trags­er­hö­hun­gen für die Kalen­der­jah­re 2012 und 2013, die sein pri­va­ter Kran­ken­ver­si­che­rer auf der Grund­la­ge von § 203 Abs. 2 VVG vor­ge­nom­men hat­te. In den Vor­in­stan­zen haben das erst­in­stanz­lich hier­mit befass­te Amts­ge­richt Pots­dam 1 und in der Beru­fungs­in­stanz das Land­ge­richt Pots­dam 2 die Unwirk­sam­keit der Anpas­sun­gen fest­ge­stellt und den beklag­ten Ver­si­che­rer u.a. auch zur Rück­zah­lung der in den Jah­ren 2012 bis 2015 vom Klä­ger zunächst gezahl­ten Erhö­hungs­be­trä­ge ver­ur­teilt, weil der tätig gewor­de­ne Treu­hän­der nach ihrer Auf­fas­sung nicht von der Ver­si­che­rungs­ge­sell­schaft unab­hän­gig gewe­sen war.

Der Bun­des­ge­richts­hof hat dem­ge­gen­über ent­schie­den, dass die Unab­hän­gig­keit nur die Vor­aus­set­zung für die Bestel­lung des Treu­hän­ders nach den auf­sichts­recht­li­chen Vor­schrif­ten, nicht aber für die Wirk­sam­keit der von ihm nach sei­ner Bestel­lung abge­ge­be­nen Erklä­rung ist.

Sie ist des­halb von den Zivil­ge­rich­ten im Rechts­streit über eine Prä­mi­en­an­pas­sung nicht geson­dert zu prü­fen. Inso­weit hat allein die Auf­sichts­be­hör­de auf­grund der ihr vom Gesetz­ge­ber ein­ge­räum­ten Mit­wir­kungs­be­fug­nis­se sicher­zu­stel­len, dass das Ver­si­che­rungs­un­ter­neh­men mit der Prü­fung der Prä­mi­en­kal­ku­la­ti­on einen unab­hän­gi­gen und sach­kun­di­gen Treu­hän­der betraut; die Inter­es­sen des Ver­si­che­rungs­neh­mers sind dadurch gewahrt, dass im Rechts­streit über eine Prä­mi­en­er­hö­hung vor den Zivil­ge­rich­ten eine umfas­sen­de mate­ri­el­le Prü­fung der Ord­nungs­ge­mäß­heit der vor­ge­nom­me­nen Bei­trags­an­pas­sung statt­fin­det.

Die­se gesetz­li­che Kom­pe­tenz­zu­wei­sung, wie sie sich auch aus den Geset­zes­ma­te­ria­li­en ergibt, wür­de durch eine sach­li­che Über­prü­fung ein­zel­ner Bestel­lungs­vor­aus­set­zun­gen im Rechts­streit des ein­zel­nen Ver­si­che­rungs­neh­mers um die Wirk­sam­keit der Prä­mi­en­an­pas­sung man­gels Rechts­kraft­wir­kung für ande­re Ver­si­che­rungs­neh­mer unter­lau­fen. Ins­be­son­de­re lie­fe es dem Zweck der Rege­lung in § 12b Abs. 2, 2a VAG a.F. (bzw. jetzt § 155 VAG) und § 203 Abs. 2 Satz 1 VVG zuwi­der, wenn eine Prä­mi­en­an­pas­sung trotz Vor­lie­gens der inhalt­li­chen Vor­aus­set­zun­gen allein an einer feh­len­den Unab­hän­gig­keit des zustän­di­gen Treu­hän­ders schei­tern wür­de. Denn die Vor­schrif­ten zur Prä­mi­en­an­pas­sung bezwe­cken es vor allem, die dau­er­haf­te Erfüll­bar­keit der Ver­si­che­rungs­leis­tun­gen durch den Ver­si­che­rer zu gewähr­leis­ten. Dem­ge­mäß berech­tigt die Rege­lung in § 12b Abs. 2, 2a VAG a.F. (jetzt § 155 VAG) den Ver­si­che­rer nicht nur zur Vor­nah­me einer Prä­mi­en­an­pas­sung unter den dort genann­ten Vor­aus­set­zun­gen, son­dern begrün­det zugleich eine ent­spre­chen­de Ver­pflich­tung. Dar­aus ergibt sich, dass auch eine vor­über­ge­hen­de Äqui­va­lenz­stö­rung im Inter­es­se der Bei­trags­sta­bi­li­tät ver­mie­den wer­den muss. Eine sol­che trä­te ein, wenn eine Prä­mi­en­an­pas­sung, zu der der Ver­si­che­rer zwecks Erhal­tung sei­ner Leis­tungs­fä­hig­keit aus mate­ri­el­len Grün­den ver­pflich­tet ist, nur wegen feh­len­der Unab­hän­gig­keit des Treu­hän­ders für unwirk­sam erklärt wür­de, die­se aber im Zuge der nächs­ten jähr­li­chen Über­prü­fung vom Ver­si­che­rer nach­ge­holt wer­den müss­te, wobei die dann vor­zu­neh­men­de Anpas­sung wegen der zwi­schen­zeit­lich ent­stan­de­nen Lücke bei den Prä­mi­en­zah­lun­gen gege­be­nen­falls sogar höher aus­fal­len könn­te.

Auf­grund der umfas­sen­den tat­säch­li­chen und recht­li­chen Prü­fung der Prä­mi­en­an­pas­sung anhand der ins Ein­zel­ne gehen­den engen und ver­bind­li­chen mate­ri­el­len Vor­ga­ben durch die Zivil­ge­rich­te ist für die Ver­si­che­rungs­neh­mer auch der gebo­te­ne wir­kungs­vol­le Rechts­schutz gegen vom Ver­si­che­rer vor­ge­nom­me­ne Bei­trags­an­pas­sun­gen gewähr­leis­tet, ohne dass ihnen hier­für eine geson­der­te Über­prü­fung der Unab­hän­gig­keit des Treu­hän­ders und damit der auf­sichts­recht­li­chen Vor­aus­set­zun­gen für die Bestel­lung zum Treu­hän­der ermög­licht wer­den müss­te. Die sach­li­che Rich­tig­keit der Zustim­mung des Treu­hän­ders zur Prä­mi­en­an­pas­sung wird inso­fern inzi­dent mit­ge­prüft.

Der Bun­des­ge­richts­hof hat daher das Beru­fungs­ur­teil des Land­ge­richts Pots­dam auf­ge­ho­ben und den Rechts­streit an das Land­ge­richt zurück­ver­wie­sen, damit die­ses prü­fen kann, ob die Prä­mi­en­an­pas­sun­gen aus­rei­chend im Sin­ne von § 203 Abs. 5 VVG begrün­det wor­den sind und ggf. ob die mate­ri­el­len Vor­aus­set­zun­gen für die Prä­mi­en­an­pas­sung vor­ge­le­gen haben.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 19. Dezem­ber 2018 – IV ZR 255/​17

  1. AG Pots­dam, Urteil vom 18.10.2016 – 29 C 122/​16[]
  2. LG Pots­dam, Urteil vom 27.09.2017 – 6 S 80/​16[]