Preis­ver­ein­ba­run­gen zwi­schen Ver­si­che­rung und Kfz-Werk­statt

Ver­ein­ba­run­gen zwi­schen Ver­si­che­rungs­ge­sell­schaf­ten und Kfz-Repa­ra­tur­werk­stät­ten über die Prei­se für die Repa­ra­tur ver­si­cher­ter Fahr­zeu­ge haben einen wett­be­werbs­wid­ri­gen Zweck und sind daher ver­bo­ten, wenn sie schon ihrer Natur nach schäd­lich für das gute Funk­tio­nie­ren des nor­ma­len Wett­be­werbs sind. Ob sie inso­weit schäd­lich sind, ist in Bezug auf die bei­den betrof­fe­nen Märk­te – den der Kfz-Ver­si­che­run­gen und den der Kfz-Repa­ra­tu­ren – zu beur­tei­len.

Preis­ver­ein­ba­run­gen zwi­schen Ver­si­che­rung und Kfz-Werk­statt

Dies ent­schied jetzt der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on in einem Rechts­streit aus Ungarn: Die unga­ri­schen Ver­si­che­rer – u. a. Alli­anz Hun­gá­ria und Gene­ra­li-Pro­vi­den­cia – ver­ein­ba­ren ein­mal jähr­lich mit den Kfz-Ver­trags­händ­lern oder mit deren natio­na­ler Ver­ei­ni­gung die Bedin­gun­gen und Tari­fe für Repa­ra­tu­ren von Schä­den an ver­si­cher­ten Fahr­zeu­gen, die der Ver­si­che­rer regu­lie­ren muss. Die Werk­stät­ten der Ver­trags­händ­ler kön­nen dadurch im Scha­dens­fall unmit­tel­bar Repa­ra­tu­ren gemäß die­sen Bedin­gun­gen und Tari­fen vor­neh­men.

Die Ver­trags­händ­ler unter­hal­ten dabei eine zwei­fa­che Bezie­hung zu den Ver­si­che­rern: Zum einen repa­rie­ren sie im Scha­dens­fall die ver­si­cher­ten Fahr­zeu­ge auf Rech­nung der Ver­si­che­rer, zum ande­ren han­deln sie als deren Agen­ten und bie­ten ihren Kun­den beim Ver­kauf oder bei der Repa­ra­tur von Fahr­zeu­gen Kfz-Ver­si­che­run­gen an. Nach den Ver­ein­ba­run­gen zwi­schen den Ver­si­che­rern und den Ver­trags­händ­lern erhöht sich der Stun­den­satz der Ver­trags­händ­ler für die Repa­ra­tur beschä­dig­ter Fahr­zeu­ge nach Maß­ga­be der Zahl oder des Pro­zent­sat­zes der für die Ver­si­che­rungs­ge­sell­schaft ver­kauf­ten Ver­si­che­rungs­ver­trä­ge.

Da das unga­ri­sche Kar­tell­amt der Auf­fas­sung war, dass die frag­li­chen Ver­ein­ba­run­gen die Beschrän­kung des Wett­be­werbs auf dem Markt für Kfz-Ver­si­che­rungs­ver­trä­ge und auf dem Markt für Kfz-Repa­ra­tu­ren bezweck­ten, ver­bot es das wett­be­werbs­wid­ri­ge Ver­hal­ten und ver­häng­te Geld­bu­ßen gegen die betrof­fe­nen Unter­neh­men.

Der Legfels?bb Bíróság (Obers­ter Gerichts­hof in Ungarn), der im Rechts­mit­tel­ver­fah­ren mit die­ser Rechts­sa­che befasst ist, leg­te dar­auf­hin dem Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on ein Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen zu der Fra­ge vor, ob die frag­li­chen Ver­ein­ba­run­gen die Ver­hin­de­rung, die Ein­schrän­kung oder die Ver­fäl­schung des Wett­be­werbs inner­halb des Bin­nen­markts bezwe­cken.

In sei­nem Urteil erin­nert der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on zunächst dar­an, dass Ver­ein­ba­run­gen mit einem sol­chen Zweck, d. h. Ver­ein­ba­run­gen, die schon ihrer Natur nach schäd­lich für das gute Funk­tio­nie­ren des nor­ma­len Wett­be­werbs sind, ver­bo­ten sind, ohne dass es einer Prü­fung ihrer Aus­wir­kun­gen auf den Wett­be­werb bedarf.

Wei­ter stellt der Euro­päi­sche Gerichts­hof fest, dass die unter­such­ten Ver­ein­ba­run­gen zwei grund­sätz­lich von­ein­an­der unab­hän­gi­ge Tätig­kei­ten mit­ein­an­der ver­bin­den, näm­lich die Dienst­leis­tung der Kfz-Repa­ra­tur und die Ver­mitt­lung von Kfz-Ver­si­che­run­gen. Hier­zu weist der Gerichts­hof dar­auf hin, dass die Her­stel­lung einer sol­chen Ver­bin­dung nicht auto­ma­tisch bedeu­tet, dass die betref­fen­den Ver­ein­ba­run­gen eine Wett­be­werbs­be­schrän­kung bezwe­cken, dass sie aber einen wich­ti­gen Aspekt bei der Beur­tei­lung der Fra­ge dar­stel­len kann, ob die­se Ver­ein­ba­run­gen ihrer Natur nach schäd­lich für das gute Funk­tio­nie­ren des nor­ma­len Wett­be­werbs sind. In die­sem Zusam­men­hang führt der Gerichts­hof aus, dass es sich im vor­lie­gen­den Fall zwar um ver­ti­ka­le Ver­ein­ba­run­gen – d. h. um Ver­ein­ba­run­gen zwi­schen nicht mit­ein­an­der im Wett­be­werb ste­hen­den Unter­neh­men – han­delt, dass sie aber gleich­wohl eine Wett­be­werbs­be­schrän­kung bezwe­cken kön­nen.

Der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on erläu­tert fer­ner, dass im vor­lie­gen­den Fall der Zweck der bean­stan­de­ten Ver­ein­ba­run­gen im Hin­blick auf die bei­den betrof­fe­nen Märk­te zu beur­tei­len ist. So ist es Sache des unga­ri­schen Gerichts, zum einen zu prü­fen, ob die ver­ti­ka­len Ver­ein­ba­run­gen unter Berück­sich­ti­gung des wirt­schaft­li­chen und recht­li­chen Zusam­men­hangs, in dem sie ste­hen, eine hin­rei­chen­de Beein­träch­ti­gung des Wett­be­werbs auf dem Markt für Kfz-Ver­si­che­run­gen erken­nen las­sen, um die Fest­stel­lung zu gestat­ten, dass sie eine Wett­be­werbs­be­schrän­kung bezwe­cken. Dies wäre u. a. der Fall, wenn die Rol­le, die das natio­na­le Recht den als Ver­si­che­rungs­agen­ten oder -mak­ler tätig wer­den­den Ver­trags­händ­lern zuweist, deren Unab­hän­gig­keit von den Ver­si­che­rungs­ge­sell­schaf­ten erfor­dert. Außer­dem wür­de der wett­be­werbs­wid­ri­ge Zweck der Ver­ein­ba­run­gen auch dann fest­ste­hen, wenn der Wett­be­werb auf dem Markt für Kfz-Ver­si­che­run­gen infol­ge des Abschlus­ses die­ser Ver­ein­ba­run­gen wahr­schein­lich besei­tigt oder erheb­lich geschwächt wer­den wird.

Zum ande­ren muss das unga­ri­sche Gericht bei der Beur­tei­lung des Zwecks der Ver­ein­ba­run­gen in Bezug auf den Markt für Kfz-Repa­ra­tu­ren berück­sich­ti­gen, dass die Ver­ein­ba­run­gen offen­bar auf der Grund­la­ge der „Preis­emp­feh­lun­gen“ geschlos­sen wur­den, die in den von der natio­na­len Ver­ei­ni­gung der Kfz-Ver­trags­händ­ler getrof­fe­nen Ent­schei­dun­gen ent­hal­ten sind. Soll­te das unga­ri­sche Gericht fest­stel­len, dass die­se Ent­schei­dun­gen bezweck­ten, durch die Ver­ein­heit­li­chung der Stun­den­sät­ze für die Kfz-Repa­ra­tur den Wett­be­werb zu beschrän­ken, und dass die Ver­si­che­rungs­ge­sell­schaf­ten die­se Ent­schei­dun­gen durch die bean­stan­de­ten ver­ti­ka­len Ver­ein­ba­run­gen bewusst gebil­ligt haben, was ver­mu­tet wer­den kann, wenn sie unmit­tel­bar eine Ver­ein­ba­rung mit der Ver­ei­ni­gung der Kfz-Ver­trags­händ­ler getrof­fen haben, so wür­de die Rechts­wid­rig­keit der Ent­schei­dun­gen die Rechts­wid­rig­keit der Ver­ein­ba­run­gen nach sich zie­hen.

Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on, Urteil vom 14. März 2013 – C‑32/​11 [Alli­anz Hun­gá­ria Bizto­sító Zrt. u. a. /​Gaz­da­sági Ver­seny­hi­va­tal]