Qua­si­de­ckung – die Haf­tung des Ver­si­che­rungs­mak­lers

Hat ein Ver­si­che­rungs­mak­ler es pflicht­wid­rig unter­las­sen, ein bestimm­tes Risi­ko abzu­de­cken, so kann der Ver­si­che­rungs­neh­mer von ihm ver­lan­gen, so gestellt zu wer­den, als hät­te er den erfor­der­li­chen Ver­si­che­rungs­schutz erhal­ten („Qua­si­de­ckung“).

Qua­si­de­ckung – die Haf­tung des Ver­si­che­rungs­mak­lers

Kla­ge­wei­se Gel­tend­ma­chung mit­tels Fest­stel­lungs­an­trags

Für die Prü­fung der Zuläs­sig­keit eines Fest­stel­lungs­an­tra­ges ist der tat­säch­li­che Vor­trag des Klä­gers (Ver­si­che­rungs­neh­mers) zu unter­stel­len. Danach wäre der beklag­te Ver­si­che­rungs­mak­ler gemäß § 249 Abs. 1 BGB ver­pflich­tet, den Zustand her­zu­stel­len, der bestün­de, wenn er dem Ver­si­che­rungs­neh­mer auch Betriebs­haft­pflicht-Ver­si­che­rungs­schutz für Flie­sen­ar­bei­ten ver­mit­telt hät­te (sog. „Qua­si­de­ckung“; vgl. Dör­ner in Prölss/​Martin, VVG 28. Aufl. § 63 Rn. 16; Münch­Komm-VVG/­Reiff, § 63 Rn.19; HK-VVG/­Mün­kel, 2. Aufl. § 6 Rn. 46; Schwin­tow­ski in Bruck/​Möller, VVG 9. Aufl. § 63 Rn.20).

Jedoch kann der Ver­si­che­rungs­neh­mer einer Haft­pflicht­ver­si­che­rung im All­ge­mei­nen nicht die Befrie­di­gung des Haft­pflicht­gläu­bi­gers ver­lan­gen. Viel­mehr steht es dem Haft­pflicht­ver­si­che­rer frei, ob er die gegen sei­nen Ver­si­che­rungs­neh­mer gel­tend gemach­ten Ansprü­che erfül­len oder den Ver­such einer Abwehr der Ansprü­che unter­neh­men will. Der Ver­si­che­rungs­neh­mer kann daher nicht auf Leis­tung, son­dern nur auf Fest­stel­lung des Ver­si­che­rungs­schut­zes kla­gen [1]. Ent­spre­chend muss es auch dem Ver­si­che­rungs­mak­ler im Fal­le sei­ner Haf­tung frei­ste­hen, die von der Geschä­dig­ten gegen den Ver­si­che­rungs­neh­mer gel­tend gemach­ten Ansprü­che ent­we­der zu erfül­len oder den Ver­such ihrer Abwehr zu unter­neh­men, indem er die Kos­ten der Rechts­ver­tei­di­gung des Ver­si­che­rungs­neh­mers gegen­über der Geschä­dig­ten über­nimmt.

Des­halb kann der Ver­si­che­rungs­neh­mer auch dem Ver­si­che­rungs­mak­ler gegen­über nur eine Kla­ge auf Fest­stel­lung erhe­ben; das erfor­der­li­che kon­kre­te Rechts­ver­hält­nis ist damit gege­ben, ohne dass es hier­für dar­auf ankommt, ob die erho­be­nen Ansprü­che der Geschä­dig­ten begrün­det sind.

Pflicht­ver­let­zung des Ver­si­che­rungs­mak­lers

Die Pflich­ten des vom Ver­si­che­rungs­neh­mer beauf­trag­ten Ver­si­che­rungs­mak­lers gehen weit. Er wird als sein Inter­es­sen- oder sogar Abschluss­ver­tre­ter ange­se­hen. Wegen sei­ner umfas­sen­den Pflich­ten kann der Ver­si­che­rungs­mak­ler für den Bereich des Ver­si­che­rungs­ver­hält­nis­ses des von ihm betreu­ten Ver­si­che­rungs­neh­mers als des­sen treu­hän­de­ri­scher Sach­wal­ter bezeich­net und inso­weit mit sons­ti­gen Bera­tern ver­gli­chen wer­den [2]. Als Ver­trau­ter und Bera­ter des Ver­si­che­rungs­neh­mers hat er des­sen Inter­es­sen wahr­zu­neh­men und indi­vi­du­el­len, für das betref­fen­de Objekt pas­sen­den Ver­si­che­rungs­schutz zu besor­gen; er muss von sich aus das Risi­ko unter­su­chen und das Objekt prü­fen [3].

Gegen die­se Pflich­ten hat der Ver­si­che­rungs­mak­ler bereits des­halb ver­sto­ßen, weil er im Rah­men der ihm oblie­gen­den Auf­ga­be, den Ver­si­che­rungs­be­darf zu ermit­teln, nicht nach­ge­fragt hat, wel­che kon­kre­ten Tätig­kei­ten der Ver­si­che­rungs­neh­mer im Rah­men sei­nes Betriebs tat­säch­lich aus­übt.

Der Pflich­ten­ver­stoß ist auch auf der Basis des vom Ver­si­che­rungs­mak­ler behaup­te­ten Inhalts des strei­ti­gen Tele­fon­ge­sprächs anzu­neh­men, wes­halb es einer Beweis­auf­nah­me hier­über nicht bedurf­te. Selbst wenn der Ver­si­che­rungs­neh­mer in dem Tele­fo­nat nur den Hin­weis gab, dass in der Deckungs­no­te nur von „Ofen­set­zer“ die Rede sei, er als Ofen­bau­er „aber auch mal Flie­sen kle­ben müs­se“, wäre schon dies ein aus­rei­chen­der Anlass für wei­te­re Nach­fra­gen des Ver­si­che­rungs­mak­ler gewe­sen. Allein die Hin­zu­fü­gung des Zusat­zes „incl. zuge­hö­ri­ger Flie­sen­ar­bei­ten“ auf der Deckungs­no­te genüg­te nicht. Sie ergab auch kei­nen Sinn, weil etwai­ge Flie­sen­ar­bei­ten, die aus­nahms­wei­se im Zusam­men­hang mit dem Ofen­set­zer­hand­werk vor­zu­neh­men waren, nach Teil – I Nr. 1 der für das Ver­si­che­rungs­ver­hält­nis wei­ter ver­ein­bar­ten „Besondere(n) Bedin­gun­gen und Risi­ko­be­schrei­bun­gen zur Haft­pflicht­ver­si­che­rung für Betrie­be des Bau­ne­ben­ge­wer­bes“ des Ver­si­che­rers auf­grund des dort ent­hal­te­nen Ver­wei­ses auf § 5 Hand­werks­ord­nung ohne­hin mit­ver­si­chert waren. Viel­mehr hät­te der Ver­si­che­rungs­mak­ler dem Ver­si­che­rungs­neh­mer auf die­sen Hin­weis hin erklä­ren müs­sen, dass es ent­schei­dend dar­auf ankommt, ob er gele­gent­lich auch selb­stän­di­ge Flie­sen­ar­bei­ten erbringt, was dann eines geson­der­ten Ver­si­che­rungs­schut­zes bedurft hät­te.

Das schließt zugleich ein Mit­ver­schul­den des Ver­si­che­rungs­neh­mers aus.

Dabei ist nicht ent­schei­dungs­er­heb­lich, ob sich der Ver­si­che­rungs­neh­mer tat­säch­lich gegen­über sei­ner Auf­trag­ge­be­rin haft­pflich­tig gemacht hat, weil der Ver­si­che­rungs­schutz auch der Abwehr unbe­grün­de­ter Ansprü­che dient.

Die Ver­si­che­rungs­lü­cke und die unter­las­se­ne Emp­feh­lung des Ver­si­che­rungs­mak­lers

Wie aus­ge­führt, gehört es zu den Auf­ga­ben des Ver­si­che­rungs­mak­lers, auf­grund einer sach­ge­rech­ten Risi­ko­prü­fung für einen den Bedürf­nis­sen des Ver­si­che­rungs­neh­mers ent­spre­chen­den Ver­si­che­rungs­schutz zu sor­gen. In die­sem Rah­men hat er auch die Bedin­gun­gen der von ihm emp­foh­le­nen Ver­si­che­rung in den Blick zu neh­men, ins­be­son­de­re soweit die­se von ande­ren markt­üb­li­chen Bedin­gun­gen abwei­chen. Inso­weit dürf­te aber der weit­ge­hend unein­ge­schränk­te Wie­der­ein­schluss von Schä­den durch Abwäs­ser im Bau­ne­ben­ge­wer­be üblich sein [4]. Denn nach dem „Tarif I: Indus­trie, Han­del und Gewer­be“ des Mus­ter­ta­rifs 2007 [5] sind gemäß Ziff. 1.2 lit. b) Haft­pflicht­an­sprü­che aus Sach­scha­den durch Abwäs­ser für das Bau­ne­ben­ge­wer­be dar­un­ter fal­len nach Zif­fer 1.2.5 Ofen­bau­er eben­so wie Flie­sen­le­ger in Abwei­chung von Zif­fer 7.14 (1) AHB ohne die hier ver­ein­bar­te Rück­aus­nah­me ein­ge­schlos­sen.

Es kommt des­halb dar­auf an, ob der Ver­si­che­rungs­mak­ler bei gehö­ri­ger Nach­fra­ge zu den vom Ver­si­che­rungs­neh­mer kon­kret aus­ge­üb­ten Tätig­kei­ten hät­te erken­nen kön­nen, dass der ein­ge­schränk­te Wie­der­ein­schluss nicht genüg­te, weil der Ver­si­che­rungs­neh­mer auch Arbei­ten an einer Anla­ge vor­ge­nom­men hat­te, in die Abwäs­ser abge­lei­tet wur­den.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 26. März 2014 – IV ZR 422/​12

  1. BGH, Urtei­le vom 21.09.1983 IVa ZR 165/​81, NJW 1984, 370; vom 04.12 1980 IVa ZR 32/​80, BGHZ 79, 76, 78[]
  2. BGH, Urteil vom 22.05.1985 IVa ZR 190/​83, BGHZ 94, 356, 359; BGH, Urtei­le vom 16.07.2009 – III ZR 21/​09, VersR 2009, 1495 Rn. 8; vom 14.06.2007 – III ZR 269/​06, NJW-RR 2007, 1503 Rn. 10; vom 20.01.2005 – III ZR 251/​04, BGHZ 162, 67, 78[]
  3. BGH, Urteil vom 22.05.1985 aaO; BGH, Urteil vom 14.06.2007 aaO[]
  4. so auch Lücke, VuR kom­pakt 2013, 5, 7[]
  5. abge­druckt z.B. in Prölss/​Martin, VVG 28. Aufl. S. 1608 ff.[]