Ren­ten­ver­si­che­rungs­ver­trag im alten Poli­cen­mo­dell – und die Wider­rufs­frist

Der Beginn der in der hier maß­geb­li­chen Fas­sung des § 5a Abs. 1 Satz 1 VVG bestimm­ten vier­zehn­tä­gi­gen Wider­spruchs­frist setzt gemäß § 5a Abs. 2 Satz 1 VVG a.F. vor­aus, dass dem Ver­si­che­rungs­neh­mer der Ver­si­che­rungs­schein und die Unter­la­gen nach § 5a Abs. 1 Satz 1 VVG a.F., dar­un­ter auch die Ver­brau­cher­infor­ma­ti­on nach § 10a VAG a.F., voll­stän­dig vor­lie­gen und der Ver­si­che­rungs­neh­mer bei Aus­hän­di­gung des Ver­si­che­rungs­scheins schrift­lich, in druck­tech­nisch deut­li­cher Form über das Wider­spruchs­recht, den Frist­be­ginn und die Dau­er belehrt wor­den ist.

Ren­ten­ver­si­che­rungs­ver­trag im alten Poli­cen­mo­dell – und die Wider­rufs­frist

Ob im Ein­zel­fall eine Wider­spruchs­be­leh­rung den Anfor­de­run­gen an die druck­tech­nisch deut­li­che Form im Sin­ne von § 5a Abs. 2 Satz 1 VVG a.F. ent­spricht, ist der tatrich­ter­li­chen Beur­tei­lung über­las­sen. Das Land­ge­richt Stutt­gart hat im hier ent­schie­de­nen Streit­fall in der Beru­fungs­in­stanz den Kur­siv­druck der in einem geson­der­ten Absatz auf dem ein­sei­ti­gen Poli­cen­be­gleit­schrei­ben ent­hal­te­nen Wider­spruchs­be­leh­rung als druck­tech­nisch deut­li­che Form ange­se­hen [1]. Die­se tatrich­ter­li­che Wür­di­gung ist aus Rechts­grün­den nicht zu bean­stan­den [2]. Etwas ande­res ergibt sich auch nicht aus den Urteil des Bun­des­ge­richts­hofs vom 10.06.2015 [3]. Die­se Ent­schei­dung betraf eine auf der Rück­sei­te des Poli­cen­be­gleit­schrei­bens abge­druck­te Wider­spruchs­be­leh­rung, die sich nach der revi­si­ons­recht­lich nicht zu bean­stan­den­den Wür­di­gung des dama­li­gen Beru­fungs­ge­richts von dem übri­gen Text auf der Rück­sei­te des Poli­cen­be­gleit­schrei­bens allein durch den Kur­siv­druck nicht genü­gend abhob.

Auch die der Ver­si­che­rungs­neh­me­rin im hier ent­schie­de­nen Streit­fall über­las­se­ne Ver­brau­cher­infor­ma­ti­on war voll­stän­dig.

Die Ver­brau­cher­infor­ma­ti­on war nicht des­halb unvoll­stän­dig, weil eine Anga­be dazu fehl­te, ob und in wel­chem Umfang Rück­kaufs­wer­te über­haupt garan­tiert wur­den.

Zu der not­wen­di­gen Ver­brau­cher­infor­ma­ti­on nach § 10a Abs. 1 VAG a.F. gehör­ten bei Lebens­ver­si­che­run­gen und Unfall­ver­si­che­run­gen mit Prä­mi­en­rück­ge­währ gemäß Abschnitt I Nr. 2 Buchst. b) der Anla­ge Teil D zum VAG a.F. die Anga­be der Rück­kaufs­wer­te und nach Buchst. d) die­ser Bestim­mung Anga­ben über das Aus­maß, in dem Rück­kaufs­wer­te garan­tiert sind. Im Streit­fall fehlt es an garan­tier­ten Rück­kaufs­wer­ten im Sin­ne von Abschnitt I Nr. 2 Buchst. b) und d) der Anla­ge Teil D zum VAG a.F. Nach den vom Beru­fungs­ge­richt zum Inhalt des abge­schlos­se­nen Ver­si­che­rungs­ver­tra­ges getrof­fe­nen Fest­stel­lun­gen hat die Ver­si­che­rungs­ge­sell­schaft der Ver­si­che­rungs­neh­me­rin kei­ne Rück­kaufs­wer­te in bestimm­ter Höhe ver­trag­lich zuge­sagt. Dar­über hat die Ver­si­che­rungs­ge­sell­schaft in der im Ver­si­che­rungs­schein ent­hal­te­nen Ver­brau­cher­infor­ma­ti­on aus­rei­chend infor­miert. Zutref­fend geht das Beru­fungs­ge­richt von der im Ver­si­che­rungs­schein ent­hal­te­nen Über­sicht aus, in deren drit­ter und vier­ter Spal­te der "Rück­kaufs­wert plus Über­schuß­be­tei­li­gung" und der "nach Rück­kauf ver­blei­ben­de Rest­wert plus Über­schuß­be­tei­li­gung" bei Ren­ten­be­ginn aus­ge­wie­sen wer­den. Im drit­ten Absatz vor die­ser Tabel­le wird der Rück­kaufs­wert ein­schließ­lich Über­schuss­be­tei­li­gung als "Zeit­wert" der Ver­si­che­rung zum Zeit­punkt der Kün­di­gung beschrie­ben, des­sen Höhe von meh­re­ren Fak­to­ren abhän­ge, vor allem von der Zins­ent­wick­lung auf dem Kapi­tal­markt. Wei­ter wird erläu­tert, die in den Spal­ten 3 und 4 genann­ten Wer­te sei­en "auf Basis der heu­ti­gen Berech­nungs­grund­la­gen ermit­telt". Dar­an schließt sich der aus­drück­li­che Hin­weis an: "Sie kön­nen nicht garan­tiert wer­den." Wird einem Ver­si­che­rungs­neh­mer wie hier aus­drück­lich mit­ge­teilt, dass in einer nach­fol­gen­den Über­sicht auf­ge­führ­te Rück­kaufs­wer­te auf der Basis der zur Zeit der Aus­stel­lung des Ver­si­che­rungs­scheins maß­geb­li­chen Berech­nungs­grund­la­gen ermit­telt wur­den und nicht garan­tiert wer­den kön­nen, ist er dar­über infor­miert, dass Rück­kaufs­wer­te "über­haupt nicht", auch nicht teil­wei­se garan tiert wer­den. Zudem ist in der Über­sicht die Über­schrift zur Spal­te 2 durch Stern­chen­Fuß­no­te mit dem Zusatz ver­se­hen "Die­se Beträ­ge garan­tie­ren wir", wäh­rend die Über­schrif­ten zu den Spal­ten 3 und 4 durch Dop­pel­stern­chen­Fuß­no­te um den Hin­weis "Die­se Beträ­ge kön­nen wir nicht garan­tie­ren" ergänzt wer­den. Auch damit hat die Ver­si­che­rungs­ge­sell­schaft ein­deu­tig mit­ge­teilt, dass die in Spal­te 3 auf­ge­führ­ten Rück­kaufs­wer­te nicht garan­tiert sind. Im Übri­gen ver­pflich­tet § 10a Abs. 1 Satz 1 VAG a.F. in Ver­bin­dung mit Abschnitt I Nr. 2 Buchst. b) und d) der Anla­ge Teil D zum VAG a.F. den Ver­si­che­rer nicht anzu­ge­ben, dass es im Hin­blick auf den abge­schlos­se­nen Ver­trag an einer Garan­tie von Rück­kaufs­wer­ten fehlt. Dies hat der Bun­des­ge­richts­hof mit dem nach Erlass des Beru­fungs­ur­teils ergan­ge­nen Urteil vom 11.12 2019 [4], in dem es um eine nahe­zu gleich gestal­te­te Ver­brau­cher­infor­ma­ti­on der­sel­ben Ver­si­che­rungs­ge­sell­schaft wie hier ging, ent­schie­den und im Ein­zel­nen aus­ge­führt.

Die Ein­wän­de gegen die­se Ent­schei­dung geben dem Bun­des­ge­richts­hof kei­nen Anlass zu einer Ände­rung sei­ner Rechts­auf­fas­sung.

Soweit bean­stan­det wird, dass die drit­te Spal­te der Tabel­le "Rück­kaufs­wer­te plus Über­schuß­be­tei­li­gung" und damit sum­mier­te Beträ­ge aus­wei­se, muss sie ein­räu­men, dass der in § 176 Abs. 3 Satz 1 VVG a.F. als Zeit­wert der Ver­si­che­rung defi­nier­te Rück­kaufs­wert die Über­schuss­be­tei­li­gung mit­ein­schließt. Sieht der Ver­si­che­rungs­ver­trag wie im Streit­fall eine Über­schuss­be­tei­li­gung vor, wel­che die Höhe der Rück­kaufs­wer­te beein­flusst, for­dert Abschnitt I Nr. 2 Buchst. b) der Anla­ge Teil D zum VAG a.F. nicht die Anga­be von Rück­kaufs­wer­ten ohne Berück­sich­ti­gung der Über­schuss­be­tei­li­gung [5].

Ver­geb­lich rüg­te der Ver­si­che­rungs­neh­mer auch eine unter­blie­be­ne Auf­lis­tung der ver­meint­lich erfor­der­li­chen Anzahl an Rück­kaufs­wer­ten in Spal­te 3 der Tabel­le. Dazu mach­ten weder § 10a Abs. 1 Satz 1 VAG a.F. in Ver­bin­dung mit Abschnitt I Nr. 2 Buchst. b) der Anla­ge Teil D zum VAG a.F. noch Anhang II Buchst. A. Nr. a.9 der Drit­ten Richt­li­nie Lebens­ver­si­che­rung Vor­ga­ben.

Schließ­lich kommt es für die Fra­ge des Bestehens eines Wider­spruchs­rechts nach § 5a VVG a.F. nicht dar­auf an, ob die Anga­be der Rück­kaufs­wer­te Trans­pa­renz­an­for­de­run­gen genügt. Ein etwai­ger Trans­pa­renz­man­gel in einer Ver­brau­cher­infor­ma­ti­on begrün­det kein Wider­spruchs­recht nach § 5a VVG a.F. [6].

Die Ver­brau­cher­infor­ma­ti­on war auch nicht aus ande­ren Grün­den unvoll­stän­dig.

Auch war ein auf die Todes23 fall­leis­tung (Bei­trags­rück­zah­lung bei Tod vor Ren­ten­be­ginn, Todes­fall­leis­tung ab Ren­ten­be­ginn) ent­fal­len­der Bei­trags­an­teil nicht gemäß Abschnitt I Nr. 1 Buchst. e) der Anla­ge Teil D zum VAG a.F. ein­zeln aus­zu­wei­sen, weil nicht meh­re­re selb­stän­di­ge Ver­si­che­rungs­ver­trä­ge im Sin­ne die­ser Bestim­mung vor­lie­gen [7]. Ohne Erfolg blieb inso­weit auch ein Ver­weis auf Anhang II Buchst. A. Nr. a.10 der Drit­ten Richt­li­nie Lebens­ver­si­che­rung, wonach vor Abschluss des Ver­tra­ges "Infor­ma­tio­nen über die Prä­mi­en für jede Leis­tung, und zwar sowohl Haupt­als auch Neben­leis­tun­gen, wenn sich der­ar­ti­ge Infor­ma­tio­nen als sinn­voll erwei­sen", mit­zu­tei­len waren. Auch wenn die Richt­li­nie nicht zwi­schen Haupt- und Neben­leis­tun­gen unter­schei­det, for­dert sie jeden­falls nicht, dass für die Alter­na­ti­ve der Haupt­leis­tung Kapi­tal­leis­tung im Todes­fall vor oder ab Ren­ten­be­ginn statt Ren­ten­zah­lung für den Erle­bens­fall Prä­mi­en sepa­rat aus­ge­wie­sen wer­den.

Auch eine Infor­ma­ti­on über die Frist, wäh­rend der der Antrag­stel­ler an den Antrag gebun­den sein soll (Abschnitt I Nr. 1 Buchst. f) der Anla­ge Teil D zum VAG a.F.), war, wie der Bun­des­ge­richts­hof bereits mit dem Urteil vom 11.12 2019 [8] ent­schie­den und im Ein­zel­nen erläu­tert hat, bei einem Ver­trags­schluss nach dem Poli­cen­mo­dell anders als beim Antrags­mo­dell nicht erfor­der­lich. Dar­an hält der Bun­des­ge­richts­hof fest.

Die Fra­ge, ob das Poli­cen­mo­dell mit den Lebens­ver­si­che­rungs­richt­li­ni­en der Euro­päi­schen Uni­on unver­ein­bar ist, ist hier nicht ent­schei­dungs­er­heb­lich. Auch im Fal­le einer unter­stell­ten Gemein­schafts­rechts­wid­rig­keit des Poli­cen­mo­dells ist es der ord­nungs­ge­mäß über ihr Wider­spruchs­recht belehr­ten und infor­mier­ten Ver­si­che­rungs­neh­me­rin nach Treu und Glau­ben wegen wider­sprüch­li­cher Rechts­aus­übung ver­wehrt, sich nach jah­re­lan­ger Durch­füh­rung des Ver­tra­ges über mehr als zehn­ein­halb Jah­re auf des­sen angeb­li­che Unwirk­sam­keit zu beru­fen und dar­aus Berei­che­rungs­an­sprü­che her­zu­lei­ten [9].

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 6. Mai 2020 – IV ZR 102/​19

  1. LG Stutt­gart, Urteil vom 20.03.2019 4 S 136/​18[]
  2. vgl. auch BGH, Urteil vom 14.10.2015 – IV ZR 388/​13, r+s 2015, 598 Rn. 11[]
  3. BGH, Urteil vom 10.06.2015 – IV ZR 272/​13, Rn. 11[]
  4. BGH, Urteil vom 11.12 2019 – IV ZR 8/​19, VersR 2020, 208 Rn. 13 ff.[]
  5. BGH, Urteil vom 11.12 2019 aaO Rn. 24[]
  6. BGH, Urteil vom 11.12 2019 aaO Rn. 25[]
  7. BGH, Urteil vom 11.12 2019 aaO Rn. 26[]
  8. BGH, Urteil vom 11.12.2019, aaO Rn. 27[]
  9. vgl. im Ein­zel­nen zu den Maß­stä­ben: BGH, Urteil vom 16.07.2014 – IV ZR 73/​13, BGHZ 202, 102 Rn. 32 ff.[]