Rück­ab­wick­lung einer fonds­ge­bun­de­nen Lebens­ver­si­che­rung – und die erwirt­schaf­te­ten Ver­lus­te

Bei der berei­che­rungs­recht­li­chen Rück­ab­wick­lung einer fonds­ge­bun­de­nen Lebens­ver­si­che­rung nach Wider­spruch gemäß § 5a VVG a.F. muss sich der Ver­si­che­rungs­neh­mer berei­che­rungs­min­dernd anrech­nen las­sen, dass die Fonds, in die die Spar­an­tei­le der von ihm gezahl­ten Prä­mi­en ange­legt wor­den sind, Ver­lus­te erwirt­schaf­tet haben. Der Ver­si­che­rungs­neh­mer kann nur vom Ver­si­che­rer tat­säch­lich gezo­ge­ne Nut­zun­gen her­aus­ver­lan­gen und trägt hier­für die Dar­le­gungs- und Beweis­last. Er kann sei­nen Tat­sa­chen­vor­trag nicht ohne Bezug zur Ertrags­la­ge des jewei­li­gen Ver­si­che­rers auf eine tat­säch­li­che Ver­mu­tung einer Gewinn­erzie­lung in bestimm­ter Höhe stüt­zen.

Rück­ab­wick­lung einer fonds­ge­bun­de­nen Lebens­ver­si­che­rung – und die erwirt­schaf­te­ten Ver­lus­te

Der geschlos­se­ne Ver­si­che­rungs­ver­trag schafft kei­nen Rechts­grund für die Prä­mi­en­zah­lun­gen, wenn er infol­ge des Wider­spruchs des Ver­si­che­rungs­neh­mers nicht wirk­sam zustan­de gekom­men ist. Der Ver­si­che­rungs­neh­mer kann in die­sem Fall von der Ver­si­che­rungs­ge­sell­schaft Prä­mi­en­rück­zah­lung gemäß § 812 Abs. 1 Satz 1 Alt. 1 BGB ver­lan­gen.

Der Rück­ge­währ­an­spruch umfasst jedoch der Höhe nach nicht unein­ge­schränkt alle gezahl­ten Prä­mi­en, außer­dem ist dem Ver­si­cher­neh­mer bei der berei­che­rungs­recht­li­chen Rück­ab­wick­lung der jeden­falls fak­tisch bis zum Wider­spruch genos­se­ne Ver­si­che­rungs­schutz anzu­rech­nen. Der Wert des Ver­si­che­rungs­schut­zes kann unter Berück­sich­ti­gung der Prä­mi­en­kal­ku­la­ti­on bemes­sen wer­den; bei Lebens­ver­si­che­run­gen kann etwa dem Risi­ko­an­teil Bedeu­tung zukom­men [1].

Aus­ge­hend davon kann der Wert­er­satz auf der Grund­la­ge der Prä­mi­en­kal­ku­la­ti­on der Ver­si­che­rungs­ge­sell­schaft geschätzt wer­den. Dabei ist zu berück­sich­ti­gen, dass der Ver­si­che­rungs­neh­mer bis zu sei­nem Wider­spruch fak­tisch den Schutz gegen das Todes­fall­ri­si­ko erlangt hat­te, und der auf die gezahl­ten Prä­mi­en ent­fal­len­den Risi­ko­an­teil in Abzug zu brin­gen.

Im vor­lie­gen­den Fall griff auch der von der Ver­si­che­rungs­ge­sell­schaft erho­be­ne Ein­wand der Ent­rei­che­rung gemäß § 818 Abs. 3 BGB zum Teil durch:

Zwar kann sich die Beklag­te hin­sicht­lich der von ihr gel­tend gemach­ten Abschluss- und Ver­wal­tungs­kos­ten nicht auf den Weg­fall der Berei­che­rung beru­fen. Dies hat der Bun­des­ge­richts­hof in den Urtei­len vom 29.07.2015 [2], die ver­gleich­ba­re Sach­ver­hal­te betra­fen, ent­schie­den und im Ein­zel­nen begrün­det.

Der Ver­si­che­rungs­neh­mer muss sich aber berei­che­rungs­min­dernd anrech­nen las­sen, dass die Fonds, in die die Spar­an­tei­le der von ihm gezahl­ten Prä­mi­en ange­legt wor­den sind, nach dem unbe­strit­te­nen Vor­trag der Ver­si­che­rungs­ge­sell­schaft Ver­lus­te erwirt­schaf­tet haben.

Ver­mö­gens­nach­tei­le des Berei­che­rungs­schuld­ners sind nur berück­sich­ti­gungs­fä­hig, wenn sie bei wirt­schaft­li­cher Betrach­tungs­wei­se adäquat­kau­sal auf der Berei­che­rung beru­hen [3]. Die Fonds­ver­lus­te sind inso­weit adäquat kau­sal durch die Prä­mi­en­zah­lun­gen des Ver­si­che­rungs­neh­mers ent­stan­den, als die Spar­an­tei­le der Prä­mi­en ver­ein­ba­rungs­ge­mäß in Fonds ange­legt wor­den sind.

Wei­ter­hin kommt es in Fäl­len berei­che­rungs­recht­li­cher Rück­ab­wick­lung von nicht zustan­de gekom­me­nen oder unwirk­sa­men Ver­trä­gen dar­auf an, inwie­weit das jewei­li­ge Ent­rei­che­rungs­ri­si­ko nach den Vor­schrif­ten zu dem fehl­ge­schla­ge­nen Geschäft oder nach dem Wil­len der Ver­trags­schlie­ßen­den jeweils der einen oder ande­ren Par­tei zuge­wie­sen sein soll­te [4]. Das Ver­lust­ri­si­ko aus der Anla­ge der Spar­an­tei­le kann nicht mit Blick dar­auf, dass der Lebens­ver­si­che­rungs­ver­trag nach dem wirk­sam erklär­ten Wider­spruch rück­wir­kend (ex tunc) und nicht erst ab der Wider­spruchs­er­klä­rung (ex nunc) rück­ab­zu­wi­ckeln ist, dem Ver­si­che­rer auf­er­legt wer­den. Im Fal­le der Leis­tungs­kon­dik­ti­on gemäß § 812 Abs. 1 Satz 1 Alt. 1 BGB sind die rechts­grund­los erlang­ten Leis­tun­gen grund­sätz­lich ab dem Zeit­punkt ihres Erhalts zurück zu gewäh­ren. Danach sind bei der Rück­ab­wick­lung eines von Anfang an nicht wirk­sam zustan­de gekom­me­nen Ver­si­che­rungs­ver­tra­ges sämt­li­che gezahl­ten Prä­mi­en zu erstat­ten. Nach dem zum Aus­druck kom­men­den Wil­len der Ver­trags­par­tei­en ist das Ver­lust­ri­si­ko hier dem Ver­si­che­rungs­neh­mer zuge­wie­sen. Bei der fonds­ge­bun­de­nen Lebens­ver­si­che­rung ent­schei­det sich der Ver­si­che­rungs­neh­mer für ein Pro­dukt, bei dem die Höhe der Ver­si­che­rungs­leis­tung abge­se­hen von der Todes­fall­leis­tung – nicht von vor­ne­her­ein betrags­mä­ßig fest­ge­legt ist, son­dern vom schwan­ken­den Wert des Fonds­gut­ha­bens abhängt. Die mit Gewinn­chan­cen, aber auch mit Ver­lust­ri­si­ken behaf­te­te – Kapi­tal­an­la­ge ist für den Ver­si­che­rungs­neh­mer neben der Risi­ko­ab­si­che­rung ein wesent­li­cher Gesichts­punkt, wenn er sich für eine fonds­ge­bun­de­ne Lebens­ver­si­che­rung ent­schei­det. Dies recht­fer­tigt es grund­sätz­lich, ihm das Ver­lust­ri­si­ko zuzu­wei­sen, wenn der Ver­si­che­rungs­ver­trag nicht wirk­sam zustan­de kommt und rück­ab­ge­wi­ckelt wer­den muss. Dem steht der mit der richt­li­ni­en­kon­for­men Aus­le­gung des § 5a Abs. 2 Satz 4 VVG a.F. bezweck­te Schutz des Ver­si­che­rungs­neh­mers nicht ent­ge­gen. Dem euro­pa­recht­li­chen Effek­ti­vi­täts­ge­bot wider­spricht es nicht, wenn der Ver­si­che­rungs­neh­mer auch nach Ablauf der Jah­res­frist des § 5a Abs. 2 Satz 4 VVG a.F. dem Zustan­de­kom­men des Ver­si­che­rungs­ver­tra­ges wider­spre­chen kann, aber Fonds­ver­lus­te tra­gen muss. Das Wider­spruch­recht wird jeden­falls dann nicht ent­wer­tet, wenn die Ver­lus­te nur einen gerin­gen Teil der Spar­an­tei­le aus­ma­chen.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 11. Novem­ber 2015 – IV ZR 513/​14

  1. BGH, Urteil vom 07.05.2014 aaO Rn. 45 m.w.N.[]
  2. BGH, Urtei­le vom 29.07.2015 – IV ZR 384/​14, VersR 2015, 1101 Rn. 41 ff.; – IV ZR 448/​14, VersR 2015, 1104 Rn. 46 ff.[]
  3. BGH, Urtei­le vom 29.07.2015 – IV ZR 384/​14 aaO Rn. 42; – IV ZR 448/​14 aaO Rn. 47, jeweils m.w.N.[]
  4. BGH, Urtei­le vom 05.03.2015 – IX ZR 164/​14, NJW-RR 2015, 677 Rn. 15; vom 06.12 1991 – V ZR 311/​89, BGHZ 116, 251, 256, jeweils m.w.N.[]