Rück­kaufs­wert in der Lebens­ver­si­che­rung – und der Aus­kunfts­an­spruch gegen den Ver­si­che­rer

Die maß­geb­li­chen Grund­sät­ze zum Aus­kunfts­an­spruch des Ver­si­che­rungs­neh­mers gegen den Lebens­ver­si­che­rer hat der Bun­des­ge­richts­hof in sei­nem Urteil vom 26.06.2013 1 auf­ge­stellt.

Rück­kaufs­wert in der Lebens­ver­si­che­rung – und der Aus­kunfts­an­spruch gegen den Ver­si­che­rer

Dort hat er es gebil­ligt, dass der Ver­si­che­rer ver­ur­teilt wor­den war, in geord­ne­ter Form Aus­kunft zu ertei­len durch die Benen­nung fol­gen­der Beträ­ge: der Hälf­te des mit den Rech­nungs­grund­la­gen der Prä­mi­en­kal­ku­la­ti­on berech­ne­ten unge­zill­mer­ten Deckungs­ka­pi­tals bzw. des unge­zill­mer­ten Fonds­gut­ha­bens; des Rück­kaufs­werts, der sich für den Zeit­punkt der Been­di­gung des Ver­si­che­rungs­ver­tra­ges bei Zugrun­de­le­gung der Bestim­mun­gen des jewei­li­gen Ver­si­che­rungs­ver­tra­ges, so wie er geschlos­sen ist, ergibt ("ver­spro­che­ne Leis­tung"); eines vor­ge­nom­me­nen Abzugs gemäß § 176 Abs. 4 VVG a.F. ("Stor­no­ab­zug") 2.

Ergän­zend hat er den Ver­si­che­rer ver­ur­teilt, in geord­ne­ter Form Aus­kunft zu ertei­len durch Benen­nung der wäh­rend der Ver­trags­lauf­zeit zuge­wie­se­nen lau­fen­den Über­schuss­be­tei­li­gung und des anläss­lich der Ver­trags­be­en­di­gung zuge­wie­se­nen Schluss­über­schuss­an­teils, soweit etwai­ge Über­schüs­se Bestand­teil der Berech­nung des unge­zill­mer­ten Deckungs­ka­pi­tals und/​oder der Berech­nung des Rück­kaufs­werts sind, sowie der an die Finanz­ver­wal­tung abge­führ­ten Kapi­tal­ertrag­steu­ern und Soli­da­ri­täts­zu­schlä­ge auf die vor­er­wähn­te Über­schuss­be­tei­li­gung 3.

Zur Begrün­dung hat der Bun­des­ge­richts­hof dar­auf abge­stellt, ein Aus­kunfts­an­spruch kön­ne nach Treu und Glau­ben dann in Betracht kom­men, wenn der Berech­tig­te in ent­schuld­ba­rer Wei­se über Bestehen und Umfang sei­nes Rechts im Unge­wis­sen ist und der Ver­pflich­te­te die zur Besei­ti­gung der Unge­wiss­heit erfor­der­li­che Aus­kunft unschwer geben kann 4.

Umfang und Inhalt der zu ertei­len­den Aus­kunft rich­ten sich danach, wel­che Infor­ma­tio­nen der Berech­tig­te benö­tigt, um sei­nen Anspruch gel­tend machen zu kön­nen, soweit dem nicht Zumut­bar­keits­ge­sichts­punk­te oder ande­re Gren­zen ent­ge­gen­ste­hen. Der Aus­kunfts­an­spruch umfasst grund­sätz­lich nicht die Ver­pflich­tung zur Vor­la­ge der fik­ti­ven ver­si­che­rungs­tech­ni­schen Bilan­zen oder ande­rer Geschäfts­un­ter­la­gen und auch kein Ein­sichts­recht 5.

Aus die­sem Grund hat der Bun­des­ge­richts­hof in jenem Ver­fah­ren gel­tend gemach­te wei­te­re Hilfs­an­trä­ge auf Aus­kunft für unbe­grün­det erach­tet, mit denen der Klä­ger im Ein­zel­nen eine Begrün­dung dafür ver­lang­te, wie und auf wel­che Wei­se der Ver­si­che­rer die mit der Aus­kunft zur Ver­fü­gung zu stel­len­den Infor­ma­ti­on ermit­telt hat 6. Aus­kunft ist immer nur unter Berück­sich­ti­gung der jewei­li­gen Umstän­de des Ein­zel­fal­les und unter Wah­rung des Grund­sat­zes der Ver­hält­nis­mä­ßig­keit zu ertei­len.

Bestrei­tet der Ver­si­che­rungs­neh­mer die vom Ver­si­che­rungs­un­ter­neh­men erteil­te Aus­kunft über den Min­dest­rück­kaufs­wert, so führt die­ses Bestrei­ten auch dann nicht zu einer Umkehr der Dar­le­gungs- und Beweis­last, wenn sich die Anga­be des Ver­si­che­rungs­un­ter­neh­mens zum Min­dest­rück­kauf­wert in der Anga­be eines bestimm­ten Betra­ges erschöpf­te. Der Ver­si­che­rungs­neh­mer, der einen höhe­ren Rück­kaufs­wert als den vom Ver­si­che­rer errech­ne­ten ver­langt, hat die Umstän­de dar­zu­le­gen und gege­be­nen­falls zu bewei­sen, die den wei­ter­ge­hen­den Anspruch stüt­zen sol­len. Da der Ver­si­che­rungs­neh­mer in der Regel nicht oder nur in ein­ge­schränk­tem Umfang über die ent­spre­chen­den Infor­ma­tio­nen ver­fügt, steht ihm ein Aus­kunfts­an­spruch zu, wie er sich im Ein­zel­nen aus den oben dar­ge­leg­ten Grund­sät­zen des BGH-Urteils vom 26. Juni 2013 7 ergibt.

Der Aus­kunfts­an­spruch erschöpft sich nicht in der blo­ßen Mit­tei­lung des Berech­nungs­er­geb­nis­ses. Der Bun­des­ge­richts­hof hat in sei­ner Ent­schei­dung vom 26.06.2013 aus­drück­lich fest­ge­hal­ten, dass der Ver­si­che­rer die geschul­de­te Aus­kunft in geord­ne­ter Form zu ertei­len hat und hier­für die blo­ße Mit­tei­lung eines Wer­tes ohne nähe­re Anga­ben nicht genügt 8. Er hat dies dann aber dahin erläu­tert, dass der Ver­si­che­rer Aus­kunft zu ertei­len hat über die Hälf­te des mit den Rech­nungs­grund­la­gen der Prä­mi­en­kal­ku­la­ti­on berech­ne­ten unge­zill­mer­ten Deckungs­ka­pi­tals, über den Rück­kaufs­wert im Sin­ne der ver­spro­che­nen Leis­tung sowie über den vor­ge­nom­me­nen Stor­no­ab­zug, was jeweils in geson­der­ter Form zu erfol­gen hat.

Der Ver­si­che­rungs­neh­mer kann sich inso­weit auch nicht auf die Ent­schei­dung RGZ 127, 243, 244 beru­fen. Die­se bezieht sich gera­de nicht auf einen Aus­kunfts­an­spruch, son­dern auf einen Anspruch auf Rech­nungs­le­gung. Ein der­ar­ti­ger Anspruch gegen­über dem Ver­si­che­rer besteht indes­sen nicht 9.

In der Sache ging es der Klä­ge­rin in dem vor­lie­gen­den Ver­fah­ren tat­säch­lich um einen wei­ter­ge­hen­den Aus­kunfts­an­spruch gegen­über der Beklag­ten, weil sie ein die­ser zukom­men­des Geheim­hal­tungs­in­ter­es­se in Abre­de stellt. Die­sem habe in der Wei­se Rech­nung getra­gen wer­den kön­nen, dass die Über­las­sung des Algo­rith­mus zur Berech­nung der Rück­kaufs­wer­te und der zugrun­de zu legen­den Ein­satz­wer­te an einen zur Ver­schwie­gen­heit ver­pflich­te­ten Drit­ten erfol­ge, z.B. einen Ver­si­che­rungs­ma­the­ma­ti­ker.

Ein der­art weit­ge­hen­der Aus­kunfts­an­spruch kommt indes­sen nach Ansicht des Bun­des­ge­richts­hofs nicht in Betracht. Der Bun­des­ge­richts­hof hat bereits in sei­ner Ent­schei­dung vom 26.06.2013 dar­auf hin­ge­wie­sen, Umfang und Inhalt der zu ertei­len­den Aus­kunft rich­te­ten sich danach, wel­che Infor­ma­tio­nen der Berech­tig­te benö­ti­ge, um sei­nen Anspruch gel­tend machen zu kön­nen, soweit dem nicht Zumut­bar­keits­ge­sichts­punk­te oder ande­re Gren­zen ent­ge­gen­stün­den 5. Der Aus­kunfts­an­spruch umfasst ins­be­son­de­re nicht die Ver­pflich­tung zur Vor­la­ge der fik­ti­ven ver­si­che­rungs­tech­ni­schen Bilan­zen oder ande­rer Geschäfts­un­ter­la­gen und auch kein Ein­sichts­recht. Auf die­ser Grund­la­ge hat der Bun­des­ge­richts­hof einen wei­ter­ge­hen­den Aus­kunfts­an­spruch in jener Sache abge­lehnt, mit dem der Ver­si­che­rer Aus­kunft auch zu zahl­rei­chen Ein­zel­po­si­tio­nen sei­ner Berech­nung ertei­len soll­te 10. Bei der zu tref­fen­den Abwä­gung hat der Bun­des­ge­richts­hof aus­drück­lich auch das berech­tig­te Geheim­hal­tungs­in­ter­es­se des Ver­si­che­rers berück­sich­tigt 11.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 7. Janu­ar 2014 – IV ZR 216/​13

  1. BGH, Urteil vom 26.06.2013 – IV ZR 39/​10, VersR 2013, 1381[]
  2. BGH, aaO Rn. 9, 45, 61[]
  3. BGH, a.a.O., inso­weit in VersR 2013, 1381 nicht ver­öf­fent­licht[]
  4. BGH, VersR 2013, 1381 Rn. 24[]
  5. BGH, aaO Rn. 25[][]
  6. BGH aaO Rn. 26[]
  7. BGH, Urteil vom 26.06.2013 – IV ZR 39/​10, VersR 2013, 1381 Rn. 2326, 61[]
  8. BGH, aaO Rn. 61[]
  9. BGH, Urteil vom 26.06.2013 aaO Rn. 26[]
  10. BGH, aaO Rn. 26[]
  11. BGH, aaO Rn. 26; hier­zu auch OLG Köln, Urteil vom 30.11.2012 – 20 U 149/​12 Rn. 31; Beschluss vom 25.06.2010 20 U 199/​09 Rn. 7; OLG Mün­chen VersR 2009, 770, 771; Höra/​Leithoff in Fach­an­walts­kom­men­tar Ver­si­che­rungs­recht § 169 Rn. 14; wei­ter­ge­hend dem­ge­gen­über LG Ham­burg, Urteil vom 01.12 2006 – 302 O 147/​06 36 f.; PK-VVG/Ort­mann, 2. Aufl. § 169 Rn. 39 a.E.; Schü­ne­mann, VuR 2008, 8, 11 f.[]