Staats­haf­tung bei ver­spä­te­ter Umset­zung einer EU-Richt­li­nie

Wird ein Staats­haf­tungs­an­spruch aus der ver­spä­te­ten inner­staat­li­chen Umset­zung einer EG-Richt­li­nie her­ge­lei­tet, wel­che die bevor­rech­tig­te Behand­lung von Ver­si­che­rungs­for­de­run­gen bei Insol­venz eines Ver­si­che­rungs­un­ter­neh­mens anord­net, han­delt es sich um einen von dem jewei­li­gen Ver­si­che­rungs­neh­mer zu ver­fol­gen­den Ein­zel­scha­den und nicht um einen von dem Insol­venz­ver­wal­ter gel­tend zu machen­den Gesamt­scha­den.

Staats­haf­tung bei ver­spä­te­ter Umset­zung einer EU-Richt­li­nie

Gemäß § 92 InsO kön­nen Ansprü­che der Insol­venz­gläu­bi­ger auf Ersatz eines Scha­dens, den die­se Gläu­bi­ger gemein­schaft­lich durch eine Ver­min­de­rung des zur Insol­venz­mas­se gehö­ren­den Ver­mö­gens vor oder nach Eröff­nung des Insol­venz­ver­fah­rens erlit­ten haben (Gesamt­scha­den), wäh­rend der Dau­er des Insol­venz­ver­fah­rens nur von dem Ver­wal­ter gel­tend gemacht wer­den. Eine Ver­min­de­rung der Insol­venz­mas­se als Grund­vor­aus­set­zung der Bestim­mung ist hier nicht ein­ge­tre­ten.

§ 92 InsO ent­hält kei­ne Anspruchs­grund­la­ge, son­dern regelt die Ein­zie­hung einer aus einer ande­ren Rechts­grund­la­ge – hier aus euro­päi­schem Gemein­schafts­recht – her­rüh­ren­den For­de­rung [1]. Die Norm erfasst nur sol­che Scha­dens­er­satz­an­sprü­che, die auf einer Ver­kür­zung der Insol­venz­mas­se beru­hen; ihr Zweck ist es, eine gleich­mä­ßi­ge Befrie­di­gung der Gläu­bi­ger aus dem Ver­mö­gen des wegen Mas­se­ver­kür­zung haft­pflich­ti­gen Schä­di­gers zu sichern [2]. Maß­geb­li­che Vor­aus­set­zung des Ein­zie­hungs­rechts ist folg­lich eine Ver­min­de­rung der Insol­venz­mas­se, die sich in einer Ver­rin­ge­rung der Akti­va oder in einer Ver­meh­rung der Pas­si­va mani­fes­tie­ren kann [3].

Im Streit­fall fehlt es bereits an einer Ver­min­de­rung der Insol­venz­mas­se; ihr Umfang ist durch die ver­spä­te­te Umset­zung der Richt­li­nie nicht berührt wor­den. Der in Aus­füh­rung der Richt­li­nie ein­ge­füg­te § 77a VAG sieht die Sicher­stel­lung von Ver­si­che­rungs­for­de­run­gen durch den bevor­rech­tig­ten Zugriff auf das Siche­rungs­ver­mö­gen (§ 66 VAG) vor. Dadurch wird das Siche­rungs­ver­mö­gen als Teil der Insol­venz­mas­se des Ver­si­che­rungs­un­ter­neh­mens der Befrie­di­gung ins­be­son­de­re der Ver­si­cher­ten und der Ver­si­che­rungs­neh­mer (vgl. § 77a Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 VAG) vor­be­hal­ten. Die ver­spä­te­te Ein­füh­rung die­ser Rege­lung durch die Beklag­te hat die auch zur Befrie­di­gung der Ver­si­cher­ten und Ver­si­che­rungs­neh­mer die­nen­de Insol­venz­mas­se nicht ver­rin­gert. Die­sem Per­so­nen­kreis wur­de ledig­lich im Hin­blick auf sei­ne Befrie­di­gung aus der unver­än­der­ten Insol­venz­mas­se ein insol­venz­recht­li­cher Vor­rang ver­wehrt. Die recht­zei­ti­ge Ein­füh­rung des § 77a VAG hät­te dem­ge­gen­über die zur Befrie­di­gung der Gesamt­heit der Insol­venz­gläu­bi­ger zur Ver­fü­gung ste­hen­de Mas­se infol­ge des dem Ver­wal­ter ver­sag­ten Zugriffs auf das Siche­rungs­ver­mö­gen ver­rin­gert. Dem­nach ist jeden­falls eine Ver­kür­zung der Insol­venz­mas­se nicht ein­ge­tre­ten.

Die hier gel­tend gemach­te Vor­ent­hal­tung eines insol­venz­recht­li­chen Vor­rechts bil­det über­dies kei­nen von § 92 InsO vor­aus­ge­setz­ten Gesamt­scha­den, son­dern einen von dem jeweils betrof­fe­nen Gläu­bi­ger zu ver­fol­gen­den Ein­zel­scha­den.

Ein Gesamt­scha­den bezieht sich auf einen sol­chen Scha­den, den der ein­zel­ne Gläu­bi­ger aus­schließ­lich auf­grund sei­ner Gläu­bi­ger­stel­lung und damit als Teil der Gesamt­heit der Gläu­bi­ger erlit­ten hat [4]. Die Ver­kür­zung der Mas­se muss also die Gesamt­heit der Gläu­bi­ger tref­fen [5]. Dage­gen han­delt es sich um einen nicht von § 92 InsO erfass­ten Ein­zel­scha­den, wenn der Gläu­bi­ger nicht als Teil der Gläu­bi­ger­ge­samt­heit, son­dern indi­vi­du­ell geschä­digt wird [6]. Ein Indi­vi­du­al­scha­den ver­wirk­licht sich bei der Ver­let­zung eines Aus­son­de­rungs­rechts (§ 47 InsO), weil der betrof­fe­ne Gegen­stand nicht dem Insol­venz­be­schlag unter­liegt [7]. Wird ein Abson­de­rungs­recht (§§ 50 ff InsO) beein­träch­tigt, kann neben den Indi­vi­du­al­scha­den des Abson­de­rungs­be­rech­tig­ten inso­weit ein Gesamt­scha­den tre­ten, als ein in die Insol­venz­mas­se fal­len­der Übererlös sowie Kos­ten­pau­scha­len (§§ 170, 171 InsO) ver­lo­ren gehen [8]. Ein Ein­zel­scha­den ist auch gege­ben, sofern unpfänd­ba­re Ver­mö­gens­be­stand­tei­le des Schuld­ners beein­träch­tigt wer­den [9].

§ 77a VAG sta­tu­iert ein abso­lu­tes Vor­recht der pri­vi­le­gier­ten im Ver­hält­nis zu den ande­ren Insol­venz­for­de­run­gen [10]. Dabei han­delt es sich nicht um ein Aus- oder Abson­de­rungs­recht, son­dern um ein Insol­venz­vor­recht eige­ner Art [11]. Das Siche­rungs­ver­mö­gen dient zunächst aus­schließ­lich der Befrie­di­gung der inso­weit bevor­rech­tig­ten Ansprü­che; nur ein etwai­ger ver­blei­ben­der Rest­be­trag steht der Gesamt­heit der Gläu­bi­ger zur Ver­fü­gung [12]. Par­ti­zi­piert die Gläu­bi­ger­ge­samt­heit in kei­ner Wei­se – also nicht ein­mal über Kos­ten­pau­scha­len – an dem Siche­rungs­ver­mö­gen, kann sei­ne unter­blie­be­ne Bil­dung kei­nen Gesamt­scha­den aus­ge­löst haben [13].

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 14. Juli 2011 – IX ZR 210/​10

  1. Münch­Komm-InsO/­Bran­des, 2. Aufl. § 92 Rn. 4; HK-InsO/­Kay­ser, 5. Aufl. § 92 Rn. 6; Jaeger/​Müller, InsO, § 92 Rn. 4; Uhlenbruck/​Hirte, InsO, 13. Aufl., § 92 Rn. 5; Hmb­Komm-InsO/Pohl­mann, 3. Aufl., § 92 Rn. 4[]
  2. BGH, Urteil vom 08.05.2003 – IX ZR 334/​01, WM 2003, 1178, 1180 f; vom 20.09. 2004 – II ZR 302/​02, WM 2004, 2254, 2256; BT-Drucks. 12/​2443 S. 139[]
  3. HK-InsO/­Kay­ser, aaO; Jaeger/​Müller, aaO[]
  4. Hmb­Komm-InsO/Pohl­mann, aaO § 92 Rn. 14[]
  5. BT-Drucks., aaO; Münch­Komm-InsO/­Bran­des, aaO § 92 Rn. 11[]
  6. Hmb­Komm-InsO/Pohl­mann, aaO § 92 Rn. 17[]
  7. Münch­Komm-InsO/­Bran­des, aaO § 92 Rn. 12; HK-InsO/­Kay­ser, aaO § 92 Rn. 19; Jaeger/​Müller, aaO § 92 Rn. 11[]
  8. Münch­Komm-InsO/­Bran­des, aaO; HK-InsO/­Kay­ser, aaO; Hmb­Komm-InsO/Pohl­mann, aaO § 92 Rn. 18[]
  9. BGH, Beschluss vom 10.07.2008 – IX ZB 172/​07, WM 2008, 1691 Rn. 13[]
  10. Prölss/​Lipowsky, VAG, 12. Aufl., § 77a Rn. 1; Männ­le, Die Richt­li­nie 2001/​17/​EG über die Sanie­rung und Liqui­da­ti­on von Ver­si­che­rungs­un­ter­neh­men und ihre Umset­zung ins deut­sche Recht, 2007, S. 288; Kollhosser/​Goos in FS Ger­hardt, 2004, S. 487, 510[]
  11. Männ­le, aaO; Prölss/​Lipowsky, aaO; Goldberg/​Müller, VAG, § 77 Rn. 11; Jaeger/​Henckel, aaO Rn. 15 vor §§ 49 bis 52[]
  12. Kaul­bach in Fahr/​Kaulbach/​Bähr, VAG, 4. Aufl. § 77a, Rn. 1; Kollhosser/​Goos, aaO S. 511[]
  13. vgl. BGH, Beschluss vom 10.07.2008, aaO[]