Tarif­struk­tur­zu­schlag in der pri­va­ten Kran­ken­ver­si­che­rung

Die Ein­füh­rung eines Tarif­struk­tur­zu­schlags bei Tarif­wech­sel in der pri­va­ten Kran­ken­ver­si­che­rung ist unzu­läs­sig. Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt in Leip­zig ent­schied heu­te, dass Ver­si­che­rer der pri­va­ten Kran­ken­ver­si­che­rung nicht berech­tigt sind, von ihren Ver­si­che­rungs­neh­mern bei deren Wech­sel von einem bestehen­den in einen neu­en Tarif einen all­ge­mei­nen Tarif­struk­tur­zu­schlag zur Grund­prä­mie zu erhe­ben.

Tarif­struk­tur­zu­schlag in der pri­va­ten Kran­ken­ver­si­che­rung

Die Klä­ge­rin, die Alli­anz Pri­va­te Kran­ken­ver­si­che­rungs-AG, ein pri­va­tes Kran­ken­ver­si­che­rungs­un­ter­neh­men, wen­det sich in dem Rechts­streit gegen eine Anord­nung der Bun­des­an­stalt für Finanz­dienst­leis­tungs­auf­sicht (BaFin), dass sie Anträ­ge ihrer Kran­ken­ver­si­che­rungs­neh­mer auf einen Wech­sel von den alten Tari­fen zu den neu­en Tari­fen mit gleich­ar­ti­gem Ver­si­che­rungs­schutz ohne Erhe­bung eines Tarif­struk­tur­zu­schlags anneh­men muss, soweit für die­se bei Ver­trags­be­ginn kei­ner­lei Vor­er­kran­kun­gen, Beschwer­den oder sons­ti­ge Gefahr erhö­hen­de Umstän­de, die nach den neu­en Tari­fen zu einem Risi­ko­zu­schlag füh­ren, doku­men­tiert wor­den sind.

Das kla­gen­de Ver­si­che­rungs­un­ter­neh­men bie­tet seit März 2007 neue Kran­ken­ver­si­che­rungs­ta­ri­fe an, die sich von den frü­he­ren dadurch unter­schei­den, dass die Grund­prä­mie nur für soge­nann­te „bes­te Risi­ken“ gilt, d. h. für Ver­si­che­rungs­neh­mer, die bei Ver­trags­schluss kei­ner­lei Vor­er­kran­kun­gen, Beschwer­den oder sons­ti­ge Gefahr erhö­hen­de Umstän­de auf­wei­sen. In den alten Tari­fen deck­te die Grund­prä­mie dage­gen einen Teil der auf Vor­er­kran­kun­gen beru­hen­den erhöh­ten Risi­ken ab. Die neue Tarif­struk­tur führt dazu, dass die Grund­prä­mie in den neu­en Tari­fen im Ver­gleich zu den alten Tari­fen um durch­schnitt­lich ca. 20 Pro­zent redu­ziert ist. Kun­den, die einen Ver­si­che­rungs­ver­trag nach den alten Tari­fen abge­schlos­sen haben und zu den neu­en Tari­fen wech­seln, haben neben der Grund­prä­mie einen soge­nann­ten Tarif­struk­tur­zu­schlag zu zah­len. Die­ser Tarif­struk­tur­zu­schlag ent­spricht nach Anga­ben des Ver­si­che­rungs­un­ter­neh­mens einem pau­scha­len Risi­ko­zu­schlag, der die unter­schied­li­che Bemes­sung der Grund­prä­mie im alten und neu­en Tarif aus­glei­chen soll.

Die BaFin als zustän­di­ge Auf­sichts­be­hör­de bean­stan­de­te dies und ver­pflich­te­te die Klä­ge­rin, Anträ­ge ihrer Ver­si­che­rungs­neh­mer auf Wech­sel aus Tari­fen mit gleich­ar­ti­gem Ver­si­che­rungs­schutz in die neu­en Tari­fe ohne Erhe­bung eines Tarif­struk­tur­zu­schla­ges anzu­neh­men, soweit bei Ver­trags­be­ginn kei­ner­lei Vor­er­kran­kun­gen, Beschwer­den oder sons­ti­ge gefah­rer­hö­hen­de Umstän­de doku­men­tiert wur­den, die nach den Annah­me­grund­sät­zen für die neu­en Tari­fe zu einem Risi­ko­zu­schlag füh­ren. Die hier­ge­gen erho­be­ne Kla­ge der Kran­ken­ver­si­che­rung hat­te vor dem Ver­wal­tungs­ge­richt Frank­furt am Main Erfolg 1.

Auf die Revi­si­on der Beklag­ten hat das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt das Urteil des Ver­wal­tungs­ge­richts auf­ge­ho­ben und die Kla­ge abge­wie­sen. Die Erhe­bung eines Tarif­struk­tur­zu­schlags für Ver­si­che­rungs­neh­mer der pri­va­ten Kran­ken­ver­si­che­rung bei Tarif­wech­sel ver­stößt gegen zwin­gen­des Ver­si­che­rungs­ver­trags­recht. Danach erwirbt der Ver­si­che­rungs­neh­mer mit dem Abschluss des Ver­si­che­rungs­ver­tra­ges das Recht, dass der vom Ver­si­che­rer bei Ver­trags­be­ginn fest­ge­stell­te Gesund­heits­zu­stand im Fall eines Tarif­wech­sels für die Risi­ko­ein­stu­fung im neu­en Tarif maß­geb­lich bleibt. Die Erhe­bung eines pau­scha­len Risi­ko­zu­schlags aus Anlass des Tarif­wech­sels ist unzu­läs­sig.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Urteil vom 23. Juni 2010 – 8 C 42.09

  1. (VG Frank­furt am Main – 1 K 3082/​08.F[]