Wech­sel der Lebens­ver­si­che­rung – und die Doku­men­ta­ti­ons- und Hin­weis­pflich­ten des Ver­mitt­lers

Bei einem Wech­sel der Lebens­ver­si­che­rung muss der Ver­si­che­rungs­ver­mitt­ler (hier: Ver­si­che­rungs­ver­tre­ter) sei­nen Kun­den (Ver­si­che­rungs­neh­mer) ins­be­son­de­re auf die Fol­gen und Risi­ken der vor­zei­ti­gen Kün­di­gung einer bestehen­den und des Abschlus­ses einer neu­en Lebens­ver­si­che­rung hin­wei­sen. Die Nicht­be­ach­tung der Doku­men­ta­ti­ons­pflicht des Ver­si­che­rungs­ver­mitt­lers nach § 61 Abs. 1 Satz 2, § 62 VVG kann zu Beweis­erleich­te­run­gen zuguns­ten des Ver­si­che­rungs­neh­mers bis hin zu einer Beweis­last­um­kehr füh­ren. Ist ein erfor­der­li­cher Hin­weis von wesent­li­cher Bedeu­tung nicht, auch nicht im Ansatz, doku­men­tiert wor­den, so muss grund­sätz­lich der Ver­si­che­rungs­ver­mitt­ler bewei­sen, dass die­ser Hin­weis erteilt wor­den ist.

Wech­sel der Lebens­ver­si­che­rung – und die Doku­men­ta­ti­ons- und Hin­weis­pflich­ten des Ver­mitt­lers

Aus einer Ver­let­zung der Doku­men­ta­ti­ons­pflicht des Ver­si­che­rungs­ver­tre­ters nach §§ 61, 62 VVG kön­nen sich mit­hin Beweis­erleich­te­run­gen bis hin zu einer Beweis­last­um­kehr erge­ben.

Seit dem 22.05.2007 gel­ten für die Haf­tung des Ver­si­che­rungs­ver­mitt­lers (Ver­si­che­rungs­ver­tre­ter und Ver­si­che­rungs­mak­ler, § 59 Abs. 1 VVG) wegen der Ver­let­zung von Pflich­ten in der Pha­se bis zum Abschluss des Ver­si­che­rungs­ver­trags vor­ran­gig die spe­zi­el­len Rege­lun­gen des Ver­si­che­rungs­ver­trags­ge­set­zes 1. Die­se waren zunächst in §§ 42a ff, 42e VVG (aF) ent­hal­ten (Art. 2 Nr. 1 und Art. 4 Satz 3 des Geset­zes zur Neu­re­ge­lung des Ver­si­che­rungs­ver­mitt­ler­rechts vom 19.12 2006, BGBl. I S. 3232) und fin­den sich seit dem 1.01.2008 – inhalt­lich unver­än­dert – in den §§ 59 ff, 63 VVG 2.

Die als selb­stän­di­ge Ver­si­che­rungs­ver­tre­ter für die D. V. AG täti­gen Ver­mitt­ler sind der Haf­tung nach § 63 VVG unter­wor­fen. Unter den Anwen­dungs­be­reich der §§ 59 ff, § 63 VVG fal­len gemäß § 59 Abs. 2 VVG auch sol­che Ver­si­che­rungs­ver­tre­ter, die nicht vom Ver­si­che­rer selbst, son­dern von einem ande­ren Ver­si­che­rungs­ver­tre­ter (hier: D. V. AG) als Unter­ver­tre­ter damit betraut sind, gewerbs­mä­ßig Ver­si­che­rungs­ver­trä­ge zu ver­mit­teln oder abzu­schlie­ßen 3. Für das Vor­lie­gen einer Aus­nah­me nach § 66 VVG in Ver­bin­dung mit § 34d Abs. 9 Nr. 1 GewO (soge­nann­te Baga­tell­ver­mitt­ler) ist vor­lie­gend kein Anhalts­punkt vor­ge­tra­gen oder sonst ersicht­lich.

Gemäß § 61 Abs. 1 VVG hat der Ver­si­che­rungs­ver­mitt­ler den Ver­si­che­rungs­neh­mer, soweit nach der Schwie­rig­keit, die ange­bo­te­ne Ver­si­che­rung zu beur­tei­len, oder der Per­son des Ver­si­che­rungs­neh­mers und des­sen Situa­ti­on hier­für Anlass besteht, nach sei­nen Wün­schen und Bedürf­nis­sen zu befra­gen und zu bera­ten sowie die Grün­de für jeden zu einer bestimm­ten Ver­si­che­rung erteil­ten Rat anzu­ge­ben und dies unter Berück­sich­ti­gung der Kom­ple­xi­tät des ange­bo­te­nen Ver­si­che­rungs­ver­trags zu doku­men­tie­ren. Bei einer Kapi­tal­le­bens­ver­si­che­rung han­delt es sich regel­mä­ßig – so auch hier – um einen kom­pli­zier­ten und damit auch beson­ders bera­tungs­be­dürf­ti­gen Ver­si­che­rungs­ver­trag 4. Der Ver­si­che­rungs­ver­mitt­ler (hier: Ver­si­che­rungs­ver­tre­ter) muss sei­nen Kun­den ins­be­son­de­re auf die Fol­gen und Risi­ken der vor­zei­ti­gen Kün­di­gung einer bestehen­den und des Abschlus­ses einer neu­en Lebens­ver­si­che­rung hin­wei­sen 5.

Soll­ten die Ver­mitt­ler die Ver­si­che­rungs­neh­mer nicht auf die nega­ti­ven Fol­gen einer Kün­di­gung der alten – für die Ver­si­che­rungs­neh­mer güns­ti­gen – Kapi­tal­le­bens­ver­si­che­rung hin­ge­wie­sen haben, so hät­ten sie ihre Bera­tungs­pflicht ver­letzt.

Grund­sätz­lich muss der den Scha­dens­er­satz begeh­ren­de Kun­de (Ver­si­che­rungs­neh­mer) dar­le­gen und bewei­sen, dass der Ver­si­che­rungs­ver­mitt­ler sei­ne Bera­tungs­pflicht ver­letzt hat, wobei den Ver­si­che­rungs­ver­mitt­ler eine sekun­dä­re Dar­le­gungs­last trifft 6.

Etwas ande­res gilt jedoch, wenn der Ver­mitt­ler die Bera­tung nicht doku­men­tiert hat.

Die Nicht­be­ach­tung der Doku­men­ta­ti­ons­pflicht des Ver­si­che­rungs­ver­mitt­lers nach § 61 Abs. 1 Satz 2, § 62 VVG kann Beweis­erleich­te­run­gen zuguns­ten des Ver­si­che­rungs­neh­mers bis hin zu einer Beweis­last­um­kehr nach sich zie­hen 7. Die Funk­ti­on der vom Gesetz­ge­ber vor­ge­schrie­be­nen Doku­men­ta­ti­ons­pflicht liegt vor­nehm­lich dar­in, dass der Ver­si­che­rungs­neh­mer mit einer Bera­tungs­do­ku­men­ta­ti­on die wesent­li­chen Inhal­te der Bera­tung vor Augen geführt und an die Hand bekommt; hier­durch wird er in die Lage ver­setzt, sei­ne Ent­schei­dung des Nähe­ren zu über­prü­fen und den ihm sonst kaum mög­li­chen Nach­weis über den Inhalt der Bera­tung zu füh­ren. Wird ihm die­se Nach­weis­mög­lich­keit durch das Feh­len einer Doku­men­ta­ti­on abge­schnit­ten, so hat dies zu sei­nen Guns­ten Aus­wir­kun­gen auf die Ver­tei­lung der Beweis­last. Ist ein erfor­der­li­cher Hin­weis von wesent­li­cher Bedeu­tung – wie er auch hier in Rede steht – nicht, auch nicht im Ansatz, doku­men­tiert wor­den, so muss grund­sätz­lich der Ver­si­che­rungs­ver­mitt­ler bewei­sen, dass die­ser Hin­weis erteilt wor­den ist 8. Gelingt ihm die­ser Beweis nicht, so ist zuguns­ten des Ver­si­che­rungs­neh­mers davon aus­zu­ge­hen, dass der betref­fen­de Hin­weis nicht erteilt wor­den ist, der Ver­si­che­rungs­ver­mitt­ler mit­hin pflicht­wid­rig gehan­delt hat.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 13. Novem­ber 2014 – III ZR 544/​13

  1. s. etwa OLG Karls­ru­he, VersR 2012, 856, 857; OLG Saar­brü­cken, VersR 2010, 1181, 1182; OLG Hamm, VersR 2010, 1215; Münch­Komm-VVG/­Reiff, § 63 Rn. 22 ff, 34 ff; Prölss/​Martin/​Dörner, VVG, 28. Aufl., § 63 Rn. 1 ff[]
  2. Gesetz zur Reform des Ver­si­che­rungs­ver­trags­rechts vom 23.11.2007, BGBl. I S. 2631; s. Art. 1 Abs. 1 und 2 EGVVG[]
  3. s. dazu etwa Münch-KommVV­G/­Reiff, § 59 Rn. 38 f[]
  4. vgl. Gesetz­ent­wurf der Bun­des­re­gie­rung für ein Gesetz zur Neu­re­ge­lung des Ver­si­che­rungs­ver­mitt­ler­rechts, BT-Drs. 16/​1935 S. 24; LG Saar­brü­cken, VersR 2013, 759, 760; Münch­Komm-VVG/­Reiff, § 61 Rn. 6[]
  5. vgl. OLG Stutt­gart, BeckRS 2011, 02562 mwN; OLG Karls­ru­he aaO S. 858 mwN [für Ver­si­che­rungs­mak­ler]; OLG Saar­brü­cken, VersR 2011, 1441, 1443 [für Ver­si­che­rungs­mak­ler]; OLG Mün­chen, VersR 2012, 1292, 1293 [für Kran­ken­ver­si­che­rung]; Prölss/​Martin/​Dörner aaO § 61 Rn. 27 mwN; Münch­Komm-VVG/­Reiff, § 61 Rn. 11[]
  6. BGH, Urteil vom 25.09.2014 – III ZR 440/​13, BeckRS 2014, 19132 Rn. 34 mwN[]
  7. BGH, Urteil vom 25.09.2014 aaO mwN; s. auch BT-Drs. 16/​1935 S. 26[]
  8. vgl. OLG Mün­chen, VersR 2012, 1292, 1293; OLG Saar­brü­cken, VersR 2011, 1441, 1443 und VersR 2010, 1181, 1182; Münch­Komm-VVG/­Reiff, § 63 Rn. 49[]