Wider­spruch und berei­che­rungs­recht­li­che Rück­ab­wick­lung einer Lebens­ver­si­che­rungs – Ver­jäh­rung und Ver­wir­kung

Der Rück­ge­währ­an­spruch aus § 812 Abs. 1 Satz 1 Alt. 1 BGB im Rah­men der berei­che­rungs­recht­li­chen Abwick­lung eines wegen wirk­sa­men Wider­spruchs nicht zustan­de gekom­me­nen Lebens­ver­si­che­rungs­ver­hält­nis unter­liegt der regel­mä­ßi­gen drei­jäh­ri­gen Ver­jäh­rungs­frist des § 195 BGB, begin­nend ab dem erklär­ten Wider­spruch.

Wider­spruch und berei­che­rungs­recht­li­che Rück­ab­wick­lung einer Lebens­ver­si­che­rungs – Ver­jäh­rung und Ver­wir­kung

Die Regel­ver­jäh­rung beginnt gemäß § 199 Abs. 1 BGB grund­sätz­lich mit dem Schluss des Jah­res, in dem der Anspruch ent­stan­den ist und der Gläu­bi­ger von den den Anspruch begrün­den­den Umstän­den und der Per­son des Schuld­ners Kennt­nis erlangt oder ohne gro­be Fahr­läs­sig­keit erlan­gen müss­te.

Der auf Rück­ge­währ der Prä­mi­en gerich­te­te Berei­che­rungs­an­spruch ent­stand erst mit dem vom Ver­si­che­rungs­neh­mer erklär­ten Wider­spruch. Die Wider­spruchs­er­klä­rung ist ent­schei­dend für die Ent­ste­hung des Berei­che­rungs­an­spruchs im Sin­ne des § 199 Abs. 1 Nr. 1 BGB 1.

Der Berei­che­rungs­an­spruch wur­de erst fäl­lig, als der Ver­si­che­rungs­neh­mer den Wider­spruch erklär­te und damit dem bis dahin schwe­bend unwirk­sa­men Ver­si­che­rungs­ver­trag 2 end­gül­tig die Wirk­sam­keit ver­sag­te. Auch wenn wäh­rend der schwe­ben­den Unwirk­sam­keit (noch) kein Rechts­grund für die Prä­mi­en­zah­lung des Ver­si­che­rungs­neh­mers bestand, wur­de erst durch den Wider­spruch der Schwe­be­zu­stand been­det und Klar­heit geschaf­fen, dass dem Ver­si­che­rer die geleis­te­ten Prä­mi­en nicht zustan­den. Erst nach der Ent­schei­dung des Ver­si­che­rungs­neh­mers, den Wider­spruch zu erklä­ren, stand fest, dass der Ver­trag, den die Par­tei­en bis dahin wie einen wirk­sa­men Ver­trag durch­ge­führt hat­ten, end­gül­tig unwirk­sam war 3.

Ein Recht ist ver­wirkt, wenn seit der Mög­lich­keit der Gel­tend­ma­chung län­ge­re Zeit ver­stri­chen ist (Zeit­mo­ment) und beson­de­re Umstän­de hin­zu­tre­ten, die die ver­spä­te­te Gel­tend­ma­chung als Ver­stoß gegen Treu und Glau­ben erschei­nen las­sen (Umstands­mo­ment). Letz­te­res ist der Fall, wenn der Ver­pflich­te­te bei objek­ti­ver Betrach­tung aus dem Ver­hal­ten des Berech­tig­ten ent­neh­men durf­te, dass die­ser sein Recht nicht mehr gel­tend machen wer­de. Fer­ner muss sich der Ver­pflich­te­te im Ver­trau­en auf das Ver­hal­ten des Berech­tig­ten in sei­nen Maß­nah­men so ein­ge­rich­tet haben, dass ihm durch die ver­spä­te­te Durch­set­zung des Rechts ein unzu­mut­ba­rer Nach­teil ent­stün­de. Aus der jah­re­lan­gen Prä­mi­en­zah­lung allein lässt sich ein treu­wid­ri­ges Ver­hal­ten nicht her­lei­ten. Es fehlt hier jeden­falls am Umstands­mo­ment. In der 4 war der Ver­si­che­rungs­neh­mer – anders als hier – über sein Wider­spruchs­recht ord­nungs­ge­mäß belehrt wor­den 5. Ein schutz­wür­di­ges Ver­trau­en kann die Ver­si­che­rung hier dem­ge­gen­über schon des­halb nicht in Anspruch neh­men, weil sie die Situa­ti­on selbst her­bei­ge­führt hat, indem sie dem Ver­si­che­rungs­neh­mer kei­ne ord­nungs­ge­mä­ße Wider­spruchs­be­leh­rung erteil­te.

Aus dem­sel­ben Grund liegt in der Gel­tend­ma­chung des berei­che­rungs­recht­li­chen Anspruchs kei­ne wider­sprüch­li­che und damit unzu­läs­si­ge Rechts­aus­übung (§ 242 BGB). Wider­sprüch­li­ches Ver­hal­ten ist nach der Rechts­ord­nung grund­sätz­lich zuläs­sig und nur dann rechts­miss­bräuch­lich, wenn für den ande­ren Teil ein Ver­trau­ens­tat­be­stand geschaf­fen wor­den ist oder wenn ande­re beson­de­re Umstän­de die Rechts­aus­übung als treu­wid­rig erschei­nen las­sen. Eine Rechts­aus­übung kann unzu­läs­sig sein, wenn sich objek­tiv das Gesamt­bild eines wider­sprüch­li­chen Ver­hal­tens ergibt, weil das frü­he­re Ver­hal­ten mit dem spä­te­ren sach­lich unver­ein­bar ist und die Inter­es­sen der Gegen­par­tei im Hin­blick hier­auf vor­ran­gig schutz­wür­dig erschei­nen. Die Ver­si­che­rung kann kei­ne vor­ran­gi­ge Schutz­wür­dig­keit für sich bean­spru­chen, nach­dem sie es ver­säumt hat, den Ver­si­che­rungs­neh­mer über sein Wider­spruchs­recht zu beleh­ren 6.

Die vom Ver­si­che­rungs­neh­mer frü­her aus­ge­spro­che­ne Kün­di­gung des Ver­si­che­rungs­ver­trags steht dem spä­te­ren Wider­spruch nicht ent­ge­gen. Da der Ver­si­che­rungs­neh­mer über sein Wider­spruchs­recht nicht aus­rei­chend belehrt wur­de, konn­te er sein Wahl­recht zwi­schen Kün­di­gung und Wider­spruch nicht sach­ge­recht aus­üben 7. An sei­ner frü­he­ren ent­ge­gen­ste­hen­den Recht­spre­chung 8 hält das Ober­lan­des­ge­richt Karls­ru­he nicht fest.

Ein Erlö­schen des Wider­spruchs­rechts nach bei­der­seits voll­stän­di­ger Leis­tungs­er­brin­gung kommt – anders als in dem der zugrun­de lie­gen­den Fall 9 – schon des­halb nicht in Betracht, weil eine ent­spre­chen­de Anwen­dung der Rege­lun­gen in den § 7 Absatz 2 Ver­brKrG, § 2 Absatz 1 Satz 4 HWiG nach Außer­kraft­tre­ten die­ser Geset­ze nicht mehr mög­lich ist 10. Zu dem Zeit­punkt, als der Ver­si­che­rungs­neh­mer den Ver­si­che­rungs­ver­trag kün­dig­te und die Ver­si­che­rung ihre Aus­zah­lung leis­te­te – im April 2011 – waren sowohl das Ver­brau­cher­kre­dit, als auch das Haus­tür­wi­der­rufs­ge­setz, die jeweils bis zum 31.12 2001 gal­ten, bereits außer Kraft getre­ten.

Ober­lan­des­ge­richt Karls­ru­he, Urteil vom 22. Mai 2015 – 12 U 122/​12 (14)

  1. BGH, Urteil vom 08.04.2015 – IV ZR 103/​15[]
  2. BGH aaO Tz 22, BGH Urteil vom 16.07.2014 – IV ZR 73/​13, BGHZ 202, 102 Rn. 14[]
  3. BGH aaO Tz 23, so auch OLG Stutt­gart, Urteil vom 23.10.2014 – 7 U 54/​14 125; OLG Köln, Urteil vom 05.09.2014 – 20 U 88/​14 38; Reiff r+s 2015, 105, 114[]
  4. BGH, Urteil vom 16.07.2014 – IV ZR 73/​13 Tz 32ff[]
  5. BGH aaO Rz 36[]
  6. BGH NJW 2014, 2646, Tz. 39 f.[]
  7. BGH NJW 2014, 2646, Tz. 36[]
  8. OLG Karls­ru­he, r + s 2013, 483[]
  9. BGH, NJW 2013, 3776[]
  10. BGH NJW 2014, 2646, Tz. 37[]