Ver­trags­be­din­gun­gen eines Gas­ver­sor­gungs­un­ter­neh­men

Die Urtei­le zu den Ver­trags­be­din­gun­gen von Gas­ver­sor­gungs­un­ter­neh­men meh­ren sich. So hat heu­te der Bun­des­ge­richts­hof ein bran­den­bur­gi­sches Gas­ver­sor­gungs­un­ter­neh­men zur Unter­las­sung der Ver­wen­dung von ins­ge­samt fünf Klau­seln in sei­nen All­ge­mei­nen Geschäfts­be­din­gun­gen ver­ur­teilt.

Ver­trags­be­din­gun­gen eines Gas­ver­sor­gungs­un­ter­neh­men

Die bean­stan­de­ten Ver­trags­klau­seln[↑]

Der beklag­te Gas­ver­sor­gun­ger ver­wen­det seit April 2007 für Grund­ver­sor­gungs­kun­den neben der Gas­grund­ver­sor­gungs­ver­ord­nung (Gas­GVV)* "Ergän­zen­de Bedin­gun­gen … zur Gas­GVV" und für Son­der­kun­den "Beson­de­re Bedin­gun­gen für die Belie­fe­rung von Haus­halts- und Nicht-Haus­halts­kun­den in Nie­der­druck außer­halb der Grund­ver­sor­gung". Der kla­gen­de Ver­brau­cher­schutz­ver­band ver­langt die Unter­las­sung der Ver­wen­dung von ins­ge­samt fünf dar­in ent­hal­te­nen Klau­seln. Das Klau­sel­werk lau­tet aus­zugs­wei­se wie folgt (die bean­stan­de­ten Klau­seln sind her­vor­ge­ho­ben wie­der­ge­ge­ben und mit [Klau­sel Nr. ..] durch­num­me­riert):

"A. Ergän­zen­de Bedin­gun­gen zur Gas­GVV

IX. Ein­stel­lung der Ver­sor­gung
1. E. ist u. a. bei Nicht­er­fül­lung der Zah­lungs­ver­pflich­tung trotz Zah­lungs­er­in­ne­rung gemäß § 19 Abs. 2 Gas­GVV berech­tigt, die Gas­ver­sor­gung vier Wochen nach Andro­hung ein­zu­stel­len zu las­sen [Klau­sel Nr. 1]. Die Wie­der­in­be­trieb­nah­me erfolgt in die­sen Fäl­len regel­mä­ßig erst dann, wenn die offe­nen Gas­lie­fe­rungs­for­de­run­gen und die Kos­ten der Ver­sor­gungs­ein­stel­lung und der Wie­der­in­be­trieb­nah­me in vol­ler Höhe begli­chen wur­den.

2. Eine in nicht uner­heb­li­chem Maße schuld­haf­te Zuwi­der­hand­lung des Kun­den gegen die Gas­GVV im Sin­ne von § 19 Abs. 1 Gas­GVV liegt vor, wenn der Kun­de grob fahr­läs­sig oder vor­sätz­lich han­delt [Klau­sel Nr. 2].

X. Preis­än­de­run­gen
1. Ände­run­gen der all­ge­mei­nen Prei­se und der ergän­zen­den Bedin­gun­gen wer­den gemäß § 5 Abs. 2 Gas­GVV jeweils zum Monats­be­ginn und erst nach öffent­li­cher Bekannt­ga­be wirk­sam, die min­des­tens sechs Wochen vor der beab­sich­tig­ten Ände­rung erfol­gen muss [Klau­sel Nr. 3].

2. Im Fal­le einer Ände­rung nach Abs. 1 steht dem Kun­den nach § 5 Abs. 3 Gas­GVV ein Son­der­kün­di­gungs­recht zu. Das Son­der­kün­di­gungs­recht muss inner­halb einer Frist von sechs Wochen ab Ver­öf­fent­li­chung der Preis­än­de­rung gemäß § 5 Abs. 3 Gas­GVV aus­ge­übt wer­den. Ist der neue Lie­fe­rant nicht in der Lage, die Ver­sor­gung des Kun­den unmit­tel­bar nach dem Zeit­punkt des Wirk­sam­wer­dens der Kün­di­gung auf­zu­neh­men, gel­ten die all­ge­mei­nen Prei­se bzw. Ergän­zen­den Bestim­mun­gen dem Kun­den gegen­über wei­ter. Dies gilt maxi­mal für den Zeit­raum, den der neue Lie­fe­rant ab dem Zeit­punkt des Ver­trags­schlus­ses im Rah­men eines übli­chen Wech­sel­pro­zes­ses benö­tigt, um die Belie­fe­rung auf­zu­neh­men. Als übli­cher Zeit­raum gel­ten maxi­mal zwei Mona­te. Erfolgt nach Ablauf die­ser Frist kei­ne Ver­sor­gung durch den neu­en Lie­fe­ran­ten, fällt der Kun­de in die Ersatz­ver­sor­gung [Klau­sel Nr. 4].

B. Beson­de­re Bedin­gun­gen für die Belie­fe­rung von Haus­halts- und Nicht-Haus­halts­kun­den in Nie­der­druck außer­halb der Grund­ver­sor­gung

IV. Preis­än­de­run­gen und Son­der­kün­di­gungs­recht
1. Ände­run­gen der Son­der­prei­se E. Klas­sik und E. Kom­fort wer­den ent­spre­chend § 5 Gas­GVV jeweils zum Monats­be­ginn und erst nach öffent­li­cher Bekannt­ga­be wirk­sam, die min­des­tens sechs Wochen vor der beab­sich­tig­ten Ände­rung erfol­gen muss [Klau­sel Nr. 5]. Das Ände­rungs­recht der E. nach Satz 1 bezieht sich beim Son­der­preis Kom­fort auf bei­de Preis­be­stand­tei­le, d. h., sowohl auf den zugrun­de lie­gen­den E. Klas­sik-Preis als auch auf den Rabatt. Im Fal­le einer Preis- oder Rabattän­de­rung steht dem Kun­den ent­spre­chend § 5 Abs. 3 Gas­GVV ein Son­der­kün­di­gungs­recht zu. Bezüg­lich der Vor­aus­set­zun­gen und Fol­gen einer sol­chen Kün­di­gung wird auf Zif­fer X. Absatz 2 der Ergän­zen­den Bedin­gun­gen zur Gas­GVV ver­wie­sen.
…"

Die Urtei­le der Instanz­ge­rich­te[↑]

Das erst­in­stanz­lich mit der Unter­las­sungs­kla­ge befass­te Land­ge­richt Pots­dam hat der Kla­ge mit Aus­nah­me von Klau­sel Nr. 3 statt­ge­ge­ben 1. Auf die Beru­fung bei­der Par­tei­en hin hat das Ober­lan­des­ge­richt Bran­den­burg das erst­in­stanz­li­che Urteil geän­dert und der Kla­ge auch hin­sicht­lich Klau­sel Nr. 3, nicht aber hin­sicht­lich Klau­sel Nr. 4 statt­ge­ge­ben 2.

Auf die Revi­si­on des kla­gen­den Ver­ban­des hat nun der Bun­des­ge­richts­hof der Kla­ge auch im Hin­blick auf Klau­sel Nr. 4 statt­ge­ge­ben. Die Revi­si­on der Beklag­ten gegen die Unter­sa­gung der übri­gen Klau­seln hat­te hin­ge­gen kei­nen Erfolg.

Preis­an­pas­sungs­klau­sel für Son­der­kun­den[↑]

Die für die Gas­ver­sor­gung außer­halb der Grund­ver­sor­gung gel­ten­de Preis­an­pas­sungs­klau­sel (Klau­sel Nr. 5) benach­tei­ligt, so der Bun­des­ge­richts­hof, die Son­der­kun­den der Beklag­ten unan­ge­mes­sen. Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs stellt zwar eine Preis­an­pas­sungs­klau­sel in einem Son­der­kun­den­ver­trag, die das in § 5 Gas­GVV gere­gel­te gesetz­li­che Preis­an­pas­sungs­recht unver­än­dert über­nimmt, kei­ne unan­ge­mes­se­ne Benach­tei­li­gung dar 3. In dem jetzt vom BGH zu beur­tei­len­den Fall han­delt es sich aber, so der BGH, nicht um eine inhalt­lich mit § 5 Gas­GVV über­ein­stim­men­de Preis­an­pas­sungs­klau­sel. Denn die unver­än­der­te Über­nah­me des gesetz­li­chen Preis­an­pas­sungs­rechts muss auch die in § 5 Abs. 2 Satz 2 Gas­GVV gere­gel­ten Mit­tei­lungs­pflich­ten des Gas­ver­sor­gungs­un­ter­neh­mens erfas­sen, so ins­be­son­de­re auch die brief­li­che Mit­tei­lung der beab­sich­tig­ten Ände­run­gen an den Kun­den. Die­se Pflich­ten sind auch gegen­über Son­der­kun­den von wesent­li­cher Bedeu­tung, weil auch die­se ein Inter­es­se dar­an haben, recht­zei­tig und zuver­läs­sig in einer Wei­se über Preis­än­de­run­gen infor­miert zu wer­den, die gege­be­nen­falls einen zügi­gen Lie­fe­ran­ten­wech­sel ermög­licht.

In Klau­sel Nr. 5 wird aber nur der ers­te Satz von § 5 Abs. 2 Gas­GVV inhalt­lich wie­der­ge­ge­ben. Des­halb ist nach der maß­geb­li­chen kun­den­feind­lichs­ten Aus­le­gung davon aus­zu­ge­hen, dass die in Satz 2 der Vor­schrift ent­hal­te­ne Rege­lung über die Mit­tei­lungs­pflich­ten nicht gel­ten soll. Aus den glei­chen Grün­den ist Klau­sel Nr. 3, die für den Bereich der Grund­ver­sor­gung gilt, wegen Ver­sto­ßes gegen die in die­sem Bereich zwin­gen­de Vor­schrift des § 5 Abs. 2 Satz 2 Gas­GVV unwirk­sam.

Ver­sor­gungs­un­ter­bre­chung[↑]

Der Bun­des­ge­richts­hof hat fer­ner ent­schie­den, dass die Klau­seln Nr. 1, 2, 3 und 4, die für die Belie­fe­rung von Grund­ver­sor­gungs­kun­den und Ersatz­ver­sor­gungs­kun­den gel­ten, zum Nach­teil der Kun­den von zwin­gen­den Vor­schrif­ten der Gas­GVV abwei­chen. Dar­in liegt eine unan­ge­mes­se­ne Benach­tei­li­gung der Kun­den, die zur Unwirk­sam­keit der Klau­seln führt. Die Abwei­chung von den Vor­schrif­ten der Gas­GVV ergibt sich zum Teil dar­aus, dass deren Rege­lungs­ge­halt in den Ergän­zen­den Bedin­gun­gen der Beklag­ten nur unvoll­stän­dig wie­der­ge­ge­ben wird. So beschränkt sich Klau­sel Nr. 1 auf die Wie­der­ga­be von § 19 Abs. 2 Satz 1 Gas­GVV, nach der der Grund­ver­sor­ger ins­be­son­de­re bei der Nicht­er­fül­lung einer Zah­lungs­ver­pflich­tung trotz Mah­nung berech­tigt ist, die Grund­ver­sor­gung vier Wochen nach Andro­hung unter­bre­chen zu las­sen. Kei­ne Erwäh­nung fin­det hin­ge­gen die ein­schrän­ken­de Rege­lung des § 19 Abs. 2 Satz 2 Gas­GVV, nach der dies unter ande­rem dann nicht gilt, wenn die Fol­gen der Unter­bre­chung außer Ver­hält­nis zur Schwe­re der Zuwi­der­hand­lung ste­hen. Klau­sel Nr. 4 weicht von dem in § 5 Abs. 3 Gas­GVV gewähr­leis­te­ten Schutz in der Über­gangs­zeit bei einem Ver­sor­ger­wech­sel zum Nach­teil des Kun­den ab.

Im Hin­blick auf die Befug­nis zur Unter­bre­chung der Grund­ver­sor­gung ohne vor­he­ri­ge Andro­hung gemäß § 19 Abs. 1 Gas­GVV (Klau­sel Nr. 2) hat der Bun­des­ge­richts­hof klar­ge­stellt, dass eine von der Rege­lung vor­aus­ge­setz­te "in nicht uner­heb­li­chem Maße schuld­haf­te" Zuwi­der­hand­lung des Kun­den nicht immer und unwi­der­leg­lich dann vor­liegt, wenn der Kun­de vor­sätz­lich oder grob fahr­läs­sig han­delt. Mit der For­mu­lie­rung beschreibt die Gas­GVV nicht nur einen bestimm­ten Ver­schul­dens­grad, son­dern ver­langt neben einem Ver­schul­den des Kun­den einen bestimm­ten Schwe­re­grad der Zuwi­der­hand­lung. Damit ist eine Unter­bre­chung der Grund­ver­sor­gung ohne vor­he­ri­ge Andro­hung auch dann unzu­läs­sig, wenn es sich zwar um eine vor­sätz­li­che oder grob fahr­läs­si­ge Zuwi­der­hand­lung des Kun­den han­delt, die­se aber – zum Bei­spiel im Hin­blick auf ihre Aus­wir­kun­gen für das Ver­sor­gungs­un­ter­neh­men – objek­tiv uner­heb­lich ist.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 27. Janu­ar 2010 – VIII ZR 326/​08

  1. LG Pots­dam, Urteil vom 13.11.2007 – 12 O 163/​07[]
  2. OLG Bran­den­burg, Urteil vom 19.11.2008 – 7 U 223/​07, OLGR 2009, 275[]
  3. vgl. BGH, Urteil vom 15.07.2009 – VIII ZR 56/​08[]