Ver­trags­stra­fever­spre­chen – und ihre Aus­le­gung

Ver­spricht der Schuld­ner dem Gläu­bi­ger für den Fall, dass er sei­ne Unter­las­sungs­ver­pflich­tung nicht oder nicht in gehö­ri­ger Wei­se erfüllt, die Zah­lung einer Geld­sum­me als Stra­fe, so ist die Stra­fe gemäß § 339 BGB mit der Zuwi­der­hand­lung gegen die Unter­las­sungs­ver­pflich­tung ver­wirkt.

Ver­trags­stra­fever­spre­chen – und ihre Aus­le­gung

Unter­las­sungs­ver­trä­ge sind nach den auch sonst für die Ver­trags­aus­le­gung gel­ten­den Grund­sät­zen aus­zu­le­gen. Maß­ge­bend ist dem­nach der wirk­li­che Wil­le der Ver­trags­par­tei­en (§§ 133, 157 BGB), bei des­sen Ermitt­lung neben dem Erklä­rungs­wort­laut die bei­der­seits bekann­ten Umstän­de wie ins­be­son­de­re die Art und Wei­se des Zustan­de­kom­mens und der Zweck der Ver­ein­ba­rung sowie die Inter­es­sen­la­ge der Par­tei­en her­an­zu­zie­hen sind 1. Die Aus­le­gung der Ver­trags­stra­fever­ein­ba­rung durch das Beru­fungs­ge­richt ver­letzt die­sen Aus­le­gungs­grund­satz, weil sie am buch­stäb­li­chen juris­ti­schen Sinn des Begriffs "Ver­brei­ten" haf­tet und den wirk­li­chen Wil­len der Par­tei­en nicht hin­rei­chend berück­sich­tigt.

Aller­dings erfasst ein "Ver­brei­ten" im Sin­ne des § 17 UrhG nur das Inver­kehr­brin­gen von Ver­viel­fäl­ti­gungs­stü­cken. Aus dem Zustan­de­kom­men und dem Zweck der Ver­ein­ba­rung sowie der Inter­es­sen­la­ge der Par­tei­en ergibt sich jedoch ein­deu­tig, dass die Par­tei­en den Begriff "Ver­brei­ten" über­ein­stim­mend in dem Sin­ne ver­stan­den haben, dass er das mit dem Ein­stel­len in das Inter­net ver­bun­de­ne öffent­li­che Zugäng­lich­ma­chen der Foto­gra­fi­en bezeich­net. Ein vom objek­ti­ven Erklä­rungs­in­halt einer For­mu­lie­rung über­ein­stim­mend abwei­chen­des Ver­ständ­nis der Ver­trags­par­tei­en geht nach §§ 133, 157 BGB dem objek­ti­ven Erklä­rungs­in­halt vor ("fal­sa demons­tra­tio non nocet") 2. Von der Ver­trags­stra­fever­ein­ba­rung ist daher grund­sätz­lich auch ein Ver­hal­ten umfasst, das den Tat­be­stand des Öffent­lich-Zugäng­lich­ma­chens (§ 19a UrhG) erfüllt. Die­ses Ergeb­nis ent­spricht auch dem Zweck des Unter­las­sungs­ver­trags, der regel­mä­ßig dar­in liegt, nach einer Ver­let­zungs­hand­lung die Ver­mu­tung der Wie­der­ho­lungs­ge­fahr aus­zu­räu­men und die Durch­füh­rung eines gericht­li­chen Ver­fah­rens ent­behr­lich zu machen 3. Die­ses Ziel wür­de mit der am Wort­laut ver­haf­te­ten Aus­le­gung nicht erreicht, weil sich der Unter­las­sungs­an­spruch des Klä­gers auch auf ein Ver­bot des öffent­li­chen Zugäng­lich­ma­chens bezog (§ 97 Abs. 1, §§ 72, 15 Abs. 2 Satz 2 Nr. 2, § 19a UrhG). Anhalts­punk­te, die für eine gegen­tei­li­ge Aus­le­gung spre­chen, sind im hier ent­schie­de­nen Fall nicht ersicht­lich.

Die abwei­chen­de Aus­le­gung der Ver­ein­ba­rung ver­stößt fer­ner gegen den Aus­le­gungs­grund­satz, dass bei meh­re­ren mög­li­chen Aus­le­gun­gen der­je­ni­gen der Vor­zug zu geben ist, bei der der Ver­trags­be­stim­mung eine tat­säch­li­che Bedeu­tung zukommt, wenn sich die Rege­lung ansons­ten als ganz oder teil­wei­se sinn­los erwei­sen wür­de 4. Da die Ver­ein­ba­rung der Par­tei­en allein die Nut­zung von Bil­dern im Inter­net betrifft und Bil­der im Inter­net nicht durch ein Inver­kehr­brin­gen von Ver­viel­fäl­ti­gungs­stü­cken ver­brei­tet wer­den kön­nen, wäre die Ver­ein­ba­rung der Par­tei­en sinn­los, wenn der Begriff "Ver­brei­ten" im Sin­ne des Beru­fungs­ge­richts zu ver­ste­hen wäre. Auch aus die­sem Grund ist der Aus­le­gung der Vor­zug zu geben, wonach die­ser Begriff nach der Ver­ein­ba­rung der Par­tei­en ein Öffent­lich-Zugäng­lich­ma­chen der Licht­bil­der im Inter­net umfasst.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 18. Sep­tem­ber 2014 – I ZR 76/​13

  1. vgl. BGH, GRUR 2009, 181 Rn. 32 Kin­der­wär­me­kis­sen, mwN; GRUR 2013, 531 Rn. 32 Ein­wil­li­gung in Wer­be­an­ru­fe II[]
  2. st. Rspr.; vgl. nur BGH, Urteil vom 19.05.2006 – V ZR 264/​05, BGHZ 168, 35 = NJW 2006, 3139 Rn. 13; Urteil vom 03.03.2011 – III ZR 330/​09 16, jeweils mwN[]
  3. vgl. BGH, Urteil vom 03.07.2003 – I ZR 297/​00, GRUR 2003, 899, 900 = WRP 2003, 1116 Olym­pia­sie­ge­rin[]
  4. vgl. BGH, Urteil vom 07.03.2005 – II ZR 194/​03, NJW 2005, 2618, 2619 mwN[]