Ver­wechs­lungs­ge­fahr und Bran­chen­ähn­lich­keit im Mar­ken­recht

Die Grenz­zie­hung zwi­schen Bran­chen­ähn­lich­keit und Bran­chen­un­ähn­lich­keit bei der Ver­wechs­lungs­ge­fahr im Sin­ne von § 15 Abs. 2 Mar­kenG ist eben­so wie die­je­ni­ge zwi­schen Waren- oder Dienst­leis­tungs­ähn­lich­keit und ‑unähn­lich­keit bei der Ver­wechs­lungs­prü­fung nach § 14 Abs. 2 Nr. 2 Mar­kenG nicht von der Kenn­zeich­nungs­kraft des Kla­ge­kenn­zei­chens abhän­gig.

Ver­wechs­lungs­ge­fahr und Bran­chen­ähn­lich­keit im Mar­ken­recht

Bestehen die Geschäfts­fel­der der Par­tei­en in der Erbrin­gung von Dienst­leis­tun­gen, ist zur Beur­tei­lung der Bran­chen­nä­he regel­mä­ßig auf die­se Dienst­leis­tun­gen und nicht auf die Mit­tel abzu­stel­len, deren sich die Par­tei­en hier­bei bedie­nen.

Für die Beur­tei­lung der Bran­chen­nä­he kommt es in ers­ter Linie auf die Pro­dukt­be­rei­che und Arbeits­ge­bie­te an, die nach der Ver­kehrs­auf­fas­sung typisch für die Par­tei­en sind. Anhalts­punk­te für eine Bran­chen­nä­he kön­nen Berüh­rungs­punk­te der Waren oder Dienst­leis­tun­gen der Unter­neh­men auf den Märk­ten sowie Gemein­sam­kei­ten der Ver­triebs­we­ge und der Ver­wend­bar­keit der Pro­duk­te und Dienst­leis­tun­gen sein. In die Beur­tei­lung ein­zu­be­zie­hen sind nahe­lie­gen­de und nicht nur theo­re­ti­sche Aus­wei­tun­gen der Tätig­keits­be­rei­che der Par­tei­en. Im Ein­zel­fall kön­nen auch Über­schnei­dun­gen in Rand­be­rei­chen der Unter­neh­mens­tä­tig­kei­ten zu berück­sich­ti­gen sein 1. Der Begriff der Bran­chen­nä­he ist im Hin­blick auf die Ver­wechs­lungs­ge­fahr nach § 15 Abs. 2 Mar­kenG aus­zu­le­gen. Von einer Unähn­lich­keit der Bran­chen der Par­tei­en kann daher nur aus­ge­gan­gen wer­den, wenn trotz (unter­stell­ter) Iden­ti­tät der Kenn­zei­chen die Annah­me einer Ver­wechs­lungs­ge­fahr wegen des Abstands der Tätig­keits­fel­der von vorn­her­ein aus­ge­schlos­sen ist. Dabei gibt es eine (abso­lu­te) Bran­chen­un­ähn­lich­keit, die auch bei Iden­ti­tät der Zei­chen nicht durch eine erhöh­te Kenn­zeich­nungs­kraft des prio­ri­täts­äl­te­ren Unter­neh­mens­kenn­zei­chens aus­ge­gli­chen wer­den kann 2.

Die Fra­ge, ob im Rah­men der Prü­fung der Ver­wechs­lungs­ge­fahr im Sin­ne von § 15 Abs. 2 Mar­kenG die Bran­chen­nä­he voll­stän­dig aus­ge­schlos­sen – und des­halb von abso­lu­ter Bran­chen­un­ähn­lich­keit aus­zu­ge­hen – ist, ist daher los­ge­löst von der kon­kre­ten Kenn­zeich­nungs­kraft des Kla­ge­kenn­zei­chens zu beant­wor­ten. Dies ent­spricht den für die Beur­tei­lung der mar­ken­recht­li­chen Waren- und Dienst­leis­tungs­ähn­lich­keit gel­ten­den Maß­stä­ben 3.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 20. Janu­ar 2011 – I ZR 10/​09 – BCC

  1. vgl. BGH, Urteil vom 21.02.2002 – I ZR 230/​99, GRUR 2002, 898, 899 f. = WRP 2002, 1066 – defac­to; Urteil vom 05.02.2009 – I ZR 167/​06, GRUR 2009, 484 Rn. 73 = WRP 2009, 616 – METROBUS[]
  2. vgl. zur Waren- oder Dienst­leis­tungs­ähn­lich­keit bei der Ver­wechs­lungs­ge­fahr im Sin­ne von Art. 5 Abs. 1 Buchst. b Mar­ken­RL, § 14 Abs. 2 Nr. 2 Mar­kenG: EuGH, Urteil vom 29.09. 1998 – C39/​97, Slg. 1998, I5507 = GRUR 1998, 922 Rn. 15 – Canon; BGH, Beschluss vom 28.09. 2006 – I ZB 100/​05, GRUR 2007, 321 Rn. 20 = WRP 2007, 321 – COHIBA; Beschluss vom 13.12. 2007 – I ZB 26/​05, GRUR 2008, 714 Rn. 32 = WRP 2008, 1092 – idw; zu § 16 UWG aF: BGH, Urteil vom 06.07.1973 – I ZR 129/​71, GRUR 1974, 162, 163 – etirex; zu § 15 Abs. 2 Mar­kenG: Büscher in Büscher/​Dittmer/​Schiwy, Gewerb­li­cher Rechts­schutz, Urhe­ber­recht, Medi­en­recht, 2. Aufl., § 15 Mar­kenG Rn. 55; Fezer, Mar­ken­recht, 4. Aufl., § 15 Rn. 215; Lan­ge, Mar­ken- und Kenn­zei­chen­recht, 2006, Rn. 2543[]
  3. vgl. EuGH, Urteil vom 18.12. 2008 – C16/​06, Slg. 2008, I10053, GRUR Int. 2009, 397 Rn. 67 – MOBELIX/​OBELIX; BGH, Urteil vom 24.01.2002 – I ZR 156/​99, GRUR 2002, 544, 546 = WRP 2002, 537 – BANK 24[]