Ver­wir­kung bei wie­der­hol­ten Mar­ken­ver­let­zun­gen

Wie­der­hol­te gleich­ar­ti­ge Mar­ken­ver­let­zun­gen, die zeit­lich unter­bro­chen auf­tre­ten, lösen jeweils einen neu­en Unter­las­sungs­an­spruch aus und las­sen die für die Beur­tei­lung des Zeit­mo­ments bei der Ver­wir­kung maß­geb­li­che Frist jeweils neu begin­nen [1]. Rechts­fol­ge der Ver­wir­kung nach § 242 BGB ist im Imma­te­ri­al­gü­ter­recht allein, dass ein Schutz­rechts­in­ha­ber sei­ne Rech­te im Hin­blick auf bestimm­te kon­kre­te bereits began­ge­ne oder noch andau­ern­de Rechts­ver­let­zun­gen nicht mehr durch­zu­set­zen ver­mag.

Ver­wir­kung bei wie­der­hol­ten Mar­ken­ver­let­zun­gen

Dabei hat der Bun­des­ge­richts­hof im Streit­fall offen­ge­las­sen, ob mit­glied­staat­li­che Grund­sät­ze der Ver­wir­kung der Aus­übung der Rech­te aus Gemein­schafts­mar­ken ent­ge­gen­ste­hen kön­nen [2]. Denn die Vor­aus­set­zun­gen einer Ver­wir­kung lie­gen schon nach deut­schem Recht nicht vor.

Ver­wir­kung ist ein Fall der unzu­läs­si­gen Rechts­aus­übung wegen wider­sprüch­li­chen Ver­hal­tens, bei dem der Ver­stoß gegen Treu und Glau­ben in der Illoya­li­tät der ver­spä­te­ten Rechts­aus­übung liegt [3]. Dabei ist indes zu beach­ten, dass bei wie­der­hol­ten, gleich­ar­ti­gen Ver­let­zungs­hand­lun­gen jede Ver­let­zungs­hand­lung einen neu­en Unter­las­sungs­an­spruch ent­ste­hen lässt. So ist im Nach­bar­recht aner­kannt, dass wie­der­hol­te gleich­ar­ti­ge Stö­run­gen, die zeit­lich unter­bro­chen auf­tre­ten, jeweils einen neu­en Unter­las­sungs­an­spruch aus­lö­sen und die für die Beur­tei­lung des Zeit­mo­ments bei der Ver­wir­kung maß­geb­li­che Frist jeweils neu begin­nen las­sen [4]. Die­ser nach­bar­recht­li­che Grund­satz kann, wie das Beru­fungs­ge­richt zutref­fend erkannt hat, auf die Ver­wir­kung des mar­ken­recht­li­chen Unter­las­sungs­an­spruchs über­tra­gen wer­den [5].

Auch län­ge­re Untä­tig­keit des Mar­ken­in­ha­bers gegen­über bestimm­ten gleich­ar­ti­gen Ver­let­zungs­hand­lun­gen kann kein berech­tig­tes Ver­trau­en eines Händ­lers begrün­den, der Mar­ken­in­ha­ber dul­de auch künf­tig sein Ver­hal­ten und wer­de wei­ter­hin nicht gegen sol­che – jeweils neu­en – Rechts­ver­let­zun­gen vor­ge­hen. Der Ver­wir­kungs­ein­wand, der auf einen im Ver­trau­en auf die Benut­zungs­be­rech­ti­gung geschaf­fe­nen schutz­wür­di­gen Besitz­stand gegrün­det ist, darf näm­lich nicht dazu füh­ren, dass dem Benut­zer eine zusätz­li­che Rechts­po­si­ti­on ein­ge­räumt wird und die Rech­te des nach Treu und Glau­ben nur aus­nahms­wei­se und in engen Gren­zen schutz­wür­di­gen Rechts­ver­let­zers über die­se Gren­zen hin­aus erwei­tert wer­den [6]. Rechts­fol­ge der all­ge­mei­nen Ver­wir­kung auf der Grund­la­ge des § 242 BGB ist im Mar­ken­recht allein, dass ein Mar­ken­in­ha­ber sei­ne Rech­te im Hin­blick auf bestimm­te kon­kre­te, bereits began­ge­ne oder noch andau­ern­de Rechts­ver­let­zun­gen nicht mehr durch­zu­set­zen ver­mag [7]. Ein Frei­brief für künf­ti­ge Schutz­rechts­ver­let­zun­gen ist damit nicht ver­bun­den.

Der Bun­des­ge­richts­hof lässt auch nicht das Argu­ment gel­ten, die in den spe­zi­ell gere­gel­ten Ver­wir­kungs­tat­be­stän­den des § 21 Abs. 1 und 2 Mar­kenG sowie des Art. 54 Abs. 1 und 2 GMV zum Aus­druck kom­men­de Wer­tung gebie­te es, für die Fra­ge der Ver­wir­kung auf den Zeit­raum gleich­ge­ar­te­ter Benut­zungs­hand­lun­gen abzu­stel­len und nicht auf den ein­zel­nen Import­vor­gang. Die genann­ten Bestim­mun­gen betref­fen nicht den vor­lie­gen­den Fall der über län­ge­re Zeit stän­dig wie­der­hol­ten Benut­zung einer frem­den Mar­ke beim Han­del mit nicht erschöpf­ter Mar­ken­wa­re, son­dern set­zen die unun­ter­bro­che­ne Benut­zung eines eige­nen Zei­chens des Anspruchs­geg­ners über einen Zeit­raum von fünf Jah­ren vor­aus.

Unter dem Gesichts­punkt der Ver­wir­kung kann der rechts­ver­let­zend impor­tie­ren­de Händ­ler daher kei­ne Rechts­po­si­ti­on erlan­gen, die ihm ein Recht auf immer neue Ver­let­zungs­hand­lun­gen gewäh­ren und ihm so auf Dau­er fak­tisch eine kos­ten­lo­se Lizenz ver­schaf­fen wür­de. Es wäre ein nicht hin­nehm­ba­rer Wer­tungs­wi­der­spruch, wenn der Mar­ken­ver­let­zer sei­ne rechts­ver­let­zen­den Hand­lun­gen unbe­fris­tet fort­set­zen dürf­te, wäh­rend jedem Lizenz­neh­mer durch Aus­übung eines ver­trag­li­chen Kün­di­gungs­rechts ein in der Ver­gan­gen­heit zuläs­si­ger Ver­trieb für die Zukunft unter­sagt wer­den könn­te. Soweit der Bun­des­ge­richts­hofs­ent­schei­dung „Uni­ver­si­tätsem­blem“ [8] etwas ande­res ent­nom­men wer­den kann, wird dar­an nicht fest­ge­hal­ten.

Ein etwa unmit­tel­bar im Uni­ons­recht bestehen­der Ver­wir­kungs­grund­satz könn­te kei­ne gerin­ge­ren Anfor­de­run­gen an den Ein­tritt der Ver­wir­kung stel­len als das in die­ser Hin­sicht bereits weit­ge­hen­de deut­sche Recht [9]. Dar­an bestehen kei­ne ver­nünf­ti­gen Zwei­fel, so dass auch inso­weit eine Vor­la­ge an den Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on nach Art. 267 Abs. 3 AEUV nicht erfor­der­lich ist.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 18. Janu­ar 2012 – I ZR 17/​11 [Hon­da-Grau­im­port]

  1. Anschluss an BGH, Urteil vom 21.10.2005 – V ZR 169/​04, NJW-RR 2006, 235, 236; Klar­stel­lung zu BGH, Urteil vom 23.09.1992 – I ZR 251/​90, GRUR 1993, 151, 153 = WRP 1993, 101 Uni­ver­si­tätsem­blem[]
  2. inso­weit ver­nei­nend im hier nicht eröff­ne­ten Anwen­dungs­be­reich des Art. 9 Abs. 1 Mar­kenRL jetzt EuGH, Urteil vom 22.09.2011 – C‑482/​09, GRUR 2012, 519 Rn. 33 ff. = WRP 2011, 1559 – Bud­wei­ser, dazu Palzer/​Preisendanz, EuZW 2012, 134, 138; Hacker, WRP 2012, 266, 267[]
  3. BGHZ 25, 47, 51 f.; BGH, Urteil vom 29.02.1984 – VIII ZR 310/​82, NJW 1984, 1684[]
  4. vgl. BGH, Urteil vom 21.10.2005 – V ZR 169/​04, NJW-RR 2006, 235, 236[]
  5. eben­so für das Wett­be­werbs­recht Köh­ler in Köhler/​Bornkamm, UWG, 30. Aufl., § 11 Rn.02.14[]
  6. vgl. BGH, Urteil vom 14.02.2008 – I ZR 162/​05, GRUR 2008, 803 Rn. 29 = WRP 2008, 1192, 1195 – HEITEC[]
  7. vgl. Staudinger/​Looschelders/​Olzen, BGB [2009], § 242 Rn. 304; MünchKomm-.BGB/Roth/Schubert, 6. Aufl., § 242 Rn. 331[]
  8. BGH, Urteil vom 23.09.1992 – I ZR 251/​09, GRUR 1993, 151, 153 = WRP 1993, 101 – Uni­ver­si­tätsem­blem, inso­weit nicht in BGHZ 119, 237[]
  9. zu ande­ren Rechts­ord­nun­gen vgl. Staudinger/​Looschelders/​Olzen aaO § 242 Rn. 1116 ff.; zur engen Aus­le­gung uni­ons­recht­li­cher Aus­nah­men von Unter­las­sungs­pflich­ten aus Gemein­schafts­mar­ken vgl. EuGH, Urteil vom 14.12.2006 – C‑316/​05, Slg. 2006, I‑12083 = GRUR 2007, 228 Rn. 30 – Nokia[]