Video­über­wa­chung in der Zahn­arzt­pra­xis

Eine Video­über­wa­chung in der Zahn­arzt­pra­xis ist regel­mä­ßig nicht zuläs­sig.

Video­über­wa­chung in der Zahn­arzt­pra­xis

Eine Video­über­wa­chung in einer Zahn­arzt­pra­xis, die unge­hin­dert betre­ten wer­den kann, unter­liegt stren­gen Anfor­de­run­gen an die daten­schutz­recht­li­che Erfor­der­lich­keit.

In dem hier vom Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt in Leip­zig ent­schie­de­nen Fall konn­te die Pra­xis der Zahn­ärz­tin durch Öff­nen der Ein­gangs­tür unge­hin­dert betre­ten wer­den; der Emp­fangs­tre­sen ist nicht besetzt. Die Zahn­ärz­tin hat ober­halb die­ses Tre­sens eine Video­ka­me­ra ange­bracht. Die auf­ge­nom­me­nen Bil­der kön­nen in Echt­zeit auf Moni­to­ren ange­se­hen wer­den, die die Zahn­ärz­tin in Behand­lungs­zim­mern auf­ge­stellt hat (sog. Kame­ra-Moni­tor-Sys­tem). Die beklag­te Lan­des­da­ten­schutz­be­auf­trag­te gab der Zahn­ärz­tin u.a. auf, die Video­ka­me­ra so aus­zu­rich­ten, dass der Pati­en­ten und sons­ti­gen Besu­chern zugäng­li­che Bereich vor dem Emp­fangs­tre­sen, der Flur zwi­schen Tre­sen und Ein­gangs­tür und das War­te­zim­mer nicht mehr erfasst wer­den.

Inso­weit ist die nach erfolg­lo­sem Wider­spruch erho­be­ne Kla­ge in den Vor­in­stan­zen vor dem Ver­wal­tungs­ge­richt Pots­dam 1 und dem Ober­ver­wal­tungs­ge­richt Ber­lin-Bran­den­burg 2 erfolg­los geblie­ben. Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt hat dies – noch auf der Basis des bis zum Wirk­sam­wer­den der DSGVO gel­ten­den BDSG – bestä­tigt und die Revi­si­on der Zahn­ärz­tin zurück­ge­wie­sen:

Die seit 25. Mai 2018 in allen Mit­glied­staa­ten der Euro­päi­schen Uni­on unmit­tel­bar gel­ten­de Daten­schutz-Grund­ver­ord­nung fin­det kei­ne Anwen­dung auf daten­schutz­recht­li­che Anord­nun­gen, die – wie im vor­lie­gen­den Fall – vor die­sem Zeit­punkt erlas­sen wor­den sind. Ent­schei­dun­gen, die vor die­sem Stich­tag getrof­fen wur­den, wer­den nicht nach­träg­lich an die­sem neu­en uni­ons­recht­li­chen Rege­lungs­werk gemes­sen.

Der Bun­des­ge­setz­ge­ber hat­te die Zuläs­sig­keit der Beob­ach­tung öffent­lich zugäng­li­cher Räu­me mit optisch-elek­tro­ni­schen Ein­rich­tun­gen (Video­über­wa­chung) vor dem 25. Mai 2018 durch § 6b BDSG a. F. auch für pri­va­te Betrei­ber abschlie­ßend gere­gelt. Nach Absatz 1 die­ser Vor­schrift setz­te die Beob­ach­tung durch ein Kame­ra-Moni­tor-Sys­tem auch ohne Spei­che­rung der Bil­der vor­aus, dass die­se zur Wahr­neh­mung berech­tig­ter Inter­es­sen des Pri­va­ten erfor­der­lich ist und schutz­wür­di­ge Inter­es­sen der Betrof­fe­nen nicht über­wie­gen.

Im vor­lie­gen­den Fall hat die Zahn­ärz­tin nach den bin­den­den Tat­sa­chen­fest­stel­lun­gen des Ober­ver­wal­tungs­ge­richts bereits nicht dar­ge­legt, dass sie für den Betrieb ihrer Pra­xis auf die Video­über­wa­chung ange­wie­sen ist. Es bestehen kei­ne tat­säch­li­chen Anhalts­punk­te, die ihre Befürch­tung, Per­so­nen könn­ten ihre Pra­xis betre­ten, um dort Straf­ta­ten zu bege­hen, berech­tigt erschei­nen las­sen. Die Video­über­wa­chung ist nicht not­wen­dig, um Pati­en­ten, die nach der Behand­lung aus medi­zi­ni­schen Grün­den noch eini­ge Zeit im War­te­zim­mer sit­zen, in Not­fäl­len betreu­en zu kön­nen. Schließ­lich sind die Anga­ben der Zahn­ärz­tin, ihr ent­stün­den ohne die Video­über­wa­chung erheb­lich höhe­re Kos­ten, völ­lig pau­schal geblie­ben.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Urteil vom 27. März 2019 – 6 C 2.18

  1. VG Pots­dam, Urteil vom 20.11.2015 – 9 K 7256/​13[]
  2. OVG Ber­lin-Bran­den­burg, Urteil vom 06.04.2017 – 12 B 7.16[]