Wap­pen der UdSSR als Gemein­schafts­mar­ke

Die exak­te Dar­stel­lung des Wap­pens der ehe­ma­li­gen Uni­on der Sozia­lis­ti­schen Sowjet­re­pu­bli­ken (UdSSR) kann nicht als Gemein­schafts­mar­ke ein­ge­tra­gen wer­den. So hat das Gericht der Euro­päi­schen Uni­on in dem vor­lie­gen­den Fall ent­schie­den. Das sowje­ti­sche Staats­wap­pen ist von der Ein­tra­gung als Gemein­schafts­mar­ke auch dann aus­zu­schlie­ßen, wenn es nur in einem ein­zi­gen Mit­glied­staat gegen die öffent­li­che Ord­nung oder gegen die guten Sit­ten ver­stößt.

Wap­pen der UdSSR als Gemein­schafts­mar­ke

Die Gemein­schafts­mar­ke gilt in der gesam­ten Euro­päi­schen Uni­on und besteht neben den natio­na­len Mar­ken. Gemein­schafts­mar­ken wer­den beim Gemein­schafts­mar­ken­amt HABM ange­mel­det, und des­sen Ent­schei­dun­gen kön­nen beim Gericht der Euro­päi­schen Uni­on ange­foch­ten wer­den. Die Gemein­schafts­mar­ken­ver­ord­nung [1] bestimmt, dass die Ein­tra­gung einer Mar­ke bei Vor­lie­gen bestimm­ter, in die­ser Ver­ord­nung aus­drück­lich vor­ge­se­he­ner Ein­tra­gungs­hin­der­nis­se abzu­leh­nen ist. Dies betrifft u. a. den Fall, dass die Mar­ke gegen die öffent­li­che Ord­nung oder gegen die guten Sit­ten ver­stößt, und zwar selbst dann, wenn die­se Ein­tra­gungs­hin­der­nis­se nur in einem Teil der Uni­on bestehen.

Im Jahr 2006 mel­de­te die Cou­ture Tech Ltd, eine Gesell­schaft, die mit den inter­na­tio­na­len Tätig­kei­ten eines rus­si­schen Mode­schöp­fers ver­bun­den ist, beim Gemein­schafts­mar­ken­amt ein Bild des sowje­ti­schen Staats­wap­pens als Gemein­schafts­mar­ke an. Dort wur­de die Anmel­dung zurück­ge­wie­sen, weil die Mar­ke aus einer exak­ten Dar­stel­lung des Wap­pens der ehe­ma­li­gen Uni­on der Sozia­lis­ti­schen Sowjet­re­pu­bli­ken (UdSSR) bestehe. Gestützt auf Rechts­vor­schrif­ten und die Ver­wal­tungs­pra­xis in bestimm­ten Mit­glied­staa­ten – näm­lich Ungarn, Lett­land und die Tsche­chi­sche Repu­blik –, befand das Gemein­schafts­mar­ken­amt, dass die dar­ge­stell­ten Sym­bo­le von einem wesent­li­chen Teil der betrof­fe­nen Ver­kehrs­krei­se in dem Teil der Euro­päi­schen Uni­on, der sowje­ti­scher Herr­schaft unter­stan­den habe, als gegen die öffent­li­che Ord­nung und die guten Sit­ten ver­sto­ßend ange­se­hen wür­den.

Die Cou­ture Tech Ltd erhob beim Gericht eine Kla­ge auf Auf­he­bung die­ser Ent­schei­dung. In sei­nem Urteil stellt das Gericht der Euro­päi­schen Uni­on zunächst klar, dass eine Mar­ke von der Ein­tra­gung aus­zu­schlie­ßen ist, wenn sie in einem Teil der Uni­on gegen die öffent­li­che Ord­nung oder gegen die guten Sit­ten ver­stößt, wobei die­ser Teil gege­be­nen­falls ein ein­zi­ger Mit­glied­staat sein kann. Bei der Aus­le­gung der Begrif­fe „öffent­li­che Ord­nung“ und „gute Sit­ten“ sind nicht nur die allen Mit­glied­staa­ten gemein­sa­men Umstän­de, son­dern auch die beson­de­ren Umstän­de in den ein­zel­nen Mit­glied­staa­ten zu berück­sich­ti­gen, die einen Ein­fluss auf die Wahr­neh­mung der maß­geb­li­chen Ver­kehrs­krei­se im Gebiet die­ser Staa­ten haben kön­nen. Da die Gemein­schafts­re­ge­lung für Mar­ken ein auto­no­mes Sys­tem ist, des­sen Anwen­dung von jedem natio­na­len Sys­tem unab­hän­gig ist, wer­den die Rechts­vor­schrif­ten und die Ver­wal­tungs­pra­xis bestimm­ter Mit­glied­staa­ten im vor­lie­gen­den Fall nicht wegen ihrer nor­ma­ti­ven Gel­tung, son­dern als tat­säch­li­che Anhalts­punk­te berück­sich­tigt, die es erlau­ben, die Wahr­neh­mung von mit der ehe­ma­li­gen UdSSR ver­bun­de­nen Sym­bo­len durch die maß­geb­li­chen Ver­kehrs­krei­se in den betref­fen­den Mit­glied­staa­ten zu beur­tei­len.

Schließ­lich befin­det das Gericht, dass die Beschwer­de­kam­mer mit der auf die Prü­fung von Gesichts­punk­ten der Situa­ti­on in Ungarn gestütz­ten Fest­stel­lung, dass die ange­mel­de­te Mar­ke nach der Wahr­neh­mung der maß­geb­li­chen Ver­kehrs­krei­se gegen die öffent­li­che Ord­nung oder gegen die guten Sit­ten ver­sto­ße, kei­nen Beur­tei­lungs­feh­ler began­gen hat. Nach den unga­ri­schen Rechts­vor­schrif­ten gel­ten näm­lich Ham­mer und Sichel und der fünf­za­cki­ge rote Stern als „Sym­bo­le des Des­po­tis­mus“, deren Benut­zung gegen die öffent­li­che Ord­nung ver­stößt. Das Gericht gelangt so zu dem Ergeb­nis, dass es, da eine Mar­ke bereits dann von der Ein­tra­gung aus­zu­schlie­ßen ist, wenn sie auch nur in einem Teil der Uni­on – und gege­be­nen­falls nur in einem ein­zi­gen Mit­glied­staat – gegen die öffent­li­che Ord­nung oder gegen die guten Sit­ten ver­stößt, nicht erfor­der­lich ist, wei­te­re Gesichts­punk­te zu prü­fen, die sich auf die Ver­kehrs­an­schau­ung in Lett­land und der Tsche­chi­schen Repu­blik bezie­hen. Dem­ge­mäß hat das Gericht die Kla­ge der Cou­ture Tech Ltd abge­wie­sen.

Gericht der Euro­päi­schen Uni­on, Urteil vom 20. Sep­tem­ber 2011 – T‑232/​10, Cou­ture Tech /​HABM

  1. Ver­ord­nung (EG) Nr. 40/​94 des Rates vom 20. Dezem­ber 1993 über die Gemein­schafts­mar­ke, ABl. 1994, L 11, S. 1[]