Wie­der­ho­lungs­ge­fahr – und die Unter­wer­fungs­er­klä­rung

Eine Unter­las­sungs­er­klä­rung deckt den gel­tend gemach­ten Unter­las­sungs­an­spruch aus §§ 8, 3 UWG in Ver­bin­dung mit Nr. 5 des Anhangs zu § 3 Abs. 3 UWG nicht voll­stän­dig ab, wenn sie sich nicht auf alle gleich­ar­ti­gen Ver­let­zungs­hand­lun­gen, son­dern nur auf eine kon­kre­te Ver­let­zungs­hand­lung bezieht.

Wie­der­ho­lungs­ge­fahr – und die Unter­wer­fungs­er­klä­rung

Der Zugang einer vom Gläu­bi­ger mit der Abmah­nung ver­lang­ten Unter­las­sungs­ver­pflich­tungs­er­klä­rung lässt nur dann die Wie­der­ho­lungs­ge­fahr ent­fal­len, wenn sie der Ver­mei­dung einer gericht­li­chen Aus­ein­an­der­set­zung dadurch dient, dass sie nicht nur ein­deu­tig, hin­rei­chend bestimmt und durch ein Ver­trags­stra­fever­spre­chen gesi­chert ist, son­dern auch den gesetz­li­chen Unter­las­sungs­an­spruch nach Inhalt und Umfang voll­stän­dig abdeckt 1.

Maß­geb­li­cher Zeit­punkt für die Beur­tei­lung der Fra­ge, ob die Unter­las­sungs­ver­pflich­tungs­er­klä­rung die Wie­der­ho­lungs­ge­fahr besei­tigt, ist der­je­ni­ge der Abga­be der Erklä­rung 2.

Die Unter­las­sungs­er­klä­run­gen decken im hier ent­schie­de­nen Fall den gel­tend gemach­ten Unter­las­sungs­an­spruch aus §§ 8, 3 UWG in Ver­bin­dung mit Nr. 5 des Anhangs zu § 3 Abs. 3 UWG nicht voll­stän­dig ab, weil sie sich aus­schließ­lich auf das kon­kre­te Modell eines Smart­pho­nes bezie­hen.

Eine Ver­let­zungs­hand­lung begrün­det die Ver­mu­tung der Wie­der­ho­lungs­ge­fahr nicht nur für die iden­ti­sche Ver­let­zungs­form, son­dern für alle im Kern gleich­ar­ti­gen Ver­let­zungs­hand­lun­gen, in denen das Cha­rak­te­ris­ti­sche der kon­kre­ten Ver­let­zungs­form zum Aus­druck kommt. In ent­spre­chen­dem Umfang gilt ein gericht­li­ches Ver­bot, auch wenn es auf die kon­kre­te Ver­let­zungs­form beschränkt ist 3.

Das Cha­rak­te­ris­ti­sche der ange­grif­fe­nen Ver­let­zungs­hand­lung beschränkt sich nicht auf die Wer­bung für das mit Her­stel­lerund Typen­be­zeich­nung kon­kret ange­ge­be­ne Smart­pho­ne. Cha­rak­te­ris­tisch für die Hand­lung ist viel­mehr, dass Smart­pho­nes in einer Anzei­ge groß­for­ma­tig als Akti­ons­an­ge­bo­te bewor­ben wer­den und zugleich kein deut­li­cher Hin­weis dar­auf erfolgt, dass die Ware schon am ers­ten Tag aus­ver­kauft sein könn­te. Kern­gleich ist damit eine ent­spre­chen­de Wer­bung für ein ande­res Modell eines Smart­pho­nes im Rah­men der wöchent­li­chen Akti­ons­an­ge­bo­te.

Vor­lie­gend hat die Klä­ge­rin ihre Rechts­ver­fol­gung nicht auf die Unter­las­sung der Wer­bung für das kon­kret ange­bo­te­ne Modell beschränkt. Die Aus­le­gung des Unter­las­sungs­an­trags als Pro­zess­erklä­rung unter­liegt in vol­lem Umfang der Prü­fung durch das Revi­si­ons­ge­richt 4. Bei der Aus­le­gung eines Kla­ge­an­trags ist nicht an des­sen buch­stäb­li­chem Sinn zu haf­ten, son­dern der wirk­li­che Wil­le der Par­tei zu erfor­schen. Dabei ist der Grund­satz zu beach­ten, dass im Zwei­fel das­je­ni­ge gewollt ist, was nach den Maß­stä­ben der Rechts­ord­nung ver­nünf­tig ist und der wohl­ver­stan­de­nen Inter­es­sen­la­ge ent­spricht 5.

Nach den Kla­ge­an­trä­gen ist Gegen­stand der gefor­der­ten Unter­las­sung jeweils die Wer­bung für Smart­pho­nes in der abge­bil­de­ten Art. Dem tra­gen die Kla­ge­an­trä­ge dadurch Rech­nung, dass sie all­ge­mein auf Smart­pho­nes Bezug neh­men und das kon­kre­te Modell nur in einem Klam­mer­zu­satz mit vor­an­ge­stell­tem "hier" anfüh­ren. An die­sem Ergeb­nis ver­mag auch die in der münd­li­chen Beru­fungs­ver­hand­lung abge­ge­be­ne Erklä­rung der Klä­ge­rin nichts zu ändern, sie wen­de sich nicht gene­rell gegen die Wer­bung für Smart­pho­nes, son­dern nur gegen die kon­kre­te Ver­let­zungs­form, hier also die Wer­bung mit die­sem Smart­pho­ne. Die­se Erklä­rung kann vor dem Hin­ter­grund der gewähl­ten Antrags­fas­sung nicht so ver­stan­den wer­den, dass kern­glei­che Ver­stö­ße in Gestalt der Wer­bung für ande­re Smart­pho­ne-Model­le nicht vom Antrag erfasst wer­den soll­ten. Im Fal­le eines auf die kon­kre­te Ver­let­zungs­form bezo­ge­nen Kla­ge­an­trags haben abs­trak­te Merk­ma­le, die im Antrag ent­hal­ten sind, den Zweck, den Kreis der Vari­an­ten näher zu bestim­men, die von dem Ver­bot als kern­glei­che Ver­let­zungs­for­men erfasst sein sol­len 6.

Bei die­ser Sach­la­ge ver­moch­ten die Unter­las­sungs­er­klä­run­gen der Beklag­ten die Wie­der­ho­lungs­ge­fahr nicht aus­zu­schlie­ßen.

Zwar kann die durch Nr. 5 des Anhangs zu § 3 Abs. 3 UWG ver­bo­te­ne Irre­füh­rung nicht nur durch hin­rei­chen­de Auf­klä­rung über tat­säch­li­che Ver­hält­nis­se (hier: über den unzu­läng­li­chen Waren­vor­rat), son­dern auch durch Ein­wir­kung auf die rele­van­ten Tat­sa­chen selbst (hier: Sicher­stel­lung einer hin­rei­chen­den Lager­hal­tung) ver­mie­den wer­den. Beschränkt sich aber der Unter­las­sungs­an­spruch der Klä­ge­rin nicht nur auf das kon­kret bezeich­ne­te Modell eines Smart­pho­nes, konn­te eine durch Zeit­ab­lauf ver­min­der­te Attrak­ti­vi­tät die­ses Modells nicht dazu füh­ren, dass die von den Beklag­ten in ihren Unter­las­sungs­er­klä­run­gen ver­spro­che­ne Min­dest­be­vor­ra­tung mit die­sem Modell die Wie­der­ho­lungs­ge­fahr für eine kern­glei­che Akti­ons­wer­bung mit einem ande­ren Smart­pho­ne besei­tig­te.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 17. Sep­tem­ber 2015 – I ZR 92/​14

  1. st. Rspr., sie­he nur BGH, Urteil vom 01.04.1993 – I ZR 136/​91, GRUR 1993, 677, 679 = WRP 1993, 480 Beding­te Unter­wer­fung I; Urteil vom 21.02.2008 – I ZR 142/​05, GRUR 2008, 815 Rn. 14 = WRP 2008, 1180 Buch­füh­rungs­bü­ro; Born­kamm in Köhler/​Bornkamm aaO § 12 Rn.01.101; Fezer/​Büscher aaO § 8 Rn. 69; Großkomm.UWG/Feddersen, 2. Aufl., § 12 B Rn. 113 mwN; Kes­sen in Teplitz­ky, Wett­be­werbs­recht­li­che Ansprü­che und Ver­fah­ren, 11. Aufl., Kap. 8 Rn. 16[]
  2. BGH, Urteil vom 26.09.1996 – I ZR 265/​95, GRUR 1997, 382, 385 Alt­un­ter­wer­fung I; Urteil vom 26.09.1996 – I ZR 194/​95, GRUR 1997, 386, 390 Alt­un­ter­wer­fung II; Großkomm.UWG/Feddersen aaO § 12 B Rn. 149[]
  3. st. Rspr.; vgl. BGH, Urteil vom 10.12 2009 – I ZR 46/​07, BGHZ 183, 309 Rn. 30 – Fisch­do­sen­de­ckel; Urteil vom 29.04.2010 – I ZR 202/​07, GRUR 2010, 749 Rn. 42 = WRP 2010, 1030 Erin­ne­rungs­wer­bung im Inter­net; Urteil vom 20.06.2013 – I ZR 55/​12, GRUR 2013, 1235 Rn. 18 = WRP 2014, 75 – Rest­wert­bör­se II[]
  4. vgl. BGH, Urteil vom 07.06.2001 – I ZR 115/​99, GRUR 2002, 177, 178 = WRP 2001, 1182 – Jubi­lä­ums­schnäpp­chen[]
  5. BGH, Urteil vom 12.12 2014 – V ZR 53/​14, MDR 2015, 329 Rn. 9[]
  6. vgl. BGH, Urteil vom 02.06.2005 – I ZR 252/​02, GRUR 2006, 164 Rn. 14 = WRP 2006, 84 Akti­vie­rungs­kos­ten II; GRUR 2010, 749 Rn. 36 – Erin­ne­rungs­wer­bung im Inter­net[]