Wirt­schafts­recht im Dezem­ber 2015

Dezember

Über­nah­me von Exklu­siv­in­ter­views im Kon­kur­renz­sen­der

In dem vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Falls strit­ten sich zwei pri­va­te Fern­seh­un­ter­neh­men: Sat.1 und Vox. Sat.1 führ­te Exklu­siv­in­ter­views mit Lilia­na Mat­thä­us über sich und ihre Ehe mit dem ehe­ma­li­gen Fuß­ball­na­tio­nal­spie­ler Lothar Mat­thä­us. Sat.1 strahl­te die Inter­views am 26. Juli 2010 sowie am 2. August 2010 in ihrer Sen­dung „STARS & Sto­ries” aus. Nach­dem Vox sich zuvor jeweils ver­geb­lich bei Sat.1 um eine Zustim­mung zu der Nut­zung die­ser Inter­views bemüht hat­te, ver­wen­de­te Vox dar­aus ver­schie­de­ne Aus­schnit­te unter Anga­be der Quel­le am 1. und 3. August 2010 in ihrer Sen­dung „Pro­mi­nent”.

Sat.1 sieht dar­in eine Ver­let­zung ihrer Schutz­rech­te als Sen­de­un­ter­neh­men. Sie hat Vox auf Unter­las­sung, Aus­kunft und Ersatz von Abmahn­kos­ten in Anspruch genom­men sowie die Fest­stel­lung der Scha­dens­er­satz­pflicht von Vox begehrt. Das erst­in­stanz­lich hier­mit befass­te Land­ge­richt Ham­burg hat der Kla­ge im Wesent­li­chen statt­ge­ge­ben1, auch die dage­gen gerich­te­te Beru­fung von Vox blieb vor dem Han­sea­ti­schen Ober­lan­des­ge­richt Ham­burg ohne Erfolg2. Auf die gegen die­ses Beru­fungs­ur­teil ein­ge­leg­te Revi­si­on von Vox hat der Bun­des­ge­richts­hof die Sache nun zur neu­en Ver­hand­lung und Ent­schei­dung an das Han­sea­ti­sche Ober­lan­des­ge­richt Ham­burg zurück­ver­wie­sen.

Der Bun­des­ge­richts­hof hat dabei ange­nom­men, dass Vox durch die Über­nah­me von Tei­len der von Sat.1 in den Sen­dun­gen „STARS & sto­ries” aus­ge­strahl­ten Inter­views in das Sat.1 als Sen­de­un­ter­neh­men zuste­hen­de Leis­tungs­schutz­recht ein­ge­grif­fen hat. Die vom Han­sea­ti­schen Ober­lan­des­ge­richt Ham­burg getrof­fe­nen Fest­stel­lun­gen recht­fer­ti­gen jedoch nicht sei­ne Annah­me, Vox habe die Ein­grif­fe in das Leis­tungs­schutz­recht von Sat.1 vor­ge­nom­men.

Aller­dings kann sich Vox nicht mit Erfolg auf die urhe­ber­recht­li­che Schran­ken­re­ge­lung der Bericht­erstat­tung über Tages­er­eig­nis­se (§ 50 UrhG) beru­fen. Die­se Schran­ken­re­ge­lung soll die anschau­li­che Bericht­erstat­tung über aktu­el­le Ereig­nis­se in den Fäl­len, in denen Jour­na­lis­ten oder ihren Auf­trag­ge­bern die recht­zei­ti­ge Ein­ho­lung der erfor­der­li­chen Zustim­mung des Rech­te­inha­bers noch vor dem Abdruck oder der Sen­dung eines aktu­el­len Berichts nicht mög­lich oder nicht zumut­bar ist, dadurch erleich­tern, dass sie die Nut­zung geschütz­ter Wer­ke, die im Ver­lauf sol­cher Ereig­nis­se wahr­nehm­bar wer­den, ohne den Erwerb ent­spre­chen­der Nut­zungs­rech­te und ohne die Zah­lung einer Ver­gü­tung erlaubt. Im Streit­fall war es Vox jedoch mög­lich und zumut­bar, vor der Über­nah­me des in Rede ste­hen­den Bild­ma­te­ri­als um die Zustim­mung von Sat.1 nach­zu­su­chen. Zudem erlaubt § 50 UrhG kei­ne Bericht­erstat­tung, die die urhe­ber­recht­lich geschütz­te Leis­tung – hier die Inter­view­sen­dun­gen von Sat.1 – selbst zum Gegen­stand hat. Die Leis­tung muss viel­mehr bei einem ande­ren Ereig­nis in Erschei­nung tre­ten.

Auf­grund der bis­lang getrof­fe­nen Fest­stel­lun­gen kann aber nicht aus­ge­schlos­sen wer­den, dass sich Vox auf das Zitat­recht (§ 51 UrhG) beru­fen kann. Ent­ge­gen der Ansicht des Han­sea­ti­schen Ober­lan­des­ge­richts Ham­burg ist es für das Ein­grei­fen die­ser Schutz­schran­ke nicht erfor­der­lich, dass sich der Zitie­ren­de in erheb­li­chem Umfang mit dem über­nom­me­nen Werk aus­ein­an­der­setzt. Es reicht aus, dass das frem­de Werk als Erör­te­rungs­grund­la­ge für selb­stän­di­ge Aus­füh­run­gen des Zitie­ren­den erscheint. Dies ist im Streit­fall zu beja­hen, weil die Vox-Sen­dun­gen die Selbst­in­sze­nie­rung von Lilia­na Mat­thä­us in den Medi­en zum Gegen­stand hat­ten und die über­nom­me­nen Inter­viewaus­schnit­te hier­für als Beleg ver­wen­det wur­den. Die wei­te­re Annah­me des Han­sea­ti­schen Ober­lan­des­ge­richts Ham­burg, das Ein­grei­fen des Zitat­rechts schei­de außer­dem aus, weil Vox die Schlüs­sel­sze­nen der Inter­views über­nom­men und daher die Mög­lich­keit von Sat.1 wesent­lich erschwert habe, die ihr exklu­siv gewähr­ten Inter­views kom­mer­zi­ell umfas­send aus­zu­wer­ten, wird durch die Fest­stel­lun­gen, die das Han­sea­ti­sche Ober­lan­des­ge­richt Ham­burg getrof­fen hat, nicht getra­gen. Des­sen Beru­fungs­ur­teil ist nicht zu ent­neh­men, aus wel­chen Grün­den das Ober­lan­des­ge­richt die über­nom­me­nen Sze­nen als den für die nach­fol­gen­de Ver­wer­tung maß­geb­li­chen Kern der Inter­views beur­teilt hat. Das Han­sea­ti­sche Ober­lan­des­ge­richt hat außer­dem kei­nen Fest­stel­lun­gen dazu getrof­fen, ob und wenn ja aus wel­chen Grün­den der Fern­seh­zu­schau­er die von Vox über­nom­me­nen Sequen­zen als Schlüs­sel­sze­nen der von Sat.1 geführ­ten Inter­views erken­nen und aus die­sem Grund sein Inter­es­se an der Wahr­neh­mung der voll­stän­di­gen Inter­views auf dem Sen­der Sat.1 ver­lie­ren wird.

Die Sache ist des­halb vom Bun­des­ge­richts­hof an das Han­sea­ti­sche Ober­lan­des­ge­richt Ham­burg zurück­ver­wie­sen wor­den, das nun die not­wen­di­gen Fest­stel­lun­gen nach­ho­len muss.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 17. Dezem­ber 2015 – I ZR 69/​14

  1. LG Ham­burg, Urteil vom 13.09.2011 – 310 O 480/​10
  2. OLG Ham­burg, Urteil­vom 27.02.2014 – 5 U 225/​11