Zahn­arzt-Gut­schei­ne – Erfolgs­prä­mie für die Kun­den­ge­win­nung

Die Bestim­mung des § 1 Abs. 5 BO Zahn­ärz­te Nord­rhein, nach der der Zahn­arzt kei­ne Ver­pflich­tung ein­ge­hen soll, die sei­ne Unab­hän­gig­keit bei der Berufs­aus­übung beein­träch­ti­gen kann, stellt eine Markt­ver­hal­tens­re­ge­lung im Sin­ne von § 4 Nr. 11 UWG dar.

Zahn­arzt-Gut­schei­ne – Erfolgs­prä­mie für die Kun­den­ge­win­nung

Ein Geschäfts­mo­dell, an dem sich ein Zahn­arzt betei­ligt, ist mit § 1 Abs. 5 BO Zahn­ärz­te Nord­rhein unver­ein­bar, wenn es die Gefahr begrün­det, dass ein Zahn­arzt sich bei der Behand­lung nicht am Pati­en­ten­wohl ori­en­tiert, son­dern an sei­nen eige­nen wirt­schaft­li­chen Inter­es­sen. Eine sol­che Gefahr ergibt sich nicht aus Bestim­mun­gen in den All­ge­mei­nen Geschäfts­be­din­gun­gen des Betrei­bers des Geschäfts­mo­dells, die die Aus­le­gung zulas­sen, dass der Zahn­arzt die Behand­lung eines Pati­en­ten aus medi­zi­ni­schen Grün­den ohne Kos­ten­nach­tei­le ableh­nen kann.

Die von einem Gut­schein­por­tal nach dem mit dem Zahn­arzt geschlos­se­nen Koope­ra­ti­ons­ver­trag bean­spruch­te Prä­mie für die Ver­mitt­lung von Pati­en­ten stellt kein nach § 1 Abs. 5 BO Zahn­ärz­te Nord­rhein und den ent­spre­chen­den Rege­lun­gen zur zahn­ärzt­li­chen Unab­hän­gig­keit in den Berufs­ord­nun­gen der ande­ren Zahn­ärz­te­kam­mern unzu­läs­si­ges Ent­gelt für die Zuwei­sung von Pati­en­ten dar.

Die Bestim­mung des § 1 Abs. 5 BO Zahn­ärz­te Nord­rhein stellt eine Markt­ver­hal­tens­re­ge­lung im Sin­ne von § 4 Nr. 11 UWG dar.

Nach § 1 Abs. 5 BO Zahn­ärz­te Nord­rhein, der sei­ne Grund­la­ge in § 29 Abs. 1, § 32 Satz 2 Nr. 1 Heil­berG NRW hat, soll der Zahn­arzt kei­ne Ver­pflich­tung ein­ge­hen, die sei­ne Unab­hän­gig­keit bei der Berufs­aus­übung beein­träch­ti­gen kann. Mit die­ser Bestim­mung soll zwar nicht unmit­tel­bar bestehen­den Gesund­heits­ge­fah­ren begeg­net, aber ver­hin­dert wer­den, dass sich die Zahn­ärz­te bei der Aus­übung ihres Berufs statt an medi­zi­ni­schen Not­wen­dig­kei­ten an öko­no­mi­schen Erfolgs­kri­te­ri­en ori­en­tie­ren und sich dadurch bedingt lang­fris­tig nega­ti­ve Rück­wir­kun­gen auf die medi­zi­ni­sche Ver­sor­gung der Bevöl­ke­rung erge­ben. Die Bestim­mung des § 1 Abs. 5 BO Zahn­ärz­te Nord­rhein soll gewähr­leis­ten, dass der Zahn­arzt die Ent­schei­dung, ob und wie er einen Pati­en­ten behan­delt, nicht an sach­frem­den wirt­schaft­li­chen Eigen­in­ter­es­sen, son­dern allein an medi­zi­ni­schen Erwä­gun­gen mit Blick auf das Pati­en­ten­wohl aus­rich­tet 1. Die Vor­schrift ist somit dazu bestimmt, das Markt­ver­hal­ten der Zahn­ärz­te im Inter­es­se der Ver­brau­cher zu regeln 2.

Der Anwen­dung des § 4 Nr. 11 UWG steht nicht ent­ge­gen, dass nach Art. 4 der Richt­li­nie 2005/​29/​EG über unlau­te­re Geschäfts­prak­ti­ken die­je­ni­gen Vor­schrif­ten der Mit­glied­staa­ten über unlau­te­re Geschäfts­prak­ti­ken voll­stän­dig har­mo­ni­siert wer­den sol­len, die die wirt­schaft­li­chen Inter­es­sen der Ver­brau­cher beein­träch­ti­gen. Nach Art. 3 Abs. 8 der Richt­li­nie 2005/​29/​EG blei­ben alle spe­zi­fi­schen Regeln für regle­men­tier­te Beru­fe unbe­rührt, damit die stren­gen Inte­gri­täts­stan­dards gewähr­leis­tet blei­ben, die die Mit­glied­staa­ten den in dem Beruf täti­gen Per­so­nen nach Maß­ga­be des Uni­ons­rechts auf­er­le­gen kön­nen. Dem­entspre­chend ist die Anwen­dung des § 4 Nr. 11 UWG auf berufs­recht­li­che Bestim­mun­gen, die – wie vor­lie­gend die Bestim­mung des § 1 Abs. 5 BO Zahn­ärz­te Nord­rhein und die Rege­lun­gen zur zahn­ärzt­li­chen Unab­hän­gig­keit in den Berufs­ord­nun­gen der ande­ren Zahn­ärz­te­kam­mern – das Markt­ver­hal­ten in uni­ons­rechts­kon­for­mer Wei­se regeln, nach dem UWG 2008 eben­falls zuläs­sig 3.

§ 1 Abs. 5 BO Zahn­ärz­te Nord­rhein und die ent­spre­chen­den Rege­lun­gen in den Berufs­ord­nun­gen der ande­ren Zahn­ärz­te­kam­mern ver­bie­ten es den Zahn­ärz­ten zwar, an Betrei­ber von Inter­net­por­ta­len für die Zuwei­sung von Pati­en­ten Pro­vi­sio­nen zu zah­len. Aller­dings begrün­det das Geschäfts­mo­dell eines Gut­schein­por­tals nicht die Gefahr, dass ver­trag­lich mit dem Gut­schein­por­tal ver­bun­de­ne Zahn­ärz­te sich bei der Behand­lung von Gut­schein­in­ha­bern nicht am Wohl der Pati­en­ten, son­dern an ihren eige­nen wirt­schaft­li­chen Inter­es­sen ori­en­tier­ten.

Gemäß § 1 Abs. 5 BO Zahn­ärz­te Nord­rhein und den ent­spre­chen­den Rege­lun­gen in Berufs­ord­nun­gen der ande­ren Zahn­ärz­te­kam­mern ist es dem Zahn­arzt nicht gestat­tet, sich im Vor­feld einer Behand­lung in der Wei­se zu bin­den, dass er Drit­ten für die Zuwei­sung von Pati­en­ten eine Gegen­leis­tung ver­spricht oder gewährt 4. Zuläs­sig ist dage­gen die Ver­ein­ba­rung einer Ver­gü­tung als Gegen­leis­tung für das Zur­ver­fü­gung­stel­len einer Inter­net­platt­form zum Anbie­ten frei­be­ruf­li­cher Leis­tun­gen und für die im Zusam­men­hang damit geleis­te­ten Diens­te 5.

Ent­schei­dend ist, ob das Geschäfts­mo­dell des Gut­schein­por­tals die Gefahr begrün­det, dass ein ver­trag­lich mit ihm ver­bun­de­ner Zahn­arzt sich bei der Behand­lung eines Gut­schein­in­ha­bers nicht am Pati­en­ten­wohl ori­en­tiert, son­dern an sei­nen eige­nen wirt­schaft­li­chen Inter­es­sen. Eine sol­che Gefahr sieht der Bun­des­ge­richts­hof nicht:

Es ist für den Bun­des­ge­richts­hof durch­aus zwei­fel­haft, ob eine Rege­lung, nach der der Zahn­arzt den Betrei­ber des Gut­schein­por­tals von allen Ansprü­chen der Gut­schein­er­wer­ber im Hin­blick auf die ver­brief­te Leis­tung frei­stellt, ande­re Ansprü­che der Gut­schein­er­wer­ber als sol­che wegen Schlecht- oder Falsch­be­hand­lung durch den mit der Beklag­ten koope­rie­ren­den Zahn­arzt erfasst. Die in die­ser Hin­sicht bestehen­den Zwei­fel an der Reich­wei­te der genann­ten Haf­tungs­re­ge­lung in den All­ge­mei­nen Geschäfts­be­din­gun­gen des Gut­schein­por­tals­klag­ten gehen nach § 305c Abs. 2 BGB zu des­sen Las­ten. Dem­entspre­chend ist davon aus­zu­ge­hen, dass den Zahn­arzt kei­ne Frei­stel­lungs­ver­pflich­tung und damit kei­ne Haf­tung trifft, wenn er die Behand­lung des Gut­schein­er­wer­bers aus wel­chen Grün­den auch immer ablehnt.

Bei die­sen Gege­ben­hei­ten begrün­det auch der Umstand, dass die Koope­ra­ti­ons­ver­trä­ge des Gut­schein­por­tals nach den Bestim­mun­gen von des­sen All­ge­mei­nen Geschäfts­be­din­gun­gen eine Lauf­zeit von 24 Mona­ten haben, nicht die Gefahr, dass sich mit dem Gut­schein­por­tal koope­rie­ren­de Zahn­ärz­te bei der Behand­lung von Pati­en­ten nicht an deren Wohl, son­dern an ihren eige­nen wirt­schaft­li­chen Inter­es­sen ori­en­tie­ren. Das­sel­be gilt für das den Zahn­ärz­ten nach dem Koope­ra­ti­ons­ver­trag nur in begrenz­tem Umfang zuste­hen­de Recht zur Vor­nah­me von Leis­tungs­än­de­run­gen und das dem Gut­schein­por­tal nach dem Koope­ra­ti­ons­ver­trag zuste­hen­de Recht, Gut­schei­ne in belie­bi­ger Zahl zu ver­kau­fen.

Nach dem vor­ste­hend Aus­ge­führ­ten hat die Koope­ra­ti­on des Gut­schein­por­tals mit Zahn­ärz­ten letzt­lich kei­ne ande­ren Aus­wir­kun­gen auf das Pati­en­ten­wohl als das kos­ten­pflich­ti­ge Zur­ver­fü­gung­stel­len einer Inter­net­platt­form zum Anbie­ten frei­be­ruf­li­cher Leis­tun­gen, das als sol­ches als zuläs­sig anzu­se­hen ist. Damit kann eine sol­che Koope­ra­ti­on eben­falls nicht unter dem Gesichts­punkt eines Berufs­rechts­ver­sto­ßes als unzu­läs­sig ange­se­hen wer­den. Die Fra­ge, ob die Ver­hal­tens­wei­se des Gut­schein­por­tals unter einem ande­ren Gesichts­punkt wie etwa wegen Irre­füh­rung der koope­rie­ren­den Zahn­ärz­te als wett­be­werbs­wid­rig anzu­se­hen sein könn­te, steht hier nicht zur Ent­schei­dung.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 21. Mai 2015 – I ZR 183/​13

  1. vgl. BGH, Urteil vom 13.01.2011 – I ZR 111/​08, GRUR 2011, 345 Rn. 68 = WRP 2011, 451 Hör­ge­rä­te­ver­sor­gung II, zu §§ 31, 34 Abs. 5 MBO Ärz­te aF; Urteil vom 23.02.2012 – I ZR 231/​10, GRUR 2012, 1050 Rn. 23 = WRP 2012, 1226 – Dent­al­la­bor­leis­tun­gen, zu § 8 Abs. 5 der Mus­ter­be­rufs­ord­nung der Bun­des­zahn­ärz­te­kam­mer aF und zu § 1 Abs. 5 BO Zahn­ärz­te Nord­rhein; BGH, GRUR 2014, 791 Rn. 16 – Teil-Berufs­aus­übungs­ge­mein­schaft, zu §§ 18 und 31 der Berufs­ord­nung für Ärz­te der Lan­des­ärz­te­kam­mer Baden-Würt­tem­berg; Spickhoff/​Scholz, Medi­zin­recht, 2. Aufl., § 31 MBO Ärz­te Rn. 1 f.; Rat­zel in Ratzel/​Lippert, Mus­ter­be­rufs­ord­nung der deut­schen Ärz­te [MBO], 6. Aufl., § 31 Rn. 3[]
  2. vgl. zum nach § 3 Abs. 2 der Mus­ter­be­rufs­ord­nung der deut­schen Ärz­tin­nen und Ärz­te und den auf die­se Bestim­mung zurück­ge­hen­den Vor­schrif­ten der Ärz­te­kam­mern für Ärz­te grund­sätz­lich bestehen­den Ver­bot, im Zusam­men­hang mit der Aus­übung der beruf­li­chen Tätig­keit Waren oder ande­re Gegen­stän­de abzu­ge­ben oder abge­ben zu las­sen sowie gewerb­li­che Dienst­leis­tun­gen zu erbrin­gen oder erbrin­gen zu las­sen: BGH, Urteil vom 02.06.2005 – I ZR 215/​02, GRUR 2005, 875, 876 f. = WRP 2005, 1240 Dia­be­tes­test­strei­fen; Urteil vom 09.07.2009 – I ZR 13/​07, GRUR 2009, 977 Rn. 12 = WRP 2009, 1076 – Bril­len­ver­sor­gung I; Köh­ler in Köhler/​Bornkamm aaO § 4 Rn. 11.74; MünchKomm-.UWG/Schaffert, 2. Aufl., § 4 Nr. 11 Rn. 140; Großkomm.UWG/Metzger, 2. Aufl., § 4 Nr. 11 Rn. 72[]
  3. vgl. BGH, GRUR 2009, 977 Rn. 12 Bril­len­ver­sor­gung I; BGH, Urteil vom 01.06.2011 – I ZR 58/​10, GRUR 2012, 79 Rn. 11 = WRP 2012, 964 Rechts­be­ra­tung durch Ein­zel­han­dels­ver­band; Urteil vom 17.07.2013 – I ZR 222/​11, GRUR 2013, 1056 Rn. 15 = WRP 2013, 1336 Meis­ter­prä­senz; Urteil vom 24.07.2014 – I ZR 68/​13, GRUR 2015, 283 Rn. 23 = WRP 2015, 344 Hör­ge­rä­te­ver­sor­gung III; Köh­ler in Köhler/​Bornkamm aaO § 4 Rn. 11.6k; Münch-Komm.UWG/Schaffert aaO § 4 Nr. 11 Rn. 15; GroßKomm.UWG/Metzger aaO § 4 Nr. 11 Rn. 9, jeweils mwN[]
  4. vgl. BGH, Urteil vom 21.04.2005 – I ZR 201/​02, GRUR 2005, 1059, 1060 = WRP 2005, 1508 Quer­sub­ven­tio­nie­rung von Labor­ge­mein­schaf­ten, zu § 31 Abs. 1 MBO Ärz­te 1997; BGH, GRUR 2012, 1050 Rn. 23 – Dent­al­la­bor­leis­tun­gen; Spickhoff/​Scholz aaO § 31 MBO Ärz­te Rn. 1 und 5[]
  5. vgl. BVerfG, Kam­mer­be­schluss vom 19.02.2008 1 BvR 1886/​06, GRUR 2008, 618, 620 = WRP 2008, 492, zu § 49b Abs. 3 Satz 1 BRAO; Kam­mer­be­schluss vom 08.12 2010 1 BvR 1287/​08, GRUR 2011, 530, 532 = WRP 2011, 207, zu § 8 Abs. 5 der Berufs­ord­nung für Zahn­ärz­te der Lan­des­zahn­ärz­te­kam­mer Baden-Würt­tem­berg aF; BGH, Urteil vom 01.12 2010 – I ZR 55/​08, GRUR 2011, 343 Rn. 22 = WRP 2011, 449 – Zwei­te Zahn­arzt­mei­nung, zu § 8 Abs. 5 der Berufs­ord­nung für die Baye­ri­schen Zahn­ärz­te; Urteil vom 24.03.2011 – III ZR 69/​10, GRUR 2011, 652 Rn. 14 = WRP 2011, 755, zu § 7 Abs. 5 der Berufs­ord­nung für hes­si­sche Zahn­ärz­tin­nen und Zahn­ärz­te aF[]