Zahn­arzt ohne Ver­gü­tung

Bei einem (zahn-)ärztlichen Behand­lungs­ver­trag setzt der Ver­lust des Ver­gü­tungs­an­spruchs wegen ver­trags­wid­ri­gen Ver­hal­tens nach § 628 Abs. 1 Satz 2 Fall 2 BGB nicht vor­aus, dass das ver­trags­wid­ri­ge Ver­hal­ten als schwer­wie­gend oder als wich­ti­ger Grund im Sin­ne des § 626 BGB anzu­se­hen ist.

Zahn­arzt ohne Ver­gü­tung

Ein gering­fü­gi­ges ver­trags­wid­ri­ges Ver­hal­ten lässt die Pflicht, die bis zur Kün­di­gung erbrach­ten Diens­te zu ver­gü­ten, unbe­rührt.

Ein (zahn-)ärztlicher Behand­lungs­feh­ler kann ver­trags­wid­ri­ges Ver­hal­ten im Sin­ne des § 628 Abs. 1 Satz 2 Fall 2 BGB sein.

Gebiss­sa­nie­rung als Dienst­ver­trag über Diens­te höhe­rer Art

Der Ver­trag über die Sanie­rung des Gebis­ses der Pati­en­tin ist ins­ge­samt als Dienst­ver­trag über Diens­te höhe­rer Art anzu­se­hen. Der Zahn­arzt ver­spricht näm­lich regel­mä­ßig nur eine den all­ge­mei­nen Grund­sät­zen der zahn­ärzt­li­chen Wis­sen­schaft ent­spre­chen­de Behand­lung, nicht aber ihr – immer auch von der kör­per­li­chen und see­li­schen Ver­fas­sung des Pati­en­ten abhän­gi­ges – Gelin­gen 1. Zwar ist im Rah­men die­ses Ver­tra­ges auch eine tech­ni­sche Anfer­ti­gung des Zahn­ersat­zes geschul­det, für die der Zahn­arzt wegen ihres werk­ver­trag­li­chen Cha­rak­ters nach werk­ver­trag­li­chen Gewähr­leis­tungs­vor­schrif­ten ein­zu­ste­hen hat 2. Da die Pati­en­tin jedoch die Biss­hö­he, eine feh­len­de Okklu­si­on und die Grö­ße der neu gestal­te­ten Zäh­ne und damit Defi­zi­te in der spe­zi­fisch zahn­ärzt­li­chen Pla­nung und Gestal­tung der neu­en Ver­sor­gung rügt, ist jener Bereich nicht betrof­fen.

Kün­di­gung nach § 627 BGB

Die­sen Dienst­ver­trag über Diens­te höhe­rer Art konn­te die Pati­en­tin gemäß § 627 BGB jeder­zeit auch ohne Grün­de kün­di­gen und hat dies mit Schrei­ben vom 29.06.2004 getan. Bei einem Dienst­ver­hält­nis, das kein Arbeits­ver­hält­nis im Sin­ne des § 622 BGB ist, ist nach § 627 Abs. 1 BGB die Kün­di­gung auch ohne die in § 626 BGB bezeich­ne­te Vor­aus­set­zung eines wich­ti­gen Grun­des zuläs­sig, wenn der zur Dienst­leis­tung Ver­pflich­te­te, ohne in einem dau­ern­den Dienst­ver­hält­nis mit fes­ten Bezü­gen zu ste­hen, Diens­te höhe­rer Art zu leis­ten hat, die auf Grund beson­de­ren Ver­trau­ens über­tra­gen zu wer­den pfle­gen. Dies ist bei einem Arzt regel­mä­ßig der Fall.

Der Ver­trag war im hier ent­schie­de­nen Fall auch nocht nicht been­det und daher noch künd­bar, da die defi­ni­ti­ven Kro­nen und Brü­cken nur pro­vi­so­risch ein­ge­setzt waren. Eine sol­che Kün­di­gung sah der Bun­des­ge­richts­hof in der Mit­tei­lung der Pati­en­tin an den Zahn­arzt, sie wol­le das rest­li­che Hono­rar über­wei­sen und die Neufer­ti­gung ander­wei­tig durch­füh­ren las­sen.

Erstat­tungs­pflicht für die Vor­aus­zah­lung

Gemäß § 628 Abs. 1 Satz 3 BGB hat der Dienst­ver­pflich­te­te eine im Vor­aus für einen spä­te­ren, nach der Kün­di­gung lie­gen­den Zeit­punkt ent­rich­te­te Ver­gü­tung zurück­zu­er­stat­ten. Die Bestim­mung geht von ihrem Wort­laut her davon aus, dass die Vor­aus­ver­gü­tung für nicht mehr erbrach­te Dienst­leis­tun­gen im Zeit­punkt der Kün­di­gung bereits ent­rich­tet ist und nicht erst danach ent­rich­tet wird. Im Streit­fall ist nicht fest­ge­stellt, dass die ange­kün­dig­te Zah­lung des Rest­ho­no­rars vor Zugang des Kün­di­gungs­schrei­bens erfolgt ist. Der Punkt kann jedoch offen blei­ben. Denn die Bestim­mung des § 628 Abs. 1 Satz 3 BGB soll eine Rück­ab­wick­lung von Leis­tun­gen des Dienst­be­rech­tig­ten, denen kei­ne Dienst­leis­tun­gen des Dienst­ver­pflich­te­ten gegen­über ste­hen, gewähr­leis­ten, die der dienst­ver­trag­li­chen Son­der­be­zie­hung zwi­schen den Par­tei­en ange­mes­sen ist. Sie ist des­halb jeden­falls dann ent­spre­chend anzu­wen­den, wenn es – wie im Streit­fall – bei der frag­li­chen Ver­gü­tung um ein kaum sach­ge­recht auf­teil­ba­res Pau­schal­ho­no­rar für eine zahn­ärzt­li­che Behand­lung geht und antei­li­ge Leis­tun­gen wie die end­gül­ti­ge Ein­glie­de­rung des Zahn­ersat­zes infol­ge der Kün­di­gung nicht mehr erbracht wer­den.

Bereits erbrach­ter Diens­te

§ 628 Abs. 1 Satz 3 BGB ent­hält nicht nur eine ange­mes­se­ne Bestim­mung für über­zahl­te Gegen­leis­tun­gen für nicht mehr erbrach­te, son­dern auch für erbrach­te Diens­te, die jedoch gemäß § 628 Abs. 1 Satz 2 BGB nicht ent­lohnt wer­den müs­sen. Trägt der Dienst­ver­pflich­te­te für die vor­zei­ti­ge Been­di­gung des Ver­tra­ges die Ver­ant­wor­tung, ist es nicht gerecht­fer­tigt, ihn in den Genuss etwa der Ent­rei­che­rungs­ein­re­de kom­men zu las­sen. Die Vor­schrift ist daher auch auf die­se, den Vor­leis­tun­gen ver­gleich­ba­ren Leis­tun­gen ent­spre­chend anzu­wen­den 3.

Ver­trags­wid­ri­ges Ver­hal­ten

Nach § 628 Abs. 1 Satz 2 Fall 2 BGB steht dem Dienst­ver­pflich­te­ten, wenn er durch sein ver­trags­wid­ri­ges Ver­hal­ten die Kün­di­gung des Dienst­be­rech­tig­ten ver­an­lasst hat, kein Ver­gü­tungs­an­spruch zu, soweit sei­ne bis­he­ri­gen Leis­tun­gen infol­ge der Kün­di­gung für den Dienst­be­rech­tig­ten kein Inter­es­se mehr haben. Die Dar­le­gungs- und Beweis­last hier­für trifft den Dienst­be­rech­tig­ten, weil er sich gegen­über der grund­sätz­li­chen Ver­gü­tungs­pflicht des § 628 Abs. 1 Satz 1 BGB auf eine Aus­nah­me beruft 4.

Ein ver­trags­wid­ri­ges Ver­hal­ten im Sin­ne die­ser Vor­schrift setzt, obwohl nach dem Wort­laut ein objek­tiv ver­trags­wid­ri­ges Ver­hal­ten genü­gen wür­de, schuld­haf­tes Ver­hal­ten im Sin­ne der §§ 276, 278 BGB vor­aus 5.

Dabei ist es für den Bun­des­ge­richts­hof nicht erfor­der­lich, dass das ver­trags­wid­ri­ge Ver­hal­ten als schwer­wie­gend 6 oder als wich­ti­ger Grund im Sin­ne des § 626 Abs. 1 BGB anzu­se­hen ist 7. Eine sol­che Beschrän­kung auf ver­trags­wid­ri­ges Ver­hal­ten, das dem Kün­di­gen­den unter Berück­sich­ti­gung aller Umstän­de des Ein­zel­fal­les und unter Abwä­gung der Inter­es­sen bei­der Ver­trags­tei­le die Fort­set­zung des Dienst­ver­hält­nis­ses unzu­mut­bar macht, ist für Kün­di­gun­gen eines ärzt­li­chen Behand­lungs­ver­tra­ges, der im Regel­fall durch ein beson­de­res Ver­trau­ens­ver­hält­nis geprägt wird, nicht gerecht­fer­tigt. Ent­spre­chen­de Ein­schrän­kun­gen erge­ben sich weder aus dem Wort­laut des § 628 Abs. 1 Satz 2 Fall 2 BGB noch aus sei­ner Ent­ste­hungs­ge­schich­te 8.

Dies bedeu­tet aller­dings nicht, dass jeder gering­fü­gi­ge Ver­trags­ver­stoß des Dienst­ver­pflich­te­ten den Ent­gelt­an­spruch ent­fal­len lässt. Das Recht zur frist­lo­sen Kün­di­gung eines Dienst­ver­tra­ges ersetzt ein Rück­tritts­recht 9, das im Fal­le einer Schlecht­leis­tung bei einer uner­heb­li­chen Pflicht­ver­let­zung aus­ge­schlos­sen ist (§ 323 Abs. 5 Satz 2 BGB). Für die Ver­gü­tung gekün­dig­ter Diens­te höhe­rer Art (§§ 627, 628 BGB) ist eine ent­spre­chen­de Ein­schrän­kung vor­zu­neh­men. Sie ergibt sich aus dem § 242 BGB zu ent­neh­men­den Über­maß­ver­bot, wonach bestimm­te schwer­wie­gen­de Rechts­fol­gen bei gering­fü­gi­gen Ver­trags­ver­let­zun­gen nicht ein­tre­ten 10.

Ent­schei­dend ist somit, ob der Zahn­arzt durch ein schuld­haf­tes und nicht nur gering­fü­gi­ges ver­trags­wid­ri­ges Ver­hal­ten die Kün­di­gung der Pati­en­tin ver­an­lasst hat. Abzu­stel­len ist dabei auf das Ver­hal­ten, auf das die Kün­di­gung gestützt wur­de 11. Im Streit­fall hat die Pati­en­tin ihre Kün­di­gung auf ver­meint­li­che Behand­lungs­feh­ler des Zahn­arz­tes gestützt.

Vor­lie­gend soll der Zahn­arzt Zäh­ne der Pati­en­tin über das nach dem zahn­ärzt­li­chen Stan­dard ange­mes­se­ne Maß hin­aus beschlif­fen haben. Fer­ner hat die Pati­en­tin die Form der Front­zäh­ne bean­stan­det. Die Front­zahn­stümp­fe sei­en pala­ti­nal nicht aus­rei­chend beschlif­fen wor­den mit der Fol­ge, dass deren Schau­fel­form nicht genü­gend in der Prä­pa­ra­ti­on nach­ge­zo­gen gewe­sen sei. Auch inso­weit kommt ein Behand­lungs­feh­ler in Betracht.

Kei­ne wirt­schaft­li­cher Wert

Das Inter­es­se der Pati­en­tin an der Leis­tung des Zahn­arz­tes ist aller­dings nur weg­ge­fal­len, soweit die Pati­en­tin die Arbei­ten des Zahn­arz­tes nicht mehr wirt­schaft­lich ver­wer­ten konn­te, sie also für sie nutz­los gewor­den waren 12. Es genügt dem­nach zum einen nicht, dass die Leis­tung objek­tiv wert­los ist, wenn der Dienst­be­rech­tig­te sie gleich­wohl nutzt 13, zum ande­ren aber auch nicht, dass der Dienst­be­rech­tig­te sie nicht nutzt, obwohl er sie wirt­schaft­lich ver­wer­ten könn­te. Erfor­der­lich sind daher inso­weit Fest­stel­lun­gen zu der Fra­ge, ob und ggf. inwie­weit die Leis­tun­gen des Zahn­arz­tes ohne Inter­es­se für die Pati­en­tin waren bzw. ein Nach­be­hand­ler auf Leis­tun­gen des Zahn­arz­tes hät­te auf­bau­en oder durch eine Nach­bes­se­rung des gefer­tig­ten Zahn­ersat­zes Arbeit gegen­über einer Neu­her­stel­lung hät­te erspa­ren kön­nen.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 29. März 2011 – VI ZR 133/​10

  1. BGH, Urteil vom 09.12. 1974 – VII ZR 182/​73, BGHZ 63, 305; Recht­spre­chungs­über­sich­ten: Martis/​Winkhart, Arzt­haf­tungs­recht, 3. Aufl., Rn. 404 ff.; Geiß/​Greiner, Arzt­haft­pflicht­recht, 6. Aufl., A Rn. 4[]
  2. vgl. BGH, Urteil vom 09.12. 1974 – VII ZR 182/​73, aaO[]
  3. vgl. RGRK/​Corts, BGB, 12. Aufl., § 628 Rn. 16; Henssler/​Decken­brock, NJW 2005, 1, 5; ver­trag­li­cher Anspruch: Kra­mer, MDR 1998, 324, 331; vgl. auch § 326 Abs. 4, § 441 Abs. 4, § 638 Abs. 4 BGB; a.A. im Sin­ne eines berei­che­rungs­recht­li­chen Anspruchs: Erman/​Belling, BGB § 628 Rn. 13; OLG Olden­burg NJWRR 1996, 1267[]
  4. BGH, Urteil vom 17.10.1996 – IX ZR 37/​96, NJW 1997, 188, 189[]
  5. Pro­to­kol­le II S. 306; BGH, Urtei­le vom 08.10.1981 – III ZR 190/​79, NJW 1982, 437, 438; und vom 30.03.1995 – IX ZR 182/​94, NJW 1995, 1954, 1955 mwN; Bamberger/​Roth/​Fuchs, BGB, 2. Aufl., § 628 Rn. 6; MünchKommBGB/​Henssler, 5. Aufl., § 628 Rn. 16; Prütting/​Wegen/​Weinreich/​Lingemann, BGB, 3. Aufl., § 628 Rn. 3; Staudinger/​Preis (2002) § 628 Rn. 25; RGRK/​Corts, BGB, 12. Aufl., § 628 Rn. 11; Larenz, Schuld­recht II, 12. Aufl., § 52 III e; Schel­len­berg, VersR 2007, 1343, 1346[]
  6. so aber: Palandt/​Weidenkaff, BGB, 69. Aufl., § 628 Rn. 4[]
  7. so aber: OLG Bran­den­burg, NJW-RR 2001, 137; Weth in: juris­PK-BGB, 04. Aufl. 2008, § 628 Rn. 15; Cana­ris, Fest­schrift für Kars­ten Schmidt zum 70. Geburts­tag, S. 177, 182; Henssler/​Deckenbrock, NJW 2005, 1, 2; Münch­Komm-BGB/Henssler, aaO Rn. 17; Schel­len­berg, VersR 2007, 1343, 1346; a.A. Erman/​Belling, BGB, 12. Aufl. § 628 Rn. 9; Staudinger/​Preis, aaO[]
  8. vgl. Pro­to­kol­le II S. 301 ff.[]
  9. BGH, Urteil vom 19.02.2002 – X ZR 166/​99, NJW 2002, 1870; Cana­ris, FS Kars­ten Schmidt zum 70. Geburts­tag, S. 177, 181; Palandt/​Weidenkaff, aaO, Vorb. v. § 620 Rn. 8[]
  10. BGH, Urtei­le vom 08.07.1983 – V ZR 53/​82, BGHZ 88, 91, 95; vom 03.10.1984 – VIII ZR 118/​83, NJW 1985, 1894, 1895; vom 15.02.1985 – V ZR 131/​83, WM 85, 876, 877; Jauernig/​Mansel, BGB, 13. Aufl., § 242 Rn. 40; MünchKommBGB/​Roth, 5. Aufl., § 242 Rn. 376 ff., 380 ff.[]
  11. vgl. BGH, Urteil vom 30.03.1995 – IX ZR 182/​94, NJW 1995, 1288, 1289 Rn. 12; Erman/​Belling, aaO, § 628, Rn. 9; Prütting/​Wegen/​Weinreich/​Lingemann, aaO, § 628, Rn. 3; Staudinger/​Preis, aaO § 628 Rn. 25[]
  12. BGH, Urteil vom 07.06.1984 – III ZR 37/​83, NJW 1985, 41; BGH, Urteil vom 17.10.1996 – IX ZR 37/​96, NJW 1997, 188, 189[]
  13. OLG Naum­burg, NJWRR 2008, 1056, 1057[]