Zwangs­ab­ga­be für Pri­vat­ko­pi­en

Schlech­te Nach­rich­ten für die Ver­wer­tungs­ge­sell­schaf­ten: Die Anwen­dung der „Abga­be für Pri­vat­ko­pi­en“ auf Ver­viel­fäl­ti­gungs­me­di­en, die von Unter­neh­men und Frei­be­ruf­lern zu ande­ren Zwe­cken als Pri­vat­ko­pi­en erwor­ben wer­den, ist nach einem heu­te ver­kün­de­ten Urteil des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Unin mit dem Uni­ons­recht nicht ver­ein­bar. Eine sol­che Abga­be kann auf die­se Medi­en nur ange­wandt wer­den, wenn sie von natür­li­chen Per­so­nen für deren pri­va­ten Gebrauch genutzt wer­den kön­nen.

Zwangs­ab­ga­be für Pri­vat­ko­pi­en

Nach der Richt­li­nie über das Urhe­ber­recht und ver­wand­te Schutz­rech­te in der Infor­ma­ti­ons­ge­sell­schaft 1 steht das aus­schließ­li­che Recht der Ver­viel­fäl­ti­gung von Ton‑, Bild- und audio­vi­su­el­lem Mate­ri­al den Urhe­bern, den aus­üben­den Künst­lern und den Her­stel­lern zu. Gleich­wohl kön­nen die Mit­glied­staa­ten die Anfer­ti­gung von Pri­vat­ko­pi­en gestat­ten, sofern die Rechts­in­ha­ber einen „gerech­ten Aus­gleich“ erhal­ten. Die­ser soll dazu bei­tra­gen, dass die Rechts­in­ha­ber eine ange­mes­se­ne Ver­gü­tung für die Nut­zung ihrer Wer­ke erhal­ten.

Der Streit um die Aus­le­gung die­ser EU-Vor­schrift ent­zün­de­te sich nun am spa­ni­schen Recht: Die spa­ni­schen Rechts­vor­schrif­ten zur Umset­zung der Richt­li­nie ermög­li­chen die Ver­viel­fäl­ti­gung bereits ver­brei­te­ter Wer­ke, wenn sie von einer natür­li­chen Per­son für den pri­va­ten Gebrauch und an Wer­ken, zu denen sie recht­mä­ßig Zugang erlangt hat, vor­ge­nom­men wird. In die­sem Rah­men ist ein für jede Art der Ver­viel­fäl­ti­gung fest­ge­leg­ter ein­ma­li­ger Aus­gleich in Form einer „Abga­be für Pri­vat­ko­pi­en“ von Her­stel­lern, Ein­füh­rern oder Händ­lern an die Gesell­schaf­ten zur kol­lek­ti­ven Ver­wer­tung der Rech­te des geis­ti­gen Eigen­tums zu zah­len.

Die Sociedad Gene­ral de Auto­res y Edi­to­res (SGAE), eine Gesell­schaft zur Ver­wer­tung der Rech­te des geis­ti­gen Eigen­tums in Spa­ni­en, ver­lang­te von der Gesell­schaft PADAWAN, die CD-Rs, CD-RWs, DVD-Rs und MP3-Gerä­te ver­treibt, die „Abga­be für Pri­vat­ko­pi­en“ für in den Jah­ren 2002 bis 2004 in den Ver­kehr gebrach­te digi­ta­le Trä­ger. Da PADAWAN der Auf­fas­sung war, dass die Anwen­dung die­ser Abga­be – unab­hän­gig von der pri­va­ten, frei­be­ruf­li­chen oder unter­neh­me­ri­schen Nut­zung, zu der die Trä­ger bestimmt gewe­sen sei­en, – der Richt­li­nie zuwi­der­lau­fe, lehn­te sie dies ab. Im ers­ten Rechts­zug wur­de sie zur Zah­lung von 16.759,25 € ver­ur­teilt.

Die mit dem Rechts­mit­tel von PADAWAN befass­te Audi­en­cia Pro­vin­ci­al de Bar­ce­lo­na (Pro­vinz­ge­richt, Spa­ni­en) hat den Gerichts­hof im Wege eines Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chens im Wesent­li­chen gefragt, wel­ches die für die Bestim­mung der Höhe und des Sys­tems der Erhe­bung des „gerech­ten Aus­gleichs“ zu berück­sich­ti­gen­den Kri­te­ri­en sind.

In sei­nem Urteil vom heu­ti­gen Tag führt der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on aus, dass der „gerech­te Aus­gleich“ als Gegen­leis­tung für den Scha­den zu sehen ist, der dem Urhe­ber durch die von ihm nicht geneh­mig­te Ver­viel­fäl­ti­gung sei­nes geschütz­ten Werks ent­stan­den ist. Die­ser Scha­den stellt daher das grund­le­gen­de Kri­te­ri­um für die Berech­nung der Höhe des Aus­gleichs dar. Fer­ner stellt der Euro­päi­sche Gerichts­hof fest, dass die Richt­li­nie ver­langt, dass eine Aus­ge­wo­gen­heit (ein „ange­mes­se­ner Aus­gleich“) zwi­schen den Rechts­in­ha­bern und den Nut­zern von Schutz­ge­gen­stän­den gesi­chert wer­den muss. Daher ist grund­sätz­lich die Per­son, die eine sol­che Ver­viel­fäl­ti­gung für ihren pri­va­ten Gebrauch vor­ge­nom­men hat, ver­pflich­tet, den Scha­den wie­der­gut­zu­ma­chen, indem sie den Aus­gleich finan­ziert, der an den Rechts­in­ha­ber gezahlt wird.

Zum einen könn­te sich jedoch der Nach­teil, der sich aus jeder pri­va­ten Nut­zung ergibt, ein­zeln betrach­tet als gering­fü­gig erwei­sen und kei­ne Zah­lungs­ver­pflich­tung begrün­den, zum ande­ren könn­ten prak­ti­sche Schwie­rig­kei­ten auf­tre­ten, die pri­va­ten Nut­zer zu iden­ti­fi­zie­ren und sie zu ver­pflich­ten, den Rechts­in­ha­bern eine Ver­gü­tung zu leis­ten. Unter die­sen Umstän­den steht es den Mit­glied­staa­ten frei, eine „Abga­be für Pri­vat­ko­pi­en“ ein­zu­füh­ren, die die Per­so­nen belas­tet, die über Anla­gen, Gerä­te und Medi­en zur digi­ta­len Ver­viel­fäl­ti­gung ver­fü­gen. Die Tätig­keit die­ser Per­so­nen, d.h. die Über­las­sung von Anla­gen, Gerä­ten und Medi­en zur Ver­viel­fäl­ti­gung an pri­va­te Nut­zer oder die von ihnen erbrach­te Dienst­leis­tung der Ver­viel­fäl­ti­gung, stellt näm­lich die not­wen­di­ge tat­säch­li­che Vor­aus­set­zung dafür dar, dass natür­li­che Per­so­nen Pri­vat­ko­pi­en erhal­ten kön­nen. Im Übri­gen steht nichts dem ent­ge­gen, dass der Betrag der Abga­be in den Preis für die Medi­en zur Ver­viel­fäl­ti­gung oder für die Ver­viel­fäl­ti­gungs­dienst­leis­tung ein­fließt, so dass die­se Belas­tung letzt­lich von den pri­va­ten Nut­zern getra­gen wird und die Anfor­de­run­gen des „ange­mes­se­nen Aus­gleichs“ gewahrt wer­den.

Sodann stellt der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on fest, dass ein Sys­tem einer „Abga­be für Pri­vat­ko­pi­en“ nur dann mit die­sem „ange­mes­se­nen Aus­gleich“ ver­ein­bar ist, wenn die frag­li­chen Anla­gen, Gerä­te und Medi­en zur Ver­viel­fäl­ti­gung zur Anfer­ti­gung von Pri­vat­ko­pi­en genutzt wer­den kön­nen und daher dem Urhe­ber des geschütz­ten Werks durch sie einen Scha­den ent­ste­hen kann. Der Gerichts­hof ist näm­lich der Ansicht, dass ein not­wen­di­ger Zusam­men­hang zwi­schen der Anwen­dung der „Abga­be für Pri­vat­ko­pi­en“ und der Ver­wen­dung zur Anfer­ti­gung von Pri­vat­ko­pi­en besteht. Folg­lich steht die unter­schieds­lo­se Anwen­dung der Abga­be auf alle Arten von Anla­gen, Gerä­ten und Medi­en zur digi­ta­len Ver­viel­fäl­ti­gung, ein­schließ­lich in dem Fall, dass die­se von ande­ren als natür­li­chen Per­so­nen zu ein­deu­tig ande­ren Zwe­cken als der Anfer­ti­gung von Pri­vat­ko­pi­en erwor­ben wer­den, nicht in Ein­klang mit der Richt­li­nie.

Wenn dage­gen die frag­li­chen Anla­gen natür­li­chen Per­so­nen zu pri­va­ten Zwe­cken über­las­sen wor­den sind, ist es nicht erfor­der­lich, nach­zu­wei­sen, dass die­se tat­säch­lich Pri­vat­ko­pi­en ange­fer­tigt und somit dem Urhe­ber des geschütz­ten Werks tat­säch­lich einen Nach­teil zuge­fügt haben. Bei die­sen natür­li­chen Per­so­nen wird recht­mä­ßig ver­mu­tet, dass sie die­se Über­las­sung voll­stän­dig aus­schöp­fen, d. h., es wird davon aus­ge­gan­gen, dass sie sämt­li­che mit die­sen Anla­gen ver­bun­de­nen Funktionen2, ein­schließ­lich der Ver­viel­fäl­ti­gungs­funk­ti­on, nut­zen. Daher reicht allein die tech­ni­sche Fähig­keit die­ser Anla­gen oder die­ser Gerä­te, Kopi­en zu fer­ti­gen, aus, um die Anwen­dung der Abga­be für Pri­vat­ko­pi­en zu recht­fer­ti­gen, sofern die­se Anla­gen oder Gerä­te natür­li­chen Per­so­nen als pri­va­ten Nut­zern über­las­sen wor­den sind.

Schließ­lich erin­nert der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on dar­an, dass es Sache des natio­na­len Gerichts ist, im Licht der Ant­wor­ten zu beur­tei­len, ob das spa­ni­sche Sys­tem der „Abga­be für Pri­vat­ko­pi­en“ mit der Richt­li­nie ver­ein­bar ist.

Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on, Urteil vom 21. Okto­ber 2010 – C‑467/​08 [PADAWAN /​SGAE]

  1. Richt­li­nie 2001/​29/​EG des Euro­päi­schen Par­la­ments und des Rates vom 22.05.2001 zur Har­mo­ni­sie­rung bestimm­ter Aspek­te des Urhe­ber­rechts und der ver­wand­ten Schutz­rech­te in der Infor­ma­ti­ons­ge­sell­schaft, ABl. L 167, S. 10.[]