Gebüh­ren­satz 2,3

Ein Arzt kann nach Ansicht des Bun­des­ge­richts­hofs sei­ne nach Schwie­rig­keit und Zeit­auf­wand durch­schnitt­li­che ärzt­li­che Leis­tun­gen mit dem Höchst­satz der Regel­span­ne abrech­nen, also mit dem 2,3fachen des Gebüh­ren­sat­zes.

Gebüh­ren­satz 2,3

Der Beklag­te in dem jetzt vom BGH ent­schie­de­nen Fall befand sich in ambu­lan­ter pri­vat­ärzt­li­cher Behand­lung des Klä­gers, eines Augen­arz­tes. Die­ser rech­ne­te sei­ne Leis­tun­gen, dar­un­ter eine Ope­ra­ti­on des lin­ken Auges wegen Grau­en Stars, mit ins­ge­samt 4.074,56 DM ab. Abge­se­hen von vier näher begrün­de­ten Gebüh­ren­po­si­tio­nen, die mit dem Fak­tor 3,5 abge­rech­net wur­den, und drei Zuschlä­gen, die nur mit dem Ein­fa­chen des Gebüh­ren­sat­zes berech­nungs­fä­hig sind, ent­hielt die Rech­nung für die per­sön­lich-ärzt­li­chen Leis­tun­gen aus­schließ­lich den Fak­tor 2,3 und für die medi­zi­nisch-tech­ni­schen Leis­tun­gen den Fak­tor 1,8, das sind die Höchst­sät­ze der jewei­li­gen Span­ne, inner­halb deren der Arzt sei­ne Leis­tun­gen in der Regel abzu­rech­nen hat. Der Beklag­te ver­wei­ger­te die Bezah­lung der Rech­nung, weil er sie für über­höht hielt. Das Amts­ge­richt wies die Kla­ge als unzu­läs­sig ab, weil es die Auf­fas­sung ver­trat, die sche­ma­ti­sche Abrech­nung des Höchst­werts der Regel­span­ne erfül­le die Klag­bar­keits­vor­aus­set­zung des § 12 Abs. 1 GOÄ nicht. Auf die Beru­fung ent­sprach das Land­ge­richt der Kla­ge in Höhe von 1.957,84 € nebst Zin­sen und wies sie im Übri­gen ab. Dabei hielt es anstel­le der abge­rech­ne­ten Höchst­wer­te der Regel­span­ne von 2,3 und 1,8 eine Abrech­nung mit den Fak­to­ren 1,8 und 1,6 für gerecht­fer­tigt. Bei­de Par­tei­en leg­ten gegen die­ses Urteil die zuge­las­se­ne Revi­si­on ein.

Der für das ärzt­li­che Gebüh­ren­recht zustän­di­ge III. Zivil­se­nat des Bun­des­ge­richts­hofs wies die Revi­si­on des Beklag­ten zurück und gab der Revi­si­on des kla­gen­den Arz­tes statt. All­ge­mein bemisst sich die Höhe der ein­zel­nen Gebühr für per­sön­lich-ärzt­li­che Leis­tun­gen nach dem Ein­fa­chen bis Drei­ein­halb­fa­chen des Gebüh­ren­sat­zes (§ 5 Abs. 1 Satz 1 der Gebüh­ren­ord­nung für Ärz­te – GOÄ). Für medi­zi­nisch-tech­ni­sche Leis­tun­gen gilt nach § 5 Abs. 3 GOÄ ein Gebüh­ren­rah­men zwi­schen dem Ein­fa­chen und dem Zwei­ein­halb­fa­chen des Gebüh­ren­sat­zes. Inner­halb des Gebüh­ren­rah­mens hat der Arzt die Gebüh­ren unter Berück­sich­ti­gung der Schwie­rig­keit und des Zeit­auf­wan­des der ein­zel­nen Leis­tun­gen sowie der Umstän­de bei der Aus­füh­rung nach bil­li­gem Ermes­sen zu bestim­men (§ 5 Abs. 2 Satz 1 GOÄ). Wei­ter ist in § 5 Abs. 2 Satz 4 GOÄ bestimmt, dass "in der Regel" eine Gebühr nur "zwi­schen" dem Ein­fa­chen und dem 2,3fachen des Gebüh­ren­sat­zes bemes­sen wer­den darf. Die Über­schrei­tung des 2,3fachen des Gebüh­ren­sat­zes ist nur zuläs­sig, wenn Beson­der­hei­ten der in § 5 Abs. 2 Satz 1 GOÄ genann­ten Kri­te­ri­en sich im Ein­zel­fall von übli­cher­wei­se vor­lie­gen­den Umstän­den unter­schei­den und ihnen nicht bereits in der Leis­tungs­be­schrei­bung des Gebüh­ren­ver­zeich­nis­ses Rech­nung getra­gen wor­den ist.

Im Streit­fall ging es haupt­säch­lich um die Fra­ge, ob ärzt­li­che Leis­tun­gen, die nach Schwie­rig­keit und zeit­li­chem Auf­wand als durch­schnitt­lich zu bewer­ten sind, mit dem jewei­li­gen Höchst­satz der Regel­span­ne, also mit dem 2,3- oder dem 1,8fachen, abge­rech­net wer­den dür­fen. In der bis­he­ri­gen Recht­spre­chung und Lite­ra­tur wird weit­ge­hend die Auf­fas­sung ver­tre­ten, die Regel­span­ne sol­le für die gro­ße Mehr­zahl der Behand­lungs­fäl­le gel­ten und den Durch­schnitts­fall mit Abwei­chun­gen nach oben und unten, also auch schwie­ri­ge­re und zeit­auf­wän­di­ge­re Behand­lun­gen, erfas­sen. Hier­aus wird viel­fach der Schluss gezo­gen, eine im Durch­schnitt lie­gen­de ärzt­li­che Leis­tung sei mit einem Mit­tel­wert inner­halb der Regel­span­ne, also mit dem 1,65- oder dem 1,4fachen, zu ent­gel­ten oder mit einem etwas dar­über lie­gen­den Wert von 1,8 bzw. 1,6. Die­se Auf­fas­sung hat­te unter ande­rem das Beru­fungs­ge­richt ver­tre­ten. In der Abrech­nungs­pra­xis von pri­va­ten Kran­ken­ver­si­che­run­gen und Bei­hil­fe­stel­len ist unge­ach­tet des­sen fest­zu­stel­len, dass ärzt­li­che Leis­tun­gen weit über­wie­gend zu den Höchst­sät­zen der Regel­span­ne (2,3 bzw. 1,8) abge­rech­net wer­den.

Der III. Zivil­se­nat hat inso­weit ent­schie­den, ein Arzt ver­let­ze das ihm vom Ver­ord­nungs­ge­ber ein­ge­räum­te Ermes­sen nicht, wenn er nach Schwie­rig­keit und Zeit­auf­wand durch­schnitt­li­che ärzt­li­che Leis­tun­gen mit dem Höchst­satz der Regel­span­ne abrech­ne. Dem Ver­ord­nungs­ge­ber sei die Abrech­nungs­pra­xis seit vie­len Jah­ren bekannt und er habe davon abge­se­hen, den Bereich der Regel­span­ne für die Abrech­nungs­pra­xis deut­li­cher abzu­gren­zen und dem Arzt für Liqui­da­tio­nen bis zum Höchst­satz der Regel­span­ne eine Begrün­dung sei­ner Ein­ord­nung abzu­ver­lan­gen. Möch­te der Arzt für eine Leis­tung das 2,3fache des Gebüh­ren­sat­zes über­schrei­ten, ist er nach § 12 Abs. 3 GOÄ ver­pflich­tet, dies für den Zah­lungs­pflich­ti­gen ver­ständ­lich und nach­voll­zieh­bar schrift­lich zu begrün­den und auf Ver­lan­gen die Begrün­dung näher zu erläu­tern. Ohne eine nähe­re Begrün­dungs­pflicht im Bereich der Regel­span­ne ist es jedoch nicht prak­ti­ka­bel und vom Ver­ord­nungs­ge­ber offen­bar nicht gewollt, dass Zah­lungs­pflich­ti­ge und Abrech­nungs­stel­len den für eine durch­schnitt­li­che Leis­tung ange­mes­se­nen Fak­tor ermit­teln oder ander­wei­tig fest­le­gen. Ins­be­son­de­re hat der Ver­ord­nungs­ge­ber einen Mit­tel­wert für durch­schnitt­li­che Leis­tun­gen inner­halb der Regel­span­ne, wie ihn Tei­le der Recht­spre­chung und Lite­ra­tur für rich­tig hal­ten, nicht vor­ge­se­hen. Hier­von bleibt selbst­ver­ständ­lich unbe­rührt, dass der Arzt sei­ne Leis­tun­gen nicht sche­ma­tisch mit dem Höchst­satz der Regel­span­ne berech­nen darf, son­dern sich bei ein­fa­chen ärzt­li­chen Ver­rich­tun­gen im unte­ren Bereich der Regel­span­ne bewe­gen muss.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 8. Novem­ber 2007 – III ZR 54/​07