5 ½ Jah­re – alle 30 Minu­ten

Ein Auf­sichts­pflich­ti­ger muss dafür sor­gen, dass ein Kind im Alter von 5½ Jah­ren auf einem Spiel­platz in regel­mä­ßi­gen Abstän­den von höchs­tens 30 Minu­ten kon­trol­liert wird. Die­sen Maß­stab zur (elter­li­chen) Auf­sichts­pflicht setzt der Bun­des­ge­richts­hof in einem von zwei heu­te zu die­sem The­men­kom­plex ver­öf­fent­lich­ten aktu­el­len Urtei­len, die bei­de das glei­che Scha­dens­er­eig­nis betra­fen: zwei Kin­der im Alter von 5½ und 7½ Jah­ren hat­ten auf einem Park­platz mit­hil­fe einer Glas­scher­be Autos zer­kratzt. Und auf­grund die­ses Alters­un­ter­schie­des (und einer bei dem 5jährigen Kind unter­blie­be­nen Beleh­rung) kam der Bun­des­ge­richts­hof zu unter­schied­li­chen Ergeb­nis­sen hin­sicht­lich der Haf­tung der Eltern.

5 ½ Jah­re – alle 30 Minu­ten

Nach stän­di­ger Recht­spre­chung des BGH bestimmt sich das Maß der gebo­te­nen Auf­sicht nach Alter, Eigen­art und Cha­rak­ter des Kin­des sowie danach, was den Eltern in ihren jewei­li­gen Ver­hält­nis­sen zuge­mu­tet wer­den kann. Ent­schei­dend ist, was ver­stän­di­ge Eltern nach ver­nünf­ti­gen Anfor­de­run­gen unter­neh­men müs­sen, um die Schä­di­gung Drit­ter durch ihr Kind zu ver­hin­dern. Dabei kommt es für die Haf­tung nach § 832 BGB stets dar­auf an, ob der Auf­sichts­pflicht nach den beson­de­ren Gege­ben­hei­ten des kon­kre­ten Fal­les genügt wor­den ist 1. Ent­schei­dend ist also nicht, ob der Erzie­hungs­be­rech­tig­te all­ge­mein sei­ner Auf­sichts­pflicht genügt hat, son­dern viel­mehr, ob dies im kon­kre­ten Fall und in Bezug auf die zur wider­recht­li­chen Scha­dens­zu­fü­gung füh­ren­den Umstän­de gesche­hen ist 2.

Bei der Prü­fung, ob die Eltern ihrer Auf­sichts­pflicht nach­ge­kom­men sind, ist der Maß­stab eines nor­mal ent­wi­ckel­ten fast 5 1/​2 Jah­re alten Kin­des zugrun­de zu legen. Umstän­de, die im kon­kre­ten Fall zu einer gestei­ger­ten Auf­sichts­pflicht der Eltern füh­ren könn­ten, lie­gen nach den getrof­fe­nen Fest­stel­lun­gen des Beru­fungs­ge­richts nicht vor.

Bei die­ser Wür­di­gung durf­te das Land­ge­richt Bochum als Beru­fungs­ge­richt die Beschei­ni­gung der Lei­te­rin des von dem Kind besuch­ten Kin­der­gar­tens berück­sich­ti­gen, wonach er den Kin­der­gar­ten von 2001 bis 2004 besuch­te und es sich um ein ruhi­ges und unauf­fäl­li­ges Kind gehan­delt habe, das kei­ner­lei Anzei­chen für aggres­si­ves Ver­hal­ten zeig­te. Auch eine Pri­vat­ur­kun­de im Sin­ne von § 416 ZPO kann bei der Gesamt­wür­di­gung nach § 286 ZPO berück­sich­tigt wer­den, solan­ge kei­ne Anhalts­punk­te dafür bestehen, dass die Beschei­ni­gung nicht auf einer aus­rei­chen­den Grund­la­ge beruht und nicht rich­tig ist.

Nicht zu bean­stan­den ist nach dem Urteil des BGH auch die Auf­fas­sung des Beru­fungs­ge­richts, das Vor­brin­gen des Klä­gers, das Kind habe in der Ver­gan­gen­heit häu­fi­ger die Haus­tür "offen gestellt" und damit die Haus­ord­nung über­tre­ten, rei­che nicht aus, eine erhöh­te Auf­sichts­pflicht zu begrün­den. Das Beru­fungs­ge­richt hat sich bei sei­nen Aus­füh­run­gen ersicht­lich an der Recht­spre­chung des BGH ori­en­tiert, nach der bei Min­der­jäh­ri­gen, die zu üblen Strei­chen oder zu Straf­ta­ten nei­gen, eine erhöh­te Auf­sicht gebo­ten ist 3. Wenn es die­ses Ver­hal­ten sowie des­sen Abstrei­ten nicht als der­art gra­vie­rend, son­dern als nach­voll­zieh­ba­res und typi­sches Ver­hal­ten eines fünf­jäh­ri­gen Kin­des ein­stuft, ist dies als tatrich­ter­li­che Wür­di­gung aus revi­si­ons­recht­li­cher Sicht nicht zu bean­stan­den.

Soweit sich die Revi­si­on schließ­lich dage­gen wen­det, dass das Beru­fungs­ge­richt nicht aus der streit­ge­gen­ständ­li­chen Hand­lung selbst eine erhöh­te Auf­sichts­pflicht ablei­ten will, son­dern dies nur dann für erfor­der­lich hält, wenn der Auf­sichts­be­dürf­ti­ge bereits zuvor durch ähn­li­che Ver­hal­tens­wei­sen in Erschei­nung getre­ten ist, ent­spricht dies der Recht­spre­chung, nach der eine erhöh­te Auf­sicht gebo­ten ist, wenn Min­der­jäh­ri­ge zu üblen Strei­chen oder zu Straf­ta­ten nei­gen. Dar­aus ergibt sich, dass sie bereits vor der kon­kret vor­ge­wor­fe­nen Ver­let­zung der Auf­sichts­pflicht auf­fäl­lig gewor­den sein müs­sen.

Auch wenn mit­hin von einem nor­mal ent­wi­ckel­ten fast 5 1/​2‑jährigen Kind aus­zu­ge­hen ist, tra­gen die Aus­füh­run­gen des Beru­fungs­ge­richts, so der BGH wei­ter, aller­dings nicht das Ergeb­nis, dass die Beklag­ten ihrer Auf­sichts­pflicht genügt hät­ten.

Nor­mal ent­wi­ckel­te Kin­der im Alter von fast 5 1/​2 Jah­ren kön­nen zwar eine gewis­se Zeit ohne unmit­tel­ba­re Ein­wir­kungs­mög­lich­keit und Auf­sicht gelas­sen wer­den. Zu ihrer Ent­wick­lung gehört die Mög­lich­keit zum Auf­ent­halt und Spie­len im Frei­en, ohne dass sie auf "Schritt und Tritt" zu beauf­sich­ti­gen sind 4. Daher gesteht die Recht­spre­chung Kin­dern ab einem Alter von vier Jah­ren einen Frei­raum zu, wobei aller­dings eine regel­mä­ßi­ge Kon­trol­le in kur­zen Zeit­ab­stän­den für erfor­der­lich gehal­ten wird 5. Kin­der in die­sem Alter dür­fen also ohne stän­di­ge Über­wa­chung im Frei­en, etwa auf einem Spiel­platz oder Sport­ge­län­de oder in einer ver­kehrs­ar­men Stra­ße auf dem Bür­ger­steig spie­len, und müs­sen dabei nur gele­gent­lich beob­ach­tet wer­den. Dabei wird ein Kon­troll­ab­stand von 15 bis 30 Minu­ten als zuläs­sig ange­se­hen, um das Spiel von bis­her unauf­fäl­li­gen fünf­jäh­ri­gen Kin­dern außer­halb der Woh­nung bzw. des elter­li­chen Hau­ses zu über­wa­chen 6.

Nicht zuge­stimmt wer­den kann, so der BGH, dem Beru­fungs­ge­richt aber dar­in, dass P. über einen Zeit­raum von min­des­tens 40 Minu­ten bis zu einer Stun­de – auch in Ver­bin­dung mit der von der Mut­ter erteil­ten Anwei­sung, den frag­li­chen Spiel­platz nicht zu ver­las­sen – unbe­auf­sich­tigt blei­ben durf­te. Das Risi­ko, das von Kin­dern für unbe­tei­lig­te Drit­te aus­geht, soll nach dem Grund­ge­dan­ken des § 832 BGB von den Eltern getra­gen wer­den, denen es eher zuzu­rech­nen ist als dem unbe­tei­lig­ten Drit­ten 7. Damit ist es nicht zu ver­ein­ba­ren, dass ein 5 1/​2‑jähriges Kind über einen so lan­gen Zeit­raum ohne irgend­ei­ne Auf­sicht auf einem Spiel­platz ver­bleibt.

Auch wenn die Eltern es nicht vor­aus­se­hen muss­ten, dass ihr Kind frem­de Kraft­fahr­zeu­ge mit Glas­scher­ben beschä­di­gen wür­de, ist bei einem fünf­jäh­ri­gen Kind jeden­falls nicht aus­zu­schlie­ßen, dass es sich bei so einer lan­gen Ver­weil­dau­er ohne Auf­sicht von ande­ren Kin­dern ver­lei­ten lässt oder selbst auf den Gedan­ken kommt, den Spiel­platz zu ver­las­sen und Strei­che zu bege­hen, durch die Drit­te geschä­digt wer­den kön­nen. Dies muss ein Auf­sichts­pflich­ti­ger in Betracht zie­hen und des­we­gen dafür sor­gen, dass ein Kind im Alter von 5 1/​2 Jah­ren in regel­mä­ßi­gen Abstän­den von höchs­tens 30 Minu­ten kon­trol­liert wird. Ein län­ge­rer Abstand ist bei Berück­sich­ti­gung des kind­li­chen Spiel­triebs und Über­muts sowie des Bewe­gungs- und Akti­ons­ra­di­us eines fünf­jäh­ri­gen Kin­des unter gleich­zei­ti­ger Berück­sich­ti­gung des in die­sem Alter noch gege­be­nen gerin­gen Ver­ständ­nis­ses für das Eigen­tum Drit­ter zur Erfül­lung der Auf­sichts­pflicht nicht aus­rei­chend 8.

Und schließ­lich führ­te auch die nicht aus­rei­chen­de Beleh­rung ihres Kin­des den Eltern nach Ansicht des BGH zur Haf­tung der Eltern: Zwar rich­ten sich, so der BGH, die Anfor­de­run­gen an die Auf­sichts­pflicht, ins­be­son­de­re die Pflicht zur Beleh­rung und Beauf­sich­ti­gung von Kin­dern, nach der Vor­her­seh­bar­keit eines schä­di­gen­den Ver­hal­tens rich­ten 9. Dabei hängt es ins­be­son­de­re von den Eigen­hei­ten des Kin­des und sei­nem Befol­gen von Erzie­hungs­maß­nah­men ab, in wel­chem Umfang all­ge­mei­ne Beleh­run­gen und Ver­bo­te aus­rei­chen oder deren Beach­tung auch über­wacht wer­den muss 10. Im Hin­blick dar­auf mögen die Eltern nicht vor­aus­ge­se­hen haben, dass ihr Sohn frem­de Fahr­zeu­ge mit Glas­scher­ben beschä­dig­te. Dies ent­bin­det sie aber nicht von der Ver­pflich­tung, ein 5½-jäh­ri­ges Kind regel­mä­ßig anzu­hal­ten, frem­de Sachen zu ach­ten und nicht zu beschä­di­gen. Eine sol­che all­ge­mei­ne Beleh­rung ist im Alter von 5½ Jah­ren in Anbe­tracht des Spiel­triebs, des Erkun­dungs­drangs und des noch nicht aus­ge­reif­ten Ver­ständ­nis­ses für das Eigen­tum Drit­ter erfor­der­lich, um die Schä­di­gung frem­den Eigen­tums mög­lichst zu ver­mei­den. Davon wäre auch die kon­kre­te Beschä­di­gung frem­der Autos mit umfasst gewe­sen.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 24. März 2009 – VI ZR 51/​08

  1. vgl. BGHZ 111, 282, 285; BGH, Urtei­le vom 11. Juni 1968 – VI ZR 144/​67VersR 1968, 903; vom 10. Juli 1984 – VI ZR 273/​82VersR 1984, 968, 969; vom 1. Juli 1986 – VI ZR 214/​84VersR 1986, 1210, 1211; vom 7. Juli 1987 – VI ZR 176/​86VersR 1988, 83, 84; vom 19. Janu­ar 1993 – VI ZR 117/​92VersR 1993, 485, 486[]
  2. vgl. BGHZ 111, 282, 285; BGH, Urtei­le vom 24. Novem­ber 1964 – VI ZR 163/​63VersR 1965, 137, 138; vom 11. Juni 1968 – VI ZR 144/​67 – aaO; vom 27. Novem­ber 1979 – VI ZR 98/​78VersR 1980, 278, 279[]
  3. vgl. BGH, Urtei­le vom 26. Janu­ar 1960 – VI ZR 18/​59VersR 1960, 355, 356 f.; vom 27. Novem­ber 1979 – VI ZR 98/​78 – aaO; vom 10. Okto­ber 1995 – VI ZR 219/​94VersR 1996, 65, 66[]
  4. vgl. BGH, Urtei­le vom 19. März 1957 – VI ZR 29/​56VersR 1957, 340, 341; vom 19. Novem­ber 1963 – VI ZR 96/​63VersR 1964, 313, 314[]
  5. vgl. BGH, Urtei­le vom 19. März 1957 – VI ZR 29/​56 – aaO; vom 19. Novem­ber 1963 – VI ZR 96/​63 – aaO; OLG Karls­ru­he VersR 1979, 58; OLG Cel­le VersR 1988, 1240; OLG Düs­sel­dorf VersR 1996, 710, 711; OLG Mün­chen OLGR 1997, 17; OLG Hamm OLGR 1997, 49, 50; OLG Ham­burg OLGR 1999, 190, 192[]
  6. vgl. OLG Mün­chen, aaO; OLG Hamm aaO; Ber­nau NZV 2008, 329 f.; Scheffen/​Pardey, Scha­dens­er­satz bei Unfäl­len mit Min­der­jäh­ri­gen, 2. Aufl., B Rn. 270; Stau­din­ger/­Bel­lin­g/E­berl-Bor­ges, BGB, Neu­be­ar­bei­tung 2008, § 832 Rn. 61, jeweils m.w.N.[]
  7. vgl. BGH, Urtei­le vom 17. Mai 1983 – VI ZR 263/​81VersR 1983, 734; vom 10. Juli 1984 – VI ZR 273/​82 – aaO; vom 1. Juli 1986 – VI ZR 214/​84 – aaO; vom 19. Janu­ar 1993 – VI ZR 117/​92 – aaO; vom 10. Okto­ber 1995 – VI ZR 219/​94 – aaO; vom 18. März 1997 – VI ZR 91/​96VersR 1997, 750[]
  8. vgl. Ber­nau NZV 2008, 329, 331[]
  9. vgl. BGH, Beschluss vom 18. Febru­ar 1992 – VI ZR 194/​91 – r+s 1992, 233[]
  10. vgl. BGH, Urtei­le vom 19. Novem­ber 1963 – VI ZR 96/​63VersR 1964, 313, 314; vom 10. Juli 1984 – VI ZR 273/​82 – aaO[]