Abgrenzung zwischen bedingtem Vorsatz und Fahrlässigkeit

Mit der Abgrenzung bedingten Vorsatzes von Fahrlässigkeit im Rahmen der Haftung aus unerlaubter Handlung hatte sich aktuell wieder der Bundesgerichtshof zu befassen:

Abgrenzung zwischen bedingtem Vorsatz und Fahrlässigkeit

Eine Schadensersatzpflicht gemäß § 823 Abs. 2 BGB i.V.m. § 264a StGB setzt voraus, dass der Täter den objektiven Tatbestand des § 264a StGB vorsätzlich – zumindest in der Form des bedingten Vorsatzes – verwirklicht hat. Entsprechendes gilt für eine Haftung aus § 826 BGB; sie erfordert, dass der Täter den dem Kläger entstandenen Schaden vorsätzlich herbeigeführt hat. Die Beweislast für den danach erforderlichen Vorsatz trägt der Kläger. Denn als Anspruchsteller hat er alle Tatsachen zu beweisen, aus denen er seinen Anspruch herleitet1.

Vorsatz enthält ein „Wissens“ und ein „Wollenselement“. Der Handelnde muss die Umstände, auf die sich der Vorsatz beziehen muss, – im Fall des § 264a StGB die Verwirklichung des objektiven Tatbestands, im Fall des § 826 BGB die Schädigung des Anspruchstellers – gekannt bzw. vorausgesehen und in seinen Willen aufgenommen haben2. Die Annahme der – vorliegend allein in Betracht kommenden – Form des bedingten Vorsatzes setzt voraus, dass der Handelnde die relevanten Umstände jedenfalls für möglich gehalten und billigend in Kauf genommen hat3. Dagegen genügt es nicht, wenn die relevanten Tatumstände lediglich objektiv erkennbar waren und der Handelnde sie hätte kennen können oder kennen müssen4. In einer solchen Situation ist lediglich ein Fahrlässigkeitsvorwurf gerechtfertigt.

Von den materiellen Voraussetzungen des bedingten Vorsatzes sind die Anforderungen zu unterscheiden, die an seinen Beweis zu stellen sind5. So kann sich im Rahmen des § 826 BGB aus der Art und Weise des sittenwidrigen Handelns, insbesondere dem Grad der Leichtfertigkeit des Schädigers, die Schlussfolgerung ergeben, dass er mit Schädigungsvorsatz gehandelt hat6. Auch kann es im Einzelfall beweisrechtlich naheliegen, dass der Schädiger einen pflichtwidrigen Erfolg gebilligt hat, wenn er sein Vorhaben trotz starker Gefährdung des betroffenen Rechtsguts durchführt, ohne auf einen glücklichen Ausgang vertrauen zu können, und es dem Zufall überlässt, ob sich die von ihm erkannte Gefahr verwirklicht oder nicht7. Allerdings kann der Grad der Wahrscheinlichkeit eines Schadenseintritts nicht allein das Kriterium für die Frage sein, ob der Handelnde mit dem Erfolg auch einverstanden war8. Vielmehr ist immer eine umfassende Würdigung sämtlicher Umstände des Einzelfalles erforderlich9.

Bundesgerichtshof, Urteil vom 20. Dezember 2011 – VI ZR 309/10

  1. vgl. BGH, Urteile vom 17.03.1987 – VI ZR 282/85, BGHZ 100, 190, 195; vom 11.12.2001 – VI ZR 350/00, VersR 2002, 321; vom 19.07.2011 – VI ZR 367/09, VersR 2011, 1276 Rn. 13; BGH, Urteil vom 19.07.2004 – II ZR 218/03, BGHZ 160, 134, 145; Katzenmeier in Baumgärtel/Laumen/Prütting, Handbuch der Beweislast, 3. Aufl., § 823 Abs. 2 Rn. 1, 5; Luckey in Baumgärtel/Laumen/Prütting, aaO, § 826 Rn. 1, 4[]
  2. vgl. BGH, Urteil vom 05.03.2002 – VI ZR 398/00, VersR 2002, 613, 615; BGH, Urteile vom 26.08.2003 – 5 StR 145/03, BGHSt 48, 331, 346; vom 07.12.1999 – 1 StR 538/99; Beschluss vom 16.04.2008 – 5 StR 615/07, NStZ-RR 2008, 239, 240; Palandt/Grüneberg, BGB, 71. Aufl., § 276 Rn. 10; Fischer, StGB, 58. Aufl., § 15 Rn. 3 ff.[]
  3. vgl. BGH, Urteile vom 11.02.2003 – VI ZR 34/02, BGHZ 154, 11, 20; vom 21.04.2009 – VI ZR 304/07, VersR 2009, 942 Rn. 24; vom 23.11.2010 – VI ZR 244/09, VersR 2011, 216 Rn.20; BGH, Urteil vom 26.08.2003 – 5 StR 145/03, BGHSt 48, 33, 346 f.; Beschluss vom 16.04.2008 – 5 StR 615/07, NStZ-RR 2008, 239, 240 jeweils mwN[]
  4. vgl. BGH, Urteil vom 11.12.2001 – VI ZR 350/00, aaO, S. 322; Fischer, StGB, 58. Aufl., § 15 Rn. 4, 9 b[]
  5. vgl. BGH, Urteil vom 06.04.2000 – 1 StR 280/99, BGHSt 46, 30, 35; Staudinger/Oechsler, BGB, Neubearbeitung 2009, § 826 Rn. 96[]
  6. vgl. BGH, Urteile vom 09.03.2010 – XI ZR 93/09, BGHZ 184, 365 Rn. 39 mwN; vom 17.05.2011 – XI ZR 300/08[]
  7. vgl. BGH, Urteile vom 13.12.2001 – VII ZR 305/99, NJW-RR 2002, 740; vom 11.11.2003 – VI ZR 371/02, VersR 2004, 210, 212; vom 26.08.2003 – 5 StR 145/03, BGHSt 48, 331, 346[]
  8. vgl. BGH, Urteil vom 11.12.2001 – VI ZR 350/00, aaO, S. 322; BGH, Urteile vom 06.04.2000 – 1 StR 280/99, BGHSt 46, 30, 35; vom 26.08.2003 – 5 StR 145/03, BGHSt 48, 331, 346 f.; Beschlüsse vom 03.10.1989 – 5 StR 208/89, Wistra 1990, 20; vom 16.04.2008 – 5 StR 615/07, NStZ-RR 2008, 239, 240[]
  9. vgl. BGH, Urteile vom 27.03.1984 – VI ZR 246/81, WM 1984, 744, 745; vom 11.02.2003 – VI ZR 34/02, aaO, S.20 f.; BGH, Urteile vom 26.08.2003 – 5 StR 145/03, aaO, S. 348; vom 12.05.2005 – 5 StR 283/04, NJW 2005, 2242, 2244[]