Ableh­nungs­ge­such gegen einen Rich­ter im Die­sel-Abgas-Ver­fah­ren

Erweckt eine 73-sei­ti­ge Pro­to­koll­an­la­ge eines Rich­ters den Ein­druck, dass er den im Zivil­pro­zess gel­ten­den Bei­brin­gungs­grund­satz ver­letzt, in dem er ein­sei­tig zum Nach­teil der Beklag­ten den Sach­ver­halt erforscht und ver­mit­telt der Rich­ter den Ein­druck, zwi­schen der VW AG und der Daim­ler AG nicht zu dif­fe­ren­zie­ren, führt dies zur Besorg­nis der Befan­gen­heit.

Ableh­nungs­ge­such gegen einen Rich­ter im Die­sel-Abgas-Ver­fah­ren

Mit die­ser Begrün­dung hat das Ober­lan­des­ge­richt Stutt­gart in dem hier vor­lie­gen­den Fall das Ableh­nungs­ge­such gegen einen Rich­ter am Land­ge­richt in einem gegen die Daim­ler AG geführ­ten Scha­dens­er­satz­pro­zess für begrün­det erklärt und gleich­zei­tig eine Ent­schei­dung des Land­ge­richts Stutt­gart auf­ge­ho­ben.

Der abge­lehn­te Rich­ter hat­te in 21 Ver­fah­ren, in denen der Daim­ler AG vor­ge­wor­fen wird, die jewei­li­gen Klä­ger durch den Ver­bau unzu­läs­si­ger Abschalt­ein­rich­tun­gen geschä­digt zu haben, einen gemein­sa­men Ver­hand­lungs­ter­min am 13. Novem­ber 2019 bestimmt. Die Ver­fah­ren stamm­ten aus zwei Zivil­kam­mern des Land­ge­richts Stutt­gart, in denen der Rich­ter bis zum Jah­res­en­de jeweils hälf­tig tätig war. In dem Ver­hand­lungs­ter­min hat­te der als Ein­zel­rich­ter täti­ge Rich­ter u.a. eine 73 Sei­ten umfas­sen­de eige­ne Stel­lung­nah­me zu rechts­po­li­ti­schen Fra­gen und zur Rechts­la­ge ver­le­sen und den Pro­zess­be­tei­lig­ten aus­ge­hän­digt. Am Ende der Ver­hand­lung hat­te er alle Ver­fah­ren des Sam­mel­ter­mins zu einem Ver­fah­ren ver­bun­den, um die­ses dem Euro­päi­schen Gerichts­hof (EuGH) vor­zu­le­gen. Das vor­lie­gen­de Ver­fah­ren war nicht Gegen­stand des Sam­mel­ter­mins.

Das Land­ge­richt Stutt­gart [1] hat das Ableh­nungs­ge­such der Daim­ler AG zurück­ge­wie­sen. Die Beklag­te habe ihr Ableh­nungs­recht gemäß § 43 Zivil­pro­zess­ord­nung (ZPO) ver­lo­ren, da sie den Antrag nicht bereits in dem Sam­mel­ter­min gestellt habe. Dage­gen hat sich die Beklag­te mit der sofor­ti­gen Beschwer­de gewehrt.

In sei­ner Ent­schei­dung hat das Ober­lan­des­ge­richt Stutt­gart aus­ge­führt, dass – ent­ge­gen der Ansicht des Land­ge­richts – ein mög­li­cher Ver­lust des Ableh­nungs­rechts in den Ver­fah­ren des Sam­mel­ter­mins jeden­falls kei­ne Wir­kung für das vor­lie­gen­de Ver­fah­ren ent­fal­te. Auch lägen die Vor­aus­set­zun­gen einer Besorg­nis der Befan­gen­heit des abge­lehn­ten Rich­ters vor: Die mate­ri­ell- und ver­fah­rens­recht­li­chen Umstän­de sei­en in ihrer Gesamt­heit geeig­net, aus Sicht einer ver­nünf­ti­gen Par­tei in der Rol­le der Beklag­ten, Miss­trau­en gegen die Unpar­tei­lich­keit die­ses Rich­ters zu begrün­den.

So erwe­cke die 73-sei­ti­ge Pro­to­koll­an­la­ge den Ein­druck, dass der abge­lehn­te Rich­ter den im Zivil­pro­zess gel­ten­den Bei­brin­gungs­grund­satz ver­let­ze, in dem er ein­sei­tig zum Nach­teil der Beklag­ten den Sach­ver­halt erfor­sche. Auch stel­le er die Rechts­la­ge zur Fra­ge der Nut­zungs­ent­schä­di­gung zum Nach­teil der Beklag­ten ver­fäl­schend dar. Er set­ze die Daim­ler AG mit der VW AG und den die­ser gemach­ten Täu­schungs­vor­wür­fen gleich, ohne sich dabei auf eine erwie­se­ne Tat­sa­chen­grund­la­ge zu stüt­zen. Der abge­lehn­te Rich­ter erwe­cke den Ein­druck, dass er nicht nur den Tat­sa­chen­vor­trag der Par­tei­en dar­stel­le, son­dern eine im Zivil­ver­fah­ren unzu­läs­si­ge Amts­er­mitt­lung betrei­be.

Außer­dem ver­mitt­le der Rich­ter den Ein­druck, zwi­schen der VW AG und der Beklag­ten nicht zu dif­fe­ren­zie­ren. Dabei ent­fal­te auch der Umstand Bedeu­tung, dass die Ehe­frau des abge­lehn­ten Rich­ters gegen die VW AG eine Kla­ge wegen sit­ten­wid­ri­ger Schä­di­gung füh­re. Die Daim­ler AG müs­se daher befürch­ten, dass der Rich­ter mit der öffent­lich­keits­wirk­sa­men Pro­to­koll­an­la­ge nicht nur in den Ver­fah­ren des Sam­mel­ter­mins, son­dern auch im vor­lie­gen­den Ver­fah­ren aus einer pri­va­ten Moti­va­ti­on her­aus eine für sie ungüns­ti­ge Rechts­auf­fas­sung ver­tre­te.

Dar­über hin­aus fol­ge die Besorg­nis der Befan­gen­heit des Rich­ters zudem aus einer grob ver­fah­rens­feh­ler­haf­ten Pro­zess­füh­rung.  So habe der abge­lehn­te Rich­ter wis­sent­lich in unzu­läs­si­ger Wei­se spruch­kör­per­über­grei­fend Ver­fah­ren zwei­er Zivil­kam­mern ohne Zustim­mung der Par­tei­en und ohne eine Grund­la­ge im Geschäfts­ver­tei­lungs­plan ver­bun­den. Des Wei­te­ren habe er vor der Vor­la­ge der Ver­fah­ren an den EuGH die­se nicht den jewei­li­gen Zivil­kam­mern zur Ent­schei­dung über eine mög­li­che Über­nah­me durch die Kam­mern wegen der grund­sätz­li­chen Bedeu­tung der Ver­fah­ren vor­ge­legt.

Alle die­se Umstän­de begrün­de­ten bei der Beklag­ten die Befürch­tung, der Rich­ter ste­he ihr nicht unbe­fan­gen gegen­über, son­dern möch­te einen Pro­zess­ge­winn des Klä­gers aktiv för­dern. Durch die­se vom Ober­lan­des­ge­richt Stutt­gart für begrün­det erklär­te Ableh­nung des Rich­ters wegen der Besorg­nis der Befan­gen­heit kann der abge­lehn­te Rich­ter in die­sem Ver­fah­ren nicht mehr tätig wer­den.

Ober­lan­des­ge­richt Stutt­gart, Beschluss vom 1. Juli 2020 – 16 a W 3/​20

  1. LG Stutt­gart, Beschluss vom 24.01.2020 – 3 O 57/​20[]