Abtre­tung und Ver­jäh­rung

Wird eine rechts­hän­gi­ge For­de­rung abge­tre­ten und macht der Zes­sio­nar den Anspruch noch wäh­rend des Vor­pro­zes­ses erneut rechts­hän­gig, hemmt auch die neue Kla­ge die Ver­jäh­rung.

Abtre­tung und Ver­jäh­rung

Nach § 204 Abs. 1 Nr. 1 BGB wird die Ver­jäh­rung durch Erhe­bung einer Leis­tungs­kla­ge gehemmt. Die­se Vor­schrift setzt – eben­so wie schon § 209 Abs. 1 BGB a.F. – eine Kla­ge des Berech­tig­ten vor­aus. Zwar ent­hält § 204 Abs. 1 Nr. 1 BGB – anders als § 209 Abs. 1 BGB a.F. – nicht mehr aus­drück­lich die­ses Tat­be­stands­merk­mal. Am sach­li­chen Erfor­der­nis einer Berech­ti­gung des jewei­li­gen Klä­gers hat sich aber nichts geän­dert. Denn nach der Begrün­dung des Gesetz­ent­wurfs zur Moder­ni­sie­rung des Schuld­rechts woll­te der Gesetz­ge­ber ledig­lich aus sys­te­ma­ti­schen Grün­den die in § 209 Abs. 1 BGB a.F. vor­ge­se­he­ne Unter­bre­chung der Ver­jäh­rung in eine Hem­mung umwan­deln. Davon abge­se­hen soll­te § 204 Abs. 1 Nr. 1 BGB aber der Vor­schrift des § 209 Abs. 1 BGB a.F. wei­ter­hin ent­spre­chen 1.

Maß­ge­bend für die Fra­ge der Berech­ti­gung ist die mate­ri­ell-recht­li­che Ver­fü­gungs­be­fug­nis 2. Berech­tig­ter ist somit der Rechts­in­ha­ber, es sei denn, es fehlt ihm aus­nahms­wei­se die­se Befug­nis, wie etwa im Fal­le der Insol­venz 3 oder der Nach­lass­ver­wal­tung 4; dann ist der Insol­venz­ver­wal­ter oder der Nach­lass­ver­wal­ter Berech­tig­ter. Berech­tig­ter kann auch der mate­ri­ell-recht­lich wirk­sam zur Durch­set­zung einer For­de­rung Ermäch­tig­te sein 5, selbst wenn das für die Kla­ge­er­he­bung in gewill­kür­ter Pro­zess­stand­schaft als Zuläs­sig­keits­vor­aus­set­zung not­wen­di­ge schutz­wür­di­ge recht­li­che Inter­es­se des Klä­gers fehlt 6.

Im vor­lie­gend vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall ist die Klä­ge­rin – nach Maß­ga­be der vom Beru­fungs­ge­richt als wirk­sam unter­stell­ten Abtre­tun­gen – Gläu­bi­ge­rin etwai­ger Scha­dens­er­satz­an­sprü­che gegen die Beklag­ten gewor­den und war inso­weit auch mate­ri­ell ver­fü­gungs­be­fugt. Aller­dings waren die­se Ansprü­che bereits zuvor von der Zeden­tin rechts­hän­gig gemacht wor­den. Jedoch schließt die Rechts­hän­gig­keit das Recht einer Par­tei nicht aus, den gel­tend gemach­ten Anspruch abzu­tre­ten (§ 265 Abs. 1 ZPO). Pro­zes­su­al hat die Abtre­tung auf das lau­fen­de Ver­fah­ren kei­nen Ein­fluss; der Rechts­nach­fol­ger ist nicht berech­tigt, ohne Zustim­mung des Geg­ners den Pro­zess als Haupt­par­tei anstel­le des Rechts­vor­gän­gers zu über­neh­men oder eine Haupt­in­ter­ven­ti­on zu erhe­ben (§ 265 Abs. 2 ZPO). Viel­mehr wird der Rechts­streit vom Zeden­ten in gesetz­li­cher Pro­zess­stand­schaft fort­ge­führt und bin­det nach Maß­ga­be des § 325 Abs. 1 ZPO auch den Rechts­nach­fol­ger. Dem neu­en Rechts­in­ha­ber fehlt die Pro­zess­füh­rungs­be­fug­nis, er kann sich ledig­lich als Neben­in­ter­ve­ni­ent am Vor­pro­zess betei­li­gen. Eine eige­ne Kla­ge des Zes­sio­nars ist danach unzu­läs­sig. Ihr stün­de im Übri­gen auch der Ein­wand ander­wei­ti­ger Rechts­hän­gig­keit (§ 261 Abs. 3 Nr. 1 ZPO) ent­ge­gen.

Jedoch hemmt nach der stän­di­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs auch die unzu­läs­si­ge Kla­ge eines Berech­tig­ten die Ver­jäh­rung 7. Dies gilt etwa für die Kla­ge vor einem ört­lich oder sach­lich unzu­stän­di­gen Gericht 8, für das Feh­len des Fest­stel­lungs­in­ter­es­ses bei einer Fest­stel­lungs­kla­ge 9 oder für eine wegen Nicht­ein­hal­tung eines vor­ge­schrie­be­nen Vor­ver­fah­rens unzu­läs­si­ge Kla­ge 10.

An die­ser Rechts­la­ge hat sich durch das Gesetz zur Moder­ni­sie­rung des Schuld­rechts vom 26. Novem­ber 2001 11 nichts geän­dert 12. Zwar ist § 212 BGB a.F. ent­fal­len. Nach Absatz 1 die­ser Bestim­mung galt die Unter­bre­chung durch Kla­ge­er­he­bung unter ande­rem dann als nicht erfolgt, wenn die Kla­ge durch ein nicht in der Sache selbst ent­schei­den­des Pro­zes­sur­teil rechts­kräf­tig abge­wie­sen wur­de; erhob jedoch der Berech­tig­te bin­nen sechs Mona­ten von neu­em Kla­ge, so galt die Ver­jäh­rung als durch die Erhe­bung der ers­ten (unzu­läs­si­gen) Kla­ge unter­bro­chen. Die Strei­chung von § 212 BGB a.F. soll­te aber nach dem Wil­len des Gesetz­ge­bers nichts dar­an ändern, dass eine Kla­ge, auch wenn der Rechts­streit nicht mit einer Sach­ent­schei­dung endet, weil die Kla­ge zurück­ge­nom­men oder durch Pro­zes­sur­teil abge­wie­sen wird, die Ver­jäh­rung hemmt 13.

Die­se Maß­stä­be gel­ten auch für die vor­lie­gen­de Fall­ge­stal­tung. Auch dann, wenn dem For­de­rungs­in­ha­ber die Pro­zess­füh­rungs­be­fug­nis fehlt 14 oder der Anspruch ander­wei­tig rechts­hän­gig gemacht wor­den ist 15, hemmt die unzu­läs­si­ge Kla­ge des mate­ri­ell Berech­tig­ten die Ver­jäh­rung. Soweit das Beru­fungs­ge­richt zur Begrün­dung sei­ner Auf­fas­sung die Par­al­le­le zu den Fäl­len der Insol­venz und Nach­lass­ver­wal­tung gezo­gen hat, hat es über­se­hen, dass in die­sen Fäl­len dem Rechts­in­ha­ber nicht nur die Kla­ge­be­fug­nis, son­dern auch die mate­ri­el­le Ver­fü­gungs­be­fug­nis fehlt und des­halb der Rechts­in­ha­ber nicht (mehr) als Berech­tig­ter im Sin­ne des § 204 Abs. 1 Nr. 1 BGB anzu­se­hen ist. Im Unter­schied dazu ändert, wie sich unmit­tel­bar aus § 265 Abs. 2 Satz 1 ZPO ergibt, die Rechts­hän­gig­keit eines Anspruchs und die fort­be­stehen­de Pro­zess-füh­rungs­be­fug­nis des Zeden­ten nichts dar­an, dass infol­ge der Abtre­tung die mate­ri­el­le Ver­fü­gungs­be­fug­nis auf den Zes­sio­nar über­geht 16.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 9. Dezem­ber 2010 – III ZR 56/​10

  1. vgl. BGH, Urteil vom 29.10.2009 – I ZR 191/​07, NJW 2010, 2270, Rn. 38 unter Hin­weis auf BT-Drs. 14/​6040, S. 113[]
  2. vgl. nur BGH, Urtei­le vom 09.11.1966 – V ZR 176/​63, BGHZ 46, 221, 229; und vom 03.07.1980 – IVa ZR 38/​80, BGHZ 78, 1, 4[]
  3. vgl. BGH, Urteil vom 24.06.1965 – III ZR 219/​63, LM § 209 BGB Nr. 13; BGH, Urteil vom 26.01.1966 – I b ZR 94/​64, LM § 209 BGB Nr. 14[]
  4. vgl. BGH, Urteil vom 09.11.1966, aaO[]
  5. BGH, Urteil vom 16.09.1999 – VII ZR 385/​98, NJW 1999, 3707[]
  6. BGH, Urteil vom 03.07.1980, aaO S. 4 ff[]
  7. vgl. nur BGH, Urtei­le vom 19.01.1994 – XII ZR 190/​92, NJW-RR 1994, 514, 515; vom 28.09.2004 – IX ZR 155/​03, BGHZ 160, 259, 263; und 06.12.2007 – IX ZR 143/​06, NJW 2008, 519 Rn. 24, jeweils m.w.N.[]
  8. vgl. nur BGH, Urteil vom 22.02.1978 – VIII ZR 24/​77, NJW 1978, 1058; BGH, Urteil vom 11.06.1992 – III ZR 134/​91, BGHR BGB § 209 Abs. 1 Kla­ge­er­he­bung 4, inso­weit in BGHZ 118, 368 nicht abge­druckt[]
  9. vgl. BGH, Urtei­le vom 22.05.1963 – VIII ZR 49/​62, BGHZ 39, 287, 291; und 25.02.1988 – VII ZR 348/​86, BGHZ 103, 298, 302[]
  10. BGH, Urteil vom 20.12.1973 – III ZR 154/​71, LM Tele­gra­fen­we­geG Nr. 3/​4[]
  11. BGBl. I S. 3138[]
  12. so auch BGH, Urteil vom 28.09.2004, aaO, S. 262 f.[]
  13. vgl. BT-Drs. 14/​6040, S. 117 f. zur Nach­frist des § 204 Abs. 2 Satz 1 BGB n.F.[]
  14. vgl. BGH, Urteil vom 03.07.1980, aaO, S. 4 ff.[]
  15. vgl. Staudinger/​Peters/​Jacoby, BGB, Neu­be­ar­bei­tung 2009, § 204 Rn. 27[]
  16. Wieczorek/​Schütze/​Assmann, ZPO, 3. Aufl., § 265 Rn. 78[]