Alt­recht­li­che Holz­ge­rech­tig­kei­ten – und die Grund­buch­be­rei­ni­gung

Auch alt­recht­li­che, außer­halb des Grund­buchs bestehen­de Forst­nut­zungs­rech­te (hier: Holz­ge­rech­tig­kei­ten nach thü­rin­gi­schem Lan­des­recht) kön­nen nach § 8 Abs. 1 GBBerG erlo­schen sein.

Alt­recht­li­che Holz­ge­rech­tig­kei­ten – und die Grund­buch­be­rei­ni­gung

Die Vor­schrift des § 8 Abs. 1 GBBerG soll die Beleih­bar­keit von Grund­stü­cken wie­der­her- und sicher­stel­len. Die­se war nach der Ein­schät­zung des Gesetz­ge­bers bei Erlass der Vor­schrift nicht schlecht­hin dadurch gefähr­det, dass im ehe­ma­li­gen Ost­teil von Ber­lin und in den Län­dern Bran­den­burg, Meck­len­burg-Vor­pom­mern, Sach­sen, Sach­sen-Anhalt und Thü­rin­gen sei­ner­zeit mas­sen­haft nicht ein­ge­tra­ge­ne Rech­te fort­be­stan­den, son­dern dadurch, dass es dort bei Erlass der Vor­schrift vie­le nicht ein­ge­tra­ge­ne Rech­te an Grund­stü­cken gab, die gegen einen gut­gläu­big las­ten­frei­en Erwerb geschützt waren 1. Auf die­se Rech­te war § 892 BGB nicht anzu­wen­den. Grund­pfand­rechts­gläu­bi­ger konn­ten des­halb nicht dar­auf ver­trau­en, dass die nach dem Inhalt des Grund­buchs frei­en Rang­stel­len tat­säch­lich nicht bereits durch ein oder meh­re­re ande­re Rech­te belegt waren. Ein schein­bar erst­ran­gi­ges Grund­pfand­recht konn­te zudem nicht ohne Wei­te­res als sol­ches behan­delt wer­den, weil mit dem Fort­be­stehen nicht ein­ge­tra­ge­ner Rech­te zu rech­nen war. Der Wert eines Grund­stücks konn­te nicht sicher bestimmt wer­den, weil nicht abzu­schät­zen war, wie vie­le Rech­te wel­cher Art es sein konn­ten und wel­che Wert­ab­schlä­ge vor­zu­neh­men waren.

Den Anstoß für die Rege­lung in § 8 GBBerG gaben zwar die beson­de­ren Schwie­rig­kei­ten bei der Belei­hung von Grund­stü­cken, die sei­ner­zeit im Bei­tritts­ge­biet bestan­den. Das Pro­blem, das es zu lösen galt, war aber, was die Ver­fas­ser der von der Klä­ge­rin vor­ge­leg­ten Gut­ach­ten nicht berück­sich­ti­gen, kei­ne Beson­der­heit des Sachen­rechts in die­sen Bun­des­län­dern. Denn nach Art. 187 Abs. 1 EGBGB gibt es auch im ehe­ma­li­gen West­teil von Ber­lin und in den übri­gen Bun­des­län­dern beschränk­te ding­li­che Rech­te an Grund­stü­cken, die nach wie vor gegen einen gut­gläu­big las­ten­frei­en Erwerb geschützt sind. Das zur Lösung die­ses Pro­blems von dem Gesetz­ge­ber ein­ge­setz­te Instru­ment – ein Erlö­schen der Rech­te kraft Geset­zes bei Nicht­ein­hal­tung einer Kla­ge­frist – ist nicht auf die beson­de­ren Ver­hält­nis­se im Bei­tritts­ge­biet zuge­schnit­ten. Es eig­net sich auch für die Behe­bung von Schwie­rig­kei­ten bei der Belei­hung von Grund­stü­cken in den übri­gen Tei­len des Bun­des­ge­biets. Des­halb hat sich der Gesetz­ge­ber im Ver­lauf des Gesetz­ge­bungs­ver­fah­rens ent­schlos­sen, den Gel­tungs­be­reich der Vor­schrift nicht auf das Bei­tritts­ge­biet zu begren­zen, son­dern die jewei­li­ge Lan­des­re­gie­rung mit § 8 Abs. 3 Satz 3 GBBerG zu ermäch­ti­gen, die Vor­schrift des § 8 GBBerG im übri­gen Bun­des­ge­biet durch Rechts­ver­ord­nung in Kraft zu set­zen.

Dem zu lösen­den Pro­blem ent­spre­chend sieht § 8 Abs. 1 Satz 1 GBBerG ein Erlö­schen kraft Geset­zes bei Ver­säu­mung der Kla­ge­frist nicht nur für Mit­be­nut­zungs­rech­te der in Art. 233 § 5 EGBGB bezeich­ne­ten Art, son­dern auch für "sons­ti­ge […] nicht im Grund­buch ein­ge­tra­ge­ne […] beschränk­te […] ding­li­che […] Recht[e]" vor. Die Vor­schrift unter­schei­det nicht nach dem Inhalt und der Art die­ser Rech­te oder danach, ob sie wäh­rend des Bestehens der DDR ent­stan­den sind, son­dern nur danach, ob sie ohne Ein­tra­gung vor den Wir­kun­gen des öffent­li­chen Glau­bens geschützt sind. Unter die­ser Vor­aus­set­zung erfasst sie auch beschränk­te ding­li­che Rech­te aus der Zeit vor dem Inkraft­tre­ten des Bür­ger­li­chen Gesetz­buchs am 1.01.1900 2. Die­ses Rege­lungs­kon­zept kommt schon im Text von § 8 Abs. 1 Satz 1 GBBerG, aber zusätz­lich noch dar­in deut­lich zum Aus­druck, dass die ange­spro­che­ne Ermäch­ti­gung der jewei­li­gen Lan­des­re­gie­rung in § 8 Abs. 3 Satz 3 GBBerG, die Vor­schrift im übri­gen Bun­des­ge­biet durch Rechts­ver­ord­nung in Kraft zu set­zen, aus­drück­lich die Befug­nis umfasst, sie nicht umfas­send, son­dern "auch für ein­zel­ne Arten von Rech­ten" in Kraft zu set­zen. Es unter­liegt damit kei­nem Zwei­fel, dass § 8 Abs. 1 Satz 1 GBBerG Holz­ge­rech­tig­kei­ten aus der Zeit vor dem Inkraft­tre­ten des Bür­ger­li­chen Gesetz­buchs erfasst, wenn sie gegen einen gut­gläu­big las­ten­frei­en Erwerb geschützt sind.

Die ent­schei­den­de Fra­ge ist des­halb, ob das von der Klä­ge­rin in Anspruch genom­me­ne Recht ohne Ein­tra­gung gegen den öffent­li­chen Glau­ben geschützt ist. Dies bejaht der Bun­des­ge­richts­hof

Der Schutz vor den Wir­kun­gen des öffent­li­chen Glau­bens ergibt sich nicht allein aus der Fort­gel­tung der Rech­te an sich. Die­se wür­de hier nach­ein­an­der aus Art. 184 EGBGB, § 6 Abs. 1 EGZGB und Art. 233 § 3 Abs. 1 EGBGB fol­gen. Die­se Vor­schrif­ten ent­hal­ten indes kei­ne Rege­lung über eine Ein­schrän­kung der Wir­kun­gen des öffent­li­chen Glau­bens des Grund­buchs. Die Rech­te gel­ten danach viel­mehr im Grund­satz unter dem Vor­be­halt des Weger­werbs oder des Rang­ver­lus­tes durch gut­gläu­big vor­ran­gi­gen Erwerb ande­rer Rech­te fort.

Die Holz­ge­rech­tig­kei­ten, derer sich die Klä­ge­rin berühmt, wären aber, falls sie wirk­sam ent­stan­den sein soll­ten, nach Art. 187 Abs. 1 EGBGB vor den Wir­kun­gen des öffent­li­chen Glau­bens des Grund­buchs geschützt (gewe­sen).

Danach kön­nen Grund­stü­cke (im gesam­ten Bun­des­ge­biet) zwar gut­gläu­big frei von (bestehen­den) beschränk­ten per­sön­li­chen Dienst­bar­kei­ten und ande­ren beschränk­ten ding­li­chen Rech­ten, aber nicht frei von (bestehen­den) Grund­dienst­bar­kei­ten alten Rechts erwor­ben wer­den. Was unter einer Grund­dienst­bar­keit zu ver­ste­hen ist, bestimmt sich, da das Ein­füh­rungs­ge­setz zum Bür­ger­li­chen Gesetz­bu­che des­sen Ter­mi­no­lo­gie folgt, nach dem Bür­ger­li­chen Gesetz­buch, nicht nach dem frü­he­ren Recht. Die Rech­te aus der Zeit vor dem Inkraft­tre­ten des Bür­ger­li­chen Gesetz­buchs müs­sen des­halb in die Kate­go­ri­en des Bür­ger­li­chen Gesetz­buchs, also in beschränk­te per­sön­li­che oder Grund­dienst­bar­kei­ten, ein­ge­ord­net wer­den 3. Stel­len sie sich danach als beschränk­te per­sön­li­che Dienst­bar­kei­ten dar, sind sie vor den Wir­kun­gen des öffent­li­chen Glau­bens nicht geschützt und wer­den dann auch nicht von § 8 Abs. 1 GBBerG erfasst. Sind sie dage­gen als Grund­dienst­bar­kei­ten zu qua­li­fi­zie­ren, unter­fal­len sie die­ser Vor­schrift und erlö­schen dann nach deren Maß­ga­be.

In dem Fall, der der Ent­schei­dung des Bun­des­ge­richts­hofs vom 01.07.2010 zugrun­de lag, ging es um Holz­ge­rech­tig­kei­ten, die auf einen Rezess zurück­gin­gen und nach die­sem Rezess den Inha­bern von Gerech­tig­keits­häu­sern, also den Inha­bern bestimm­ter bebau­ter Grund­stü­cke in der benach­bar­ten Gemein­de, zustan­den. Der Bezug der Nut­zungs­be­rech­ti­gung zu den Eigen­tü­mern an einem sol­chen Gerech­tig­keits­haus recht­fer­tig­te die Qua­li­fi­ka­ti­on als Grund­dienst­bar­keit und damit auch die Anwen­dung von Art. 187 EGBGB, der zu den frü­he­ren Vor­schrif­ten gehört, die nach den Über­lei­tungs­vor­schrif­ten in § 6 Abs. 1 EGZGB und Art. 233 § 3 Abs. 1 EGBGB auf sol­che Rech­te wei­ter­hin anzu­wen­den sind. Dann aber fand § 8 GBBerG auf die­se Gerech­tig­kei­ten Anwen­dung mit der Fol­ge, dass sie danach man­gels recht­zei­ti­ger Kla­ge­er­he­bung erlo­schen waren.

Aller­dings besteht zwi­schen dem von dem Bun­des­ge­richts­hof sei­ner­zeit ent­schie­de­nen und dem vor­lie­gen­den Fall kein tat­säch­li­cher oder recht­li­cher Unter­schied. Danach sind die Mit­glie­der der Klä­ge­rin näm­lich – wie in dem von dem Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall – Inha­ber von Gerech­tig­keits­häu­sern. Die dar­aus fol­gen­de Zuord­nung der Gerech­tig­kei­ten zu die­sen Grund­stü­cken und deren Qua­li­fi­ka­ti­on als Grund­dienst­bar­kei­ten wür­de noch bestä­tigt, wenn, was die Klä­ge­rin in den Tat­sa­chen­in­stan­zen aller­dings nicht vor­ge­tra­gen hat, die Holz­ge­rech­tig­kei­ten in den Grund­bü­chern die­ser Gerech­tig­keits­häu­ser als ver­brief­te Rech­te ein­ge­tra­gen sein soll­ten. Sol­che Ver­mer­ke ent­sprä­chen näm­lich inhalt­lich einem Herrsch­ver­merk, des­sen Ein­tra­gung nach § 9 Abs. 1 Satz 1 GBO nur bei sub­jek­tiv­ding­li­chen beschränk­ten ding­li­chen Rech­ten, also nur bei Grund­dienst­bar­kei­ten, nicht bei beschränk­ten per­sön­li­chen Dienst­bar­kei­ten zulässt. Sol­che Ver­mer­ke schlös­sen einen gut­gläu­bi­gen Erwerb nicht aus 4 und genüg­ten auch nicht als Ein­tra­gung, die einem Erlö­schen nach § 8 Abs. 1 GBBerG ent­ge­gen­steht. Die­se muss näm­lich in dem Grund­buch des die­nen­den, nicht in dem des herr­schen­den Grund­stücks erfol­gen.

Auf die übri­gen gel­tend gemach­ten Zulas­sungs­grün­de kommt es danach nicht an. Inso­weit wird gemäß § 544 Abs. 4 Satz 2 Halb­satz 2 ZPO von einer Begrün­dung abge­se­hen.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 15. Sep­tem­ber 2016 – V ZR 56/​16

  1. Ent­wurfs­be­grün­dung in BT-Drs. 12/​5553 S. 94[]
  2. BGH, Urteil vom 28.03.2003 – V ZR 271/​02, VIZ 2003, 488, 489[]
  3. BayO­bLGZ 1962, 341, 357[]
  4. BayO­bLG, NJW-RR 1987, 789; vgl. auch BGH, Beschluss vom 15.09.2011 – V ZR 246/​10, ZOV 2011, 251 Rn. 10[]