Andro­hung eines Ord­nungs­mit­tels bereits im Pro­zess­ver­gleich

Die der Ver­hän­gung eines Ord­nungs­mit­tels nach § 890 Abs. 1 ZPO vor­aus­ge­hen­de Andro­hung gemäß § 890 Abs. 2 ZPO kann nicht wirk­sam in einen Pro­zess­ver­gleich auf­ge­nom­men wer­den. Dies gilt auch für den Fall, dass das Gericht das Zustan­de­kom­men und den Inhalt des Ver­gleichs nach § 278 Abs. 6 Satz 2 ZPO fest­stellt.

Andro­hung eines Ord­nungs­mit­tels bereits im Pro­zess­ver­gleich

Nach der Vor­schrift des § 890 Abs. 2 ZPO muss der Ver­hän­gung eines Ord­nungs­mit­tels nach § 890 Abs. 1 ZPO eine ent­spre­chen­de Andro­hung vor­aus­ge­hen, die, wenn sie nicht in dem die Ver­pflich­tung aus­spre­chen­den Urteil ent­hal­ten ist, auf Antrag vom Pro­zess­ge­richt des ers­ten Rechts­zugs erlas­sen wird. Die Andro­hung soll dem Schuld­ner die mög­li­chen Fol­gen eines Ver­sto­ßes gegen das Unter­las­sungs­ge­bot deut­lich vor Augen füh­ren und ihn dadurch anhal­ten, die Unter­las­sungs­pflicht zu befol­gen [1].

Eine ent­spre­chen­de Andro­hung kann nicht wirk­sam in einem Pro­zess­ver­gleich erfol­gen [2].

Die Bestim­mung des § 890 Abs. 2 ZPO sieht die Andro­hung der Ord­nungs­mit­tel aus­schließ­lich durch den Rich­ter vor. Davon macht das Gesetz für die in § 794 Abs. 1 Nr. 1 ZPO auf­ge­führ­ten Pro­zess­ver­glei­che kei­ne Aus­nah­me. Sie ist auch nicht aus pro­zess­öko­no­mi­schen Grün­den gebo­ten. Dem steht der Zweck der Ord­nungs­mit­telan­dro­hung nach § 890 Abs. 2 ZPO ent­ge­gen, von Sei­ten des Gerichts auf den Schuld­ner ein­zu­wir­ken, das Unter­las­sungs­ge­bot zu beach­ten.

Der Grund­satz eines effek­ti­ven Rechts­schut­zes recht­fer­tigt eben­falls kein Abse­hen vom Erfor­der­nis einer rich­ter­li­chen Ord­nungs­mit­telan­dro­hung. Aller­dings kann das Gericht auf Antrag des Gläu­bi­gers die Ord­nungs­mit­telan­dro­hung bereits im Urteil aus­spre­chen, wäh­rend bei der Andro­hung von Ord­nungs­mit­teln durch beson­de­ren Beschluss die Vor­aus­set­zun­gen der Zwangs­voll­stre­ckung gemäß § 750 Abs. 1 ZPO vor­lie­gen müs­sen [3]. Dadurch ent­steht für die Zeit bis zur Zustel­lung des Beschlus­ses mit der Ord­nungs­mit­telan­dro­hung aber kei­ne Rechts­schutz­lü­cke. Die Par­tei­en kön­nen im Pro­zess­ver­gleich eine Ver­trags­stra­fe ver­ein­ba­ren, so dass der Schuld­ner das Unter­las­sungs­ge­bot bereits mit Abschluss des Pro­zess­ver­gleichs beach­ten muss, wenn er die Ver­trags­stra­fe nicht ver­wir­ken will.

Im vor­lie­gen­den Fall ist auch nicht des­halb eine ande­re Beur­tei­lung gebo­ten, weil dem Pro­zess­ver­gleich in ande­ren Ver­fah­ren ergan­ge­ne Unter­las­sungs­ur­tei­le mit Ord­nungs­mit­telan­dro­hun­gen vor­aus­ge­gan­gen sind, deren Ver­bo­te in den Pro­zess­ver­gleich auf­ge­nom­men wor­den sind. Die Gläu­bi­ge­rin betreibt die Zwangs­voll­stre­ckung aus­schließ­lich aus dem Pro­zess­ver­gleich. Für die Fra­ge, ob die Vor­aus­set­zun­gen für die Fest­set­zung von Ord­nungs­mit­teln nach § 890 Abs. 1 ZPO vor­lie­gen, ist danach nur auf die­sen Voll­stre­ckungs­ti­tel abzu­stel­len.

Die Rechts­be­schwer­de macht ohne Erfolg gel­tend, das Beschwer­de­ge­richt habe die Fra­ge nicht offen­las­sen dür­fen, ob auch bei einem nach § 278 Abs. 6 ZPO vom Gericht fest­ge­stell­ten Ver­gleich, der mit einer Ord­nungs­mit­telan­dro­hung ver­se­hen sei, eine geson­der­te Andro­hung nach § 890 Abs. 2 ZPO erfor­der­lich sei.

Nach der Vor­schrift des § 278 Abs. 6 ZPO kön­nen seit dem 1.09.2004 Pro­zess­ver­glei­che auch dadurch zustan­de kom­men, dass die Par­tei­en dem Gericht einen schrift­li­chen Ver­gleichs­vor­schlag unter­brei­ten oder einen schrift­li­chen Ver­gleichs­vor­schlag des Gerichts anneh­men und das Gericht das Zustan­de­kom­men und den Inhalt des Ver­gleichs durch Beschluss fest­stellt. Die durch das Gesetz zur Reform des Zivil­pro­zes­ses vom 27.07.2001 [4] ein­ge­führ­te und mit Wir­kung ab 1.09.2004 neu gefass­te Bestim­mung des § 278 Abs. 6 ZPO sieht für gericht­li­che Ver­glei­che die Mög­lich­keit einer erleich­ter­ten Pro­to­kol­lie­rung vor, die den Betei­lig­ten den Abschluss eines Pro­zess­ver­gleichs in einem Gerichts­ter­min erspart [5]. Ein auf die­se Wei­se abge­schlos­se­ner Ver­gleich ent­spricht in sei­nen Wir­kun­gen einem in einer münd­li­chen Ver­hand­lung abge­schlos­se­nen Pro­zess­ver­gleich [6]. Wei­ter­ge­hen­de Wir­kun­gen hat ein nach § 278 Abs. 6 ZPO zustan­de gekom­me­ner Ver­gleich nicht. Der Beschluss nach § 278 Abs. 6 Satz 2 ZPO ersetzt daher nicht die Ord­nungs­mit­telan­dro­hung. Für die­ses Ergeb­nis spricht auch der Umstand, dass bei der Andro­hung von Ord­nungs­mit­teln durch beson­de­ren Beschluss die Vor­aus­set­zun­gen der Zwangs­voll­stre­ckung vor­lie­gen müs­sen, was zum Zeit­punkt der Beschluss­fas­sung nach § 278 Abs. 6 ZPO nicht der Fall ist.

Mit dem Abschluss des Pro­zess­ver­gleichs hat die Schuld­ne­rin auch nicht wirk­sam auf die Andro­hung von Ord­nungs­mit­teln nach § 890 Abs. 2 ZPO ver­zich­tet. Die Bestim­mun­gen des Zwangs­voll­stre­ckungs­ver­fah­rens sind grund­sätz­lich zwin­gen­des Recht. Das schließt zwar nicht aus, dass die Par­tei­en voll­stre­ckungs­be­schrän­ken­de Ver­ein­ba­run­gen tref­fen kön­nen [7]. Die Voll­stre­ckung erwei­tern­de Ver­ein­ba­run­gen zu Las­ten des Schuld­ners oder ein Ver­zicht auf den Schuld­ner schüt­zen­de Zwangs­voll­stre­ckungs­vor­schrif­ten sind aber jeden­falls im Vor­aus regel­mä­ßig unzu­läs­sig [8]. Dies gilt auch für einen im Vor­aus erklär­ten Ver­zicht auf die Andro­hung von Ord­nungs­mit­teln im Sin­ne des § 890 Abs. 2 ZPO. Die Vor­schrift ist zwin­gen­des Recht zum Schutz des Schuld­ners.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 2. Febru­ar 2012 – I ZB 95/​10

  1. vgl. BGH, Beschluss vom 23.10.2003 I ZB 45/​02, BGHZ 156, 335, 340 f. Euro-Ein­füh­rungs­ra­batt; KG, Jur­Bü­ro 1983, 781, 783[]
  2. eben­so RGZ 40, 413, 415; OLG Karls­ru­he, GRUR 1957, 447; OLG Stutt­gart, WRP 1976, 119; KG, Jur­Bü­ro 1983, 781, 783 und NJW-RR 1987, 507; OLG Frank­furt, NJW-RR 2006, 1441; OLG Köln, OLGRep.2007, 707; MünchKomm-.ZPO/Gruber, 3. Aufl., § 890 Rn. 25; Musielak/​Lackmann, ZPO, 9. Aufl., § 890 Rn. 7; Saenger/​Pukall, ZPO, 4. Aufl., § 890 Rn. 11; Schuschke/​Walker/​Sturhahn, Voll­stre­ckung und Vor­läu­fi­ger Rechts­schutz, 5. Aufl., § 890 Rn. 16; Wiezcorek/​Schütze/​Storz, ZPO, 3. Aufl., § 890 Rn. 93; Köh­ler in Köhler/​Bornkamm, UWG, 30. Aufl., § 12 Rn.06.3; Fezer/​Büscher, UWG, 2. Aufl., § 12 Rn. 383; Teplitz­ky, Wett­be­werbs­recht­li­che Ansprü­che und Ver­fah­ren, 10. Aufl., Kap. 57 Rn. 25; aA LG Ber­lin, MDR 1967, 134; Blo­mey­er, Zivil­pro­zess­recht Voll­stre­ckungs­ver­fah­ren, 1975, § 95 I 2; Baur, Der schieds­rich­ter­li­che Ver­gleich, 1971, Rn. 112; Has­se, NJW 1969, 23, 24; Schlos­ser, JZ 1972, 639[]
  3. vgl. BGH, Urteil vom 29.09.1978 I ZR 107/​77, GRUR 1979, 121, 122 = WRP 1978, 883 Ver­jäh­rungs­un­ter­bre­chung; Beschluss vom 22.01.2009 I ZB 115/​07, BGHZ 180, 72 Rn. 14[]
  4. BGBl. I S. 1887[]
  5. vgl. Beschluss­emp­feh­lung und Bericht des Rechts­aus­schus­ses vom 30.06.2004, BT-Drucks. 15/​3482, S. 16[]
  6. vgl. auch BAG, Urteil vom 23.11.2006 6 AZR 394/​06, NJW 2007, 1831 Rn. 32 bis 36[]
  7. vgl. BGH, Urteil vom 02.04.1991 VI ZR 241/​90, NJW 1991, 2295, 2296[]
  8. vgl. RGZ 72, 181, 183; KG, NJW 1960, 682; OLG Stutt­gart, NJW 1971, 50; Musielak/​Lackmann aaO Vor­bem. § 704 Rn. 17; Zöller/​Stöber, ZPO, 29. Aufl., Vor § 704 Rn. 26; Phil­ipp, Rpfle­ger 2010, 456, 463[]