Anfech­tung eines finan­zier­ten Kfz-Kaufvertrages

Hat bei einem ver­bun­de­nen Geschäft (§ 358 Abs. 3 BGB) der Ver­brau­cher den finan­zier­ten Ver­trag wegen arg­lis­ti­ger Täu­schung ange­foch­ten, führt die Rück­wir­kung der Anfech­tung (§ 142 Abs. 1 BGB) dazu, dass dem Anspruch des Dar­le­hens­ge­bers aus dem Finan­zie­rungs­dar­le­hen von Anfang an aus § 359 Abs. 1 Satz 1 BGB eine dau­ern­de Ein­re­de i.S. von § 813 Abs. 1 Satz 1 BGB ent­ge­gen­stand und der Ver­brau­cher auch die vor der Anfech­tungs­er­klä­rung auf das Dar­le­hen geleis­te­ten Zah­lun­gen gemäß § 813 Abs. 1 Satz 1 BGB i.V.m. § 812 Abs. 1 Satz 1 Fall 1 BGB vom Dar­le­hens­ge­ber zurück­ver­lan­gen kann1.

Anfech­tung eines finan­zier­ten Kfz-Kaufvertrages

Der Käu­fer kann der (Saldo-)Forderung der Bank nach Kün­di­gung des Dar­le­hens­ver­trags gemäß § 359 Satz 1 a.F. BGB (hier: in der vom 01.01.2002 bis zum 12.06.2014 gel­ten­den Fas­sung) ent­ge­gen­hal­ten, dass er den mit der Ver­käu­fe­rin geschlos­se­nen Kauf­ver­trag wirk­sam ange­foch­ten hat.

Sind der von dem Käu­fer mit der Ver­käu­fe­rin geschlos­se­ne Kauf­ver­trag und der mit der Bank geschlos­se­ne Dar­le­hens­ver­trag ver­bun­de­ne Ver­trä­ge im Sin­ne von § 358 Abs. 3 BGB a.F. (in der hier maß­geb­li­chen; vom 04.08.2011 bis zum 12.06.2014 gel­ten­den Fas­sung, die inhalt­lich der aktu­el­len Fas­sung ent­spricht), kann der Käu­fer infol­ge der nach § 142 Abs. 1 BGB rück­wir­kend ein­ge­tre­te­nen Nich­tig­keit des Kauf­ver­trags gemäß § 359 Satz 1 BGB aF wei­te­re Zah­lun­gen auf das Dar­le­hen verweigern.

Dem Käu­fer steht in die­sem Fall ein Anspruch gegen die Bank auf Rück­zah­lung der vor der Anfech­tungs­er­klä­rung an die­se geleis­te­ten Raten aus § 813 Abs. 1 Satz 1 i.V.m. § 812 Abs. 1 Satz 1 Fall 1 BGB zu:

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In Bezug auf einen Ver­trag, der im Sin­ne von § 9 Abs. 1 Ver­brKrG bzw. § 358 Abs. 3 BGB mit einem Dar­le­hens­ver­trag ver­bun­den, aber wegen nicht wirk­sa­mer Ver­tre­tung des Ver­brau­chers bei Ver­trags­schluss von Anfang an nich­tig ist, hat der Bun­des­ge­richts­hof bereits ent­schie­den, dass der Ver­brau­cher die auf das Dar­le­hen geleis­te­ten Zah­lun­gen von dem Dar­le­hens­ge­ber nach § 813 Abs. 1 Satz 1 BGB zurück­ver­lan­gen kann. Denn auf­grund der nach § 9 Abs. 3 Satz 1 Ver­brKrG, der im Wesent­li­chen § 359 Satz 1 BGB aF (jetzt § 359 Abs. 1 Satz 1 BGB) ent­spricht, eröff­ne­ten Mög­lich­keit, gegen­über dem Dar­le­hens­ge­ber die rechts­hin­dern­de Ein­wen­dung aus dem Ver­hält­nis zum Ver­käu­fer gel­tend zu machen, besteht auch im Ver­hält­nis des Ver­brau­chers zum Kre­dit­ge­ber eine dau­ern­de Ein­re­de im Sin­ne von § 813 Abs. 1 Satz 1 BGB2.

Bis­her nicht ent­schie­den und in der Lite­ra­tur umstrit­ten ist die Fra­ge, ob und gege­be­nen­falls auf wel­cher Rechts­grund­la­ge im Fall der Anfech­tung des finan­zier­ten Ver­trags wegen arg­lis­ti­ger Täu­schung ein Rück­zah­lungs­an­spruch des Ver­brau­chers gegen den Dar­le­hens­ge­ber besteht.

Im Hin­blick auf die Rück­wir­kung der Anfech­tung nach § 142 Abs. 1 BGB wird ver­tre­ten, dass in die­sem Fall eben­falls ein Anspruch aus § 813 Abs. 1 Satz 1 BGB bestehe3.

Nach ande­rer Auf­fas­sung soll sich ein Rück­zah­lungs­an­spruch auf­grund einer erwei­ter­ten bzw. ana­lo­gen Anwen­dung von § 358 Abs. 4 Satz 5 BGB bzw. § 358 Abs. 4 Satz 3 BGB a.F. erge­ben4, wäh­rend Koch5 zwar zunächst eine Rück­ab­wick­lung ana­log § 358 Abs. 4 Satz 5 BGB in Betracht zieht, sodann aber, gestützt auf den Schutz­zweck der §§ 358, 359 BGB, einen berei­che­rungs­recht­li­chen Rück­for­de­rungs­an­spruch damit begrün­det, dass der Dar­le­hens­ver­trag nach § 139 BGB nich­tig sei, da die Par­tei­en die­sen bei Kennt­nis der rück­wir­ken­den Nich­tig­keit des finan­zier­ten Geschäfts nicht abge­schlos­sen hätten.

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Dage­gen besteht nach einer drit­ten Auf­fas­sung im Fall der Anfech­tung des finan­zier­ten Kauf bzw. Leis­tungs­ver­trags kein Anspruch des Ver­brau­chers gegen den Dar­le­hens­ge­ber auf Rück­ge­währ der vor Erklä­rung der Anfech­tung geleis­te­ten Raten, da die Anfecht­bar­keit des Dar­le­hens­ver­trags kein Leis­tungs­ver­wei­ge­rungs­recht des Ver­brau­chers begrün­de und somit die For­de­rung des Dar­le­hens­ge­bers im Zeit­punkt der Leis­tung nicht ein­re­de­be­haf­tet gewe­sen sei6 bzw. § 359 Abs. 1 Satz 1 BGB nach sei­nem Norm­zweck aus­schließ­lich ex nunc wir­ken sol­le7. Ein Rück­zah­lungs­an­spruch gegen den Dar­le­hens­ge­ber soll nach die­ser Auf­fas­sung nur dann in Betracht kom­men, wenn ent­we­der auch der Dar­le­hens­ver­trag ange­foch­ten wird, was im Fall einer arg­lis­ti­gen Täu­schung des Käu­fers durch den Ver­käu­fer bei Abschluss des finan­zier­ten Ver­trags regel­mä­ßig mög­lich sei8, oder wenn der Ver­brau­cher das Dar­le­hen wegen der Unwirk­sam­keit des finan­zier­ten Ver­trags gemäß § 313 Abs. 1, 3 BGB kün­digt, wobei in die­sem Fall nur die nach die­ser ex nunc wir­ken­den Kün­di­gung gezahl­ten Raten rechts­grund­los im Sin­ne von § 812 Abs. 1 Satz 1 Fall 1 BGB geleis­tet wor­den sei­en9.

Zutref­fend ist, wie jetzt der Bun­des­ge­richts­hof ent­schied, die erst­ge­nann­te Ansicht:

Ein Rück­for­de­rungs­durch­griff ana­log § 358 Abs. 4 Satz 5 BGB bzw. § 358 Abs. 4 Satz 3 BGB aF kommt nicht in Betracht.

Der Bun­des­ge­richts­hof hat für den Fall der anfäng­li­chen Nich­tig­keit des finan­zier­ten Geschäfts einen Rück­for­de­rungs­durch­griff in ana­lo­ger Anwen­dung von § 9 Abs. 2 Satz 4 Ver­brKrG, der inhalt­lich soweit hier von Belang § 358 Abs. 4 Satz 3 BGB aF sowie § 358 Abs. 4 Satz 5 BGB ent­spricht, abge­lehnt, weil es für eine ana­lo­ge Anwen­dung an dem Vor­lie­gen einer plan­wid­ri­gen Rege­lungs­lü­cke sowie an einer ver­gleich­ba­ren Inter­es­sen­la­ge fehlt10. Der II. Zivil­se­nat hat an sei­ner frü­he­ren abwei­chen­den Auf­fas­sung11 nicht fest­ge­hal­ten12.

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Fer­ner hat der Bun­des­ge­richts­hof zu § 358 Abs. 4 Satz 3 BGB aF ent­schie­den, dass für eine ana­lo­ge Anwen­dung die­ser Vor­schrift auf das Rück­ab­wick­lungs­ver­hält­nis nach einem wirk­sam erklär­ten Rück­tritt vom finan­zier­ten Kauf­ver­trag wegen eines Sach­man­gels eben­falls kein Raum sei, weil es an einer plan­wid­ri­gen Rege­lungs­lü­cke fehlt13.

Der Gesetz­ge­ber hat in Kennt­nis die­ser Recht­spre­chung mit den Geset­zen vom 20.09.201314; und vom 11.03.201615 nur unwe­sent­li­che Ände­run­gen der §§ 358, 359 BGB vor­ge­nom­men, ohne die nur für den Wider­ruf des finan­zier­ten Ver­trags gel­ten­de Rege­lung des § 358 Abs. 4 Satz 3 BGB aF bzw. des § 358 Abs. 4 Satz 5 BGB auf ande­re Sach­ver­hal­te zu erstrecken.

Dem­ge­gen­über kann der Ver­brau­cher nach Anfech­tung des finan­zier­ten Ver­trags die zuvor auf das Dar­le­hen erbrach­ten Leis­tun­gen nach § 813 Abs. 1 Satz 1 i.V.m. § 812 Abs. 1 Satz 1 Fall 1 BGB von dem Dar­le­hens­ge­ber zurückverlangen.

Zwar begrün­det § 813 Abs. 1 Satz 1 BGB nach sei­nem Wort­laut nur dann einen Rück­for­de­rungs­an­spruch, wenn der Leis­ten­de bereits zum Zeit­punkt der Leis­tung dau­er­haft berech­tigt war, die­se end­gül­tig zu ver­wei­gern16. Dies ist aber nicht nur bei anfäng­li­cher Nich­tig­keit des finan­zier­ten Ver­trags der Fall, wenn der Ver­brau­cher die rechts­hin­dern­de Ein­wen­dung aus dem Ver­trags­ver­hält­nis mit dem Ver­käu­fer nach § 359 Satz 1 BGB aF bzw. § 359 Abs. 1 Satz 1 BGB dem Dar­le­hens­ge­ber ent­ge­gen­hal­ten und des­halb die Rück­zah­lung des Dar­le­hens ver­wei­gern kann17, son­dern auch dann, wenn der finan­zier­te Ver­trag von dem Ver­brau­cher gemäß § 123 Abs. 1 BGB ange­foch­ten wor­den ist.

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Im Fall von ver­bun­de­nen Ver­trä­gen ist die rück­wir­ken­de Ver­nich­tung des finan­zier­ten Ver­trags auf­grund sei­ner Anfech­tung durch den Ver­brau­cher auch im Ver­hält­nis zwi­schen Ver­brau­cher und Dar­le­hens­ge­ber zu berück­sich­ti­gen. Denn die Anfech­tung hat gemäß § 142 Abs. 1 BGB zur Fol­ge, dass der Ver­trag als von Anfang an nich­tig anzu­se­hen ist, und die­se rück­wir­ken­de Ver­nich­tung des ange­foch­te­nen Rechts­ge­schäfts wirkt abso­lut, also nicht nur im Ver­hält­nis zwi­schen Anfech­ten­dem und Anfech­tungs­geg­ner18. Dies hat zur Fol­ge, dass nach Erklä­rung der Anfech­tung durch den Käu­fer und Dar­le­hens­neh­mer in sei­nem Ver­hält­nis zum Dar­le­hens­ge­ber davon aus­zu­ge­hen ist, dass der Ver­brau­cher bereits bei zuvor erbrach­ten Leis­tun­gen berech­tigt war, wegen der Nich­tig­keit des finan­zier­ten Ver­trags gemäß § 359 Satz 1 BGB aF bzw. § 359 Abs. 1 Satz 1 BGB gegen­über dem Dar­le­hens­ge­ber die Rück­zah­lung des Dar­le­hens zu verweigern.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 15. Juni 2021 – XI ZR 568/​19

  1. Fort­füh­rung von BGH, Urteil vom 04.12.2007 – XI ZR 227/​06, BGHZ 174, 334[]
  2. BGH, Urtei­le vom 04.12.2007 – XI ZR 227/​06, BGHZ 174, 334 Rn. 30 f.; vom 10.11.2009 – XI ZR 252/​08, BGHZ 183, 112 Rn. 49; und vom 07.12.2010 – XI ZR 53/​08, WM 2011, 261 Rn.20[]
  3. Palandt/​Grüneberg, BGB, 80. Aufl., § 359 Rn. 7; Beck­OGK BGB/​Rosenkranz, Stand: 01.04.2021, § 359 Rn. 48 ff., 49.1; Beck­OK BGB/​MüllerChristmann, 58. Edi­ti­on, Stand: 01.05.2021, § 359 Rn. 42; NKBGB/​Eggert, 4. Aufl., Anhang – IV zu §§ 433 480 Rn. 65; NKBGB/​Ring, 4. Aufl., § 359 Rn. 16 Fn. 28; Mai­hold in Nob­be, Kom­men­tar zum Kre­dit­recht, 3. Aufl., § 359 Rn. 43; Ellen­ber­ger in Nob­be, Kom­men­tar zum Kre­dit­recht, 3. Aufl., Vor § 488 Rn. 124; Wojt­ko­wi­ak, Der Rück­for­de­rungs­durch­griff beim ver­bun­de­nen Geschäft nach dem moder­ni­sier­ten Schuld­recht, 2011, S. 130, 239; Bülow in Bülow/​Artz, Ver­brau­cher­kre­dit­recht, 10. Aufl., § 495 Rn. 417, 456, 460; Feld­hu­sen in Reifner/​Feldhusen, Hand­buch Kre­dit­recht, 2. Aufl., § 43 Rn. 59[]
  4. Bälz in Fest­schrift Schapp, 2010, S. 25, 44 f., 50; wohl eben­so Beck­OK BGB/​Wendehorst, 58. Edi­ti­on, Stand: 01.05.2021, § 812 Rn. 224 f.[]
  5. in Erman, BGB, 16. Aufl., § 359 Rn. 6[]
  6. MünchKommBGB/​Habersack, 8. Aufl., § 359 Rn. 34 f., 56, 68[]
  7. Staudinger/​Herresthal, BGB, Neubearb.2016, § 359 Rn. 83[]
  8. Staudinger/​Herresthal, aaO, § 359 Rn. 55, 61, 84; MünchKommBGB/​Habersack, aaO, § 359 Rn. 33 f., 59[]
  9. Staudinger/​Herresthal, aaO, § 359 Rn. 82 f.[]
  10. BGH, Urtei­le vom 04.12.2007 – XI ZR 227/​06, BGHZ 174, 334 Rn. 30; vom 01.07.2008 – XI ZR 411/​06, WM 2008, 1596 Rn. 16; vom 10.11.2009 – XI ZR 252/​08, BGHZ 183, 112 Rn. 50 ff.; und vom 07.12.2010 – XI ZR 53/​08, WM 2011, 261 Rn. 25[]
  11. vgl. BGH, Urtei­le vom 21.07.2003 – II ZR 387/​02, BGHZ 156, 46, 54 ff.; und vom 21.03.2005 – II ZR 411/​02, WM 2005, 843, 845 mwN[]
  12. vgl. BGH, Urteil vom 10.11.2009, aaO Rn. 58[]
  13. BGH, Urteil vom 01.07.2015 – VIII ZR 226/​14, WM 2015, 1591 Rn. 17 ff.[]
  14. BGBl. I S. 3642[]
  15. BGBl. I S. 396[]
  16. BGH, Urtei­le vom 10.11.2009 – XI ZR 252/​08, BGHZ 183, 112 Rn. 49 mwN; und vom 07.12.2010 – XI ZR 53/​08, WM 2011, 261 Rn.20; Bülow in Bülow/​Artz, Ver­brau­cher­kre­dit­recht, 10. Aufl., § 495 Rn. 457; Mai­hold in Nob­be, Kom­men­tar zum Kre­dit­recht, 3. Aufl., § 359 Rn. 43[]
  17. BGH, Urteil vom 04.12.2007 – XI ZR 227/​06, BGHZ 174, 334 Rn. 31[]
  18. BGH, Urteil vom 01.07.1987 – VIII ZR 331/​86, ZIP 1987, 1256, 1257 f.; MünchKommBGB/​Busche, 8. Aufl., § 142 Rn. 14; Palandt/​Ellenberger, BGB, 80. Aufl., § 142 Rn. 2; Beck­OGK BGB/​Beurskens, Stand: 01.10.2020, § 142 Rn. 25 f.; Erman/​Arnold, BGB, 16. Aufl., § 142 Rn. 3; NKBGB/​Feuerborn, 4. Aufl., § 142 Rn. 11[]

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