Anfech­tungs­recht­li­che Auf­rech­nungs­ver­bo­te im Insol­venz­eröff­nungs­ver­fah­ren

Das aus der Anfecht­bar­keit der Auf­rech­nungs­la­ge fol­gen­de Auf­rech­nungs­ver­bot wirkt nicht im Insol­venz­eröff­nungs­ver­fah­ren.

Anfech­tungs­recht­li­che Auf­rech­nungs­ver­bo­te im Insol­venz­eröff­nungs­ver­fah­ren

Der Bun­des­ge­richts­hof hat bereits ent­schie­den, dass § 96 Abs. 1 Nr. 1 InsO auf eine im Eröff­nungs­ver­fah­ren begrün­de­te Auf­rech­nungs­la­ge auch dann kei­ne Anwen­dung fin­det, wenn das Insol­venz­ge­richt einen vor­läu­fi­gen Insol­venz­ver­wal­ter bestimmt und Siche­rungs­maß­nah­men nach § 21 Abs. 2 InsO getrof­fen hat [1].

Die Vor­schrift des § 96 Abs. 1 Nr. 3 InsO schei­det im hier ent­schie­de­nen Fall von vorn­her­ein aus, weil das Insol­venz­ver­fah­ren noch nicht eröff­net wor­den ist. Die §§ 94 bis 96 InsO ste­hen im Ers­ten Abschnitt des Drit­ten Teils der Insol­venz­ord­nung, wel­cher die all­ge­mei­nen Wir­kun­gen der Eröff­nung des Insol­venz­ver­fah­rens behan­delt. Im Eröff­nungs­ver­fah­ren sind sie nicht, auch nicht ent­spre­chend, anwend­bar. Auf­rech­nungs­er­klä­run­gen von Gläu­bi­gern, die nach der Eröff­nung des Insol­venz­ver­fah­rens Insol­venz­gläu­bi­ger wären, sind bis zur Eröff­nung gemäß den all­ge­mei­nen Vor­schrif­ten der §§ 387 ff BGB auch dann unein­ge­schränkt zuläs­sig und wirk­sam, wenn ein all­ge­mei­nes Ver­fü­gungs­ver­bot ange­ord­net wor­den ist [2]. Da der Anfech­tungs­an­spruch erst mit der Eröff­nung des Insol­venz­ver­fah­rens ent­steht [3] und die Vor­schrif­ten der §§ 129 ff InsO erst von der Eröff­nung des Insol­venz­ver­fah­rens an anwend­bar sind [4], kann das auf die Anfecht­bar­keit der Ent­ste­hung der Auf­rech­nungs­la­ge gestütz­te Auf­rech­nungs­ver­bot des § 96 Abs. 1 Nr. 3 InsO erst mit dem Eröff­nungs­be­schluss in Kraft tre­ten.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 15. März 2012 – IX ZR 249/​09

  1. BGH, Urteil vom 29.06.2004 – IX ZR 195/​03, BGHZ 159, 388, 390 ff; vgl. auch BGH, Beschluss vom 04.06.1998 – IX ZR 165/​97, ZIP 1998, 1319 zu § 55 Nr. 1 KO[]
  2. Jaeger/​Gerhardt, InsO, § 21 Rn. 67 ff; HK-InsO/­Kirch­hof, 6. Aufl., § 24 Rn. 10; Hmb­Komm-InsO/­Schrö­der, 3. Aufl., § 24 Rn. 10; FK-InsO/­Schmer­bach, 6. Aufl., § 24 Rn. 12; Ger­hardt in Köl­ner Schrift zur Insol­venz­ord­nung, 2. Aufl., S.193 ff Rn. 11; aA wohl Uhlen­bruck, InsO, 13. Aufl., § 24 Rn. 7; unklar auch Graf-Schli­cker/­Voß, InsO, 2. Aufl., § 24 Rn. 6[]
  3. RGZ 30, 71, 74; BGH, Urteil vom 03.12.1954 – V ZR 96/​53, BGHZ 15, 333, 337; vom 09.07.1987 – IX ZR 167/​86, BGHZ 101, 286, 288; Beschluss vom 29.04.2004 – IX ZB 225/​03, WM 2004, 1390; vom 18.12.2008 – IX ZB 46/​08, ZIn­sO 2009, 495 Rn. 10; vom 23.09.2010 – IX ZB 204/​09, NZI 2011, 73 Rn. 11[]
  4. BT-Drucks. 12/​2443, S. 156[]