Anfor­de­run­gen an den Inhalt einer Berufungsbegründung

Zu den in § 520 Abs. 3 Satz 2 ZPO beschrie­be­nen Anfor­de­run­gen an den Inhalt einer Beru­fungs­be­grün­dung hat jetzt der Bun­des­ge­richts­hof aus­führ­lich Stel­lung genommen:

Anfor­de­run­gen an den Inhalt einer Berufungsbegründung

Nach § 520 Abs. 3 Satz 2 Nr. 2 ZPO hat, wenn die Beru­fung dar­auf gestützt wird, dass die ange­foch­te­ne Ent­schei­dung auf einer Rechts­ver­let­zung beruht (§ 513 Abs. 1, § 546 ZPO), die Beru­fungs­be­grün­dung die Bezeich­nung der Umstän­de zu ent­hal­ten, aus denen sich nach Ansicht des Rechts­mit­tel­füh­rers die Rechts­ver­let­zung und deren Erheb­lich­keit für die ange­foch­te­ne Ent­schei­dung ergibt. Da die Beru­fungs­be­grün­dung erken­nen las­sen soll, aus wel­chen tat­säch­li­chen und recht­li­chen Grün­den der Beru­fungs­klä­ger das ange­foch­te­ne Urteil für unrich­tig hält, hat die­ser – zuge­schnit­ten auf den Streit­fall und aus sich her­aus ver­ständ­lich – die­je­ni­gen Punk­te recht­li­cher Art dar­zu­le­gen, die er als unzu­tref­fend beur­teilt ansieht, und dazu die Grün­de anzu­ge­ben, aus denen sich die Feh­ler­haf­tig­keit jener Punk­te und deren Erheb­lich­keit für die ange­foch­te­ne Ent­schei­dung her­lei­ten. Zur Dar­le­gung der Feh­ler­haf­tig­keit ist somit ledig­lich die Mit­tei­lung der Umstän­de erfor­der­lich, die das Urteil aus der Sicht des Beru­fungs­füh­rers in Fra­ge stel­len. Beson­de­re for­ma­le Anfor­de­run­gen wer­den nicht gestellt; für die Zuläs­sig­keit der Beru­fung ist es ins­be­son­de­re ohne Bedeu­tung, ob die Aus­füh­run­gen in sich schlüs­sig oder recht­lich halt­bar sind [1].

Gemäß § 520 Abs. 3 Satz 2 Nr. 3 ZPO hat der Beru­fungs­füh­rer kon­kre­te Anhalts­punk­te zu bezeich­nen, die Zwei­fel an der Rich­tig­keit und Voll­stän­dig­keit der Tat­sa­chen­fest­stel­lun­gen im ange­foch­te­nen Urteil begrün­den und des­halb eine erneu­te Fest­stel­lung gebie­ten. Da das Beru­fungs­ge­richt an die vom Gericht des ers­ten Rechts­zu­ges fest­ge­stell­ten Tat­sa­chen grund­sätz­lich gebun­den ist (§ 529 Abs. 1 Nr. 1 ZPO), muss die Beru­fung, die den fest­ge­stell­ten Sach­ver­halt angrei­fen will, eine Begrün­dung dahin ent­hal­ten, war­um die Bin­dung an die fest­ge­stell­ten Tat­sa­chen aus­nahms­wei­se nicht bestehen soll [2]. Kon­kre­te Anhalts­punk­te, wel­che hier­nach die Bin­dung des Beru­fungs­ge­richts an die vor­in­stanz­li­chen Fest­stel­lun­gen ent­fal­len las­sen, kön­nen sich ins­be­son­de­re aus Ver­fah­rens­feh­lern erge­ben, die dem Ein­gangs­ge­richt bei der Fest­stel­lung des Sach­ver­halts unter­lau­fen sind [3].

Im vor­lie­gen­den Fall hat­te in der Vor­in­stanz das Ober­lan­des­ge­richt Frank­furt am Main die Beru­fung wegen nicht ord­nungs­ge­mä­ßer Begrün­dung als unzu­läs­sig ver­wor­fen [4]. Der Bun­des­ge­richts­hof hob die­se Ent­schei­dung des Beru­fungs­ge­richt auf:

Die Ver­wer­fung der Beru­fung als unzu­läs­sig ver­letzt die Klä­ge­rin in ihrem Ver­fah­rens­grund­recht auf wir­kungs­vol­len Rechts­schutz (Art. 2 Abs. 1 GG in Ver­bin­dung mit dem Rechts­staats­prin­zip). Das Beru­fungs­ge­richt hat die in § 520 Abs. 3 Satz 2 ZPO beschrie­be­nen Anfor­de­run­gen an den Inhalt der Beru­fungs­be­grün­dung über­spannt und hier­durch der Klä­ge­rin den Zugang zur Beru­fungs­in­stanz in unzu­läs­si­ger Wei­se versagt.

Die Beru­fungs­be­grün­dung der Klä­ge­rin genügt sowohl den Erfor­der­nis­sen von § 520 Abs. 3 Satz 2 Nr. 2 ZPO als auch denen von § 520 Abs. 3 Satz 2 Nr. 3 ZPO.

Die Klä­ge­rin hat gel­tend gemacht, das Land­ge­richt sei unkri­tisch den Aus­füh­run­gen des gericht­lich bestell­ten Sach­ver­stän­di­gen gefolgt, ohne sich mit den Ein­wen­dun­gen aus den vor­ge­leg­ten Pri­vat­gut­ach­ten von Dr. C. aus­ein­an­der­zu­set­zen, der die Behand­lung durch den Beklag­ten zu 1 in meh­rer­lei Hin­sicht als feh­ler­haft bewer­tet habe. Dar­in liegt die Rüge des Ver­fah­rens­feh­lers einer unvoll­stän­di­gen Beweis­wür­di­gung (Ver­stoß gegen § 286 ZPO).

Mit die­ser Rüge hat die Klä­ge­rin hin­rei­chend kon­kre­te Anhalts­punk­te auf­ge­zeigt, die Zwei­fel an der Rich­tig­keit oder Voll­stän­dig­keit der ent­schei­dungs­er­heb­li­chen Fest­stel­lun­gen begrün­den und des­halb eine erneu­te Fest­stel­lung gebie­ten kön­nen. Das Gericht hat in Arzt­haf­tungs­pro­zes­sen die Pflicht, sich mit von der Par­tei vor­ge­leg­ten Pri­vat­gut­ach­ten aus­ein­an­der­zu­set­zen und auf die wei­te­re Auf­klä­rung des Sach­ver­halts hin­zu­wir­ken, wenn sich ein Wider­spruch zum Gerichts­gut­ach­ten ergibt [5]. Legt eine Par­tei ein medi­zi­ni­sches Gut­ach­ten vor, das im Gegen­satz zu den Erkennt­nis­sen des gericht­lich bestell­ten Sach­ver­stän­di­gen steht, so ist vom Tatrich­ter beson­de­re Sorg­falt gefor­dert. Er darf in die­sem Fall – wie auch im Fall sich wider­spre­chen­der Gut­ach­ten zwei­er gericht­lich bestell­ter Sach­ver­stän­di­ger – den Streit der Sach­ver­stän­di­gen nicht dadurch ent­schei­den, dass er ohne ein­leuch­ten­de und logisch nach­voll­zieh­ba­re Begrün­dung einem von ihnen den Vor­zug gibt [6].

Ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Beru­fungs­ge­richts waren nähe­re Dar­le­gun­gen zu Zwei­feln an den getrof­fe­nen Fest­stel­lun­gen (§ 529 Abs. 1 Nr. 1 ZPO) auch nicht des­halb gebo­ten, weil das Land­ge­richt den gericht­li­chen Sach­ver­stän­di­gen beauf­tragt gehabt habe, in einem Ergän­zungs­gut­ach­ten zu dem Pri­vat­gut­ach­ten Stel­lung zu neh­men, und der Sach­ver­stän­di­ge in der münd­li­chen Ver­hand­lung detail­liert zu dem Pri­vat­gut­ach­ten befragt wor­den sei. Das Ergän­zungs­gut­ach­ten und das Ergeb­nis der münd­li­chen Erör­te­rung mögen für das Gericht über­zeu­gend gewe­sen sein. In den Ent­schei­dungs­grün­den des land­ge­richt­li­chen Urteils wird dazu jedoch nichts aus­ge­führt. Ins­be­son­de­re ist nicht erkenn­bar, wes­halb das Gericht hin­sicht­lich der ent­schei­den­den medi­zi­ni­schen Fra­gen dem gericht­li­chen Gut­ach­ten den Vor­zug gegen­über dem Pri­vat­gut­ach­ten gege­ben hat. Die­sen Man­gel hat die Klä­ge­rin mit der Beru­fungs­be­grün­dung gerügt. Die Umstän­de, aus denen sich die Rechts­ver­let­zung und deren Erheb­lich­keit für die ange­foch­te­ne Ent­schei­dung erge­ben, sind mit die­ser Rüge hin­rei­chend bezeich­net. Damit genüg­te die Beru­fungs­be­grün­dung den Anfor­de­run­gen für die Zuläs­sig­keit die­ses Rechts­mit­tels (§ 520 Abs. 3 Satz 2 Nr. 2 und 3 ZPO). Für die Zuläs­sig­keit der Beru­fung ist dage­gen nicht erfor­der­lich, dass die Beru­fungs­be­grün­dung inhalt­lich schlüs­sig ist und begrün­de­ten Anlass für eine erneu­te; und vom Erst­ge­richt abwei­chen­de Wür­di­gung (Fest­stel­lung) gibt [7].

Nach alle­dem durf­te das Beru­fungs­ge­richt die Beru­fung nicht als unzu­läs­sig ver­wer­fen, so dass der ange­foch­te­ne Beschluss auf­zu­he­ben und die Sache an das Beru­fungs­ge­richt zurück­zu­ver­wei­sen ist, damit es über die Begründ­etheit der Beru­fung befin­det (§ 577 Abs. 4 Satz 1 ZPO).

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 11. März 2014 – VI ZB 22/​13

  1. st. Rspr., vgl. BGH, Beschluss vom 13.09.2012 – III ZB 24/​12, NJW 2012, 3581 Rn. 8 mit zahl­rei­chen Nach­wei­sen[]
  2. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 28.05.2003 – XII ZB 165/​02, VersR 2004, 1064, 1065; und vom 26.02.2009 – III ZB 67/​08 11[]
  3. BGH, Urteil vom 12.03.2004 – V ZR 257/​03, BGHZ 158, 269, 272[]
  4. OLG Frankfurt/​Main, Beschluss vom 03.06.2013 – 8 U 1/​13[]
  5. st. Rspr., vgl. etwa BGH, Urtei­le vom 14.12 1993 – VI ZR 67/​93, VersR 1994, 480, 482; vom 10.05.1994 – VI ZR 192/​93, VersR 1994, 984, 986; vom 09.01.1996 – VI ZR 70/​95, VersR 1996, 647, 648; vom 24.09.1996 – VI ZR 303/​95, VersR 1996, 1535, 1536; vom 28.04.1998 – VI ZR 403/​96, VersR 1998, 853, 854; vom 10.10.2000 – VI ZR 10/​00, VersR 2001, 525, 526; vom 16.01.2001 – VI ZR 408/​99, VersR 2001, 783, 784; und vom 23.03.2004 – VI ZR 428/​02, VersR 2004, 790, 791; BGH, Beschluss vom 21.01.2009 – VI ZR 170/​08, VersR 2009, 499 Rn. 7[]
  6. BGH, Urtei­le vom 22.09.2004 – IV ZR 200/​03, VersR 2005, 676, 677 f.; und vom 24.09.2008 – IV ZR 250/​06, VersR 2008, 1676 Rn. 11, jeweils mwN[]
  7. BGH, Beschluss vom 13.09.2012 – III ZB 24/​12, aaO Rn. 11[]

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