Anhö­rungs­rü­ge und die Erle­di­gung eines Befan­gen­heits­an­trags

Ein Ableh­nungs­ge­such ist nicht erle­digt, solan­ge eine zuläs­si­ge Anhö­rungs­rü­ge gegen sei­ne Zurück­wei­sung nicht beschie­den ist.

Anhö­rungs­rü­ge und die Erle­di­gung eines Befan­gen­heits­an­trags

Eine Erle­di­gung des Ableh­nungs­ge­su­ches im Sin­ne des § 47 Abs. 1 ZPO ist dem Wort­sinn nach erst gege­ben, wenn sei­ne Behand­lung end­gül­tig abge­schlos­sen ist. Die­se Aus­le­gung ist auch zur Siche­rung des ver­fas­sungs­mä­ßi­gen Ran­ges [1] des Ableh­nungs­rechts gebo­ten [2]. In der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­ho­fes ist des­halb geklärt, dass ein Rich­ter grund­sätz­lich nicht vor rechts­kräf­ti­ger Zurück­wei­sung eines Ableh­nungs­ge­su­ches tätig wer­den darf [3]. Eben­so wird das Ende der War­te­pflicht gemäß § 47 Abs. 1 ZPO durch Ein­le­gung einer zuläs­si­gen Anhö­rungs­rü­ge hin­aus­ge­scho­ben [4]. Gegen die Zuläs­sig­keit der im vor­lie­gen­den Fall erho­be­nen Anhö­rungs­rü­ge bestehen kei­ne Beden­ken [5]. Solan­ge die­se Rüge nicht beschie­den ist, ist die Behand­lung des Ableh­nungs­ge­su­ches nicht end­gül­tig abge­schlos­sen. Die Anhö­rungs­rü­ge hin­dert zwar nicht den Ein­tritt der Rechts­kraft. Falls die Rüge sich als begrün­det erweist, wird die Rechts­kraft aber durch­bro­chen und das Ver­fah­ren gemäß § 321a Abs. 5 ZPO fort­ge­führt [6].

Dass eine Ver­fas­sungs­be­schwer­de einer Erle­di­gung des Ableh­nungs­ge­su­ches im Sin­ne des § 47 Abs. 1 ZPO nicht ent­ge­gen­steht [7], recht­fer­tigt ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Rechts­be­schwer­de kei­ne ande­re Ent­schei­dung. Anders als die Ver­fas­sungs­be­schwer­de ist die Anhö­rungs­rü­ge ein Rechts­be­helf, durch den das Gericht, das die ange­grif­fe­ne Ent­schei­dung getrof­fen hat, von der Bin­dungs­wir­kung des § 318 ZPO sowie von der for­mel­len und mate­ri­el­len Rechts­kraft frei­ge­stellt wird, wenn die Rüge sich als begrün­det erweist [8]. In die­sem Fall hat die Anhö­rungs­rü­ge gemäß § 321a Abs. 5 Satz 1 und 3, § 343 Satz 2 ZPO die Fort­füh­rung des anhän­gi­gen Ver­fah­rens und, ähn­lich wie ein Ein­spruch gegen ein Ver­säum­nis­ur­teil, die Auf­he­bung der ange­grif­fe­nen Ent­schei­dung zur Fol­ge. Ange­sichts die­ser Mög­lich­keit ist die Behand­lung des Ableh­nungs­ge­su­ches vor der Ent­schei­dung über die Anhö­rungs­rü­ge gegen die das Gesuch zurück­wei­sen­de Ent­schei­dung noch nicht end­gül­tig abge­schlos­sen.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 15. Juni 2010 – XI ZB 33/​09

  1. Art. 101 Abs. 1 Satz 2 GG[]
  2. Zöller/​Vollkommer, ZPO, 28. Aufl., § 47 Rn. 1[]
  3. BGH, Beschluss vom 15.07.2004 – IX ZB 280/​03, ZVI 2004, 753, 754; vgl. auch Stein/​Jonas/​Bork, ZPO, 22. Aufl., § 47 Rn. 1 Fn. 3; MünchKommZPO/​Gehr­lein, 3. Aufl., § 47 Rn. 3, jeweils m.w.N.[]
  4. Zöller/​Vollkommer, ZPO, 28. Aufl., § 47 Rn. 2[]
  5. vgl. BVerfG, NJW 2009, 833, 834[]
  6. BGH, Beschluss vom 24.02.2005 – III ZR 263/​04, NJW 2005, 1432[]
  7. OLG Hamm, NJW-RR 1999, 651; MünchKommZPO/​Gehrlein, 3. Aufl., § 47 Rn. 3; Musielak/​Hein­rich, ZPO, 7. Aufl., § 47 Rn. 3; Hart­mann in Baumbach/​Lauterbach/​Albers/​Hart­mann, ZPO, 68. Aufl., § 47 Rn. 9; Zim­mer­mann, ZPO, 8. Aufl., § 47 Rn. 1[]
  8. Musielak/​Musielak, ZPO, 7. Aufl., § 321a Rn. 2[]