Anrech­nung der Geschäfts­ge­bühr auf die zweit­in­stanz­li­che Ver­fah­rens­ge­bühr

Zur Anrech­nung einer außer­ge­richt­lich ange­fal­le­nen Geschäfts­ge­bühr gemäß Vor­be­mer­kung 3 Abs. 4 VV RVG auf eine im Beru­fungs­ver­fah­ren anfal­len­de Ver­fah­rens­ge­bühr hat sich der Bun­des­ge­richts­hof geäu­ßert:

Anrech­nung der Geschäfts­ge­bühr auf die zweit­in­stanz­li­che Ver­fah­rens­ge­bühr

Die Geschäfts­ge­bühr kann antei­lig auch auf die in zwei­ter Instanz ent­stan­de­ne Ver­fah­rens­ge­bühr ange­rech­net wer­den, sofern sie nicht bereits auf die erst­in­stanz­lich ver­dien­te Ver­fah­rens­ge­bühr ange­rech­net wor­den ist. Da die eine Anrech­nung regeln­de Vor­be­mer­kung 3 Abs. 4 VV RVG dem Teil 3 des VV RVG ins­ge­samt vor­an­ge­stellt ist, bezieht sie sich auf sämt­li­che Gebüh­ren des Abschnitts 3 des VV RVG und gilt des­halb auch für die Ver­fah­rens­ge­bühr Nr. 3200 VV RVG 1.

In der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs ist mitt­ler­wei­le geklärt, dass sich die Anrech­nungs­vor­schrift des § 15a RVG auch in Kos­ten­fest­set­zungs­ver­fah­ren, die vor Inkraft­tre­ten des § 15a RVG ent­stan­de­ne Gebüh­ren betref­fen, grund­sätz­lich nicht aus­wirkt, eine Anrech­nung der Geschäfts­ge­bühr auf die Ver­fah­rens­ge­bühr viel­mehr nur unter den in § 15a Abs. 2 RVG genann­ten Vor­aus­set­zun­gen statt­fin­det 2.

Für die Anrech­nung nach Vor­be­mer­kung 3 Abs. 4 VV RVG kommt es nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs nicht dar­auf an, ob die Geschäfts- und die Ver­fah­rens­ge­bühr die­sel­be Ange­le­gen­heit oder unter­schied­li­che kos­ten­recht­li­che Ange­le­gen­hei­ten betref­fen; ent­schei­dend ist allein, dass wegen des­sel­ben Gegen­stands bereits eine Geschäfts­ge­bühr ent­stan­den ist 3. Was Gegen­stand der anwalt­li­chen Tätig­keit in die­sem Sinn ist, wird durch das Recht oder Rechts­ver­hält­nis bestimmt, auf das sich die Tätig­keit des Rechts­an­walts im Rah­men des ihm erteil­ten Auf­trags bezieht. Dabei ist bei der Bestim­mung des Gegen­stan­des kei­ne for­ma­le, son­dern eine wer­ten­de Betrach­tungs­wei­se ange­zeigt 4 und auf die wirt­schaft­li­che Iden­ti­tät abzu­stel­len 5. Die Fra­ge, ob eine vor­ge­richt­li­che anwalt­li­che Tätig­keit und die anschlie­ßen­de Kla­ge in die­sem Sin­ne den­sel­ben Gegen­stand gemäß Vor­be­mer­kung 3 Abs. 4 VV RVG betref­fen, ist daher anhand einer wirt­schaft­li­chen Betrach­tung zu ent­schei­den 6. Der hier­für zu for­dern­de sach­li­che Zusam­men­hang ist pro­blem­los gege­ben, wenn der vom Rechts­an­walt ange­mahn­te Zah­lungs­be­trag anschlie­ßend ein­ge­klagt wird 7. Die Anrech­nungs­norm (Vor­be­mer­kung 3 Abs. 4 VV RVG) fin­det näm­lich ihren Grund in dem gerin­ge­ren Ein­ar­bei­tungs- und Vor­be­rei­tungs­auf­wand, den ein bereits vor­ge­richt­lich mit der Ange­le­gen­heit befass­ter Rechts­an­walt hat 8.

Einen sol­chen Fall hat das Beschwer­de­ge­richt hier zu Recht bejaht. Wie auch die Rechts­be­schwer­de nicht in Abre­de stellt, han­delt es sich bei den außer­ge­richt­lich gegen­über der Beklag­ten gel­tend gemach­ten Ansprü­chen wegen feh­ler­haf­ter Anla­ge­be­ra­tung um die­je­ni­gen, die spä­ter ein­ge­klagt wor­den sind. Dass sie vor­ge­richt­lich von dem Zeden­ten aus eige­nem Recht gel­tend gemacht wur­den und pro­zes­su­al von der Klä­ge­rin aus abge­tre­te­nem Recht, ändert – wie das Beschwer­de­ge­richt zu Recht ange­nom­men hat – nichts an der zur Anrech­nung nach Vor­be­mer­kung 3 Abs. 4 VV RVG füh­ren­den wirt­schaft­li­chen Iden­ti­tät 9. Eine for­ma­le, auf die Per­son des Auf­trag­ge­bers abstel­len­de Betrach­tungs­wei­se wird in Fäl­len der vor­lie­gen­den Art, in denen der Zes­sio­nar die vor­ge­richt­lich bereits vom Zeden­ten ver­folg­te For­de­rung aus abge­tre­te­nem Recht ein­klagt, dem oben dar­ge­leg­ten Sinn der Anrech­nungs­vor­schrift nicht gerecht. Danach soll bei der Höhe der ins­ge­samt vom Rechts­an­walt ver­dien­ten Gebüh­ren gera­de dem typi­scher­wei­se gerin­ge­ren Auf­wand nach vor­pro­zes­sua­ler Befas­sung Rech­nung getra­gen wer­den. Ent­schei­dend ist bei der gebo­te­nen wirt­schaft­li­chen Betrach­tung danach, dass die vom Anwalt zu ent­fal­ten­de Tätig­keit in bei­den Fäl­len die­sel­ben recht­li­chen und tat­säch­li­chen Punk­te betrifft 10. Das ist in Fäl­len der vor­lie­gen­den Art unge­ach­tet der Zes­si­on der Fall.

Dar­in liegt auch kei­ne unge­recht­fer­tig­te Begüns­ti­gung des Zes­sio­nars. Die Anrech­nung hat ihren Grund dar­in, dass dem schon vor­pro­zes­su­al mit der Sache befass­ten und hier­für ver­gü­te­ten Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten im Hin­blick auf den erfah­rungs­ge­mäß gerin­ge­ren Ein­ar­bei­tungs- und Vor­be­rei­tungs­auf­wand nur eine gekürz­te Ver­gü­tung zuge­bil­ligt wer­den sol­le 11. Genau so liegt der Sach­ver­halt aber auch in Fäl­len der vor­lie­gen­den Art. Wie die Rechts­be­schwer­de­er­wi­de­rung zu Recht gel­tend macht, wür­de hier die Nicht­an­rech­nung allein den Anwalt ent­ge­gen dem oben näher dar­ge­leg­ten Sinn und Zweck der Anrech­nungs­norm pri­vi­le­gie­ren, ohne dass hier­für ein sach­li­cher Grund bestün­de.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 20. Dezem­ber 2011 – XI ZB 17/​11

  1. vgl. Hess. FG, Beschluss vom 26.02.2010 – 11 Ko 103/​10 Rn. 8 = RVGRe­port 2010, 308; FG Köln, Beschluss vom 30.07.2009 – 10 Ko 1450/​09 Rn. 13 = AGS 2010, 288; Nie­der­säch­si­sches FG, Beschluss vom 28.02.2011 – 16 Ko 7/​10 Rn. 9 f.; aA May­er, FD-RVG 2011, 321388[]
  2. BGH, Beschlüs­se vom 02.09.2009 – II ZB 35/​07, NJW 2009, 3101 Rn. 8, vom 09.12.2009 – XII ZB 175/​07, NJW 2010, 1375 Rn. 16 ff., vom 11.03.2010 – IX ZB 82/​08 Rn. 6 = Jur­Bü­ro 2010, 358, vom 29.04.2010 – V ZB 38/​10 Rn. 8 ff. = Jur­Bü­ro 2010, 471, vom 10.08.2010 – VIII ZB 15/​10 Rn. 6 ff. = Jur­Bü­ro 2011, 22, vom 14.09.2010 – VIII ZB 33/​10 Rn. 7 f. = AGS 2010, 473, vom 28.10.2010 – VII ZB 55/​09 Rn. 5 = RVGre­port 2011, 27 und vom 07.12.2010 – VI ZB 45/​10, NJW 2011, 861 Rn. 7 und BGH, Beschluss vom 28.09.2010 – XI ZB 7/​10, juris Rn. 8[]
  3. BGH, Beschluss vom 02.10.2008 – I ZB 30/​08, WRP 2009, 75 Rn. 11[]
  4. BGH, Urteil vom 14.03.2007 – VIII ZR 184/​06, NJW 2007, 2050 Rn. 14 ff.[]
  5. vgl. Mül­ler-Rabe in Gerold/​Schmidt, Rechts­an­walts­ver­gü­tungs­ge­setz, 19. Aufl., VV 1008 Rn. 136[]
  6. BGH, Urteil vom 14.03.2007 – VIII ZR 184/​06, NJW 2007, 2050 Rn. 15[]
  7. Schons in Hartung/​Schons/​Enders, Rechts­an­walts­ver­gü­tungs­ge­setz, Vor­bem. 3 VV Rn. 95; vgl. auch BGH, Urteil vom 14.03.2007 – VIII ZR 184/​06, NJW 2007, 2050 Rn. 13, 16[]
  8. BT-Drucks. 15/​1971, S.209; BGH, Urteil vom 14.03.2007 – VIII ZR 184/​06, NJW 2007, 2050 Rn. 15; und BGH, Beschluss vom 16.07.2008 – IV ZB 24/​07, Jur­Bü­ro 2008, 529, 530 mwN[]
  9. eben­so u.a. OLG Düs­sel­dorf, Beschluss vom 11.04.2011 – I17 W 14/​11; und OLG Düs­sel­dorf, Beschluss vom 09.06.2011 – I10 W 45/​11, BeckRS 2011, 21986; aA OLG Frank­furt, Urteil vom 03.01.2011 – 23 U 259/​09 sowie May­er, FD-RVG 2011, 321388 und NJW-Spe­zi­al 2011, 668, 669[]
  10. vgl. BGH, Urteil vom 14.03.2007 – VIII ZR 184/​06, NJW 2007, 2050 Rn. 15[]
  11. BGH, Beschluss vom 10.12.2009 – VII ZB 41/​09, juris Rn. 6, 9[]