Anrech­nung der Geschäfts­ge­bühr und die Nach­fest­set­zung in Alt­fäl­len

Auch in Alt­fäl­len ist eine Geschäfts­ge­bühr nur unter den Vor­aus­set­zun­gen des § 15a Abs. 2 RVG auf die Ver­fah­rens­ge­bühr anzu­re­chen 1.

Anrech­nung der Geschäfts­ge­bühr und die Nach­fest­set­zung in Alt­fäl­len

Die Rechts­kraft einer Ent­schei­dung im Kos­ten­fest­set­zungs­ver­fah­ren über einen Antrag, mit dem eine Ver­fah­rens­ge­bühr unter hälf­ti­ger Anrech­nung der Geschäfts­ge­bühr gel­tend gemacht wor­den ist, steht einer Nach­fest­set­zung der rest­li­chen Ver­fah­rens­ge­bühr nicht ent­ge­gen.

(Kei­ne) Anrech­nung der Geschäfts­ge­bühr auf die Ver­fah­rens­ge­bür

Der Bun­des­ge­richts­hof hat bis zur Ein­füh­rung des § 15a RVG durch Arti­kel 7 Abs. 4 Nr. 3 des Geset­zes zur Moder­ni­sie­rung von Ver­fah­ren im anwalt­li­chen und nota­ri­el­len Berufs­recht, zur Errich­tung einer Schlich­tungs­stel­le der Rechts­an­walt­schaft sowie zur Ände­rung sons­ti­ger Vor­schrif­ten vom 30. Juli 2009 ent­schie­den, dass die Anrech­nung der Geschäfts­ge­bühr gemäß Vor­be­mer­kung 3 Abs. 4 RVG VV Nr. 3100 auch im Kos­ten­fest­set­zungs­ver­fah­ren zu berück­sich­ti­gen sei 2.

Nach Inkraft­tre­ten des § 15a RVG ver­tre­ten alle mit der Ent­schei­dung befass­ten Sena­te des Bun­des­ge­richts­hofs teil­wei­se unter Auf­ga­be ihrer bis­he­ri­gen Recht­spre­chung die Auf­fas­sung, dass durch § 15a RVG ledig­lich eine Klar­stel­lung der bis­he­ri­gen Rechts­la­ge erfolgt ist 3. Danach fin­det auch für Kos­ten­fest­set­zun­gen vor Inkraft­tre­ten die­ser Norm eine Anrech­nung der Geschäfts­ge­bühr auf die Ver­fah­rens­ge­bühr nur unter den in § 15a Abs. 2 RVG genann­ten Vor­aus­set­zun­gen statt. Der VII. Zivil­se­nat schließt sich die­ser Recht­spre­chung an und nimmt zur Begrün­dung Bezug auf die Ent­schei­dung des XII. Zivil­se­nats vom 9. Dezem­ber 2009 4.

Nach­fest­set­zung trotz rechts­kräf­ti­gem Kos­ten­fest­set­zungs­be­schluss

Danach ist auf den Nach­fest­set­zungs­an­trag eine wei­te­re Ver­fah­rens­ge­bühr nebst Zin­sen fest­zu­set­zen. Die­ser Fest­set­zung steht nicht die Rechts­kraft des bereits rechts­kräf­ti­gen Kos­ten­fest­set­zungs­be­schlus­ses ent­ge­gen.

Zutref­fend ist, dass Kos­ten­fest­set­zungs­be­schlüs­se der mate­ri­el­len Rechts­kraft fähig sein kön­nen 5. Rechts­feh­ler­haft ist jedoch die Annah­me, über den im Nach­fest­set­zungs­ver­fah­ren gel­tend gemach­ten Teil der Ver­fah­rens­ge­bühr sei bereits ent­schie­den. Die­ser war nicht Gegen­stand der frü­he­ren Kos­ten­fest­set­zungs-Ent­schei­dung.

Die Rechts­kraft eines Kos­ten­fest­set­zungs­be­schlus­ses bezieht sich nur auf die im Antrag gefor­der­ten und im Beschluss beschie­de­nen Beträ­ge. Eine Nach­for­de­rung eines bis­lang nicht gel­tend gemach­ten Teils bezüg­lich des­sel­ben Pos­tens hin­dert sie grund­sätz­lich nicht 6. Dies deckt sich auch mit dem all­ge­mei­nen Ver­ständ­nis der Rechts­kraft­wir­kung bei offe­nen 7 und ver­deck­ten Teil­kla­gen 8. Danach ergreift die Rechts­kraft des Urteils nur den gel­tend gemach­ten Anspruch im bean­trag­ten Umfang; eine Erklä­rung des Klä­gers, er behal­te sich dar­über hin­aus­ge­hen­de Ansprü­che vor, ist nicht erfor­der­lich. Soweit ein Antrag nur beschränkt gel­tend gemacht wor­den ist, ist grund­sätz­lich über den über­schie­ßen­den Teil nicht ent­schie­den.

Soweit in der Recht­spre­chung von die­sen Grund­sät­zen Aus­nah­men gemacht wor­den sind 9, han­delt es sich um beson­ders gela­ger­te Sach­ver­hal­te, deren Vor­aus­set­zun­gen nicht vor­lie­gen. Der Klä­ger hat ins­be­son­de­re durch sei­nen Antrag nicht zum Aus­druck gebracht, dass er eine abschlie­ßen­de, eine Nach­for­de­rung aus­schlie­ßen­de Ent­schei­dung über die Berück­sich­ti­gung der Ver­fah­rens­ge­bühr nur in gekürz­tem Umfang haben woll­te. Allein der Umstand, dass er auf der Grund­la­ge der damals gefes­tig­ten Recht­spre­chung davon aus­ging, ihm stün­de nur eine gekürz­te Gebühr zu, recht­fer­tigt die­se Annah­me nicht. Etwas ande­res kann auch nicht aus der Ent­schei­dung des V. Zivil­se­nats vom 16. Janu­ar 2003 10 her­ge­lei­tet wer­den. Die­se Ent­schei­dung befasst sich ledig­lich mit der Aus­le­gung eines Kos­ten­fest­set­zungs­be­schlus­ses hin­sicht­lich des Zins­an­spruchs und kann zu der hier ent­schei­dungs­er­heb­li­chen Fra­ge nichts bei­tra­gen.

Der Klä­ger des jetzt vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Falls hat von vorn­her­ein nur eine um die hälf­ti­ge Geschäfts­ge­bühr gekürz­te Ver­fah­rens­ge­bühr in Ansatz gebracht. Das Land­ge­richt hat dem­ge­mäß auch nur dar­über ent­schie­den, dass dem Klä­ger eine Ver­fah­rens­ge­bühr in die­ser Höhe zusteht. Eine Ent­schei­dung über die Fra­ge, ob dem Klä­ger eine höhe­re Ver­fah­rens­ge­bühr zusteht, hat es nicht getrof­fen. Dem­ge­mäß hat es auch über die höhe­re Ver­fah­rens­ge­bühr nicht rechts­kräf­tig ent­schie­den. Eine Nach­fest­set­zung des Teils der Ver­fah­rens­ge­bühr, über die im Kos­ten­fest­set­zungs­ver­fah­ren nicht ent­schie­den wor­den ist, weil eine antei­li­ge Geschäfts­ge­bühr von vorn­her­ein im Antrag abge­zo­gen wor­den ist, ist danach mög­lich 11.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 28. Okto­ber 2010 – VII ZB 15/​10

  1. im Anschluss an BGH, Beschluss vom 09.12.2009 – XII ZB 175/​07, Fam­RZ 2010, 456[]
  2. vgl. grund­le­gend BGH, Beschluss vom 22.01.2008 – VIII ZB 57/​07, NJW 2008, 1323[]
  3. BGH, Beschlüs­se vom 02.09.2009 – II ZB 35/​07, NJW 2009, 3101 Rn. 8; vom 09.12.2009 – XII ZB 175/​07, Fam­RZ 2010, 456 Rn. 16; vom 11.03.2010 – IX ZB 82/​08, AGS 2010, 159 Rn. 6; vom 29.04.2010 – V ZB 38/​10, AGS 2010, 263 Rn. 8; und vom 10.08.2010 – VIII ZB 15/​10[]
  4. XII ZB 175/​07, aaO[]
  5. vgl. BGH, Beschluss vom 16.01.2003 – V ZB 51/​02, NJW 2003, 1462[]
  6. Stein/​Jonas/​Bork, ZPO, 22. Aufl., § 103 Rn. 12; PG/​K. Schmidt, ZPO, 2. Aufl., § 103 Rn. 27; MünchKommZPO/​Giebel, 3. Aufl., § 104 Rn. 128 f.; vgl. OLG Stutt­gart, MDR 2009, 1136, zur Nach­fest­set­zung der Umsatz­steu­er; BVerfG, Rpfle­ger 1995, 476, zur Nach­fest­set­zung der Erhö­hungs­ge­bühr für Mehr­ver­tre­tung[]
  7. BGH, Urteil vom 30.01.1985 – IVb ZR 67/​83, BGHZ 93, 330[]
  8. BGH, Urteil vom 09.04.1997 – IV ZR 113/​96, BGHZ 135, 178[]
  9. vgl. dazu BGH, Urteil vom 09.04.1997 – IV ZR 113/​96, BGHZ 135, 178, 182 m.w.N.[]
  10. BGH, Beschluss vom 16.01.2003 – V ZB 51/​02, NJW 2003, 1462[]
  11. vgl. auch N. Schnei­der, Fam­RZ 2009, 1823, 1824; Han­sens, RVG-Report 2009, 354, 355; ders. RVG-Report 2009, 417, 418; Thiel, AGS 2010, 308[]