Anwalt­li­che Hil­fe – gegen eine zwi­schen­zeit­lich zurück­ge­nom­me­ne Kla­ge

Nimmt eine mit einer Kla­ge/​hier: Antrag auf Erlass einer einst­wei­li­gen Ver­fü­gung oder einem Rechts­mit­tel über­zo­ge­ne Par­tei anwalt­li­che Hil­fe in Anspruch, sind die hier­durch ange­fal­le­nen Kos­ten nach Ansicht des Ober­lan­des­ge­richts Stutt­gart auch dann erstat­tungs­fä­hig, wenn der Kläger/​Antragsteller/​Rechtsmittelführer sei­ne Anträ­ge zwi­schen­zeit­lich zurück­ge­nom­men hat und der Geg­ner oder sein Ver­tre­ter hier­von unver­schul­det kei­ne Kennt­nis hat­te 1.

Anwalt­li­che Hil­fe – gegen eine zwi­schen­zeit­lich zurück­ge­nom­me­ne Kla­ge

Das Ober­lan­des­ge­richt Stutt­gart bleibt – ent­ge­gen der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs 2 – bei sei­ner bis­he­ri­gen Recht­spre­chung 3 und schließt sich damit dem Ober­lan­des­ge­richt Mün­chen an 4. Nimmt danach eine mit einer Kla­ge oder einem Rechts­mit­tel über­zo­ge­ne Par­tei anwalt­li­che Hil­fe in Anspruch, sind die hier­durch aus­ge­lös­ten Kos­ten auch dann erstat­tungs­fä­hig, wenn der Kläger/​Rechtsmittelführer sei­ne Anträ­ge zwi­schen­zeit­lich zurück­ge­nom­men hat. Dies gilt nur dann nicht, wenn die anwalt­li­che Hil­fe suchen­de Par­tei oder ihr Ver­tre­ter von der Rück­nah­me weiß oder schuld­haft nicht weiß 5.

Gera­de die vor­lie­gend vom OLG Stutt­gart zu ent­schei­den­de Fall­kon­stel­la­ti­on bekräf­tigt nach des­sen Ansicht die Rich­tig­keit der Auf­fas­sung des OLG Mün­chen, die seit­her auch vom OLG Stutt­gart ver­tre­ten wur­de:

Der Antrags­geg­ner durf­te in dem einst­wei­li­gen Ver­fü­gungs­ver­fah­ren nach der Zustel­lung der Antrags­schrift und der Ter­mins­la­dung am 12.04.2016 sofort einen Anwalt mit sei­ner Rechts­ver­tei­di­gung beauf­tra­gen. Dies ist auch gesche­hen, wobei der Anwalt spä­tes­tens am 13.04.2016 den Schrift­satz, datiert auf den 14.04.2016, dik­tiert haben muss, da die­ser auf dem Post­weg bereits am 15.04.2016 zum Gericht gelangt war. Die Tätig­keit des Anwal­tes erfolg­te also, wenn nicht schon am 12.04.2016, so spä­tes­tens am 13.04.2016, also an dem Tag, an dem die Fax-Rück­nah­me – im Übri­gen mit einer unle­ser­li­chen Unter­schrift – beim Land­ge­richt ein­ging. Die Urschrift folg­te sodann am 14.04.2016 eben­falls auf dem Post­weg. Die Zustel­lung der Antrags­rück­nah­me ist auf den 15.04.2016 datiert, aller­dings als Ein­la­ge in den zur Woh­nung gehö­ren­den Brief­kas­ten. Beim Ein­gang der Antrags­er­wi­de­rung am 15.04.2016 beim Land­ge­richt konn­te des­halb von einer Kennt­nis der Antrags­geg­ner­sei­te von der Antrags­rück­nah­me nicht aus­ge­gan­gen wer­den.

Es ist im Übri­gen nicht die Auf­ga­be des Antrags­geg­ners vor der Man­da­tie­rung eines Anwal­tes beim Gericht anzu­fra­gen, ob der Antrag viel­leicht schon wie­der zurück­ge­nom­men wur­de, son­dern aus­schließ­lich des Antrag­stel­lers zur Ver­mei­dung von Kos­ten auf der Gegen­sei­te die­se sofort über die beab­sich­tig­te Rück­nah­me zu infor­mie­ren. Er ist der "Ver­an­las­ser" und hat es damit im eige­nen Inter­es­se in der Hand, den Geg­ner früh­zei­tig "bös­gläu­big" zu machen.

Ergän­zend wird dar­auf hin­ge­wie­sen, dass bei der zuvor dar­ge­leg­ten Zeit­fol­ge auf Antrags­geg­ner­sei­te unzwei­fel­haft die 0,8-Ver­fah­rens­ge­bühr nach Nr. 3101 RVG-VV auch dann als erstat­tungs­fä­hig ange­se­hen wer­den müss­te, wenn man der zuvor zitier­ten BGH-Recht­spre­chung fol­gen wür­de, wonach die Risi­ko­ab­wäl­zung bei einer Antrags­rück­nah­me aus­schließ­lich zulas­ten des Antrags­geg­ners vor­zu­neh­men wäre.

Ober­lan­des­ge­richt Stutt­gart, Beschluss vom 20. Dezem­ber 2016 – 8 W 425/​16

  1. Anschluss an OLG Mün­chen AGS 2016, 547; gegen BGH MDR 2016, 487[]
  2. BGH MDR 2007, 1163; MDR 2016, 487[]
  3. OLG Stutt­gart, Beschluss vom 25.10.1979 – 8 W 448/​79, Jus­tiz 1980, 21[]
  4. OLG Mün­chen, Beschluss vom 30.08.2016 – 11 WF 733/​16, AGS 2016, 547; Anmer­kung von VRiLG a.D. Heinz Han­sens in zfs 11/​16, 648[]
  5. Anschluss an BAG, Beschluss vom 18.04.2012, Az. 3 AZB 22/​11, RVGre­port 2012, 349; ent­ge­gen BGH, Beschluss vom 25.02.2016, Az. III ZB 66/​15, MDR 2016, 487; und ent­ge­gen BGH, Beschluss vom 23.11.2006, Az. I ZB 39/​06, MDR 2007, 1163[]