Anwalts­kos­ten als Ver­zugs­scha­den statt Bera­tungs­hil­fe

Ein Scha­dens­er­satz­an­spruch des Gläu­bi­gers gegen den Schuld­ner auf Ersatz der von ihm bezahl­ten gesetz­li­chen Ver­gü­tung für die außer­ge­richt­li­che Beauf­tra­gung sei­nes Rechts­an­walts ist nicht des­halb aus­ge­schlos­sen, weil der Gläu­bi­ger Bera­tungs­hil­fe hät­te in Anspruch neh­men kön­nen.

Anwalts­kos­ten als Ver­zugs­scha­den statt Bera­tungs­hil­fe

Der Bun­des­ge­richts­hof wider­spricht damit der in einem ver­gleich­ba­ren Fall vom Ober­lan­des­ge­richt Cel­le 1 ver­tre­te­nen Auf­fas­sung. Das Ober­lan­des­ge­richt Cel­le will einem Gläu­bi­ger für den Fall, dass der von ihm beauf­trag­te Anwalt ihn pflicht­wid­rig nicht über die Mög­lich­keit auf­ge­klärt hat, Bera­tungs­hil­fe in Anspruch zu neh­men, einen Scha­dens­er­satz­an­spruch gegen den Schuld­ner in Höhe der für die Geschäfts­tä­tig­keit außer­halb der Bera­tungs­hil­fe ent­stan­de­nen gesetz­li­chen Gebühr des­halb ver­sa­gen, weil dem Gläu­bi­ger gegen­über der Gebüh­ren­for­de­rung wegen der unter­las­se­nen Auf­klä­rung gegen den Anwalt ein auf­re­chen­ba­rer Scha­dens­er­satz­an­spruch in Höhe der gesetz­li­chen Ver­gü­tung zuste­he und ihm des­halb kein Scha­den ent­stan­den sei. Für den Fall, dass der Gläu­bi­ger über die Mög­lich­keit der Bera­tungs­hil­fe aus­rei­chend belehrt wor­den sei und sich gleich­wohl zur Zah­lung der Regel­ge­bühr bereit erklärt habe, ste­he ihm in die­ser Höhe des­halb kein Scha­dens­er­satz­an­spruch zu, weil die­ser nur die erfor­der­li­chen Rechts­an­walts­kos­ten erfas­se und Rechts­an­walts­kos­ten in Höhe der Regel­ge­bühr nicht erfor­der­lich gewe­sen sei­en.

Unge­ach­tet etwai­ger sons­ti­ger scha­dens­recht­li­cher Beden­ken gegen die­se Begrün­dung ver­kennt das Ober­lan­des­ge­richt Cel­le, dass der Schuld­ner nach der gesetz­li­chen Wer­tung kei­nen Vor­teil aus der Mög­lich­keit einer Bera­tungs­hil­fe zie­hen soll. Nach der Begrün­dung des Ent­wurfs zum Bera­tungs­hil­fe­ge­setz soll der Geg­ner des Recht­su­chen­den, der gesetz­lich ver­pflich­tet ist, die­sem die Kos­ten der Ver­fol­gung sei­ner Rech­te, etwa als Ver­zugs­scha­den, zu erset­zen, kei­nen Nut­zen dar­aus zie­hen, dass durch den Ein­satz öffent­li­cher Mit­tel die Rechts­ver­fol­gung ver­bil­ligt wor­den ist 2. Aus die­sem Grund hat der Geg­ner des Recht­su­chen­den die gesetz­li­che Ver­gü­tung für die Tätig­keit des Rechts­an­walts zu zah­len, wenn er ver­pflich­tet ist, dem Recht­su­chen­den die Kos­ten der Wahr­neh­mung der Rech­te zu erset­zen, § 9 Satz 1 BerHG. Es besteht Einig­keit, dass mit der gesetz­li­chen Ver­gü­tung die­je­ni­ge Ver­gü­tung gemeint ist, die sich aus den Regel­ge­büh­ren ergibt und nicht etwa die Ver­gü­tung, die im Rah­men der Bera­tungs­hil­fe ent­steht 3.

Danach kann nicht ange­nom­men wer­den, dass die Beauf­tra­gung eines Rechts­an­walts außer­halb der Bera­tungs­hil­fe ein Ver­stoß gegen die Scha­dens­min­de­rungs­pflicht ist. Auch ent­fällt bei wer­ten­der Betrach­tung nicht der Zurech­nungs­zu­sam­men­hang zwi­schen dem Ver­zug eines Schuld­ners und dem Scha­den, der einem Gläu­bi­ger durch die Bezah­lung der gesetz­li­chen Ver­gü­tung an den Anwalt ent­stan­den ist, obwohl die Mög­lich­keit bestan­den hät­te, Bera­tungs­hil­fe in Anspruch zu neh­men.

Im Hin­blick dar­auf, dass nach der gesetz­li­chen Wer­tung der Schuld­ner kei­nen Vor­teil aus der Mög­lich­keit einer Bera­tungs­hil­fe zie­hen soll, besteht ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Revi­si­on auch kein Anlass, den Scha­dens­er­satz­an­spruch nur Zug um Zug gegen Abtre­tung etwai­ger Ansprü­che des Gläu­bi­gers gegen sei­nen Anwalt zuzu­spre­chen.

Bun­des­ge­richts­hof, Ver­säum­nis­ur­teil vom 24. Febru­ar 2011 – VII ZR 169/​10

  1. OLG Cel­le, NJW-RR 2010,133[]
  2. BR-Drucks. 8/​3311, S. 15[]
  3. Gerold/​SchmidtMay­er, RVG, 19. Aufl., VV 2500 – 2508, Rn. 19; Jung­bau­er in Bisch­off RVG, 4. Aufl., Vor­be­mer­kung 2.5 VV Rn. 63; Rukall in Mayer/​Kroiß, RVG, 4. Aufl., § 44 Rn. 39; Lindemann/​TrenkHinterberger, BerHG, § 9 Rn. 1; Schoreit/​Dehn, Beratungshilfe/​Pro­zess­kos­ten­hil­fe, 6. Aufl., § 9 Rn. 1; Schaich, AnwBl. 1981, 4; Han­sens, Jur­Bü­ro 1986, 349[]