Anwalts­ver­schul­den bei bevor­ste­hen­der Brief­kas­ten­lee­rung

Der Absen­der eines frist­ge­bun­de­nen Schrift­sat­zes darf auf die ange­ge­be­nen Lee­rungs­zei­ten des von ihm benutz­ten Brief­kas­tens ver­trau­en.

Anwalts­ver­schul­den bei bevor­ste­hen­der Brief­kas­ten­lee­rung

Auch in der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs gibt es also noch Unwäg­bar­kei­ten des Pro­zess­ver­laufs, die aus­nahms­wei­se nicht der Anwalt zu ver­ant­wor­ten hat, wobei aller­dings noch das Ober­lan­des­ge­richt Saar­brü­cken als Vor­in­stanz in die­sem Fall die Ver­ant­wor­tung durch­aus noch bei dem Anwalt sah und eine Wie­der­ein­set­zung in die ver­säum­te Beru­fungs­be­grün­dungs­frist ver­sagt hat­te. Zu Unrecht, wie der BGH nun ent­schied.

Nach stän­di­ger Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts, des Bun­des­ge­richts­hofs und der ande­ren Obers­ten Gerichts­hö­fe dür­fen dem Bür­ger Ver­zö­ge­run­gen der Brief­be­för­de­rung oder der Brief­zu­stel­lung durch die Deut­sche Post AG nicht als Ver­schul­den ange­rech­net wer­den. Er darf viel­mehr dar­auf ver­trau­en, dass die Post­lauf­zei­ten ein­ge­hal­ten wer­den, die sei­tens der Deut­schen Post AG für den Nor­mal­fall fest­ge­legt wer­den. Ein Ver­sa­gen die­ser Vor­keh­run­gen darf dem Bür­ger im Rah­men der Wie­der­ein­set­zung in den vori­gen Stand nicht als Ver­schul­den ange­rech­net wer­den, weil er dar­auf kei­nen Ein­fluss hat. Im Ver­ant­wor­tungs­be­reich einer Par­tei, die einen frist­ge­bun­de­nen Schrift­satz auf dem Post­weg beför­dern lässt, liegt es allein, das Schrift­stück so recht­zei­tig und ord­nungs­ge­mäß auf­zu­ge­ben, dass es nach den orga­ni­sa­to­ri­schen und betrieb­li­chen Vor­keh­run­gen der Deut­schen Post AG den Emp­fän­ger frist­ge­recht errei­chen kann [1]. Dabei darf eine Par­tei grund­sätz­lich dar­auf ver­trau­en, dass im Bun­des­ge­biet werk­tags auf­ge­ge­be­ne Post­sen­dun­gen am fol­gen­den Werk­tag aus­ge­lie­fert wer­den [2]. Das gilt selbst dann, wenn – etwa vor Fei­er­ta­gen – all­ge­mein mit erhöh­tem Post­auf­kom­men zu rech­nen ist [3]. Dar­an hat sich durch den Erlass der Post­uni­ver­sal­dienst­leis­tungs­ver­ord­nung vom 15. Dezem­ber 1999 (PUDLV) nichts geän­dert. Danach sind die regel­mä­ßi­gen Post­lauf­zei­ten sogar als Min­dest­stan­dards ver­bind­lich vor­ge­ge­ben. Nach § 2 Nr. 3 Satz 1 PUDLV müs­sen die Deut­sche Post AG und ande­re Unter­neh­men, die Uni­ver­sal­dienst­leis­tun­gen im Brief­ver­kehr anbie­ten, sicher­stel­len, dass sie an Werk­ta­gen auf­ge­ge­be­ne Inland­sen­dun­gen im gesam­ten Bun­des­ge­biet im Jah­res­durch­schnitt min­des­tens zu 80% am ers­ten und zu 95% am zwei­ten Tag nach der Ein­lie­fe­rung aus­lie­fern. Die­se Quo­ten las­sen die Ein­hal­tung der Post­lauf­zei­ten erwar­ten. Ohne kon­kre­te Anhalts­punk­te muss ein Rechts­mit­tel­füh­rer des­halb nicht mit Post­lauf­zei­ten rech­nen, die die ernst­haf­te Gefahr der Frist­ver­säu­mung begrün­den [4].

Davon ist in dem jetzt vom BGH ent­schie­de­nen Fall auch das Ober­lan­des­ge­richt Saar­brü­cken als Beru­fungs­ge­richt im Ansatz aus­ge­gan­gen. Zu Recht, so der BGH, hat es dem Absen­der eines frist­ge­bun­de­nen Schrift­sat­zes abver­langt, auf die ange­ge­be­nen Lee­rungs­zei­ten des von ihm benutz­ten Brief­kas­tens zu ach­ten [5]. Das Ver­trau­en in den übli­chen Post­lauf ist – wie das Beru­fungs­ge­richt zutref­fend aus­ge­führt hat – nicht schutz­wür­dig, wenn der Absen­der erken­nen kann, dass der Brief­kas­ten am sel­ben Tag nicht mehr geleert und die Sen­dung daher erst am nächs­ten Tag beför­dert wird. Zu weit geht aller­dings die For­de­rung des Beru­fungs­ge­richts, dass der Absen­der schon dann nicht mehr auf die gewöhn­li­chen Post­lauf­zei­ten ver­trau­en dür­fe, son­dern wei­ter­ge­hen­de Maß­nah­men für den recht­zei­ti­gen Zugang des Schrift­sat­zes tref­fen müs­se, wenn er die Post­sen­dung erst kurz vor der ange­schla­ge­nen Lee­rungs­zeit in den Brief­kas­ten ein­wer­fe. Abge­se­hen davon, dass das Beru­fungs­ge­richt die Zeit­an­ga­be „kurz vor­her“ nicht kon­kre­ti­siert hat, weicht es damit von dem Grund­satz ab, dass der Absen­der nur dafür sor­gen muss, das Schrift­stück so recht­zei­tig und ord­nungs­ge­mäß auf­zu­ge­ben, dass es nach den orga­ni­sa­to­ri­schen und betrieb­li­chen Vor­keh­run­gen der Deut­schen Post AG den Emp­fän­ger frist­ge­recht errei­chen kann. Beach­tet er dabei die von der Deut­schen Post AG ange­ge­be­nen Lee­rungs­zei­ten des von ihm benutz­ten Brief­kas­tens, so hat er alles getan, was in sei­nem Ver­ant­wor­tungs­be­reich liegt. Auch der Ein­wurf einer Post­sen­dung weni­ge Minu­ten vor der ange­schla­ge­nen Lee­rungs­zeit eines Brief­kas­tens ist aus­rei­chend. Der Absen­der darf auf die ange­ge­be­nen Lee­rungs­zei­ten ver­trau­en und muss nicht mit einer mög­li­cher­wei­se frü­he­ren Lee­rung des Brief­kas­tens rech­nen. Letz­te­res wäre ein dem Ver­ant­wor­tungs­be­reich der Deut­schen Post AG zuzu­ord­nen­der Umstand, der dem Absen­der nicht als Ver­schul­den ange­rech­net wer­den dürf­te. Im Übri­gen ist ein Fall, in dem der Absen­der einen Brief erst kurz vor der ange­ge­be­nen Lee­rungs­zeit in den Brief­kas­ten ein­wirft, nicht mit einer Kon­stel­la­ti­on ver­gleich­bar, in der kon­kre­te Anhalts­punk­te län­ge­re Post­lauf­zei­ten erwar­ten las­sen. Dazu zäh­len nur Umstän­de außer­halb des Ver­ant­wor­tungs­be­reichs des Absen­ders. Auf die Ein­hal­tung der ange­ge­be­nen Beför­de­rungs­zei­ten darf der Post­kun­de in der Regel so lan­ge ver­trau­en, bis die Post selbst eine mög­li­che Ver­zö­ge­rung – etwa infol­ge eines Streiks der Post­mit­ar­bei­ter – bekannt gibt oder erheb­li­che Ver­zö­ge­run­gen offen­kun­dig sind [6].

BGH, Beschluss vom 20. Mai 2009 – IV ZB 2/​08

  1. BGH, Beschlüs­se vom 18. Juli 2007 – XII ZB 32/​07NJW 2007, 2778 Tz. 13; vom 13. Mai 2004 – V ZB 62/​03NJW-RR 2004, 1217 unter III 2 c aa; BVerfG NJW 2003, 1516; 2001, 1566; 1995, 1210, 1211, jeweils m.w.N.[]
  2. BGH, Beschluss vom 18. Juli 2007 aaO[]
  3. BGH, Beschluss vom 13. Mai 2004 aaO; BVerfG NJW 2001 aaO; 1995 aaO, jeweils m.w.N.[]
  4. BGH, Beschluss vom 13. Mai 2004 aaO[]
  5. vgl. BGH, Beschluss vom 25. Janu­ar 1993 – II ZB
    18/​92 – NJW 1993, 1333 unter II[]
  6. BVerfG NJW 1995 aaO[]